Cover

Friedrich Gerstäcker

Die Sklavin

und andere Erzählungen

Überarbeitung, Korrekturen und Umschlaggestaltung Null Papier Verlag

1. Auflage, ISBN 978-3-95418-064-6

Umfang: 158 Normseiten bzw. 169 Buchseiten

www.null-papier.de/sklavin

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Jürgen Schulze, Null Papier Verlag

Inhalt

Autor

Die Sklavin

Der erkaufte Henker

Der Fischfang am Mississippi

Die Wolfsglocke

Die Silbermine in den Ozarkgebirgen

Der Osage

Die Vertreibung der Mormonen aus Missouri


Friedrich Gerstäcker (* 10. Mai 1816 in Hamburg; † 31. Mai 1872 in Braunschweig) war ein deutscher Schriftsteller. Er ist vor allem durch seine Bücher über Nordamerika bekannt; seine Bestseller waren Die Regulatoren von Arkansas (1846) und Die Flußpiraten des Mississippi (1847).

Friedrich Gerstäcker wurde in Hamburg als Sohn des Opernsängers Samuel Friedrich Gerstäcker (1790–1825) und seiner Frau Friederike geboren.

Gerstäcker war ein begeisterter Leser von Daniel Defoes Roman Robinson Crusoe sowie der ersten Lederstrumpferzählungen von James Fenimore Cooper und gründete seine Vorstellung von der Neuen Welt gerade auf diese Lektüre.

1837 reiste er erstmals in die USA und arbeitete in verschiedenen Berufen (als Heizer, Matrose, Jäger, Farmer, Koch, Silberschmied, Holzfäller, Schokoladenerzeuger, Hotelier). Da ihm das städtische Leben nicht zusagte, führte er das aufregende Leben eines Jägers. Seine Tagebuchaufzeichnungen aus Amerika schickte er seiner Mutter, die sie an Bekannte weitergab.

Nach sechs abenteuerlichen Jahren, in denen er von Kanada bis Texas und von Arkansas bis Louisiana den Subkontinent durchwandert hatte, kehrte er voller Tatendrang 1843 nach Deutschland zurück. Er ließ sich in Dresden nieder, fertigte Übersetzungen bekannter Autoren aus dem Englischen an und veröffentlichte seine ersten schriftstellerischen Arbeiten in verschiedenen Zeitschriften.

Die Regulatoren in Arkansas und Die Flußpiraten des Mississippi begründeten seinen schriftstellerischen Erfolg, Gerstäcker konnte seinen Lebensunterhalt künftig als Freier Schriftsteller sehr gut bestreiten.

1845 heiratete er Anna Aurora Sauer, die Tochter eines Kunstmalers aus Dresden. Auch für die deutschen politischen Verhältnisse besaß er ein waches Auge und beobachtete die Ereignisse der Revolution von 1848 sehr genau. 1849 unternahm der junge Familienvater eine weitere Reise über den »großen Teich«, die ihn diesmal nach Südamerika, Kalifornien, Tahiti und Australien führte und von der er erst 1852 wieder nach Europa zurückkam. Er schlug sich unterwegs auf abenteuerliche Weise durch, seine Familie wusste er durch die inzwischen veröffentlichten Werke finanziell abgesichert.

1860 trat er eine Reise nach Südamerika an, von der er 1861 zurückkehrte, in dem Jahr, in dem auch seine Frau starb. Mit einer Reisegesellschaft des Herzogs Ernst II. von Coburg-Gotha begab er sich 1862 auf eine weitere Reise, diesmal nach Ägypten. Im nächsten Jahr heiratete er ein zweites Mal, die 19-jährige Niederländerin Marie Luise Fischer van Gaasbeek.

Zu seiner letzten großen Reise brach Gerstäcker 1867 auf, deren Route von Nordamerika, Mexiko über die Westindischen Inseln und Venezuela ging. Danach ließ er sich in Braunschweig nieder und nahm noch als Kriegsberichterstatter am Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 teil.

Friedrich Gerstäcker starb im Alter von 56 Jahren in Braunschweig mitten in den Reisevorbereitungen für eine Reise nach Asien und Indien nach einem Hirnschlag.

