Impressum

eBook, Oktober 2013

Erstausgabe

Copyright © 2013 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Alexandra Kaeser

Fotografien: Alexandra Kaeser und Pierre Pallez

Lektorat: Theodor Boder und Lectorare.de

ISBN 978-3-905802-46-7

www.boderverlag.ch

Widmung

Für

Armand

und

Sylviane

Prolog: Das Ende

Es ist nun fast drei Jahre her, seit Lilith uns verlassen hat. Über zwei Jahre lang haben wir nichts von ihr gehört. Wir wussten nicht, wo sie war oder wie es ihr erging. Das Einzige, dessen wir uns sicher waren: Sie lebte noch. Bis heute fällt mir die Vorstellung, dass jemand mächtig genug sein könnte, sie zu zerstören, wirklich schwer.

Vor ein paar Wochen hat uns ein Bote ein Paket überbracht. Wir waren erstaunt zu sehen, dass es ein Manuskript in Liliths Handschrift war. Sie hatte alles niedergeschrieben. Dem Manuskript hat sie folgenden Brief beigelegt:

Meine Liebsten,

es ist nun fast zwei Jahre her, seit ich Euch in Basel alleingelassen habe. Die Art, wie ich mich von Euch getrennt habe, war für mich die einzig denkbare. Ich wollte nicht Abschied von Euch nehmen, denn wir wissen alle, dass uns die Zeit wieder zueinander führen wird.

Vor ein paar Monaten, als ich das Geburtsland der Dämonen besuchte, habe ich wieder einmal sehen müssen, dass alles ein Ende hat, aber auch einen Anfang. Mir wurde bewusst, dass unsere Geschichte für zukünftige Generationen wichtig sein könnte. Sie ist schließlich ein Teil von uns allen.

Ich weiß auch, dass ich Euch mit vielen Fragen zurückgelassen habe. Das tut mir so leid, denn Ihr standet mir geduldig zur Seite, und ohne Euch wäre ich nicht Lilith. Wenn jemand Antworten verdient hat, dann seid Ihr es!

Ich habe mich also entschieden, die Geschehnisse meiner beiden Anfänge und Enden niederzuschreiben. Ich verlasse mich auf Euch, das Manuskript zu einem Buch zu verarbeiten und es meiner Bibliothek in den Katakomben des Ordens der Lilie hinzuzufügen. Schließlich ist dies die größte bekannte Bibliothek, die sich mit der wahren Geschichte unserer Art beschäftigt.

Ich hoffe, Ihr findet in diesem Werk die Antworten, nach denen Ihr gesucht habt.

Vergesst nicht, dass ich Euch liebe, und diese Liebe ist immerwährend!

In Liebe

Lilith

Ihrem Wunsch entsprechend haben wir uns sofort an die Arbeit gemacht. Wir haben uns entschieden, Liliths Geschichte zu veröffentlichen. Es bestand keine Gefahr, dass sie als reales Werk erkannt würde. Gleichzeitig gibt es uns die Möglichkeit, die Geschehnisse zu verbreiten. Alle, die wissen müssen, dass es sich wirklich so zugetragen hat, werden dies auch erkennen.

Der Orden der Lilie dient nun einer anderen Sache, und Basel ist in der kurzen Zeit zum Mittelpunkt unserer Bewegung geworden.

Unsere Hoffnung, liebe Leser, ist, dass Ihr aus Liliths Geschichte lernt.

Basel, 1. Oktober 2013

Lyès de Marois

Erstes Buch: Die Prophezeiung der Lilie

Armand

Lily saß im Kannenfeldpark auf einer Bank und genoss die letzten Sonnenstrahlen. Die Bäume verloren bereits ihre ersten Blätter. Noch war es zwar warm, bald aber würde das letzte Laub fallen und der Winter würde kommen. Lily mochte die Kälte nicht. Was sie liebte, war die Hitze des Sommers und das Licht der Sonne. Noch nie hatte sie einfach nur zu Hause rumsitzen können, wenn die Sonne schien. Schon als kleines Kind konnte ihre Mutter sie nicht aufhalten, immer wieder nach draußen in den Garten zu rennen, wo Lily sich alleine beschäftigte und in ihre Welten eintauchte.

Lily schloss die Augen und genoss die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht. Zwar spürte sie die sinkende Temperatur, schließlich war es schon Oktober, aber es störte sie nicht, sie fror selten.

Heute vor dreizehn Jahren waren ihre Eltern bei einem Brand gestorben. Doch das Mädchen trauerte nicht mehr um sie. Lily war noch so jung gewesen. Anfangs hatte sie ihre Eltern sehr vermisst, doch mit der Zeit verblasste ihre Erinnerung. Ganz wenige Bilder blieben ihr noch, sie hätte ihren Vater wahrscheinlich gar nicht mehr erkannt, hätte sie ihn heute gesehen. Aber ihre Mutter war immer präsent. Lily hatte allerdings nur noch eine Erinnerung an sie: wie sie Lily verängstigt ansah, das dunkelbraune Haar ganz unordentlich, die dunklen Augen voller Schmerz und Traurigkeit. Lily wusste nur noch, wie ihre Mutter ihr die Kette gegeben hatte. „Trag sie, sie wird dich vor Bösem beschützen!“ Dann verschwand das Gesicht der Mutter. Grüne Augen. Wo kamen denn die grünen Augen her? Hatte ihr Vater grüne Augen gehabt? Schon möglich, sie erinnerte sich ja nicht mehr an ihn. Die silberne Mondsteinkette hatte sie nicht ein einziges Mal in ihrem Leben abgelegt. Lily hatte ihrer Mutter geglaubt, und sogar jetzt meinte Lily zu spüren, wie die Kette nicht nur Trost spendete, sondern sie auch beschützte.

