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ALTE ABENTEUERLICHE REISEBERICHTE

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Charles Darwin nach seiner Reise um die Welt

Charles Darwin

CHARLES DARWIN
REISE UM DIE WELT

1831-36

Herausgegeben von Gernot Giertz

Mit 89 Abbildungen und Karten

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

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Der Text wurde behutsam aktualisiert und revidiert nach der Edition Erdmann-Ausgabe Stuttgart 1984
Editorisch begleitet von Dr. Lars Hoffmann, Mainz Korrekturen: Dr. Bruno Kern, Mainz
Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH, nach der Gestaltung von Nele Schütz Design, München
Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin
eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0071-6

www.marixverlag.de

INHALT

Vorbemerkung der Herausgeber

I. KAPITEL

St. Jago – Inseln des grünen Vorgebirges

II. KAPITEL

Rio de Janeiro

III. KAPITEL

Maldonado

IV. KAPITEL

Vom Rio Negro nach Bahia Bianca

V. KAPITEL

Bahia Bianca

VI. KAPITEL

Von Bahia Bianca nach Buenos Aires

VII. KAPITEL

Von Buenos Aires nach Santa Fe

VIII. KAPITEL

Banda Oriental und Patagonien

IX. KAPITEL

Santa Cruz, Patagonien und die Falkland-Inseln

X. KAPITEL

Feuerland

XI. KAPITEL

Magellan-Straße – Klima der südlichen Küsten

XII. KAPITEL

Zentrales Chile

XIII. KAPITEL

Chiloé und Chonos-Inseln

XIV. KAPITEL

Chiloé und Concepción: Großes Erdbeben

XV. KAPITEL

Übergang über die Cordillera

XVI. KAPITEL

Nördliches Chile und Peru

XVII. KAPITEL

Der Galapagos-Archipel

XVIII. KAPITEL

Tahiti und Neu-Seeland

XIX. KAPITEL

Australien

XX. KAPITEL

Die Keeling- oder Kokos-Inseln

XXI. KAPITEL

Von Mauritius nach England

Maße und Gewichte

Bildnachweis

VORBEMERKUNG DER HERAUSGEBER

In diesem Jahr begehen wir den Geburtstag von Charles Robert Darwin zum zweihundertsten Mal. Wichtige Impulse für die Geologie, die Botanik, die Genetik und auch für die im 20. Jahrhundert so sehr missbrauchte Lehre von der Selektion der Lebewesen gehen auf diesen Gelehrten zurück, dessen Forschertätigkeit im Wesentlichen auf den Eindrücken und Erlebnissen einer fast fünfjährigen Weltumsegelung beruht. Die Ergebnisse seiner Forschung wurden schon bald nach seinem Tod von seinen Epigonen zur Ideologie erhoben, sie brachten ein ganzes Weltbild zum Wanken, und erst den Mikrobiologen unserer Tage gelang es, fundierte Einwände gegen die von Darwin entwickelte Lehre von der Abstammung des individuellen Lebens und der am Fortschrittsgedanken des 19. Jahrhunderts orientierten Selektionslehre vorzubringen. Dennoch wird sein Name noch für eine sehr lange Zeit für das Bild und das Selbstverständnis des Menschen von entscheidender Bedeutung sein, denn gleichgültig, wie man zu seinen Lehren steht: Man muss sich nach wie vor mit Darwin und dem wissenschaftlichen Darwinismus auseinandersetzen, und kein Natur- oder Geisteswissenschaftler, der sich mit der Entwicklung von Lebewesen oder endemischen Systemen befasst, könnte ihn einfach ignorieren!

Den historischen Ausgangspunkt für den Darwinismus markierten also die Eindrücke jener langen Weltumsegelung, die unser Gelehrter vor allem in Südamerika, auf den Galapagos-Inseln, auf verschiedenen Koralleninseln und Atollen der Südsee und auf Madagaskar gewann. Genau sie stehen am Anfang jener Überlegungen, mit denen Darwin später Weltruhm erlangen sollte. Damit jedoch ist Grund genug dafür gegeben, diese Erfahrungen und Erlebnisse, die Darwin selbst zunächst in der Form eines Tagebuchs festgehalten hat, hier erneut, wenn auch in verkürzter Form, vorzulegen.

Natürlich war Darwin nicht der erste Reisende, der über seine Erfahrungen in Mittel- und Südamerika oder im Pazifikraum in Buchform berichtete. Seit dem 16. Jahrhundert war diese Weltgegend im europäischen Bewusstsein als die Neue Welt verankert, nachdem sich die Hoffnungen und Erwartungen der alten, mittelalterlichen Welt nicht erfüllt hatten. Aus der Gruppe der frühen Entdecker und Eroberer ragen als Höhepunkte die bisweilen auch blutigen Berichte von Cortés (1520-1524) und anderen Konquistadoren, von Magellans Erdumsegelung oder von den deutschen Söldnern Staden und Schmiedel hervor. Diese Berichte veranlassten im 18. und 19. Jahrhundert Vertreter einer neuen, im Aufsteigen begriffenen Wissenschaftsdisziplin, nämlich die Naturforscher, die undurchdringlichen Küstenregionen und Urwälder dieses Kontinents zu erkunden. Auf diese Weise sind beispielsweise die Veröffentlichungen eines Alexander von Humboldt – wie Darwins Aufzeichnungen – zu Klassikern der Reiseliteratur geworden.

Ähnliches gilt für die Südsee, die in paradiesischer Abgeschiedenheit einem großen Garten Eden zu gleichen schien. Die Reisebeschreibungen von Tasman, Cook, Forster oder Bougainville sind Meilensteine dieser Literaturgattung geworden und erfreuen sich auch heute noch einer großen Beliebtheit.

Der besondere Wert von Darwins Reisejournal liegt aber nicht allein in den wissenschaftlichen Beobachtungen, als so folgenschwer sich diese auch erweisen sollten, sondern ebenso in der fast enzyklopädischen Vielfalt der darin behandelten Themen: Darwin erfasst die Vorgänge und Begegnungen mit demselben scharfen Blick wie seine naturwissenschaftlichen Funde. Er betreibt Ethnologie mit gleichem Eifer wie Geologie, Botanik, Zoologie und Klimatologie und erörtert die sozialen und humanitären Aspekte der Sklaverei in Brasilien mit der gleichen Anteilnahme, mit der er die Auswirkungen der Zivilisation auf die Eingeborenen von Feuerland, Tahiti oder Australien notiert.

Und schließlich bieten diese Aufzeichnungen dem Leser noch den Schlüssel zu Darwins Evolutionstheorie. Sie stellen in vieler Hinsicht die Präludien zu jenen Veröffentlichungen dar, die zu beispiellosen Kontroversen in Kirche und Wissenschaft führten. Ein großer Teil der Fakten und Erkenntnisse, die er Jahrzehnte später zu seiner Theorie über die „Entstehung der Arten“ (1859) und die „Abstammung des Menschen“ (1871) zusammentrug, ist hier bereits beschrieben. Darwin ist fasziniert vom Leben der Erde, dem Aufsteigen und Versinken ganzer Kontinente, von den daraus resultierenden Entwicklungen und Besonderheiten der Arten und folgt als ein typisches Kind des 19. Jahrhunderts seinem inneren Drang, was immer er entdeckte, einem allgemeinen Gesetz zuzuordnen.

