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Thomas Herzberg

Auftrag: Mord - Wegners schwerste Fälle (9. Teil)

Hamburg Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

Auftrag: Mord

Wegners schwerste Fälle (9. Teil)

von Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.2

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Ein großes Dankeschön geht an diesen Mann:

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann

 

Inhalt:

Aus purer Not heraus bleibt Wegner nichts anderes übrig, als sich mit Martin Seibler zu verbünden. Ein griesgrämiger Hauptkommissar und ein Auftragskiller in Frührente – zweifellos ein Team, wie es unterschiedlicher kaum sein könnte. Im Kampf gegen Jens Thomsen, den gemeinsamen Widersacher und Mörder von Stefan Hauser, fällt schnell auch die letzte Zurückhaltung. Beide Seiten kämpfen mit allen Mitteln und nehmen dabei keine Rücksicht auf Verluste ...

(Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Mittlerweile ist es allerdings ratsam, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ...;)

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann - worttaten.de

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Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

 

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Prolog

 

»Man könnte sagen, Sie hatten einfach nur Glück, besser gesagt: wir.« Martin Seibler rückte seinen Stuhl noch ein Stück näher an Wegners heran. Jetzt berührten sich ihre Lehnen beinahe. Und obwohl in dem kleinen Restaurant zu dieser späten Stunde kaum mehr ein Gast saß, senkte Seibler seine Stimme ein weiteres Mal, bevor er fortfuhr: »Schätze, die Kerle haben nicht damit gerechnet, dass wir mit Verstärkung anrücken. Das war eine gute Idee von Ihren Kollegen.«

»Und hört sich beinahe so an, als ob wir vor Freude ein Fass aufmachen sollten.« Wegner funkelte Seibler wütend an. »Mein komplettes Leben steht auf dem Kopf. Ich kann keinen Schritt mehr machen, ohne zu befürchten, dass es womöglich der letzte ist.« Er nahm einen großen Schluck Bier und donnerte das Glas auf den Tisch zurück. »Vielleicht können Sie mir erklären, was es da zu feiern gibt oder worüber ich mich freuen sollte.«

»Sie leben! … und am Ende zählt nur das.«

Wegner schaute auf seine Uhr. »Unser Treffen am Gänsemarkt ist genau zweieinhalb Tage her – es gibt so gut wie nichts, das heute noch so ist, wie es vorher mal war. Jahrzehntelang!«

»Das kommt wohl drauf an, aus welcher Perspektive man es betrachtet.«

»Wie meinen Sie das?«

»Zusammen mit dem heutigen Abend haben wir eine ganze Menge von diesen Kerlen erledigt. Allesamt Männer, die das Ziel hatten, Sie und Ihre Kollegen zu töten.«

»Und Sie!« Wegner keuchte, wobei nicht zu erkennen war, ob es sich um ein Lachen oder pure Atemnot handelte. »Wenn Sie mich fragen, dann sind Sie die neue Nummer eins auf Thomsens Liste – spätestens seit heute.«

»Das interessiert mich nicht.« Martin Seibler nippte an seinem Espresso und stellte die Tasse danach vorsichtig wieder ab. »Ehrlich gesagt ist es mir sogar lieber. Ich mag es, wenn ich meine Feinde kenne und ihnen am Ende nichts anderes übrig bleibt, als einen Frontalangriff zu wagen.«

»Dann können Sie mir vielleicht noch erklären, wie es weitergehen soll. In Ihrem Geschäft habe ich nämlich keine Erfahrungen und wollte bisher eigentlich auch keine sammeln.« Wegner rutschte auf seinem Stuhl herum, schien aber keine bequeme Position zu finden. »Na los! Das ist doch Ihr Metier … Butter bei die Fische!«

»Wir wissen, wer unser Feind ist. Und so, wie es aussieht, scheint sich dieser Thomsen noch immer in Hamburg zu verstecken – warum auch immer.«

»Er will es selbst zu Ende bringen, was sonst?«

»Und genau deshalb werden wir ihn finden.«

»Haben Sie eine Ahnung, wie groß Hamburg ist?« Wegner schüttelte den Kopf und musterte Seibler mit skeptischem Blick. »Ihre feinen Auftraggeber von damals versuchen seit Jahren, Terroristen und andere Taugenichtse in unserer schönen Stadt auszuräuchern. Die findet man auch nicht oder wenn, dann bestenfalls zufällig«, schickte er in besserwisserischem Ton hinterher.