Plötzlich bekam Lily eine Gänsehaut, aber nicht vor Kälte. Sie öffnete die Augen und sah sich um. Die Sonne war untergegangen, die Nacht kam. Wurde sie beobachtet? Sie sah nichts. Eine Bewegung? Nein, nichts. Lily stand auf und ging nach Hause. Sie wohnte in einer kleinen, aber sehr schönen Wohnung neben dem Park. Fast jeden Abend kam sie her, spazierte, las oder saß einfach nur auf ihrer Bank und genoss die Sonne und die Natur. Sie mochte es auch, Menschen zu beobachten und sich deren Geschichten vorzustellen. Manchmal sprach sie mit älteren Leuten, die wahrscheinlich nicht mehr viel zu tun hatten und ihre Tage im Park verbrachten. Sie erzählten Lily ihre Leiden und Probleme, manchmal aber schwatzten sie nur über das Wetter oder darüber, wie Basel früher ausgesehen hatte. Lily hatte zu Hause eine ganze Sammlung an Geschichten und Begegnungen: niedergeschrieben, um sie immer wieder zu lesen.

So vergingen die Jahre: Den Tag verbrachte sie in der Schule und die Abende im Park. Und manchmal, wenn ihr danach war, setzte sie sich auch an den Rhein. Da war die Vielfalt der Menschen deutlich größer. Sie sah junge Schulschwänzer, Spaziergänger, verliebte Paare, Touristen, Schwimmer im Sommer und arme Leute, die um Geld bettelten oder dafür sogar musizierten. Lily hatte keine Freunde, sie hatte ein paar Kollegen. Doch sie ertrug viel Gesellschaft nicht. Sie sei komisch, hatte man ihr in der Schule gesagt. Das störte sie nicht. Sie machte das, worauf sie Lust hatte. Lily war nicht einsam. Anfangs nach dem Brand, als ihre Eltern starben, da hatte sie sich allein gefühlt, aber jetzt nicht mehr. Sie mochte es, allein zu sein.

Nun war es schon ganz dunkel geworden und zum ersten Mal fühlte sie sich unwohl, verfolgt. Als sie an ihrem Haus ankam, schaute sie noch kurz über ihre Schultern, ob da jemand sei. Für einen kurzen Moment glaubte sie Armand gesehen zu haben, ihren Nachbarn. Erschrocken ließ sie ihre Schlüssel fallen. Als sie den Bund aufhob, schaute sie nochmals zu der Stelle, wo sie geglaubt hatte, den vertrauten Unbekannten gesehen zu haben, doch da stand niemand. Stirnrunzelnd ging sie ins Haus.

Als sie sich schlafen legte, war da noch immer dieses seltsame Gefühl. Wieso sollte Armand sie beobachten? Sie hatte noch nie ein Wort mit ihm geredet. War es Wunschdenken? Vielleicht …

Seit sie vor eineinhalb Jahren hier eingezogen war und ihn zum ersten Mal gesehen hatte, wusste Lily, dass er jemand Besonderer war. Immer wieder hatte sie ihn im Park gesehen und beobachtet. Er war der einzige Mensch, über den ihr keine Geschichte einfallen wollte. Seine Bewegungen waren grazil und elegant, doch er hatte etwas Dunkles und Gefährliches an sich. Lily hatte ihn nie mit jemandem zusammen gesehen geschweige denn mit anderen sprechen hören. Er schien immer alleine zu sein, genauso wie sie oder sogar noch mehr als sie.

Lily hatte sich so oft mit ihm beschäftigt, dass sie nicht gemerkt hatte, wie sehr sie ihn mochte. Sie wusste nicht, wie es sich anfühlte, verliebt zu sein oder gar zu lieben. Die einzigen Menschen, die sie je geliebt hatte, waren ihre Eltern gewesen und das war nun wirklich kein Vergleich! Erst als Lily zum ersten Mal seine Augen gesehen hatte, wusste sie, dass sie ihn liebte. Er hatte im Park, nachdem die Sonne gerade untergegangen war, seine Sonnenbrille abgenommen und sie angesehen. Armand hatte sie so lange betrachtet, dass es ihr fast unangenehm war. Sein Blick war intensiv. Sie konnte die Erinnerung nun nicht mehr verdrängen. Meistens, wenn Lily schlafen ging, drängte sich ihr sein Bild auf und ihr Herz klopfte stark. Nur mit Mühe hatte sie seinen Namen herausgefunden – Armand. Das war ein französischer Name. Sie hatte ihn nur ein einziges Mal zuvor in einem Film gehört, sie glaubte, es sei ein Vampirfilm gewesen.