Charles Robert Darwin wurde am 12. Februar 1809 als Sohn eines Arztes in Shrewsbury geboren, das etwa 60 Kilometer nordwestlich von Birmingham liegt. Im Oktober 1825 begann er ein Medizinstudium in Edinburgh, das er jedoch nach zwei Jahren abbrach. Auf Anraten seines Vaters beschloss er danach Geistlicher zu werden, um sich zum Studium der Theologie am renommierten Christ’s College in Cambridge einzuschreiben. Doch wie schon in Edinburgh bereitete ihm sein Studium wiederum wenig Freude. Zwar absolvierte er sämtliche Prüfungen bis hin zum Bakkalaureat (1831) ohne Schwierigkeiten und mit den besten Noten, doch musste man ihn immer wieder bereden, überhaupt zu den ungeliebten Examina anzutreten. In seinen biographischen Aufzeichnungen beschreibt er selbst die Zeit seines Studiums alles andere als bereichernd: „In den drei Jahren, die ich in Cambridge verbrachte, war meine Zeit, was die akademischen Studien anging, so vollständig verschwendet wie in Edinburgh oder in der Schule.“

Mag seine Studienzeit in diesem Sinne vielleicht vergeudet gewesen sein, so schloss er doch in Cambridge Freundschaft mit dem Botanik-Professor John Steven Henslow, eine Begegnung, die mehr als alles andere sein Leben beeinflussen sollte. Auf Anregung von Henslow las er einen Auszug aus Alexander von Humboldts Schriften und die „Einführung in das Studium der Naturwissenschaften“ von John F. Herschel. „Keine anderen Bücher hatten auch nur entfernt einen so großen Einfluss auf mich wie diese beiden“, gestand der später.

Im Frühjahr 1831 bestand Darwin nach reichlichem Drängen seiner Freunde und Lehrer den akademischen Abschluss eines Bachelor of Arts. Er hätte sich nun um eine einträgliche Stelle bemühen und gleichzeitig seine theologischen Studien weiter vorantreiben können, doch ließ er sich von Henslow dazu überreden, noch zwei Trimester Geologie zu belegen. Im Sommer desselben Jahres bot sich ihm jedoch eine unerwartete Chance: „Als ich am 29. August 1831 von einer kurzen geologischen Exkursion durch Nord-Wales nach Shrewsbury zurückkehrte, fand ich einen Brief von Henslow vor, der mich wissen ließ, dass ein Kapitän FitzRoy beabsichtige, einen Teil seiner Kajüte einem jungen Mann abzutreten, der bereit sei, ohne Bezahlung als Naturforscher mit ihm die Reise auf der Beagle anzutreten. Ich war sofort bereit, dieses Angebot anzunehmen (…).“

Die Beagle, ein Forschungsschiff ihrer Majestät, der Königin Victoria, hatte im Auftrag der englischen Admiralität zusammen mit der Adventure unter dem Kommando von Kapitän Parker King in den Jahren von 1826 bis 1830 die Küsten Südamerikas erforscht und verschiedene wissenschaftliche Aufgaben erfüllt. Um diese abzuschließen, sollte sie – nunmehr allein – Ende 1831 noch einmal zu einer mehrjährigen Reise um die Welt auslaufen. Am 27. Dezember lichtete der 31 m lange Dreimaster mit 76 Personen an Bord die Anker und stach in See. Von Devonport (Plymouth) aus nahm das Schiff seinen Weg über die kanarischen und die kapverdischen Inseln nach Salvador da Bahia an der brasilianischen Atlantik-Küste, wo das Schiff Ende Februar 1832 eintraf. Von dort ausgehend wurde die gesamte brasilianische und argentinische Küste vermessen, doch wurden auch immer naturkundliche Beobachtungen verschiedener Art aufgezeichnet. Den Jahreswechsel auf 1832 verbrachte die gesamte Mannschaft in Feuerland, um daraufhin den größten Teil des Jahres 1833 mit Inlandexpeditionen in Argentinien und Uruguay zu füllen. Ende 1833 brach man von Montevideo aus auf, um die Magellan-Straße gründlich zu vermessen. Den Pazifischen Ozean erreichte die Beagle am 11. Juni 1834, um von dort entlang der chilenischen Küste nach Norden zu fahren. In Valparaíso traf man im Juli 1834 ein, von wo aus Darwin im Herbst 1834 sowie im Frühjahr 1835 verschiedene längere und kürzere Expeditionen in die Hochanden unternahm. Einen bleibenden Eindruck hinterließ das verheerende Erdbeben auf ihn, das im Februar 1835 die chilenische Stadt Concepción in Schutt und Asche gelegt hatte und ihm einen wichtigen Anstoß in seinen Überlegungen zu geologischen Mechanismen gab. Von Peru aus besuchte man daraufhin die Galapagos-Inseln – eine weitere, für Darwin fast schon schicksalhafte Begegnung. Ihre Weltumsegelung setzte die Beagle im Oktober 1835 fort: Über verschiedene Südsee-Inseln und Atolle sowie Neuseeland erreichte das Schiff im Januar 1836 Sydney in Australien, um seinen Weg über Mauritius und Madagaskar nach Südafrika zu nehmen, wo man Ende Mai desselben Jahres eintraf. Eigentlich wollte man nun über die britischen Atlantik-Kolonien St. Helena und Ascension nach England zurückkehren, doch entschied sich Kapitän FitzRoy für eine weitere Überfahrt nach Brasilien. Erst im August 1836 nahm man die endgültige Heimkehr in Angriff und erreichte das Mutterland nach einer fast fünfjährigen Reise am 9. Oktober 1836.

Darwins Beschreibung der gesamten Reise existiert in vier Fassungen: Den Kern bilden 18 kleinformatige Notizbücher (Pocket books), von denen er stets eines bei sich hatte und in die er alles Bemerkenswerte in Stichworten eintrug. In ruhigeren Zeiten schrieb er auf der Grundlage dieser Notizen sein Tagebuch (Diary), das schließlich rund 800 Seiten umfasste und bis zum Jahr 1933 unveröffentlicht bleiben sollte.