Die Sklavin

Das Mail- oder Postboot war eben von New-Orleans angelangt und über die von demselben an’s Ufer geschobene Planke strömten in ununterbrochenem Zuge fast alle Geschäftsleute und Müßiggänger der kleinen Stadt Bayou Sarah an Bord, um teils für sie angekommene Briefe und Packete in Empfang zu nehmen, teils ihre Neugierde zu befriedigen und an dem zierlich ausgeschmückten Schenkstande ein Glas Brandy und Eiswasser zu schlürfen.

Der Capitain des Postboots, ein kleiner Franzose mit grauem Rock, schwarzem Filzhut und außerordentlich blank gewichsten Stiefeln, schien überall zu sein, und während ihm große Schweißtropfen an der geröteten Stirn glänzten, schimpfte er in fürchterlich gebrochenem Englisch auf Gott und die Welt, vorzüglich aber auf den Postmeister, der ihm aus seinem Comptoir, eben als er kaum den Rücken gewandt, ein Packet Briefe in zu großem Amtseifer entführt und mit hinauf auf die Post genommen hatte.

»God dam him!« wetterte der kleine Mann, mit der Faust auf das grünbeschlagene Pult niederschlagend, daß die Tinte hoch empor spritzte – »was hat der Pflasterschmierer (der Postmeister hatte zu gleicher Zeit eine Apotheke und einen Kramladen und ließ sich gern ›Doctor‹ nennen) in meinem Comptoir zu suchen? Schleppt Briefe hinauf, eh? Denkt nachher Wunder, was er getan hat; aber wart’ – Du kommst mir wieder.«

»Capitain! Briefe für mich angekommen?« fragte ein junger schlanker Mann, dem Erzürnten lachend dabei auf die Schulter klopfend.

»Geht in die Hölle oder zum Quacksalber hinauf!« fluchte dieser weiter, ohne sich nur die Mühe zu nehmen, herumzuschauen, wer ihn angeredet habe.

»Hallo! was ist wieder im Wind?« lachte der junge Pflanzer – »die Kessel voll zum Zerplatzen? Dampf genug, um drei gewöhnliche Boote in die Luft zu blasen! immer noch der Alte. Ihr Franzosen seid doch sonderbares Volk; gleich Feuer und Flamme, wie Dupont’s Schießpulver!«

»Der Postmeister hat die Briefe mit hinaufgenommen,« antwortete der Buchhalter statt des Capitains.

»Dam him!« rief dieser und warf die Glastür hinter sich in’s Schloß, daß die Scheiben klirrten.

»Never mind,« sagte der Pflanzer, »er will gern seine Viertel-Dollars dafür ziehen – Alles zu Onkel Sam’s1 Besten, ’s ist ein gar uneigennütziger Mann, ich kenne ihn wohl; wer einen Brief abholt, muß auch eine Kleinigkeit im Laden kaufen, oder eine Schachtel Medicin mitnehmen. Doch ich will hingehen und sehen, ob etwas für mich angekommen ist.«

Damit trat er hinaus auf den Gang, stieg die Kajütentreppe hinunter und war eben über die Planke an’s Ufer gesprungen, als er eine Hand auf seiner Schulter fühlte und ihn eine freundliche, wohlbekannte Stimme anredete:

»Hoho, Ned, wohin so eilig? rennst Du doch, als ob Du von einer Wahl kämst und die wichtigsten Neuigkeiten mitbrächtest!«

»Guston! bei allen Teufeln und Engeln der vier Elemente,« rief der also Angeredete in freudigem Erstaunen aus, – »Guston! aber wie um des Himmels willen kommst Du denn jetzt hierher, wo ich Dich ehrbar und fest in Connecticut angesiedelt glaubte; hast Du die östlichen Staaten schon satt?«