Lily war beim Gedanken an Vampire eingeschlafen. Schon wieder hatte sie diese Albträume: ein brennendes Haus, ihr Vater tot, ihre Mutter verängstigt, grüne Augen, bleiche, angsteinflößende Gestalten und ... Blut? Das war neu. Das musste der Nachhall ihrer letzten Gedanken gewesen sein. Sie mochte Vampire nicht besonders, sie hatte ein paar Filme gesehen, aber das war alles Unsinn gewesen. Menschliche Vampire ... Was sich Schriftsteller doch so alles einfallen lassen! Lily mochte packende Geschichten. Aber mittlerweile las sie fast nur noch das, was sie selbst aufgeschrieben hatte – echte Geschichten oder zumindest solche, die real sein konnten.

Die Ironie war, dass ihr eine ganz wichtige Geschichte fehlte: ihre eigene. Sie konnte sich an nichts mehr erinnern. Nur noch an die Hitze des Feuers und an die Angst, als ihre Mutter verschwand. Das Haus war so gut wie ganz abgebrannt, die Bewohner der umliegenden Häuser hatten Glück, dass das Feuer nicht auf ihre Wohnungen übersprang. Und Lily? Wahrscheinlich hatte sie durch ein Fenster aus dem Haus fliehen können, denn sie war mit Schnittwunden übersät gewesen. Ihre Eltern waren tot, das nahm man zumindest an, denn es wurden nur die Überreste ihres Vaters gefunden. Aber wenn sich ihre Mutter aus dem Feuer hätte retten können, wäre sie bestimmt nicht völlig verschwunden, sie wäre nicht mal in der Lage gewesen zu verschwinden. Lily konnte sich an nichts erinnern, die Ärzte sprachen von partieller Amnesie. Das Einzige, das in ihr Bewusstsein drang, waren diese schrecklichen Albträume. Es waren immer die gleichen: ein brennendes Haus, loderndes Feuer, der Tod ihres Vaters, ihre verzweifelte Mutter und nicht zuletzt das Gefühl eingesperrt, gefangen zu sein. Ganz selten tauchten die grünen Augen auf, dieselben grünen Augen, in die sie sich verliebt hatte.

Von diesem Tag an häuften sich ihre Albträume wieder, aber nicht so, wie Lily es gewohnt war, sondern eine neue Variante davon: Immer kamen seltsame bleiche Gestalten vor, doch nie sah sie ihre Gesichter. Das Blut schien ein essenzieller Bestandteil dieser neuen Träume zu sein; manchmal verlor ihre Mutter Blut, manchmal tranken die bleichen Gestalten Blut, und ganz selten trank sogar sie Blut. Sie wusste nicht, was der Auslöser für diese seltsamen Träume war, doch Lily befasste sich nun doch ein wenig intensiver mit Vampiren. Sie hatte schon immer das Gefühl gehabt, dass damals etwas Seltsames vorgefallen war. Doch Vampire? Obwohl sich Lily bei diesen Recherchen ziemlich blöd vorkam, informierte sie sich: Wie kann ein Vampir existieren? Das ist doch lächerlich, dachte sie. Sie war drauf und dran, das Ganze wieder aufzugeben, als ein Wort ihre Aufmerksamkeit erregte: Lilith. Lilith? Sie hatte diesen Namen sonst noch nie irgendwo gehört oder gelesen, die wenigsten wussten, dass Lily selbst so hieß. Sie hasste diesen Namen und stellte sich deshalb immer nur mit Lily vor. Doch jetzt ... Sie merkte, wie das Adrenalin in ihren Adern zu rauschen anfing, wie die Aufregung sie packte. Konnte es etwas mit jener Lilith zu tun haben? Aufmerksam las sie die Geschichte durch.

Lilith …

die erste Frau Adams im jüdischen Glauben. Sie wurde im Gegensatz zu Eva nicht aus einer Rippe Adams geschaffen, sondern aus der gleichen Erde wie Adam selbst. Lilith aber ließ sich nicht von Adam fremdbestimmen und lehnte es ab, sich unter Adam zu stellen (manche vermuten, dass es sich hierbei implizit um den Geschlechtsverkehr handelt, d.h. dass Lilith die Missionarsstellung ablehnte). Lilith floh aus dem Garten Eden, worauf die drei Engel Senoi, Sansenoi, und Sammangelof nach ihr gesandt wurden, sie zu bitten, wieder ins Paradies zurückzukehren. Lilith lehnte ab und verdammte sich dazu, die Erde zu umwandern und die neugeborenen Kinder Adams zu verzehren.

Eine Gestalt wie Lilith tritt schon in den assyrischen und babylonischen Religionen auf, wonach sie als Göttin des Geschlechtsverkehrs, der Liebe und des Krieges dargestellt wird. Als blutrünstiger Sukkubus, der den Männern den Lebenssaft raubt (ob es sich hierbei um Sperma oder Blut handelt, sei offen gelassen).

Als Lily den Artikel zu Ende gelesen hatte, schüttelte sie einfach nur den Kopf. Das ist doch Unsinn, dachte sie, wie kann diese Lilith real sein oder im Entferntesten etwas mit meiner persönlichen Geschichte zu tun haben? Lily klappte den Laptop zu und schaute zum Fenster hinaus. Es war schon Nacht geworden. Gerne wäre sie noch in den Park gegangen, aber jetzt lohnte es sich nicht mehr. Sie wählte eine ihrer Geschichten aus, machte es sich auf ihrem Sofa gemütlich und begann zu lesen. Bald aber merkte sie, dass sie sich gar nicht konzentrieren konnte und ihre Gedanken immer wieder zu Lilith schweiften. Sie seufzte und zog ihre Jacke und Schuhe an, sie musste noch raus. Sie hielt es nicht aus, in ihrem Haus mit ihren Gedanken eingesperrt zu sein.