Eine stark erweiterte Fassung dieses Tagebuchs erschien dann als Band III des von Robert FitzRoy herausgegebenen offiziellen Berichts für die Admiralität „Narrative of the Surveying Voyages of His Majesty’s Ships Adventure and Beagle between the Years 1826 and 1836“, wobei gerade dieser Band mit zwei Nachdrucken innerhalb eines Jahres erfolgreicher war als die ersten beiden Bände des Werks. Das Journal unterscheidet sich vom Tagebuch durch eine Neugliederung: Darwin ersetzte darin die chronologische Darstellung durch eine Schilderung in geographischen Zusammenhängen, denn viele Plätze wurden im Verlauf der Reise mehrfach oder oft nach längeren Zeiträumen wieder besucht. Die Vorteile einer solchen Gliederung sind augenfällig: Das Journal gewinnt thematische Geschlossenheit, das Resümee der Beobachtungen wird deutlicher, der Text farbiger, die Lektüre spannender. Eine zweibändige deutsche Übersetzung des Journals erschien übrigens schon im Jahr 1844 in Braunschweig.

Dieser ersten Version des Reiseberichts folgte 1845 eine vollständig umgearbeitete zweite Auflage, die nun den Titel hatte: Journal of Researches into the Natural History and Geology of Countries visited during the Voyage of H. M. S. Beagle round the world under the Command of Capt. FitzRoy. Darwin wandte sich damit, worauf er in seinem Vorwort hinwies, an ein größeres Publikum und ließ eine Vielzahl wissenschaftlicher Beobachtungen und Erörterungen der früheren Ausgabe weg: „Ich habe in dieser Bearbeitung einige Teile bedeutend zusammengezogen und verbessert und zu anderen Zusätze gemacht, um die Schrift einem weiteren Leserkreis zusagender zu machen (…).“ Auf dieser Fassung basierten alle folgenden Ausgaben des Journals. Die klassisch gewordene Übersetzung ins Deutsche besorgte 1875 Julius Victor Carus, die auch für den vorliegenden Band benutzt wurde. Wie im 19. Jahrhundert üblich, zog Carus die wortgetreue Wiedergabe einer sprachlich geglätteten Fassung vor und erreichte damit zweierlei: Er bewahrte den Tagebuch-Charakter des nach literarischen Kriterien häufig gegen den Strich geschriebenen Originals und vermochte die kraftvolle Authentizität des Berichts auch in der deutschen Ausgabe zu erhalten.

Was sein weiteres Leben angeht, hatte Darwin das große Glück, auf das Vermögen seiner eigenen Familie, aber auch auf das seiner Ehefrau Emma Wedgwood zurückgreifen zu können, die er im Januar 1839 geheiratet hattet. Aufgrund seiner guten finanziellen Verhältnisse war er nun nicht mehr dazu gezwungen, einer geregelten Beschäftigung nachzugehen, sondern konnte sich schon mit recht jungen Jahren das bequeme Leben eines Privatiers leisten. Die ihm nunmehr in einem reichen Maße zur Verfügung stehende Zeit nutzte er jedoch für seine geologischen und naturkundlichen Forschungen minutiös aus. Nicht zuletzt sollten es die Eindrücke und die Erkenntnisse seiner Weltumsegelung sein, auf denen die mit seinem Namen wohl für immer untrennbar verbundene Abstammungs- und Selektionslehre beruht. Darwins wirtschaftliche Unabhängigkeit war es denn auch, die ihn die langwierigen Kontroversen mit der Kirche, aber auch mit einem größeren Teil seiner Fachkollegen unbeschadet überstehen ließ – ohne in deren Verlauf von seinen Überzeugungen abweichen zu müssen. Eine weitere Folge der langen, entbehrungsreichen Reise dürfte gewesen sein, dass Darwin zeitlebens mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Aus diesem Grund hatte die junge Familie London bereits Anfang 1842 verlassen, um sich in Down House, einer Kleinstadt südlich der englischen Hauptstadt, niederzulassen: Ihm persönlich sollte diese Rückkehr in eine ländliche Umgebung durchaus guttun. Darwin verließ jedoch Großbritannien bis zu seinem Tod am 19. April 1882 in Down House, wo er mit seiner Familie zumeist sehr zurückgezogen lebte, nicht mehr. Gleichwohl war sein Name aufgrund seiner umfangreichen und für die damalige Zeit sehr provokanten Publikationstätigkeit in aller Munde.

Darwins „Reise eines Naturforschers um die Welt“, die über 600 Seiten in Großoktav umfasste, konnte im Rahmen der Edition Erdmann nicht vollständig herausgegeben werden, so dass eine Reihe von Kürzungen unvermeidlich war. Da es sich bei dem Werk jedoch nicht um einen fortlaufenden Abenteuerbericht handelt, sondern es mit langen Aufzählungen, weitschweifigen Exkursen, komplexen wissenschaftlichen Diskursen und ausführlichen Rückverweisen auf andere Publikationen durchzogen ist, erscheint ein solches Vorgehen mit Blick auf den Autor gerechtfertigt, das zwar dem Anspruch der Edition Erdmann zuwider läuft, möglichst vollständige Texte neu vorzulegen, das jedoch der Freude am Lesen eines solchen Reiseberichts entgegenkommt. Nicht zuletzt ist es Darwin selbst, der eine solche Kürzung seines Werks in seiner Überarbeitung des Jahres 1845 indirekt unterstützt: „Ich hoffe aber, dass Naturforscher sich erinnern werden, das sie in Betreff der Einzelheiten sich an die größeren Publikationen wenden müssen, welche die wissenschaftlichen Resultate der Expedition umfassen.“

Gernot Giertz und Lars Hoffmann

I. KAPITEL

ST. JAGO – INSELN DES GRÜNEN VORGEBIRGES

Nachdem das Schiff »Beagle«, eine Brigg von zehn Kanonen unter dem Kommando des Kapitäns FitzRoy, durch heftige Südweststürme zweimal zurückgetrieben worden war, segelte es am 27. Dezember 1831 von Devonport ab. Der Zweck der Expedition war, die Aufnahme von Patagonien und Feuerland, welche unter Kapitän King in den Jahren 1826 bis 1830 begonnen worden war, zu vollenden, die Küsten von Chile, Peru und einigen Südsee-Inseln aufzunehmen und eine Kette von chronometrischen Messungen rund um die Erde auszuführen. Am 6. Januar erreichten wir Teneriffa, durften aber nicht landen, weil man fürchtete, wir brächten die Cholera. Am 16. Januar 1832 warfen wir in Porto Praya auf St. Jago, der Hauptinsel des Kapverdischen Archipels, Anker.