»Das liegt vermutlich daran, dass sich diese Leute an Regeln und Gesetze halten müssen«, stellte Seibler unverändert lächelnd fest. »Jeder Einsatz muss von zig Stellen genehmigt werden, und wenn am Ende etwas schiefgeht, steht morgen schon alles auf irgendeiner Titelseite.«

»Und Sie wollen sich nicht an Gesetze halten?«

»Natürlich nicht!«

»Und was wollen Sie dann?«

»Die Kerle töten, so lange, bis keiner mehr übrig ist.«

 

1

 

Zweieinhalb Tage zuvor

 

»Wenn ich ehrlich bin, habe ich gehofft, Sie nicht wiederzusehen.« Wegner hatte kurz zuvor ein Café am Gänsemarkt betreten und Martin Seibler an einem der hintersten Tische sofort erkannt. Der Mann hatte sich in den letzten Jahren kaum verändert. Wenn man so wollte, dann sah er heute sogar deutlich frischer und erholter aus als damals.

»Sie sind Polizist, da kann ich es Ihnen nicht verdenken. Aber ich kann auch nicht unbedingt sagen, dass ich vor Wiedersehensfreude überschäume.« Seibler deutete auf den Stuhl gegenüber. »Setzen Sie sich, ich glaube nicht, dass wir unsere Zeit mit solchen Anfeindungen verschwenden sollten.«

Wegner ließ sich auf dem Stuhl nieder und gab der Kellnerin ein Zeichen. Nachdem sie seine Bestellung aufgenommen hatte, entschwand sie eilig hinter ihren Tresen. »Dann lassen Sie uns direkt anfangen, ich hab heute nämlich noch mehr auf dem Zettel.«

»Daran zweifle ich, sobald Sie wissen, worum es geht.« Seibler lächelte seltsam und schob kurz darauf ein einzelnes Blatt über den Tisch. Es war in der Mitte gefaltet, deshalb war auf den ersten Blick nicht zu erkennen, worum es sich dabei handelte. »Lesen Sie, danach wollen wir mal schauen, ob Sie bei Ihren Terminplänen bleiben.«

Wegner zog das Blatt zu sich heran und entfaltete es mit spitzen Fingern. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sich jegliche Farbe aus seinem Gesicht verabschiedet hatte. Mit jeder einzelnen Zeile öffnete sich sein Mund immer weiter, wobei nichts herauskommen wollte.

»Und? Wie steht es jetzt um Ihre Pläne?« Kaum hatte Martin Seibler das letzte Wort gesprochen, schnellte sein Kopf in Richtung Tür des Cafés. Seine Rechte schoss unter seine Jacke, verweilte dort allerdings zunächst regungslos. Wie eine Raubkatze, die ihre Beute anvisiert, beobachtete er zwei junge Männer, die mittlerweile vor dem Tresen angekommen waren. Die beiden flirteten viel zu laut mit der Kellnerin und posaunten ihre Bestellung heraus, als ob die jeden rundherum interessieren würde.

Seibler entspannte sich allmählich. Seine Hand kehrte leer unter seiner Jacke hervor, während in seinem Gesicht wieder das geschäftsmäßige Lächeln prangte. »Was sagen Sie dazu, Herr Wegner?«

»Wo haben Sie das her?«

»Das wollen Sie nicht wissen. Und wenn Sie es wüssten, dann würde es Ihnen ohnehin nicht weiterhelfen.« Seibler nahm einen Schluck Wasser. Er wirkte zwar deutlich entspannter als noch kurz zuvor, trotzdem ließ er die beiden Kerle vor dem Tresen keine Sekunde aus den Augen.