In Gedanken versunken, erreichte sie den Park. Alles war dunkel, nur wenige Leute waren noch dort: Ein paar späte Jogger und Spaziergänger und die üblichen Bettler und Drogensüchtigen tummelten sich noch im Park. Lily hatte keine Angst vor ihnen; sie waren nicht gefährlich. Sie ging quer über den Rasen direkt zu ihrer Lieblingsbank unter den Trauerweiden. Die Stadt war ruhig und im Park hörte man die Autos und Straßenbahnen kaum noch; er war wie ein stiller Kokon inmitten der Stadt. Lily setzte sich seufzend hin, ihre Gedanken waren wirr und sie konnte sich nicht richtig auf etwas Bestimmtes konzentrieren. Immer war sie eine ruhige Person gewesen, doch plötzlich hatte sie das Gefühl, diese innere Ruhe zu verlieren. Wer war sie wirklich? Was hatte sich in ihrer Vergangenheit abgespielt? Plötzlich packte sie wieder diese Unruhe und eine unbegreifliche Angst überfiel sie. Sie schaute sich um. Wurde sie beobachtet? Doch der Park war leise, es waren kaum noch Leute zu sehen. Aus dem Nichts sah sie wieder diese grünen Augen vor sich, diejenigen aus ihrem Traum, dieselben, wie sie Armand hatte. In der Ferne erblickte sie eine dunkle Gestalt auf dem Kieselweg, die sich ihr näherte. Unerklärlich begann ihr Herz heftig zu schlagen. Sie spürte das Adrenalin in ihrem Körper, während die Dunkelheit sie umschloss. Obwohl sie die Gestalt immer noch nicht genau sehen konnte, kam Lily doch etwas an ihr bekannt vor. Der ruhige Gang, beinahe schwebend, und dann die Haare! Gelockte Haare, die bis zu den Schultern reichten. Armand!, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. Natürlich, es war Armand! Erleichterung überkam sie, aber nicht wirklich. Sie hatte immer noch das Gefühl von Gefahr, aber ihr Herz schlug deswegen nicht mehr wie wild. Lily dachte, er würde ihr einfach nur zulächeln und weitergehen. Ihr Herz würde sich dann beruhigen können, sobald er außer Sichtweite war. Doch Armands Schritte wurden langsamer und er blieb vor ihr stehen, aber kein Lächeln. Er schaute ihr tief in die Augen, zumindest dachte sie das, da sein Gesicht im Schatten lag und nur seine Blässe hervorleuchtete. „Hallo Lily“, sagte er mit einer tiefen, samtenen Stimme, „wieder ganz alleine im Park?“ Lily wollte zwar antworten, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie nickte. „Du solltest nicht so spät alleine in den Park gehen, es ist gefährlich für junge Frauen.“ Immer noch kein Lächeln, es war sein voller Ernst. Obwohl Lily spürte, dass er recht hatte, kam Wut in ihr auf. „Ich war schon oft alleine hier, auch zu späterer Stunde als jetzt … Hier ist niemand Gefährliches. Was sollte schon passieren?“ Plötzlich ein Lächeln: „Ich weiß. Komm! Ich begleite dich nach Hause.“ Eigentlich war sie noch wütend, sie hatte das Gefühl, gerade wie ein kleines Mädchen behandelt worden zu sein, aber ihr Körper gehorchte, scheinbar ohne Rücksprache mit ihrem Gehirn. Sie stand auf und schaute zu ihm hoch. Er hatte sich umgedreht, und nun konnte sie seine Augen sehen. Sie waren von einem unglaublichen Grün, wie Smaragde schienen sie aus seinem Gesicht. Lily wollte nie wieder ihren Blick von diesen Augen abwenden. Sie wusste nicht mehr, wie ihr geschah. Als sei sie hypnotisiert, versank sie im Grün. Armand räusperte sich, ein Lächeln spielte um seine Lippen. Lily fing sich wieder, errötete und marschierte los. Den ganzen Weg, bis zu ihr nach Hause, war sie sich Armands Präsenz sehr bewusst. Sie konnte es kaum glauben, dass er hier neben ihr stand. Leider wohnte sie viel zu nah, und obwohl sie gemütlich gingen, kamen sie nach zehn Minuten schon bei ihr zu Hause an. Sie drehte sich zu Armand, um sich zu verabschieden, und erschrak beinahe. Er schaute sie mit einem intensiven Blick an, der durch ihr ganzes Wesen drang. Sie erzitterte, aber diesmal nicht vor Angst. Er lächelte und bückte sich zu ihr herunter. Alles geschah so schnell, dass Lily es nicht fassen konnte. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie sicher war, er könnte es hören. Und dann berührten seine Lippen auch schon die ihren. Es war ein zärtlicher Kuss, der bestimmt nicht lange gedauert hatte, aber für Lily war es eine Ewigkeit gewesen. Sie spürte seine seidenen Haare in ihrem Gesicht und eine kalte Hand in ihrem Nacken. Schon beendete er den Kuss, und es schien Lily, als ob dieser Moment nicht lange genug hätte dauern können. Er beobachtete sie wieder mit seinen unglaublich grünen Augen, strich ihr einmal durch die Haare und hauchte: „Gute Nacht.“ Lily stand wie benommen vor ihrer Tür. Armand war plötzlich verschwunden.