Die Umgebung von Porto Praya bietet, von der See aus gesehen, einen desolaten Anblick; das vulkanische Feuer vergangener Zeiten und die sengende Hitze einer tropischen Sonne haben an den meisten Stellen den Boden untauglich dafür gemacht, Vegetation zu tragen. Das Land steigt in hintereinander liegenden Stufen von Tafelland auf, mit dazwischenliegenden kegelförmigen Hügeln, und der Horizont wird von einer unregelmäßigen Kette höherer Berge begrenzt. Die Insel dürfte sonst für sehr uninteressant angesehen werden; aber für jeden, der nur an eine englische Landschaft gewöhnt ist, besitzt der Anblick eines völlig unfruchtbaren Landes etwas so Großartiges, dass etwas mehr Vegetation den Eindruck nur verderben würde. Über weite Strecken der Lava-Ebenen kann man kaum ein einziges grünes Blatt entdecken, und doch existieren Herden von Ziegen, ebenso wie ein paar Kühe. Es regnet sehr selten, aber während einer kurzen Zeit des Jahres fällt der Regen in heftigen Strömen, und unmittelbar darauf sprießt eine leichte Vegetation aus jeder Spalte empor. Diese verdorrt bald wieder, und von derartigem, natürlich gebildetem Heu leben die Tiere. Es hatte nun ein ganzes Jahr nicht geregnet. Als die Insel entdeckt wurde, war die unmittelbare Umgebung von Porto Praya mit Bäumen bedeckt; die unbedachte Zerstörung derselben hat aber hier, wie in St. Helena und auf einigen der Kanarischen Inseln, beinahe vollständige Unfruchtbarkeit erzeugt.

Eines Tages ritten zwei Offiziere und ich nach Ribeira Grande, einem Dorfe wenige Meilen östlich von Porto Praya. Nach einer Stunde kamen wir dort an und waren über den Anblick einer großen in Ruinen liegenden Festung und Kathedrale überrascht. Ehe der Hafen dieser kleinen Stadt zugeschüttet wurde, war sie der Hauptort auf der Insel; jetzt bietet sie ein sehr melancholisches, aber sehr malerisches Ansehen dar. Nachdem wir uns einen schwarzen Padre als Führer und einen Spanier, der während des Halbinselkriegs gedient hatte, als Dolmetsch verschafft hatten, sahen wir uns eine Gruppe von Gebäuden an, unter denen eine alte Kirche das hervorragendste war. Hier sind die Gouverneure und Generalkapitäne der Insel begraben worden. Einige der Grabsteine ergaben Daten aus dem 16. Jahrhundert. Die Kirche oder Kapelle bildete die eine Seite eines Vierecks, in dessen Mitte ein großer Haufen von Bananenstauden wuchs. An der anderen Seite war ein Hospital, welches ungefähr ein Dutzend elend aussehender Bewohner enthielt.

Ehe wir die Stadt verließen, besuchten wir die Kathedrale. Sie schien nicht so reich zu sein wie die kleinere Kirche, konnte sich aber einer kleinen Orgel rühmen, welche eigentümliche, unharmonische Laute ertönen ließ. Wir machten dem schwarzen Priester ein Geschenk von ein paar Schillingen; der Spanier sagte, ihm auf den Kopf klopfend, mit großer Gemütlichkeit: Er glaube, dass seine Farbe keinen großen Unterschied mache. Dann kehrten wir, so schnell die Ponys gehen wollten, nach Porto Praya zurück.

Die Felsen von St. Paul. – Bei der Fahrt über den Atlantischen Ozean legten wir am Morgen des 16. Februar dicht bei der Insel von St. Paul bei. Diese Gruppe von Felsen liegt in 0° 58’ n. Br. und 29° 15’ w. L. Sie ist 540 Meilen von der Küste von Amerika und 350 von der Insel Fernando Noronha entfernt. Der höchste Punkt liegt nur fünfzig Fuß über dem Meeresspiegel, und der ganze Umfang ist nicht ganz eine Dreiviertelmeile. Dieser kleine Punkt steigt ganz plötzlich aus den Tiefen des Ozeans heraus.

Die Felsen erscheinen aus der Entfernung von glänzend weißer Färbung. Dies kommt zum Teil von den Exkrementen einer ungeheuren Menge von Seevögeln her, zum Teil von einem Überzug einer harten, glänzenden perlmuttartigen Substanz, welche fest mit der Oberfläche der Felsen verbunden ist.

Wir fanden auf St. Paul nur zwei Vogelarten – den Tölpel und die Seeschwalbe. Beide sind zahm und so wenig daran gewöhnt, Besucher zu sehen, dass ich eine beliebige Zahl mit meinem geologischen Hammer hätte töten können. Der Tölpel legt seine Eier auf den nackten Felsen, die Seeschwalbe aber baut aus Seegras ein sehr einfaches Nest. Neben vielen dieser Nester lag ein kleiner fliegender Fisch, welcher, wie ich vermute, von dem männlichen Vogel für sein Weibchen dahin gebracht worden war. Es amüsierte mich, zu beobachten, mit welcher Geschwindigkeit eine große und behende Krabbe, welche die Felsenspalten bewohnt, den Fisch von der Seite des Nestes wegstahl, sobald wir die brütenden Vögel gestört hatten. Sir W. Symonds, eine der wenigen Personen, welche hier gelandet sind, erzählte mir, dass er gesehen habe, wie die Krabben selbst die jungen Vögel aus den Nestern geholt und verzehrt hätten. Nicht eine einzige Pflanze, nicht einmal eine Flechte wächst auf dieser Insel, und doch wird sie von mehreren Insekten und Spinnen bewohnt.

Bahia oder San Salvador, Brasilien, den 29. Februar. – Der ganze Tag war entzückend. Doch selbst Entzücken ist nur ein schwacher Ausdruck zur Wiedergabe der Gefühle eines Naturforschers, der zum ersten Male allein in einem brasilianischen Walde gewandert ist. Die Eleganz der Gräser, die Neuheit der parasitischen Pflanzen, die Schönheit der Blüten, das glänzende Grün des Laubes, vor allem aber die allgemeine Üppigkeit der ganzen Vegetation erfüllte mich mit Bewunderung. Ein höchst paradoxes Gemisch von Geräusch und Stille herrscht in den schattigen Teilen des Waldes. Das Geräusch der Insekten ist so laut, dass man ves in einem Schiff, welches selbst mehrere hundert Yards von der Küste entfernt vor Anker gegangen ist, hören kann; und doch scheint in der Abgeschiedenheit des Waldes ein allgemeines Stillschweigen zu herrschen. Für jemand, der Naturgeschichte liebt, bringt ein Tag wie dieser tieferes Vergnügen mit sich, als er jemals zu erfahren hoffen kann. Nachdem ich mehrere Stunden herumgewandert war, kehrte ich zum Landungsplatz zurück. Ehe ich ihn aber erreichte, überraschte mich ein tropisches Gewitter. Ich versuchte unter einem Baume Schutz zu finden, welcher so dick war, dass ein gewöhnlicher englischer Regen nie durchgedrungen sein würde; hier aber floss nach ein paar Minuten ein förmlicher Strom den Stamm herab.