»Vollkommen, mein alter Junge, vollkommen,« entgegnete Guston – »der Böse hole die freien Staaten; ein Pflanzer kann nun einmal da nicht existieren, wo kein Sklavenhandel ist. Ich hatte erst allerlei phantastische Ideen von der Freiheit und Gleichheit der Menschen,« fuhr er fort, als er seinen Arm in den des jungen Mannes hing und mit ihm an das Ufer hinaufschlenderte – »ich glaubte es eine Sünde, meinen ›schwarzen Bruder‹, wie die Methodisten sagen, zu schinden und zu plagen, bat daher meinen Alten um Reisegeld und ging nach New-York. Von dort aus schrieb ich Dir, daß ich gesonnen sei, mir ein Landgut zu kaufen und mich im Norden des Staats, oder in Connecticut, zwischen den dort eingewanderten gemütlichen Pennsylvaniern niederzulassen. Es war damals meine Absicht, und hätte ich es getan, so ständen wir jetzt nicht hier auf louisianischem Grund und Boden zusammen; gerade damals lernte ich aber einen jungen Mann kennen, dem ich mich anschloß und dessen intimer Freund ich wurde, so daß ich, da er in Geschäften nach Europa mußte, mit ihm ging und mit dem Great Western hinüber nach dem ›alten Lande‹ segelte.«

»So bist Du indessen in Europa gewesen?« unterbrach ihn erstaunt der junge Pflanzer.

»Gewiß,« nickte Guston, »in England, Irland und Deutschland; durch die ersten beiden Länder begleitete ich meinen neugefundenen Freund, bis dieser sich plötzlich in ein irländisches Mädchen, und zwar so rasend verliebte, daß er in vier Wochen Hochzeit hielt, gegenwärtig mit allen möglichen alten Squires und jungen Gentlemen nach Füchsen und Kirchtürmen rennt, über alle nur aufzufindenden Hecken, Gräben und Mauern wegsetzt, und sich jetzt, wenn er nicht unter der Zeit den Hals gebrochen hat, ganz wohl befindet. Ich selbst hatte es da bald satt, ging zurück nach England und ließ mich von da nach Deutschland übersetzen. Dort hatte ich Gelegenheit, das Leben der unteren Volksklassen, das Leben der Armen kennen zu lernen, und, Ned, von dem Augenblick an bedauerte ich unsere Sklaven nicht mehr. Es muß hart sein, die Freiheit zu verlieren und der Willkür eines oft vielleicht zu strengen Herrn preisgegeben zu werden; aber das Elend, das ich dort gesehen, die Nahrungssorgen der Unglücklichen, vor deren Augen die eigenen Kinder darben und verderben; der Frost noch dazu im Winter, wo der Vater, der einzige Brotverdiener, eingekerkert wird, wenn er den Jammer zu Hause nicht mehr mit anschauen mochte und in den Wald ging, um ein paar Zweige abzubrechen und die Seinigen wenigstens zu erwärmen, wenn er sie nicht sättigen konnte – der eingebildete, förmlich wahnsinnige Stolz des Adels dabei, gegenüber den unglücklichen Armen – und außerdem noch eine ›gesetzliche‹ Willkür, die dem Unglücklichen mit dem vollem Pomp und Schein offenbarer Gerechtigkeit mit gierigen Händen das Letzte nimmt und dem Vernichteten in der Pracht und dem Luxus der Großen wie zum Hohn alles Das zeigt, was er eben entbehren muß, nicht einmal im Stande, seine Kinder so zu füttern, wie die Hunde der Großen gefüttert werden – das, Ned, füllte mich mit Ekel und Überdruß, und ich kann Dir gestehen, ich war froh, als ich das ›alte Land‹ wieder hinter mir hatte. Es mag denen dort zusagen, die es ihre Heimat nennen, der Eskimo liebt ja seine Eisberge und Thrannahrung, aber dem, für den es diesen Zauber entbehrt, ist es ein trauriger Aufenthalt – ich möchte dort nicht leben. Nach kurzem Aufenthalt in Deutschland kehrte ich über Hamburg nach New-Orleans zurück und bin heut, wie Du mich siehst mit dem Postboot heraufgekommen, um von hier zu Land meines Vaters Plantagen zu erreichen.«

»Das zu lernen, brauchtest Du wahrhaftig nicht nach Europa zu gehen,« lachte Ned – »das weiß jedes Kind, daß es unsere Neger besser haben als die armen Leute in Irland oder Deutschland; hol’ sie der Henker, und doch murren die Canaillen. Aber heut Abend bleibst Du bei mir, und morgen früh nimmst Du mein Pferd; Dein Alter hat Dich nun so lange nicht gesehen, daß es auf den einen Tag auch nicht ankommen wird.«