Irgendwie hatte sie es die Treppe hinauf geschafft und war in ihrem Bett. Doch wie konnte sie nach einem derartigen Erlebnis bloß einschlafen? Bald war sie aber doch eingeschlummert. Auch diese Nacht träumte sie wieder von grünen Augen, nur von grünen Augen.

Plötzliche Stille

Am nächsten Tag fiel Lily auf, dass Armand sie nicht gefragt hatte, ob sie ihn wieder treffen könne. Niedergeschlagen ging sie durch den Tag, stets abgelenkt. Sie machte sich Vorwürfe. Sie hätte ihn fragen sollen, ob er sie zum Spazierengehen begleiten wolle oder ob sie sich gar mal zum Essen treffen könnten. Doch nichts von alledem hatte sie getan und nun schien es Lily, als ob alles nur ein Traum gewesen sei und dass sie ihn nicht wiedersehen würde. Beim Abendessen überlegte sie sich sogar, ob sie vielleicht wieder absichtlich zu spät in den Park gehen solle, in der Hoffnung, dass Armand sie wieder „rettete“. Als sie das Geschirr spülte, klingelte es. Lily hatte keine Ahnung, wer sie noch so spät besuchen könnte, sie hatte ja keine sozialen Kontakte. Deshalb war Lily sehr überrascht, Armand zu sehen. „Guten Abend“, sagte er fröhlich, beugte sich zu ihr runter und gab ihr ein Küsschen zur Begrüßung. Lily war sprachlos. Wie am Abend zuvor fand sie ihre Stimme nicht, doch bevor sie noch etwas stammeln konnte, beantwortete Armand ihre stumme Frage auch schon: „Ich dachte, du würdest gerne wieder in den Park gehen, und damit du nicht in Gefahr gerätst, dachte ich mir, ich könnte dich begleiten.“ Lily nickte nur, zog sich einen Mantel über und sie gingen los. Es war noch früh am Abend, und die letzten Sonnenstrahlen schienen durch die spärlichen Blätter der Bäume. Der Park schien aus Gold zu bestehen: von der Sonne beleuchtet und in herbstliche Farben getaucht. Lily ließ Armand die Richtung angeben. Und ohne ein Wort zu sagen, waren sie schon bald bei ihrer Lieblingsbank unter den Weiden angekommen. Sie setzten sich, als das Tageslicht wich und die kältere Beleuchtung des Parks die Oberhand gewann. Büsche und Wiesen fielen in die Schatten der Bäume, die der Mond, wenn er gelegentlich zwischen den Wolken hervorleuchtete, spielend animierte. Wie lange sie auf der Bank gesessen hatten, konnte Lily nicht sagen, doch plötzlich stand Armand auf und streckte seine Hand aus, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Wie altmodisch, dachte Lily, so etwas hatte sie, außer in alten, romantischen Filmen, noch nie gesehen. Etwas an Armand war wirklich sonderbar, und gelegentlich verspürte sie eine ihr unverständliche Angst, als ob sich bald etwas Schlimmes ereignen würde. Armand begleitete sie wieder bis vor die Haustür und küsste sie zum Abschied. Diesmal aber nicht mehr so sanft wie beim ersten Mal. Lily war beinahe atemlos, als sie die Treppen zu ihrer Wohnung hinaufstieg. „Bis morgen“, hatte Armand ihr noch zugeflüstert. „Träum was Schönes.“ Lily liebte seine Stimme. Den ganzen langen Abend hatten sie sich über alles Mögliche unterhalten. Noch nie hatte sie sich so zu Hause gefühlt wie bei Armand. Lily wusste nun, was ihr seit dem Tod ihrer Eltern gefehlt hatte: eine Familie. Sie hatte nun wieder eine Familie, jedenfalls fühlte es sich so an. Armand war ihr Zuhause, ihr sicherer Hafen. Sie war glücklich. Mit solchen Gedanken und einem Lächeln auf den Lippen schlief sie ein.

Mehrere Tage vergingen auf dieselbe Art und Weise. Lily sprach über ihre Vergangenheit. Doch vieles gab es eigentlich nicht zu erzählen. Sie konnte nur über den Tod ihrer Eltern und ihr Leben danach berichten. Am spannendsten war es für sie, über die Geschichten zu sprechen, die sie gesammelt hatte und immer noch sammelte. Armand war fasziniert davon und hörte ihr auch gerne zu. Er seinerseits erzählte nicht viel, nur dass er aus Frankreich kam und dass seine Familie tot war. Ähnlich wie Lily schien er nicht viel über seine Vergangenheit zu wissen, zumindest schilderte er es nicht. Er blickte nur kurz zurück und widmete sich danach sofort wieder Lily. Wenn sie nicht von ihren Geschichten erzählte, fanden sie problemlos auch andere Themen. Manchmal saßen sie auch einfach still nebeneinander und genossen die Zweisamkeit.