»Haben Sie mich herbestellt, weil Sie den Auftrag angenommen haben?« Wegner bedankte sich mit einem flüchtigen Nicken bei der Kellnerin, die in diesem Moment seine Bestellung auf dem winzigen Tisch platzierte. Jetzt schaute er wieder auf und verzog das Gesicht zu einem müden Grinsen. Nervosität oder gar Angst waren ihm nicht anzusehen. »Sagen Sie schon!«

»Ich muss zugeben, dass ich darüber nachgedacht habe«, begann Martin Seibler in nachdenklichem Ton. »Aber nicht des Geldes wegen!«

»Weshalb dann?«

Statt zu antworten, griff Seibler in seine Jackentasche und zog eine kleine Schachtel heraus. Bevor er sie öffnete, veränderte sich sein Gesicht auf dramatische Weise. Plötzlich wirkte er angespannt, seine Augen strahlten eiskalt, selbst seine Kiefermuskeln traten hervor. Vermutlich wäre es ihm in diesem Moment problemlos gelungen, einen armdicken Ast durchzubeißen. Langsam, mit zitternden Fingern, hob er den Deckel der Schachtel hoch und gab damit den schockierenden Anblick frei.

Wegner musste zweimal schlucken, bevor er in der Lage war, etwas zu sagen. »Ist das der Finger Ihrer …?«

»… Tochter, richtig. Er ist von Caro, meiner großen.« Seibler war anzusehen, dass er Mühe hatte, seine Tränen zu unterdrücken. Am Ende ist vermutlich jeder einfach nur ein besorgter Vater. Ganz gleich, ob er von Berufs wegen Gärtner, Postbote oder Profikiller ist.

Wegner atmete zuerst nur geräuschvoll. Vor seinem inneren Auge stellte er sich vor, dass jemand seiner kleinen Lennie so etwas antäte. Derjenige hätte, wenn er es verhindern könnte, keinen glücklichen Tag mehr in seinem Leben vor sich. »Was verlangt Thomsen von Ihnen?«, fragte er, nachdem einige wortlose Sekunden verstrichen waren.

»Ich habe noch genau achtundvierzig Stunden. Wenn Sie in zwei Tagen noch atmen, stirbt meine Tochter.« Seibler nahm Wegner das Blatt aus der Hand, faltete es zweimal und ließ es danach wieder in seiner Innentasche verschwinden. »Wie gesagt, ich habe lange überlegt, ob ich es einfach tun soll.«

»Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?« Wegners Lachen wollte kaum zur Situation passen. Trotzdem schien es auf beiden Seiten auch ein kleines bisschen für Entspannung zu sorgen. »Soll ich die Hände hochheben oder wollen Sie’s lieber von hinten erledigen.«

»Ich habe beschlossen, es nicht zu tun«, flüsterte Seibler, nachdem er sich mit der Antwort ein paar Sekunden Zeit gelassen hatte. »Ich bin in meinem Leben schon genug davongelaufen. Vermutlich wird es Zeit, sich dieser letzten Sache zu stellen. Außerdem habe ich doch keine Garantie, dass sie Caro am Ende tatsächlich verschonen.« Seibler lachte verbittert. »Da ist es mir lieber, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.«

»Sie haben doch mit Sicherheit Hunderte getötet. Warum kommt es Ihnen da plötzlich auf einen Einzelnen an?«

»Wollen Sie mit mir verhandeln, Herr Wegner?« Seibler verzog das Gesicht und schüttelte am Ende langsam den Kopf. »Wenn Sie so weitermachen, dann überzeugen Sie mich vielleicht doch noch, und ich ...«

»Lassen Sie es lieber. Meine Kollegen wissen von unserem Treffen. Und ich glaube nicht, dass Sie Hamburg lebendig verlassen würden, ganz gleich, welche Kontakte Sie haben.« Wegner schaute den beiden jungen Männern hinterher, die in diesem Moment mit ihrer Bestellung das Café verließen. Er beugte sich ein Stück über den Tisch, bevor er flüsternd aufs Neue begann: »Wie läuft so was ab? Ich meine, so ein Mordauftrag – das inseriert doch keiner in ’ner Tageszeitung.«