»Topp!« rief Guston, »doch laß uns den Schatten suchen, die Hitze hier am Ufer ist unausstehlich. Du wirst mich übrigens führen müssen, denn ich kenne Bayou Sarah ja gar nicht wieder; kaum zehn Häuser waren’s, wie ich fort von hier ging, und jetzt steht eine ordentliche Stadt da.«

»Nun, die Mulattin Nelly lebt immer noch,« lachte Willis, »und führt so guten Brandy wie früher; da wollen wir denn vor allen Dingen einmal einsprechen, vielleicht findest Du dort einige alte Bekannte.«

Mit diesen Worten nahm er seines neugefundenen Freundes Arm wieder in den seinigen und schlenderte mit ihm dem nahen Kaffeehause zu, aus dem ihnen lautes Lachen und Jubeln entgegentönte.

Es war ein nicht sehr großes, nach der Straße zu offenes Zimmer, in das sie traten, und dessen Hintergrund ein langer Schenktisch ausfüllte. Der eigentliche Schenktisch (Bar) bestand aus einem aus gemasertem Holz verfertigten, etwas hohen Aufsatze, über den weiße Marmorplatten gelegt waren, um die darauf verschütteten Flüssigkeiten wieder leicht hinwegwischen zu können. Aus einem großen, mit weißem Tuch überdeckten Präsentierteller standen mehrere Dutzend reiner Trinkgläser, während auf einem andern dicht daneben eine gläserne große Schale mit einem plattierten Deckel, geriebenen Zucker enthaltend, prangte. Neben ihr befanden sich wiederum zwei kleine Fläschchen, die, fest zugekorkt und mit einer durch den Stöpsel laufenden Federspule versehen, dazu dienten, die in ihnen enthaltenen Flüssigkeiten (Staunton-Bitters und Pfefferminze) in die Getränke zu tröpfeln, um diesen einen pikanten Geschmack zu verleihen. Hinter dem Schenktische waren in langer Reihe alle möglichen Arten von Getränken, Weine und Liqueure, in zierlichen, farbigen und feingeschliffenen Flaschen und Caraffen geordnet, und zwischen ihnen Orangen und Zitronen aufgeschichtet, was dem Ganzen einen frischen, heitern Anschein gab. Unter dem Schenktische stand eine große Schüssel mit Eis, das in Stücken in die Gläser geworfen wurde, den Trank abzukühlen, und ein junger Mann in einer weißleinenen Jacke und eben solchen weiten Beinkleidern war emsig beschäftigt, den durstigen Gästen, die sich bei der übergroßen Hitze in beträchtlicher Anzahl eingefunden hatten, einzuschenken. Ein langer Doctor von der andern Seite des Mississippi, von Pointe-Coupé, schien übrigens besonders tätig, sein Glas immer wieder auf’s Neue zu leeren, bei welchem Geschäft ihm denn alle Anderen helfen mußten, weil er schwur, daß er nicht allein trinken wollte; und immer wieder ließ er das seinige wie die aller Anwesenden frisch füllen, obgleich er sich kaum noch selbst auf den Füßen halten konnte. Oft zwar versuchte ihm Einer oder der Andere zu entschlüpfen, aber mit Adlerblicken entdeckte und erwischte er die Deserteure, und ein frisches Glas war die Strafe, die ihrer wartete. Mehrere, unfähig noch einen Tropfen zu genießen, saßen in der Ecke, als unsere beiden Freunde zur Verstärkung anrückten und augenblicklich von dem Doctor mit offenen Armen empfangen wurden.