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Im brasilianischen Wald

Den 18. März. – Wir segelten von Bahia ab. Wenige Tage später, als wir nicht weit von den Abrolhos-Inseln entfernt waren, wurde meine Aufmerksamkeit durch eine rötlichbraune Erscheinung in der See gefesselt. Die ganze Oberfläche des Wassers schien bei der Betrachtung unter einer schwachen Lupe wie mit gehacktem Heu bedeckt. Es sind dies sehr kleine zylindrische Konverfen (Wasserfäden) in Bündeln von zwanzig bis sechzig Stück in jedem. Mr. Berkeley teilt mir mit, dass sie zu derselben Spezies gehören wie die auf weiten Flächen des Roten Meeres gefundenen, woher auch der Name dieses Meeresteils rührt. Die Zahl derselben muss unendlich sein. Das Schiff passierte mehrere Züge von ihnen, von denen jeder ungefähr zehn Yards breit und, nach der schlammähnlichen Farbe des Wassers zu urteilen, mindestens zwei und eine halbe Meile lang war. In der Schilderung beinahe einer jeden längeren Seereise ist dieser Konverfen Erwähnung getan. Sie scheinen besonders in dem Meer in der Nähe von Australien gemein zu sein. Kapitän Cook erzählt in seiner dritten Reise, dass die Matrosen diesem Gebilde den Namen Meersägespäne gegeben haben.

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Im brasilianischen Wald

II. KAPITEL

RIO DE JANEIRO

4. April bis 5. Juli 1832. – Wenige Tage nach unsrer Ankunft wurde ich mit einem Engländer bekannt, welcher im Begriffe war, seine etwas über hundert Meilen von der Hauptstadt entfernt gelegene Besitzung, nördlich von Cap Frio, zu besuchen. Ich nahm mit Freuden die mir dargebotene Erlaubnis an, ihn zu begleiten.

8. April. – Unsre Reisegesellschaft bestand aus sieben Personen. Die erste Station war sehr interessant. Der Tag war gewaltig heiß, und als wir die Wälder passierten, war alles bewegungslos, mit Ausnahme der großen und prachtvollen Schmetterlinge, welche träge umherflatterten. Die sich beim Übergang über die Berge hinter Praia Grande bietende Aussicht war ganz wundervoll; die Farben waren intensiv, der vorherrschende Ton ein dunkles Blau; der Himmel und das ruhige Wasser der Bucht wetteiferten miteinander an Pracht. Nachdem wir durch eine Strecke kultivierten Landes gekommen waren, betraten wir einen Wald, welcher in der Großartigkeit aller seiner Teile nicht zu übertreffen war. Um Mittag kamen wir in Ithacaia an; dies kleine Dorf liegt in einer Ebene; rund um das in der Mitte gelegene Haus liegen die Hütten der Neger. In der regelmäßigen Form und Stellung erinnerten mich die Letzteren an Abbildungen der Hottentottendörfer in Süd-Afrika. Da der Mond zeitig aufging, entschlossen wir uns, noch am selben Abend nach unserem Nachtquartier in der Lagoa Marica aufzubrechen. Mit Dunkelwerden zogen wir am Fuße eines jener massigen, kahlen und steilen Berge von Granit hin, welche in diesem Lande so zahlreich sind. Die Stelle ist berüchtigt, weil sie eine lange Zeit hindurch der Aufenthaltsort einiger entlaufener Sklaven war, welche durch Bebauung eines kleinen Stückchen Bodens nahe dem Gipfel sich eine erbärmliche Existenz gegründet hatten. Endlich wurden sie entdeckt; eine Abteilung Soldaten wurde ihnen nachgeschickt und die ganze Gesellschaft ergriffen mit Ausnahme einer alten Frau, welche, ehe sie sich wieder in Sklaverei bringen ließ, sich vom Gipfel des Berges herabstürzte. Bei einer römischen Matrone würde man dies die edle Liebe zur Freiheit genannt haben: Bei einer armen Negerin ist es brutaler Starrsinn! Wir ritten noch mehrere Stunden fort. Die letzten paar Meilen war der Weg bedenklich, er ging durch eine öde Wüstenei von Marschen und Lagunen. In dem trüben Mondlicht war die Szenerie äußerst trostlos. Ein paar Leuchtkäfer flogen an uns vorüber; eine Bekassine stieß beim Auffliegen ihren klagenden Ruf aus. Das entfernte und dumpfe Brausen des Meeres unterbrach kaum die Stille der Nacht.

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Die Reede von Rio de Janeiro

9. April. – Wir verließen unser erbärmliches Nachtquartier vor Sonnenaufgang. Die Straße ging über eine schmale sandige Fläche, welche zwischen dem Meer und der inneren salzigen Lagune lag. Als die Sonne aufging, wurde der Tag ganz außerordentlich heiß; der Reflex des Lichtes und der Wärme von dem weißen Sande war im hohen Grade peinigend. Wir aßen in Mandetiba zu Mittag; das Thermometer zeigte 84° im Schatten.* Die schöne Aussicht auf die entfernten bewaldeten Berge, welche sich in dem vollkommen ruhigen Wasser einer weiten Lagune widerspiegelte, erfrischte uns förmlich. Da die Venda** hier eine sehr gute war und ich die angenehme, aber freilich seltene Erinnerung eines ausgezeichneten Mittagsmahls von hier mitnahm, will ich mich dankbar bezeigen und sofort dasselbe, als den Typus seiner Klasse, beschreiben. Diese Häuser sind häufig groß und aus dicken, aufrecht stehenden Stämmen mit dazwischengeflochtenen Zweigen gebaut und später beworfen. Sie haben selten Dielen und niemals verglaste Fenster, sind aber meist gut eingedacht. Allgemein ist der vordere Teil offen und bildet eine Art von Veranda, in welche Tische und Bänke gestellt werden. Die Schlafzimmer stoßen auf beiden Seiten hieran, und hier können die Reisenden so gut sie können auf einer hölzernen, mit einer dünnen Strohmatratze bedeckten Platte schlafen. Die Venda steht in einem Hofraum, wo die Pferde gefüttert werden. Bei der Ankunft pflegten wir zunächst die Pferde abzusatteln und ihnen ihr türkisches Korn zu geben; dann baten wir mit einer tiefen Verbeugung den Senhor, uns die Gunst zu erweisen, uns etwas zu essen zu geben. »Alles, was Sie wünschen, mein Herr«, war seine gewöhnliche Antwort. Die paar ersten Male dankte ich ergebens der Vorsehung, dass sie uns zu einem so guten Manne geführt habe. Wie aber das Gespräch seinen weiteren Fortgang nahm, stellte sich der Fall meist als erbarmungswürdig heraus. »Können Sie uns etwas Fisch zu geben die Freundlichkeit haben?« – »O nein, mein Herr!« – »Etwas Suppe?« -»Nein, mein Herr!« – »Etwas Brot?« – »O nein, mein Herr!« – »Etwas getrocknetes Fleisch?« – »O nein, mein Herr!« Hatten wir Glück, so bekamen wir, nachdem wir ein paar Stunden gewartet hatten, Hühner, Reis und Farinha. Es kam nicht selten vor, dass wir genötigt waren, die Hühner zu unserem Abendessen selbst mit Steinen zu töten. Wenn wir, von Müdigkeit und Hunger gründlich erschöpft, schüchtern anzudeuten wagten, dass wir froh sein würden, wenn wir unser Essen bekommen könnten, war die hochtrabende und zwar wahre, aber äußerst unbefriedigende Antwort: »Es wird fertig sein, wenn es fertig ist.« Hätten wir gewagt, noch weiter vorstellig zu werden, so würde man uns nahegelegt haben, unsere Reise nur fortzusetzen, da wir zu unverschämt wären. Die Wirte sind äußerst ungefällig und unangenehm in ihren Manieren; ihre Häuser und ihre Personen starren oft von Schmutz; ganz allgemein ist der Mangel derartiger Bequemlichkeiten wie Gabeln, Messer und Löffel; ich bin überzeugt, kein Bauernhaus, keine Hütte in England ließe sich finden, die so vollständig jeden Komforts bar wäre. In Campos Novos indessen lebten wir prächtig; wir hatten Reis und Hühner, Biscuit, Wein und Likör zum Mittagessen, am Abend Kaffee und Fisch zum Frühstück. Alles dies kostete, mit gutem Futter für die Pferde, nur 2 sh. 6 d. per Kopf. Als indessen der Wirt dieser Venda gefragt wurde, ob er nichts von einer Peitsche wisse, die einer von der Gesellschaft verloren hatte, antwortete er brummig: »Was soll ich das wissen? Warum kümmern Sie sich nicht selbst darum? – Ich vermute, die Hunde haben sie gefressen.«