Seibler lachte kurz auf. Ein Wunder, bei dem Druck unter dem er vermutlich stand. »Solche Sachen werden auf vielen Wegen an einen herangetragen«, gab er ebenso leise zurück. »Wenn man weiß, wo man suchen muss, dann findet man sogar im Internet Arbeit. Ich suche schon lange nicht mehr und ich habe keine Ahnung, wie mich dieser Thomsen gefunden hat.«

»Also hat er Ihnen Geld angeboten?«

Seibler schüttelte zuerst nur den Kopf. Sein Blick fiel erneut auf die Schachtel, die mit geschlossenem Deckel immer noch mitten auf dem Tisch stand. »Ich bekam einen Anruf, vor zwei Tagen.« Seine Stimme zitterte leicht, während seine Augen unverändert im Café umherflogen. »Er hat sich nicht die Mühe gemacht, mir Geld zu bieten. Stattdessen erhielt ich heute Morgen dieses kleine Päckchen.«

»Und was haben Sie in den zwei Tagen dazwischen getan? Wollten Sie die Kerle auf eigene Faust jagen oder warten, bis die an Altersschwäche gestorben sind?«

»Als ich den Anruf bekam, saß ich mit meiner Frau in einem Hotel in Hongkong.« Seibler lachte freudlos. »Zuerst habe ich sogar noch geglaubt, dass es sich nur um einen üblen Scherz handelt.«

»Woher weiß er von Ihnen, von Ihrer Familie und von unserer …« Wegner zögerte einen Moment lang. »… Beziehung, wenn man es überhaupt so nennen kann? Warum hat er ausgerechnet Sie auf mich angesetzt?«

»Ich vermute, er weiß, dass ich in der Regel solide Arbeit abliefere.«

»Solide Arbeit?« Wegner zog ein schiefes Grinsen. »Das hört sich ja gerade so an, als ob Sie Autos oder Möbel reparieren würden. Sie verdienen Ihr Geld mit Mord, falls Sie’s vergessen haben!«

»Dann ist es also nur ein Zufall, dass dieser Thomsen Ihren Kopf und den Ihrer Kollegen will. Und es hat vermutlich auch nichts damit zu tun, dass Sie ihm einen Profikiller nach Jakarta hinterhergeschickt haben.«

»Sie sind anscheinend ganz gut informiert«, erwiderte Wegner in etwas sanfterem Ton als zuvor. »Trotzdem bleibt die Frage, warum sich Thomsen ausgerechnet Sie ausgesucht hat.«

Seiblers Miene verfinsterte sich von einer Sekunde zur anderen. »Ich habe keine Ahnung, und ferner denke ich, dass wir unsere Zeit nicht mit Mutmaßungen verschwenden sollten. Wir müssen handeln, und zwar schnell!«

Wegner zuckte nur mit den Schultern. Offensichtlich wollte ihm vorerst keine vernünftige Antwort einfallen.

»Außerdem sollten Sie nicht vergessen, dass dieser Auftrag nicht nur Ihnen, sondern auch Ihren beiden Kollegen gilt. Vielleicht wäre es besser, die zwei anzurufen und zu warnen.«

»Also glauben Sie, dass jetzt schon ein paar Ihrer seltsamen Berufsgenossen unterwegs sein könnten, um Jagd auf uns zu machen?«

Martin Seibler zog den gefalteten Zettel ein weiteres Mal aus der Tasche und ließ ihn, von einem Stöhnen begleitet, einfach auf den Tisch fallen. »Das ist ein Kopfgeld-Auftrag. Wer zuerst kommt, kassiert das Geld. Und das gilt übrigens nicht für tot oder lebendig, sondern nur für tot.«

 

2

 

»Deine Idee mit diesem Seibler war gar nicht schlecht. Sollten unsere eigenen Leute scheitern, dann haben wir mit dem Kerl ein echtes Vollblut im Rennen.« Marc Schuster war gerade erst zur Tür hereingekommen und setzte sich auf einen der Küchenstühle. Als er jetzt nach dem letzten Stück Butterkuchen auf dem Tisch greifen wollte, schlug ihm Jens Thomsen mit voller Wucht auf die Finger. »Denk an deinen Zucker!«, fauchte er dazu.