»Willis – eh?« redete er diesen an, »durstig? immer durstig?«

»Hier, Doctor, ist ein Freund von mir, ein gewisser –«

»Ein Freund von Euch? er muß mit mir trinken. Sir, geben Sie mir Ihre Hand – so – ich bin der Doctor Siel von Pointe-Coupé, Sie müssen von mir gehört haben. Was wollt Ihr trinken? Hier, Barkeeper, schnell, hier ist ein Mann, der durstig ist – so recht, Gläser, und Eis hinein, – mir aber kein Eis, ich will’s heiß haben, heiß wie Lava, will Hitze mit Hitze curiren. Zum Henker, wem gehört das lange Gesicht, was da zum Fenster hereinstiert? kommen Sie herein, Sir; was wollen Sie trinken?«

»Danke, danke,« sagte der Neuangekommene, indem er rasch in die Tür trat und sich ohne weitere Umstände sein Glas füllen ließ.

Es war ein Mann von außergewöhnlicher Länge, der noch um mehrere Zoll über den schon ungeheuer langen Doctor hinausreichte, mit vorstehenden Backenknochen und grauen, scharf und klug umherblickenden Augen, dessen ganze Gesichtszüge aber den Yankee nicht verkennen ließen. Ein blauer langschößiger Frack war trotz des heißen, schwülen Wetters fest zugeknöpft, und ein hoher weißer Filzhut, den er etwas nach hinten gedrückt auf dem Kopfe trug, machte die lange Gestalt noch länger. Seine Stiefeln waren nach der modernsten Façon gearbeitet und ganz neu, mochten ihn aber wohl gedrückt haben, denn auf beiden hatte er, gerade über den Zehen, mit einem Messer einen Kreuzschnitt gemacht, um seinen Füßen Raum zu gewähren; überhaupt schien er das Bequeme zu lieben, denn er setzte sich augenblicklich mit größtmöglicher Gemütsruhe auf den Ladentisch, wobei ihm seine Ausdehnung sehr zu statten kam, und leerte das ihm mit Wachholder und Wasser dargereichte Glas.

»Gentlemen,« begann jetzt der Yankee, nachdem er einige Kreuz- und Querfragen des Doctors mit eben so vielen anderen Fragen beantwortet hatte, »ich denke, wir können ein Geschäft zusammen machen.«

»Ihr habt doch um Gottes willen keine Wanduhren zu verkaufen?« fragte mit komischem Schrecken der Doctor.

»Nein,« entgegnete lachend der Yankee; »damit befasse ich mich nicht.«

»Ihr Herren scheint Euch sonst nicht gerade an etwas Bestimmtes zu binden,« wandte Guston ein, indem er dem Langen näher trat.

»Für diesmal doch,« antwortete der Yankee, »ich habe mich auf den Menschenfleischhandel gelegt und mit dem läßt sich nicht gut ein anderer vereinigen, Vieh- und Pferdehandel ausgenommen; doch habe ich meine letzten Mustangs in Baton rouge verkauft und nur noch ein Negermädchen von ungefähr fünfzehn Jahren übrig behalten, die ich heute Nachmittag um vier Uhr in Müller’s Kaffeehaus ausspielen will, um am Mittwoch wieder mit dem Mailboot nach New Orleans und von da nach meiner Heimat zurückkehren zu können.«

»Und was kostet das Los?« fragte Willis.

»Fünf Dollars – wir wollen sie auswürfeln!« lautete die Antwort; »es ist ein capitales Mädchen, gesund und kräftig, und die schönste Negerin, die Ihr je gesehen habt.«

»Aber wo steckt denn die Dirne?« unterbrach ihn der Doctor; »schafft sie doch einmal her, und sieht sie gut aus, so nehme ich drei oder vier Lose.«

»Sie ist nur wenige Schritte von hier entfernt,« sagte der Yankee, von seinem Sitz aufstehend – »warten Sie einen Augenblick, ich bringe sie herüber; es wollen sie überdies noch einige Herren hier ansehen.« Mit diesen Worten verließ er das Schenkzimmer und kehrte bald mit einem schönen jungen Negermädchen zurück.

Das kurze, wollige Haar hatte Rabenschwärze; die Nase war, ihrer äthiopischen Abkunft treu, breit gedrückt, aber klein und zierlich, und nur leicht aufgeworfen zeigten sich die kirschroten Lippen, zwischen denen, wenn sie sprach, ein Paar blendend weiße Reihen Zähne sichtbar wurden und um so mehr gegen die samtartige, schwarze Haut und die dunkeln, glühenden Augen abstachen. Sie war nicht groß, aber schlank gewachsen und ungemein zierlich gebaut, so daß selbst der seiner Sinne kaum noch halb mächtige Doctor einen Fluch ausstieß und schwur, sie wäre eine verteufelt hübsche kleine Hexe.