Mit dieser neuen Beziehung zu Armand hatte sie alles vergessen, was sich vorher zugetragen hatte. All ihre seltsamen Träume, und Lilith. Sie hatte diese Träume seitdem nicht mehr gehabt und wurde daher auch nicht daran erinnert, weshalb sie über Vampire recherchiert hatte. Wenn sie jetzt hin und wieder über die Existenz der geheimnisvollen Blutsauger nachdachte, schien alles nur Unsinn zu sein, und sie fragte sich ernsthaft, wie sie diese Möglichkeit überhaupt in Betracht hatte ziehen können. Es war, als ob sie ein neues Leben begonnen hatte, ein Leben mit Armand.

Eine Woche später saß Lily im Roten Engel. Sie mochte dieses Restaurant, weil es sich auf dem Andreasplatz befand, einem ihrer Lieblingsplätze in Basel. Der Rote Engel war für Lily ein weiteres Refugium, falls sie mal nicht in den Park ging. Der Platz war klein, umringt von alten Häusern. Auf manchen Häusern stand in gotischer Schrift deren Name geschrieben. Lily hatte sich schon immer gewundert, wie die Häuser zu solchen Namen kamen. Zu gern hätte sie deren Geschichten gekannt, doch Gebäude, im Gegensatz zu Menschen, sprechen nicht. Pflanzen, nebst anderen Efeu- und Weinranken, wuchsen die Wände der alten Häuser empor, und mehrere kleine Bistros stellten im Sommer Stühle und Tische heraus. Der Andreasplatz war immer voller Menschen, vor allem bei schönem Wetter. Was Lily an diesem Platz aber am Besten gefiel, war der Brunnen, der in der Mitte stand. Für gewöhnlich fand man in Städten viele Brunnen mit klassischen oder mythologischen Motiven. Dieser Brunnen aber war mit einem bekleideten, Trauben essenden Affen geschmückt! Vor und hinter dem Affenbrunnen wuchsen zwei Krim-Linden und um den Brunnen herum standen Topfpflanzen zur Zierde bereit. Es sah fast so aus, als kletterte der Affe in seinem eigenen kleinen Wald. Auf den Dächern, die den Platz umgaben, befand sich wohl eine große Spatzenkolonie. Diese Vögel waren hier nicht mehr wegzudenken. Sie hatten sich so sehr an die Menschen gewöhnt, dass sie frech auf die Tische flogen. Ganz in ihrem Element, beachteten sie die Menschen dabei nicht. Lily trank ihren Tee, und, in Gedanken versunken, beobachtete sie die Spatzen, die spielerisch herumhüpften oder sich um Essensreste zankten. Der Platz war von Leuten überfüllt. Alle saßen an der Sonne mit Getränken. Lily beobachtete, wie sie alle gelassen den Tag genossen. Als sie sich wieder den Vögeln zuwenden wollte, konnte sie keine mehr sehen: nicht ein einziger kleiner Spatz. Plötzlich bellten Hunde hinter dem Affenbrunnen. Lily sah sich um und versuchte auszumachen, was der Grund der Aufregung war. Das Einzige, was ihr in die Augen stach, war eine junge Frau. Sie war vielleicht Anfang dreißig, elegant gekleidet, und sie trug ihre dunkelbraunen Haare in einem eleganten Knoten hochgesteckt.

Lily merkte, wie das ganze Blut aus ihrem Gesicht wich. Ihr Herz schlug wie verrückt, und sie konnte einfach nicht glauben, was sie gerade gesehen hatte. Sie wollte der Frau hinterherrennen und sie einfach nur in die Arme schließen, doch ihre Muskeln waren wie gelähmt. Ihr Gehirn jedoch war auf hundertachtzig. Sie rief jede Erinnerung wach, die sie hatte, und Lily war sich sicher: Die Frau war ihre vor über zehn Jahren angeblich verstorbene Mutter. Es gab nur einen winzigen kleinen Unterschied: Sie lebte.

Wie kann das sein?, dachte Lily. Ich habe doch gesehen, wie meine Mutter getötet wurde. Dieser Gedanke überraschte sie. Denn so ganz genau konnte sich Lily nicht mehr daran erinnern. Wo kam dieser Gedanke her? Sie hatte immer geglaubt, dass ihre Mutter im Feuer gestorben war. Lebte ihr Vater auch noch? Wirre Gedanken jagten sich. Einer nach dem anderen.

Plötzlich fand sich Lily zu Hause wieder. Wie gelähmt saß sie in der Küche, als es klingelte. Armand!, schoss es ihr durch den Kopf. Sie stand auf und öffnete die Tür. Armand begrüßte sie wie immer lächelnd, doch im selben Moment, als Lily die Tür öffnete, sah er, dass etwas nicht stimmen konnte, und erkundigte sich danach.