»Wer bist du, meine Mutter?«

»Gott bewahre!« Thomsen schüttelte noch immer den Kopf und schob das Kuchenstück auf seinen eigenen Teller. »Ist ohnehin viel zu lecker für dich …«

»Willst du wissen, für welche Attentate man Martin Seibler in den letzten zwanzig Jahren verantwortlich macht?«, erkundigte sich Schuster in lustlosem Ton. »Obwohl ich auch warten könnte, bis du an meinem Kuchen erstickt bist.«

Thomsen schüttelte den Kopf. Bevor er antworten konnte, musste er zunächst seinen Mund leeren. »Glaubst du vielleicht, ich hab den Typen ohne guten Grund ausgesucht? Seibler ist ein erbarmungsloser Killer, ein Tier, ein …«

»Dann weiß ich allerdings nicht, ob es eine gute Idee war, dass wir uns seine Tochter gekrallt haben«, gab Marc Schuster in nachdenklichem Ton zurück. »Stell dir vor, dieses Tier will am Ende uns beißen.«

»Solange wir die Göre in unseren Händen haben, wäre er verrückt, wenn er darüber auch nur nachdenkt. Ich gehe davon aus, dass er sich auf den Handel einlässt und am Ende bekommt er sein Mädchen unversehrt zurück.«

»Fast unversehrt!«

 

***

 

»Manfred! Ich habe dir gesagt, dass ich noch nicht so weit bin, über die Sache zu reden. Vielleicht könntest du dich zur Abwechslung mal …«

»Vera … halt den Mund!« Wegner holte tief Luft. »Wo ist Lennie?«

»Im Kindergarten, wo soll sie denn um die Mittagszeit sonst sein? Was soll der Mist, Manfred?«

»In den nächsten zwei Minuten fährt ein Streifenwagen vor. Etwa zur gleichen Zeit müssten die Kollegen auch im Kindergarten eintreffen.«

»Sagst du mir bitte, was los ist! Was ist passiert?«

»Ich weiß es selbst nicht«, gab Wegner wahrheitsgemäß zurück. »Aber die Streifen bringen euch im ersten Schritt ins nächstgelegene Revier, dort seid ihr sicher.«

»Sicher? Hast du den Verstand verloren, Manfred? Was bedeutet ›sicher‹?«

Wegner ignorierte sämtliche Fragen und fuhr unbeirrt fort: »Ich komme ins Revier rüber, sobald ich Zeit habe und alle anderen Sachen geregelt sind. Wäre schön, wenn du bis dahin einfach mal die Füße stillhältst.«

»Manfred! Manfred …« Wegner hatte aufgelegt.

Nur ein paar Sekunden später erklang die Türklingel. Vera hastete zunächst zum Fenster und sah gleich zwei Streifenwagen, die quer auf der Straße parkten. Eine Besatzung war zwischen den Fahrzeugen verblieben, während die andere vermutlich direkt vor ihrer Tür stand.

»Was ist los?« Auch die uniformierten Beamten, die kurz darauf keuchend vor Veras Haustür standen, bekamen von ihr zunächst nichts anderes zu hören als zuvor Wegner. »Können Sie mir bitte sagen …«

»Können wir leider nicht«, gab der ältere Polizist mit ungeduldiger Stimme zurück. »Wir haben ganz klare Anweisungen, Frau Wegner. Packen Sie so schnell wie möglich ein paar Sachen und dann holen wir Ihre Tochter ab. Die Kollegen sind bereits vor Ort.«

 

***

 

»Was soll das bedeuten, Cheffe? Wollen Sie mich verarschen?« Detlef Busch lachte vorsichtig. Kurz darauf schaute er Wegner und Seibler, die eben erst das Präsidium erreicht hatten, ratlos an.