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Venda

Nachdem wir Mandetiba verlassen hatten, passierten wir wiederum eine wüste, von Seen durchzogene Gegend.

Beim Weiterreisen kamen wir über Strecken von Weideland, welches durch die enormen kegelförmigen, nahezu zwölf Fuß hohen Ameisennester bedeutend geschädigt war. Wir kamen in Engenhodo nach Dunkelwerden an, nachdem wir zehn Stunden zu Pferde gesessen hatten. Während der ganzen Reise habe ich nicht aufgehört, mich darüber zu verwundern, welche Masse von Arbeit die Pferde zu leisten imstande waren; sie schienen sich auch von einem Unfall viel schneller zu erholen als unsere englische Rasse. Die Vampir-Fledermaus ist häufig die Ursache vieler Störung dadurch, dass sie die Pferde am Widerrist beißt. Die Störung ist meist nicht so sehr Folge des Blutverlustes, als vielmehr der Entzündung, welche der Druck des Sattels auf die Bisswunde verursacht. Die ganze Sache ist vor kurzem in England bezweifelt worden; ich war daher sehr erfreut, gerade gegenwärtig zu sein, als einer dieser Vampire auf dem Rücken des Pferdes gefangen wurde. Wir biwakierten eines Abends spät in der Nähe von Coquimbo in Chile, als mein Diener bemerkte, dass eines der Pferde sehr unruhig wurde; er ging hin, um zu sehen, was es gäbe; da er meinte, irgendetwas unterscheiden zu können, griff er schnell mit der Hand nach dem Rücken des Pferdes und ergriff den Vampir. Am Morgen ließ sich die Stelle des Bisses leicht daran erkennen, dass sie etwas geschwollen und blutig war. Am dritten Tage darauf ritten wir aber das Pferd ohne üble Folgen wieder.

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Der Vampir

13. April. – Nach drei Tagen weiteren Reisens kamen wir in Socego an, der Besitzung des Senhor Manuel Figuireda, einem Verwandten eines unserer Reisegesellschafter. Das Haus war einfach, und obschon es der Form nach einer Scheuer glich, entsprach es doch ganz gut dem Klima. Im Wohnzimmer stachen vergoldete Stühle und Sofas höchst merkwürdig gegen die einfach geweißten Wände, das Schindeldach und die glaslosen Fenster ab. Das Haus bildete mit den Getreidespeichern, den Ställen und den Werkstellen für die Neger, denen verschiedene Handwerke gelehrt worden waren, eine Art von Viereck, in dessen Mitte ein großer Haufen von Kaffee zum Trocknen lag.

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Kaffee-Ernte

Diese Gebäude stehen auf einem kleinen Hügel, welcher das kultivierte Land überblickt und von allen Seiten mit einer Mauer dunkelgrünen üppigen Waldes umgeben ist. Das hauptsächlichste Produkt dieses Teils des Landes ist Kaffee. Jeder Baum gibt angenommenermaßen jährlich im Mittel zwei Pfund; manche geben aber bis zu acht Pfund. Mandioca oder Cassada wird gleichfalls in großer Menge angebaut. Jeder Teil dieser Pflanze ist verwendbar; die Blätter und Stengel fressen die Pferde, und die Wurzeln werden zu einem Brei gemahlen, welcher, wenn er trocken gepresst und gebacken wird, die Farinha bildet, dieses hauptsächlichste Subsistenzmittel in Brasilien. Es ist eine merkwürdige, wenngleich wohlbekannte Tatsache, dass der Saft dieser äußerst nahrhaften Pflanze in hohem Grade giftig ist. Das Weideland erhält eine schöne Herde Rinder, und die Wälder sind so voll von Wild, dass an jedem der drei vorausgegangenen Tage ein Hirsch getötet worden war. Dieser Überfluss an Nahrung zeigte sich auch beim Mittagessen, wo, wenn die Tische nicht stöhnten, die Gäste es sicherlich taten; denn man erwartete von jedem, dass er von jedem Gericht esse. Eines Tages hatte ich mir vorgenommen, dass nichts ungekostet abgetragen werden sollte, als zu meinem größten Schrecken ein gebratener Truthahn und ein Schwein in ihrer ganzen substanziellen Wirklichkeit erschienen.

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Negersklavinnen

Während der Mahlzeiten bestand die Beschäftigung eines der Diener darin, ein paar alte Hunde und Dutzende kleiner Negerkinder aus dem Zimmer zu treiben, die bei jeder Gelegenheit zusammen hereingekrochen kamen. Solange man sich die Idee der Sklaverei fernhalten konnte, lag in dieser einfachen und patriarchalischen Art des Lebens etwas außerordentlich Anziehendes; man war von der ganzen übrigen Welt vollkommen zurückgezogen und unabhängig. Sobald die Ankunft irgendeines Fremden bemerkt wird, wird mit einer großen Glocke geläutet, gewöhnlich wird auch irgendeine kleine Kanone abgefeuert. Das Ereignis wird hierdurch den Felsen und Wäldern angekündigt, aber niemandem weiter. Auf Fazendas wie dieser zweifle ich durchaus nicht, dass die Sklaven ein glückliches und zufriedenes Leben führen. Sonnabend und Sonntag arbeiten sie für sich selbst, und in diesem fruchtbaren Klima reicht die Arbeit von zwei Tagen hin, einen Mann mit seiner Familie die ganze Woche zu erhalten.