„Ich habe Mama gesehen“, war alles, was Lily hervorbrachte. „Aber, ich dachte, deine Mutter sei vor Jahren gestorben, als euer Haus abbrannte.“ „Das dachte ich auch, aber mir war, als hätte ich sie heute gesehen.“

Armand runzelte die Stirn, führte Lily zum Küchentisch und setzte sie auf einen Stuhl. „Also gut, erzähl mir nochmals in allen Details, was damals passiert ist.“

„Ich weiß nicht viel, schon gar keine Details. Es geschah vor dreizehn Jahren. Ich war gerade fünf Jahre alt geworden. Wir saßen vor dem Fernseher und schauten uns … ich weiß nicht mehr genau … irgendeinen Film an. Meine Eltern saßen neben mir, und dann plötzlich … sie hatten Angst, vor etwas … jemandem? Mama gab mir eine Kette, die Kette, die sie immer getragen hatte, die ich immer noch trage. Dann wurde es dunkel. Hörte ich Stimmen? … Ich weiß nicht mehr genau.“ Verzweifelt vergrub Lily das Gesicht in ihren Händen. „Plötzlich war alles ruhig und wieder hell, ich hatte Papa gefunden, er bewegte sich nicht mehr. Mama war weg. Ich weiß noch, dass ich mich an Papa gekuschelt hatte. Ich verstand nicht, dass er tot war, ich dachte, er würde bald wieder erwachen. Auf einmal brach das Feuer aus. Ich weiß nicht mehr, wie ich aus dem Haus gekommen bin, sie sagten mir, dass ich wahrscheinlich ein Fenster eingeschlagen habe. Vielleicht ist es auch wegen der Hitze geborsten. Auf jeden Fall bin ich dort hinausgeklettert.“

Für einen Moment herrschte Stille. Lily hatte den Eindruck, dass an der Geschichte etwas nicht stimmen konnte. „Warte mal!“, schrie sie plötzlich. „Ich dachte, meine Eltern seien während des Brandes gestorben. Aber mein Vater war schon tot, als das Feuer ausbrach, und ich kann mich nicht daran erinnern, dass meine Mutter auch dort gelegen hätte. Sie hätte doch auch dort liegen müssen, oder? … Ihre Leiche! Man hat nie ihre Leiche gefunden! Das war ein Rätsel!“ Da fielen Lily wieder ihre Träume ein. Sie erzählte Armand, wie sie lange immer den gleichen Traum gehabt hatte, immer von Feuer und Tod, und wie sich die Träume vor Kurzem verändert hatten: wie plötzlich Blut hinzukam, Blut und grüne Augen, seine grünen Augen. Lily schaute zu Armand hoch und blickte in seine Augen, doch was sie fand, war nicht der ihr wohlbekannte Blick. Noch nie hatte sie so einen Ausdruck in Armands Augen gesehen. Sie waren vor Entsetzen geweitet. „Meine grünen Augen?“, stammelte er. Lily nickte. Armand sah nachdenklich aus. „Du heißt eigentlich Lilith? Das hast du mir gesagt. Und wie hieß deine Mutter?“ „Elizabeth“ „Bist du dir sicher?“ „Natürlich! Was glaubst du denn?“ „Hier stimmt etwas nicht, und ich befürchte, dass ich auf einen Aspekt ein wenig Licht werfen kann.“ Lily hielt den Atem an. „Hast du mich vorher schon einmal gesehen? Ich meine, bevor du hierherkamst.“ „Ähm … nein. Hätte ich denn?“ „Nun ja, vielleicht.“ Armand war nun tief in Gedanken versunken: „Ich muss jetzt nach Hause gehen, vielleicht kann ich dir morgen mehr sagen.“ Er küsste sie flüchtig und war weg.

Lily war verwirrt. Alles war ihr nun ein bisschen zu viel geworden. Sie legte sich ins Bett, brauchte jedoch lange, bis sie einschlafen konnte. Ihre Gedanken überschlugen sich. In dieser Nacht träumte sie unruhig.

Feuer und Tränen

Es ist spät am Abend, und Lily sitzt gemütlich auf dem Sofa. Auf ihrer linken Seite ist ihr Vater, groß und streng. Doch wenn er sie ansieht, öffnet sich sein Gesicht, und er lächelt sie voller Liebe an. Rechts von Lily sitzt ihre Mutter, einen Arm hat sie um ihre Tochter gelegt. Lily kuschelt sich zu ihr, und die Mutter küsst sie auf die Stirn. Sie schauen sich gerade Aladin, Lilys Lieblingsfilm an, als Elizabeth mit einem angstverzerrten Gesicht aufsieht: „Sie kommen hierher!“ Georg schaut sie erschrocken an: „Was, hierher? Aber davon wissen doch nur …“ „Ich weiß, aber das ändert jetzt auch nichts mehr. Sie sind hier. Schnell, wir müssen Lily verstecken.“ „Das hilft doch auch nicht, sie werden sie riechen.“ „Ja, aber sie sollte nicht alles sehen müssen.“ Lily versteht nicht, was passiert ist. Plötzlich sind ihre Eltern sehr besorgt. Hat sie etwas Falsches getan? Sie beginnt zu weinen, als ihre Mutter sie im Schrank versteckt. „Schatz, du musst jetzt ganz still sein und nicht weinen. Es kommen böse Männer. Denk immer daran: Papa und ich haben dich ganz fest lieb, und wir werden immer bei dir sein.“ Elizabeth drückt sie nochmals ganz fest an sich und küsst sie auf die Wangen. Sie zieht ihre Kette aus und legt sie Lily um den Hals. „Das ist ein Mondstein, du darfst ihn nicht verlieren. Er wird dich immer beschützen.“ Lily schaut erstaunt auf den Anhänger: Er hat die Form einer Träne und leuchtet blass wie der Mond im wenigen Licht, das durch den Türspalt dringt.