»Wo ist Schilling?« Für die Beantwortung überflüssiger Fragen wollte Wegner anscheinend keine Zeit verschwenden. »Versuchen Sie ihn zu erreichen! Es soll herkommen. Sofort!«

Busch schien den Ernst der Situation verstanden zu haben, denn er hing bereits am Telefon, nicht ohne jedoch den Gast im Büro zu mustern.

»Vergessen Sie nicht die Familien Ihrer Kollegen«, mahnte Seibler. »Solche Typen machen sich immer zuerst an die Schwächsten heran.«

»Das spricht wohl einer aus Erfahrung«, gab Wegner in verbittertem Ton zurück. »Aber keine Sorge: Was meine Familie betrifft, ist bereits alles in die Wege geleitet.«

»Schilling ist in fünf Minuten hier, er ist nur im Archiv und wartet auf eine Akte!«, rief Busch dazwischen. »Können Sie mir jetzt bitte sagen, was los ist, Cheffe?«

Wegner hielt Martin Seibler seine offene Hand entgegen. Der holte ohne zu zögern den Kopfgeld-Auftrag hervor und ließ ihn auf Buschs Schreibtisch segeln. Nachdem der junge Kommissar die wenigen Zeilen überflogen hatte, saß er nur noch mit offenem Mund da.

»Rufen Sie Ihre Eltern an, Busch. Man kann schließlich nie wissen …«

»Keine Sorge, Cheffe! Die sind in ihrer Finca auf Mallorca, das Ding ist wie Fort Knox. Aber ich werde ihnen trotzdem raten, erst einmal dort zu bleiben, bis wir die Sache geregelt haben.«

»Geregelt haben?«, wiederholte Seibler tonlos. »Sie scheinen noch nicht allzu lange dabei zu sein, junger Mann.«

»Wer ist das eigentlich?« Busch deutete mit dem Finger auf Martin Seibler und sprach, als ob der gar nicht im Raum wäre. »Wo kommt der her und was will er hier?«

Wegner schnaufte zuerst nur. Ihm war anzumerken, dass er keine Lust auf umfangreiche Erklärungen hatte. »Herr Seibler ist von Berufs wegen … Problemlöser«, begann er mit seltsamer Stimme. Und weil Busch unverändert ratlos dreinschaute, legte der Hauptkommissar noch mal nach: »Mein Gott! Er ist … also, er hat für verschiedene Geheimdienste gearbeitet.«

»Sind Sie ein Auftragskiller?« Busch starrte Martin Seibler unverwandt an und erhielt ein zaghaftes Nicken als Antwort. »Dann geht die ganze Chose also noch weiter«, presste der junge Kommissar schwer atmend hervor. »Wenn Sie mich fragen, Cheffe, dann haben wir anscheinend die Büchse der Pandora geöffnet.«

»Dann bin ich froh, dass ich Sie nicht frage. Und außerdem: Wenn mir nach Büchsen öffnen ist, dann fahre ich in den Campingurlaub.« Wegner stand noch immer mit hängenden Schultern mitten im Raum. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Es galt, die nächsten Schritte zwar sorgsam zu planen, aber auch so zügig wie möglich. Bevor der Hauptkommissar fortfahren konnte, platzten Frank Schilling und Rex zur Tür herein.

»Er hat im Archiv an einen der Schreibtische gepinkelt.« Schilling deutete kopfschüttelnd auf den Schäferhund hinunter. »Da hat er jetzt auch Hausverbot.« Kurz darauf schaute der Oberkommissar die anderen Männer abwechselnd an. Die Tatsache, dass keiner etwas sagte, schien sein Misstrauen zu wecken. »Ist irgendwas? Hab ich was versäumt?«

 

3

 

Mit ein paar kurzen Sätzen hatten die Männer Schilling in die Kern-Fakten eingeweiht. Als der Oberkommissar dann auch noch seinen eigenen Namen auf dem Kopfgeld-Auftrag lesen durfte, bedurfte es keiner weiteren Überzeugungsarbeit.