14. April. – Nachdem wir Socego verlassen hatten, ritten wir zu einer andern Besitzung am Rio Macäe, welche das letzte Stück kultivierten Landes in dieser Richtung war. Die Besitzung war zwei und eine halbe Meile lang; wie viele Meilen sie breit war, hatte der Besitzer vergessen. Nur ein sehr kleines Stück war urbar gemacht worden; doch war beinahe jeder Acker imstande, alle die verschiedenen reichen Erzeugnisse eines tropischen Landes zu produzieren. Überdenkt man die ungeheure Flächenausdehnung Brasiliens, so verschwindet beinahe das Stückchen kultivierten Landes im Vergleich zu dem, was sich noch im Naturzustand befindet: Welche ungeheure Bevölkerung wird dies in späteren Zeiten tragen können!

Während ich mich auf dieser Besitzung aufhielt, wäre ich beinahe Augenzeuge eines jener schauerlichen Akte geworden, welche nur in einem Sklavenlande stattfinden können. Infolge eines Streites und eines Prozesses war der Besitzer darauf und daran, alle Frauen und Kinder den männlichen Sklaven wegzunehmen und sie einzeln auf den öffentlichen Auktionen in Rio zu verkaufen. Sein Interesse und nicht irgendein Gefühl von Mitleid verhinderten diesen Akt. Ich glaube in der Tat, dass es ihm gar nicht in den Sinn gekommen ist, daran zu denken, dass es unmenschlich sei, dreißig Familien, welche viele Jahre lang zusammengelebt hatten, auseinanderzureißen. Und doch verbürge ich mich dafür, dass er, was Humanität und Wohlwollen betrifft, dem gewöhnlichen Schlag dieser Leute überlegen war.

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Landschaft bei Socego

18. April. – Auf dem Rückweg brachten wir zwei Tage in Socego zu; ich benutzte dieselben dazu, Insekten im Wald zu sammeln. Die größere Zahl von Bäumen sind trotz ihrer Höhe doch nicht mehr als drei oder vier Fuß im Umfang. Die Palmbäume geben der Szenerie einen tropischen Charakter. Hier schmückte die Kohl-Palme – einer der schönsten Bäume der Familie – die Wälder. Auf einem Stamme, der so dünn ist, dass man ihn fast mit den beiden Händen umspannen kann, erhebt sie ihre elegante Krone bis zu einer Höhe von vierzig oder fünfzig Fuß über den Boden. Die holzigen Schlingpflanzen, die selbst wieder mit anderen Kletterpflanzen bedeckt waren, erreichten eine bedeutende Dicke; einige, welche ich gemessen habe, waren zwei Fuß im Umfang. Viele der älteren Bäume boten infolge der von ihren Zweigen herabhängenden und Heubündeln ähnlichen, lockigen Lianen ein sehr merkwürdiges Aussehen. Wandte sich das Auge vom Laubwerk im oberen Teil des Waldes nach dem Boden darunter, so wurde es durch die außerordentliche Eleganz der Farnwedel und Mimosenblätter gefesselt. Die Letzteren bedeckten an manchen Stellen die Oberfläche mit einem nur wenige Zoll hohen Buschwerk.

19. April. – Als wir Socego verließen, folgten wir während der ersten beiden Tage genau dem Weg, welchen wir herwärts gekommen waren. Es war ein sehr mühsames Stück Arbeit, da sich der Weg meist quer über eine blendende heiße Sandebene nicht weit von der Küste hinzog. Ich bemerkte, dass jedes Mal, wenn das Pferd seinen Fuß auf den feinen kieseligen Sand setzte, ein leises zirpendes Geräusch hervorgebracht wurde. Am dritten Tag schlugen wir einen anderen Weg ein und kamen durch das freundliche kleine Dorf Madre de Deus. Es ist dies einer der Hauptknotenpunkte im Straßennetz Brasiliens; doch war der Weg in einem so schlechten Zustand, dass kein Gefährt auf Rädern, mit Ausnahme des schwerfälligen Ochsenwagens, fortkommen konnte. Auf unserer ganzen Reise kamen wir nicht über eine einzige Brücke, die aus Steinen gebaut gewesen wäre; und die aus Baumstämmen gemachten bedurften häufig so sehr der Reparatur, dass man genötigt war, einen Umweg zu machen, um sie zu vermeiden. Alle Entfernungen sind nur ungenau bekannt. An der Straße finden sich häufig Kreuze aufgestellt anstatt der Meilensteine, um den Ort zu bezeichnen, wo Blut vergossen wurde. Am Abend des 23. kamen wir nach Beendigung unseres angenehmen kleinen Ausflugs nach Rio zurück.

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Bogofogo

Während der übrigen Zeit meines Aufenthaltes in Rio wohnte ich in einem Häuschen an der Botofogo-Bucht. Es ließ sich unmöglich irgendetwas Entzückenderes wünschen, als in dieser Weise einige Wochen in einem so prachtvollen Lande zubringen zu können.

Ich durchstreifte den Urwald in Begleitung eines alten portugiesischen Priesters, der mich mit hinausnahm, um mit ihm zu jagen. Das Jagdvergnügen bestand darin, einige Hunde in das Dickicht zu schicken und dann geduldig wartend auf jedes Tier loszuschießen, welches etwa sichtbar wurde. Es begleitete uns der Sohn eines benachbarten Farmers – ein hübsches Exemplar eines wilden brasilianischen jungen Mannes. Er war mit einem alten zerrissenen Hemd und ähnlichen Hosen bekleidet und ging mit bloßem Kopfe; er trug eine altmodische Flinte und ein großes Messer. Die Gewohnheit, Messer zu tragen, ist ganz allgemein; beim Durchschreiten eines dichten Waldes ist es beinahe notwendig wegen der Schlingpflanzen. Das häufige Vorkommen von Morden dürfte wohl zum Teil dieser Gewohnheit zugeschrieben werden. Die Brasilianer sind so geschickt im Gebrauch des Messers, dass sie es in ziemlicher Entfernung mit Präzision und genügender Kraft, eine tödliche Wunde zu verursachen, werfen können. Ich habe gesehen, wie eine Zahl kleiner Jungen sich in dieser Kunst als eine Art Spiel übte, und nach ihrer Geschicklichkeit, einen aufrechten Stock zu treffen, versprachen sie auch für ernstere Versuche der Art tüchtig zu werden. Mein Begleiter hatte am Tage vorher zwei große Bart-Affen geschossen. Die Tiere haben Greifschwänze, deren Spitze selbst nach dem Tode das ganze Gewicht des Körpers halten kann. Einer von ihnen blieb damit fest an einem Zweige hängen, und es war nötig, einen großen Baum zu fällen, um ihn zu bekommen. Dies war bald getan, und Baum und Affe fielen mit einem fürchterlichen Krach zu Boden. Die Jagdausbeute des Tages beschränkte sich außer dem Affen auf mehrere kleine grüne Papageien und ein paar Tukans. Ich machte mir indessen die Bekanntschaft des portugiesischen Padre zunutze; denn bei einer andern Gelegenheit gab er mir ein schönes Exemplar der Yagouaroundi-Katze.