Mehrere Pflanzer aus der Umgegend waren jetzt noch hinzugetreten, von denen fast Alle Lose genommen hatten, und der Yankee führte das Mädchen wieder fort, um in St.-Francisville oben noch mehr Teilnehmer für das Würfelspiel um ein menschliches Wesen zu finden.

Unmittelbar hinter dem Mädchen war, als ihr Herr sie zur Schau in die Schenkstube führte, ein junger blasser, aber sehr anständig gekleideter Mann eingetreten, der mit gespannter Aufmerksamkeit den ganzen Verhandlungen horchte und zuletzt, als jeder ein Los nahm, seine Baarschaft ebenfalls hervorholte. Unstreitig hatte er beabsichtigt, zwei Lose zu kaufen, denn er überzählte sein Geld mehrere Mal; es mußte aber wohl nicht zureichen, denn seufzend schob er einige Dollarnoten wieder in sein schmächtiges, stark abgenutztes Taschenbuch zurück und löste für fünf einzelne derselben ein einziges Los.

Bald darauf, als sich der Doctor wieder nach ihm umsah und bei Allem, was im Himmel und auf Erden lebe, schwur, daß er mit ihm trinken oder sich mit ihm schlagen müsse, war er verschwunden.

Unterdessen rückte die vierte Nachmittagsstunde heran und eine große Anzahl von Menschen hatte sich vor dem eben erwähnten Kaffeehause versammelt, wo sie ungeduldig den Yankee erwarteten. Endlich kam er – an seiner Seite ging das Negermädchen und nicht weit von ihr entfernt, doch etwas Zurück, der bleiche junge Mann.

Lärmender Jubel empfing die Neuankommenden und der Doctor war der Ausgelassenste und Lustigste von Allen. Das Billard im großen Schenkzimmer wurde jetzt schnell zum Würfeltisch hergerichtet, die Liste der Würfelnden noch einmal verlesen, und der Wirt postierte sich dann mit einem Stück Kreide an die Billardtafel, um den Namen Dessen, der den höchsten Wurf tun würde, aufzuschreiben und die Zahl der geworfenen Augen dabei zu bemerken. Das Mädchen stand in einer Ecke auf einem zu diesem Zweck erhöhten Platz, um von Allen gesehen zu werden, und zwei große helle Tränen hingen an ihren dunkeln, niedergeschlagenen Wimpern.

Ein Herz nur, in all’ dem Drängen und Treiben, fühlte ihren Schmerz und teilte ihn – es war der bleiche junge Mann, der, nur wenige Schritte von ihr entfernt, an ein Fenster gelehnt, mit zusammengepreßten Lippen und für den Augenblick von Fieberhitze geröteten Wangen, die Arme fest ineinander verschränkt, da stand, vor sich niederstarrte und nur dann und wann schnell und mit einem die höchste Angst verratenden Blick das große, dunkle Auge zu ihr erhob. Als aber das Zeichen zum Anfang gegeben wurde und Aller Aufmerksamkeit sich dem Billard zuwandte, als selbst das Opfer einen Moment schüchtern und bebend aufschaute, begegneten sich ihre Blicke; im Nu war er an ihrer Seite und flüsterte ihr, dicht bei ihr vorbeistreichend, zu. »Mut, Selinde, Mut, Du sollst mein werden und wenn ich Dich aus ihrer Mitte stehlen müßte!«

Ein mattes Lächeln überflog für einen Augenblick das tränenfeuchte Antlitz des armen Kindes, bald aber schwand es wieder und traurig senkte sie das Köpfchen und weinte still.

Das Spiel hatte unterdessen seinen Anfang genommen, dicht um das Billard gedrängt standen die Teilnehmer, mit gespannter Aufmerksamkeit die rollenden Würfel betrachtend, um schnell die fallenden Augen zu zählen.