»Und was machen wir jetzt?« Schilling saß kopfschüttelnd hinter seinem Schreibtisch, seine Finger kraulten mechanisch Rex’ Kopf, wahrscheinlich, ohne es zu merken. Am Ende blieb sein Blick an Martin Seibler kleben, von dem er vermutlich am ehesten eine brauchbare Antwort erwartete.

»Wir verschanzen uns im Präsidium«, dröhnte Wegners Stimme durch den Raum. »Was sonst?«

»Das ist keine gute Idee«, kommentierte Seibler tonlos. »Die Leute, die uns jagen, dürfen niemals wissen, wo sie uns finden. Es sei denn, wir wollen, dass sie es wissen!«

»Was soll das genau bedeuten?«, hakte Busch nach. »Sollen wir uns etwa verkriechen und warten, bis der Sturm vorbeigezogen ist?«

»Verkriechen ist fürs Erste eine gute Idee, junger Freund. Nur dass wir uns dem Sturm entgegenstellen werden, aber an Orten, wo wir den Kampf gewinnen können.« Seibler schaute die Polizisten im Raum nacheinander an. »Ich glaube, Sie haben keine Ahnung, was ein solcher Kopfgeld-Auftrag bedeutet.«

Die Kommissare reagierten mit Schulterzucken und fragenden Gesichtern.

Martin Seibler schickte ein freudloses Lachen vorweg. »Glauben Sie etwa, dass Sie hier im Präsidium sicher sind?«

Erneut Schulterzucken, wobei in Buschs Gesicht eine gewisse Vorahnung abzulesen war.

»Wenn es um so viel Geld geht, dann ist am Ende vielleicht sogar einer Ihrer Kollegen bereit, Ihnen beim Pinkeln von hinten die Kehle aufzuschlitzen. Sie dürfen mir glauben: Ich habe alles erlebt.«

»Das ist das Einzige, was ich glaube!«, moserte Wegner zurück. »Aber jetzt sagen Sie uns endlich, was das ganze Gefasel bedeuten soll.«

»Wenn ich bei meinen Aufträgen Informationen brauchte, dann habe ich die meistens von unterbezahlten Polizisten bekommen. Oder muss ich Ihnen vielleicht erzählen, mit welchem Hungerlohn man im Staatsdienst abgespeist wird?«

Wegner und Schilling schüttelten energisch den Kopf, während Busch nur mit nachdenklicher Miene nickte. Selbst Rex schien den seltsamen Besucher in diesem Moment fragend anzuschauen.

»Und die Antwort auf Ihre Frage, lieber Herr Wegner, ist ganz einfach: Wir befinden uns im Krieg und da gibt es weder Freund noch Feind und erst recht keine Regeln.«

Dieser letzte Satz hing wie ein dunkler Schleier über allem und sorgte zunächst für allgemeines Schweigen. Am Ende war es Wegner, der, für seine Verhältnisse relativ leise, von Neuem begann: »Dann sagen Sie uns, wie wir am besten vorgehen sollten. Wir sind Polizisten …« Er deutete auf Schilling und Busch. »… und keine Soldaten – und erst recht keine Killer!«

»Wir nutzen unsere Kontakte und versuchen herauszufinden, aus welcher Richtung der Wind weht«, erklärte Martin Seibler in routiniertem Ton. »Ich bin seit ein paar Jahren Frührentner, aber einige meiner alten Kontakte sollten zumindest noch ans Telefon gehen. Zur Not kann ich hier und dort vielleicht einen Gefallen einlösen.«

»Ich habe ein paar Leute beim LKA und BKA, denen wir vertrauen können«, fügte Schilling hinzu. »Hundertprozentig!«

»Das wird uns helfen, an aktuelle Informationen heranzukommen. Sehr gut!« Seibler schaute fragend zu Busch hinüber.