Ein Riesenlärm unterbricht ihr Staunen. Verzerrtes Gelächter dringt zu ihr. „Soso. Endlich haben wir euch gefunden! Ihr wart gut versteckt, aber nicht gut genug für uns!“ „Lasst uns in Ruhe. Wir haben nichts, was ihr wollt“, hört sie ihren Vater sagen. „Oh doch, wir wissen alles über euch. Sie ist es! Und wir kriegen sie“, sagt die böse Stimme. „Elizabeth, nein!“, schreit Georg. Lily späht durch den Spalt. Es stehen drei Männer im Raum, alle schwarz gekleidet. Der Anführer, der gerade gesprochen hat, trägt schneeweißes Haar, das in einem langen, geflochtenen Zopf an seinem Rücken herunterhängt. Seine Augen sind böse und so hellgrau, dass sie fast weiß scheinen, vielleicht sind sie sogar weiß. Lily kann ihn nicht gut sehen. Seine schmalen Lippen sind in einer Grimasse hämischen Lachens verzogen. Der Mann zu seiner Rechten hat kurze, rabenschwarze Haare und seine Augen sind so dunkel, dass man glauben könnte, beim längeren Anblick in ein tiefes Loch zu fallen. Der dritte Mann zu seiner Linken steht mit dem Rücken zu Lily, sie kann nur einen Schopf gewellter, schwarzer Haare erkennen.

Dann passiert etwas, das Lily nicht versteht. Der Anführer packt ihre Mutter und beißt ihr brutal in den Hals. Der Vater schreit auf und wird vom schwarzäugigen Mann zurückgehalten. Der Anführer lässt von Lilys Mutter ab. Sie liegt schwach in seinen Armen, die Augen nur noch leicht geöffnet, und ihr Hals ist blutverschmiert. Sie hört ihren Vater hoffnungslos „Elizabeth“ flüstern. Doch da beißt sich der Anführer in sein eigenes Handgelenk und hält es Elizabeth an den Mund. „Trink!“, befiehlt er. Ihre Mutter nimmt den Arm in ihre Hände und trinkt. „Nein Elizabeth, tu das nicht! Du weißt doch, was dann geschieht.“ „Du kannst noch lange mit ihr reden, sie hört dich nicht mehr. Sie befindet sich bereits an einem anderen Ort“, erklärt der Anführer kalt. Er entzieht Elizabeth sein Handgelenk und beißt sie wieder in den Hals. Als er nun ganz von ihr ablässt, liegt Elizabeth reglos in seinen Armen. Lily schluchzt, und alle drei Köpfe drehen sich zum Schrank. Der dritte Mann, von welchem sie nur den Rücken gesehen hatte, eilt zum Schrank und zieht sie grob heraus. Lily weint. Seine Hände sind eiskalt und brennen beinahe auf ihrer Haut. Durch ihre Tränen sieht sie sein Gesicht. Und das Erste, was sie sieht, sind seine grünen Augen, smaragdgrün, in einem wunderschönen Gesicht, das von weichen schwarzen Locken umrahmt wird. „Schaut, was ich noch gefunden habe – den Nachtisch!“, sagt er bösartig. „Nein, bitte nicht. Sie ist doch nur ein Kind. Lasst sie gehen!“, fleht ihr Vater. „Ihr habt doch schon meine Frau genommen. Lasst meine Tochter in Ruhe.“ „Wir könnten sie doch zu einer von uns machen! Würde dir das besser gefallen?“, lacht er hämisch. „Lasst sie laufen!“ Georg sieht schwach aus, jede Hoffnung ist ihm genommen worden. „Nein! Du sollst zusehen. Soll ich sie beißen?“, sagt der zweite Mann und macht sich daran Lily in den Hals zu beißen. Millimeter davor hält er inne. Sie kann seinen kalten Atem auf ihrer Haut spüren. Lily hat schreckliche Angst. Doch er beißt nicht. Der dritte Mann, mit den schönen smaragdfarbenen Augen, reißt sie ihm weg: „Ich habe eine bessere Idee.“ Er beißt sich ins Handgelenk. Lily sieht, wie das dunkle Blut fließt. „Trink!“ Er hält ihr seinen Arm hin. Sie will nicht und doch hat der süßliche Duft des Blutes etwas für sich. „Tu das nicht, mein Schatz. Du darfst nicht von dem Blut der bösen Männer trinken, Lily. Es ist giftig.“ Georg scheint plötzlich wieder bei Sinnen zu sein. Doch der schwarzäugige Mann packt ihn wieder: „Wenn du nicht trinkst, tu ich deinem Papa weh!“ Lily schaut wieder aufs Blut: „Bitte tu Papa nicht weh!“ „Dann trink!“ Zögernd beginnt sie zu trinken. Das Blut schmeckt gar nicht wie ihr eigenes Blut. Es ist süß und hat einen guten Geschmack, den sie nicht kennt; es schmeckt nicht nach Eisen. Es fühlt sich nicht giftig an. „Genug gespielt!“, ertönt harsch die Stimme des Anführers. „Was soll das, einem Kind Blut zu geben?“ Elizabeth liegt bewusstlos in den Armen des Anführers. „Wir haben doch nur ein bisschen gespielt. Dem da …“, antwortet der Grünäugige und zeigt auf Georg, „schien die Vorstellung zu gefallen.“ „Fertig jetzt! Wir gehen“, erwidert der Anführer eisern. „Erledigt eure Arbeit.“