»Fünfundvierzig!« rief Willis, als sein dritter Wurf gefallen war – »überbietet das, Doctor, wenn Ihr könnt.«

»Nun, ich habe fünf Lose und kann es schon eine Weile mit ansehen,« entgegnete dieser; »aber einmal will ich es doch jetzt auch versuchen.«

Er nahm die drei Würfel in den Becher, schüttelte sie und warf drei Einer.

»Das ist ein guter Anfang!« rief er ärgerlich, als lautes Gelächter ihn von allen Seiten begrüßte – »aber laßt nur, für dies erste Los werfe ich nicht mehr; könnte ja so nur, im günstigsten Fall, neununddreißig bekommen – ich will unterdessen Eins trinken.«

Er trat vom Billard zurück, Andere drängten sich hinzu, und eine Zeit lang herrschte ein gespanntes, ängstliches Stillschweigen, das nur von dem Klappern des Elfenbeins unterbrochen wurde. Der bleiche junge Mann, den Niemand im Zimmer zu kennen schien, trat jetzt hinzu und rief mit leiser, aber fester Stimme: »Mir die Würfel!«

Nur schwach war der Laut, mit dem diese Worte gesprochen wurden; wie ein elektrischer Schlag aber durchzuckten sie den Körper des jungen Mädchens, das krampfhaft emporfuhr und mit geöffneten Lippen und angehaltenem Atem aufmerksam dem geringsten Laut horchte.

Einen Blick nur warf der Spieler auf die vorgebeugt lauschende Gestalt, einen andern an die Decke, wie um da Hilfe zu erflehen, und dann rasselten mit fester Hand die entscheidenden Würfel auf das grüne Tuch – zwei Sechsen und eine Vier. »Sechzehn!« zählte monoton der Anschreiber; »noch einmal!« – wieder lagen dieselben Augen – zum dritten Mal warf er die Würfel in den Becher, schüttelte und – drei Zweien rollten hervor. »Achtunddreißig! – schlecht!« schrie der Ausrufer, und leichenblaß trat der Unglückliche vom Billard zurück. Ein Anderer nahm seinen Platz ein, und in sich zusammenschaudernd hielt die Negerin kaum ihre zitternde Gestalt aufrecht; doch ermannte sie sich nach wenigen Augenblicken wieder, und bat mit leiser Stimme einen nicht sehr entfernt von ihr stehenden weißen Mann um ein Glas Wasser.

»Verdamm’ Dich – hol es selber; glaubst Du, daß ich Dein Nigger bin!« rief dieser, sich unwirsch von ihr abwendend. Ohne ein Wort zu erwidern, schwankte sie zum Schenktisch, nahm ein dort stehendes Glas, füllte es mit dem kühlenden Eiswasser und trank es leer; neugestärkt hierdurch, schritt sie leichten, fast elastischen Schrittes zu ihrem Platz zurück und barg, an die Wand gelehnt, das Gesicht in ihren Händen. Sie nahm sichtbar keinen weiteren Teil an ihrem ferneren Geschick, und nur manchmal, wenn der rohe, freudige Ausruf eines glücklichen Würflers an ihr Ohr drang, schien eine plötzliche Angst ihr ganzes Innere zu durchbeben, und ein leichtes Zittern überflog ihre Glieder.

Wohl eine halbe Stunde mochte das Spiel so ununterbrochen fortgedauert haben und näherte sich jetzt seinem Ende, als der bleiche Mann, der sich auf kurze Zeit entfernt hatte und dem so viel an dem Besitz des jungen Mädchens gelegen zu sein schien, plötzlich zu dem Sklavenhändler wieder herantrat und ihn leise, mit verhaltener, aber zitternder Stimme um ein anderes Los bat.

»Gut, mein Herr, ich habe gerade noch zwei, wollte sie selbst werfen, aber um Ihnen einen Gefallen zu tun, ist hier eins davon,« antwortete dieser artig; »jedoch,« fuhr er, sich höflich verneigend, fort – »werden Sie einsehen, daß ich eine Gelegenheit, mein Eigentum selbst wieder zu gewinnen, nicht ganz umsonst aus den Händen geben sollte – ich kann Ihnen jetzt das Los nur für zehn Dollars lassen.«