Als der gerade anfangen wollte, kam ihm Wegner zuvor: »Der Bengel hat Geld, endlos … wenn Sie verstehen.«

»Auch nicht schlecht! Und Sie, Herr Wegner? Was ist mit Ihnen?«

»Ich hab die Schnauze gestrichen voll, das kann manchmal auch helfen.«

 

Ein paar Minuten später wollte Busch gerade seine ersten Ergebnisse präsentieren, als sein Telefon klingelte. Er nahm den Hörer hoch, und gab ihn kurz darauf direkt an Wegner weiter. Das Gesicht des jungen Kommissars sprach Bände.

»Was gibt’s?«, bölkte Wegner, ohne zu wissen, wer am anderen Ende war.

»Sie ist nicht da, Manfred.« Es war Veras Stimme, die klang, als ob sie durch ein Nadelöhr gepresst wurde. »Wir können Lennie nicht finden, verstehst du? Wir …«

»Was soll das bedeuten, Vera? Ich dachte, ihr wäret längst auf dem Weg ins Revier!« Wegner spürte, wie ihn von einer Sekunde zur anderen sämtliche Kraft verließ. Seine Beine begannen zu zittern, im nächsten Moment fühlte er einen heftigen Stich in der Brust. Erst als Busch aufsprang und ihn beherzt am Arm packte, war der Hauptkommissar in der Lage, sich auf der Schreibplatte niederzulassen.

Vera schniefte am anderen Ende nur noch.

»Habt ihr alles durchsucht?«, fuhr Wegner mit dünner Stimme fort. »Wirklich alles?«

Keine Antwort. Das Schniefen war mittlerweile in ein herzzerreißendes Schluchzen übergegangen.

»Ich komme rüber, Vera! Du bleibst, wo du bist.«

 

»Ich glaube nicht, dass sich die Kerle Ihre Tochter geschnappt haben. Dafür hatten die nicht genug Zeit.« Martin Seibler saß am Steuer und raste in diesem Moment mit Wegners zivilem Einsatzfahrzeug den Gorch-Fock-Wall entlang. Der Hauptkommissar wäre vermutlich ohnehin nicht in der Lage gewesen, auch nur einen Meter unfallfrei hinter sich zu bringen.

»Es ist mir völlig egal, was Sie glauben! Meine Tochter ist verschwunden!« Wegner starrte mit hochrotem Kopf aus dem Seitenfenster. »Biegen Sie die nächste rechts ab, das geht schneller.«

Ein paar Minuten später trafen die beiden Männer vor dem Kindergarten ein. Mittlerweile standen hier ein halbes Dutzend Peterwagen kreuz und quer verteilt. Überall hatten sich Uniformierte postiert, von denen die meisten aufgeregt in ihre Funkgeräte brüllten. Wegner war bereits aus dem Wagen gesprungen, als der noch nicht einmal vollständig zum Stillstand gekommen war. Mit langen Schritten war er bis zum Haupteingang des Kindergartens gehechtet, um direkt dahinter auf Vera zu treffen.

Wegner drehte sich zu seinen Streifenkollegen um, die über einem großen Faltplan des Kindergarten-Geländes grübelten und ihre Ergebnisse diskutierten. »Sagen Sie mir, was los ist, sofort!«

»Den Spielplatz, das Gerätehaus … sogar den Bauhof nebenan haben wir komplett gefilzt.« Das Gesicht des Polizisten verfinsterte sich abrupt. »Nichts! Leider …«

»Was ist mit den Büschen hier auf der rechten Seite?« Martin Seibler hatte sich an Wegners Seite geschoben und sofort begonnen. »Was ist das dort links?« Er deutete mit dem Finger auf die Karte.

Seibler wollte gerade fortfahren, als draußen auf der Straße vor dem Kindergarten plötzlich ein regelrechter Tumult losbrach. Schreie waren zu hören, kurz darauf stürmte Vera kreischend durch die Glastüren.