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Brasilianische Jäger

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Yagouarundi

Das Klima war während der Monate Mai und Juni, oder während des Winteranfangs, entzückend. Die mittlere Temperatur betrug nur 72 °. Es regnete oft sehr stark, aber die austrocknenden Südwinde machten die Spaziergänge bald wieder angenehm. Eines Morgens fiel im Laufe von sechs Stunden 1,6 Zoll Regen. Wie dieses Gewitter über die Wälder zog, war das von den auf die zahllosen Mengen von Blättern niederfallenden Regentropfen hervorgebrachte Geräusch sehr merkwürdig; man konnte es in einer Entfernung von einer Viertelmeile hören; es glich dem Rauschen einer großen Wassermasse. Nach den heißeren Tagen war es reizvoll, ruhig im Garten zu sitzen und den Übergang des Abends in die Nacht zu betrachten. Die Natur wählt sich in diesem Klima ihre Sänger aus bescheideneren Kreisen als in Europa. Ein kleiner Laubfrosch von der Gattung Hyla sitzt auf einem Grashalm, ungefähr einen Zoll über der Oberfläche des Wassers, und lässt ein angenehmes Zirpen erklingen; sind mehrere beisammen, so singen sie harmonisch in verschiedenen Tönen. Ich hatte ziemliche Schwierigkeit, ein Exemplar dieses Frosches zu fangen. Bei der Gattung Hyla enden die Zehen in kleine Saugnäpfe; ich fand, dass dies Tier an einer Glasscheibe in die Höhe kriechen konnte, wenn sie absolut senkrecht gehalten wurde. Verschiedene Zikaden und Grillen unterhalten gleichzeitig ein unaufhörliches grelles Geschrei, welches aber, sich durch die Entfernung abmildernd, nicht unangenehm ist. Jeden Abend nach Dunkelwerden begann dies große Konzert; und oft habe ich dagesessen und ihm zugehört.

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Urwaldriesen

Bei mehreren Gelegenheiten genoss ich das Vergnügen einiger kurzer, aber äußerst angenehmer Exkursionen in die benachbarte Landschaft. Eines Tages ging ich in den botanischen Garten, wo viele wegen ihrer großen Nützlichkeit bekannte Pflanzen zu sehen waren. Die Blätter des Kampfer-, Pfeffer-, Zimt- und Gewürznelkenbaums waren entzückend aromatisch; und der Brotbaum, die Jaca und der Mango wetteiferten miteinander in der Pracht ihres Laubes. Die Landschaft in der Nähe von Bahia erhält ihren Charakter von den beiden letztgenannten Bäumen. Ehe ich sie gesehen hatte, hatte ich keine Ahnung, dass irgendein Baum einen so intensiv schwarzen Schatten auf den Boden werfen könne. Beide stehen zu der immergrünen Pflanzenwelt dieser Gegend in derselben Art von Verhältnis wie Lorbeer und Stechpalme zu dem helleren Grün der blätterabwerfenden Bäume in England. Es ist noch zu bemerken, dass die Häuser in den Tropen von den wunderschönsten Pflanzenformen umgeben sind, weil viele derselben gleichzeitig dem Menschen äußerst nützlich sind. Wer zweifelt wohl daran, dass diese Eigenschaften bei der Banane, der Kokosnuss, den vielen andern Palmenarten, der Orange und dem Brotfruchtbaum vereinigt sind?

Bei einer andern Gelegenheit brach ich früh auf und ging nach dem Gavia oder Topsegelberg. Die Luft war kühl und würzig, und die Tautropfen glänzten noch auf den Blättern der großen lilienartigen Pflanzen, welche die kleinen Bäche klaren Wassers beschatteten. Ich setzte mich auf einen Granitblock nieder, und es war entzückend, die verschiedenen Insekten und Vögel zu beobachten, wie sie vorüberflogen. Der Kolibri scheint ganz besonders derartig schattige Stellen zu lieben. Sooft ich diese kleinen Wesen um eine Blume herumschwirren sah, ihre Flügel so rapid schwingend, dass sie kaum sichtbar waren, erinnerte ich mich unserer Schwärmer; in ihren Bewegungen und ihrer Lebensweise sind beide einander sehr ähnlich.

Einen Fußweg verfolgend, trat ich in einen noblen Wald, und von einer Höhe von fünf- oder sechshundert Fuß bot sich mir eine jener glänzenden Aussichten dar, welche auf allen Seiten um Rio herum so häufig sind. In dieser Höhe erhält die Landschaft ihre brillanteste Färbung; und jede Form, jede Schattierung übertrifft an Pracht so vollkommen alles, was ein Europäer jemals in seinem heimischen Erdteil gesehen hat, dass er nicht weiß, wie er seinen Gefühlen Ausdruck geben soll.

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Kolibri, sein Nest verteidigend

* Vgl. die Umrechnungstabelle Fahrenheit–Celsius am Schluss des Bandes

** venda (portugies.) = Wirtshaus

III. KAPITEL

MALDONADO

5. Juli 1832. – Am Morgen früh machten wir uns auf den Weg aus dem prachtvollen Hafen von Rio de Janeiro hinaus. Auf unserer Überfahrt nach La Plata sahen wir nichts Besonderes mit Ausnahme einer großen Herde von Meerschweinen, viele hundert an der Zahl, die wir eines Tages antrafen. Das ganze Meer war stellenweise von ihnen durchfurcht, und es war ein außerordentlicher Anblick, wenn sie sich zu Hunderten sprungweise vorwärts bewegten, dabei ihre ganzen Körper dem Blicke darboten und auf diese Weise das Wasser zerschnitten. Wenn das Schiff neun Knoten die Stunde segelte, so konnten diese Tiere doch vor dem Bug beständig von einer zur anderen Seite hinüber- und herüberkreuzen und dann plötzlich gradausschießen. Sobald wir das Mündungsgebiet des Plata berührten, begann das Wetter sehr unsicher zu werden. Während einer dunklen Nacht waren wir von zahlreichen Robben und Pinguinen umgeben, welche so eigentümliches Geräusch machten, dass der wachhabende Offizier meldete, er könne die Rinder am Ufer brüllen hören. In einer anderen Nacht beobachteten wir ein prachtvolles natürliches Feuerwerk: Die Mastspitzen und die Enden der Rahen glänzten im Elmsfeuer. Es ließ sich sogar die Form der Windfahne beinahe verfolgen, als wenn sie mit Phosphor angerieben wäre. Das Meer war so außerordentlich leuchtend, dass die Züge der Pinguine durch feurige Linien markiert waren, und die Dunkelheit des Himmels wurde für Augenblicke durch die glänzendsten Blitze aufgehellt.

Den 26. Juli. – Wir ankerten vor Montevideo. Die »Beagle« war beauftragt, die südlichsten und östlichen Küsten Amerikas südlich vom La Plata während der zwei folgenden Jahre aufzunehmen. Um nun unnütze Wiederholungen zu vermeiden, will ich diejenigen Teile meines Tagebuchs hier im Auszug zusammenbringen, welche sich auf dieselben Gegenden beziehen, ohne mich immer streng nach der Ordnung zu richten, in welcher wir dieselben besuchten.