Impressum

eBook, Dezember 2013

Copyright © 2013 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Fotos aus dem Archiv des Autors

ISBN 978-3-905802-47-4

Die Erstausgabe erschien 2010 im Verlag Huber, Frauenfeld

an Imprint of Orell Füssli Verlag AG, Zürich, Switzerland

Umschlag: Barbara Ziltener, Frauenfeld

Über das Buch

In diesem Buch erzählt Theophil Spoerri in Form einer sich über drei Generationen hinweg erstreckenden Familiensaga das letzte Kapitel der Geschichte der protestantischen Judenmission. Das Absurde: Judenmissionar Simon Goldstein ist selbst ein ursprünglich im Chassidismus verwurzelter rumänischer Jude, seine Frau Bertha Hufschmid eine Schweizerin mit pietistischem Hintergrund.

Beide arbeiten im Auftrag einer norwegischen Missionsgesellschaft in Rumänien. Im Pogrom von Jassy wird Goldstein mit Tausenden von Juden ermordet. Seiner Frau gelingt es, sich mitten im Krieg mit ihren sechs kleinen Kindern in die Schweiz durchzuschlagen, aus dem Inferno des Holocaust und der Katastrophe des Krieges zurück in die sichere Heimat ...

Über den Autor

Theophil Spoerri, geboren 1939 in Jassy (Rumänien) als Sohn des jüdischen Vaters Isak Feinstein und der Schweizerin Lydia Spoerri.

Nach der Ermordung des Vaters im Pogrom von Jassy 1941 durch rumänische Faschisten Flucht mit der Mutter und fünf Geschwistern in die Schweiz. Ausbildung zum Primarlehrer, Studium der Theologie, zuerst Gemeindepfarrer, dann über zwanzig Jahre Seelsorger am Universitätsspital Basel.

Unter dem Namen Ben-Jizchak Feinstein Interpret von Liedern in jiddischer Sprache.

Spoerri lebt in Basel.

Widmung

Für die verstorbenen und die lebenden Mitglieder der Feinstein-Spoerri-Familie

Jiddisches Volkslied

Shnirele perele, gilderne fon,

Meshiach, ben Dovid, zitst ojbn on.

Er halt a becher in der rechter hant

Un macht di bruche ojfn gantsen lant

Omejn, we omejn, doz iz wor:

Meshiach wet kumen, heintiks jor.

*

Perlenschnur, goldene Fahne,

Messias, Sohn Davids, sitzt oben an.

Er hält den Becher in der rechten Hand

Und spricht den Segen übers ganze Land.

Amen, amen, das ist wahr:

Messias wird kommen, dieses Jahr.

Vorauswort: Die Blechschachtel

Philipp Hufschmid, der fünfjährige kleine Bub, kniet auf einem Stuhl am runden Stubentisch im braungebrannten Chalet, das oberhalb des Bergdorfes Gstaad inmitten von grünen Wiesen liegt. Neben ihm liegt eine leere Blechschachtel, auf der in verschnörkelter Schrift Oulevay, bisquits de qualité supérieure zu lesen ist.

Es sind längst keine Kekse mehr drin, sondern Fotografien verschiedener Grösse, die er aus der Schachtel geleert und auf dem Tischtuch verstreut hat. Nach dem Mittagessen, als die drei Kinder der Familie Keller, Johannes, Rosmarie und Franziska, zur Schule gegangen waren, hatte ihm seine Pflegemutter, Frau Keller, vorgeschlagen: «Heute ist solch ein scheussliches Wetter, dass du am besten im Haus bleibst. Ich gebe dir die Schachtel mit den Familienfotos, damit du dich nicht langweilst, bis die Mädchen von der Schule zurückkehren. Johannes muss ja noch in die Klavierstunde.»

Draussen regnet es seit dem frühen Morgen und graue Nebel hängen bis dicht vor die Fenster. Der Bach im Tal unten rauscht viel lauter als gewöhnlich und die Tannen, die rings um das Chalet stehen, werden von den heftigen Windböen geschüttelt. Obschon es erst Mitte August ist, habe es letzte Nacht bis zu den obersten Alphütten herunter geschneit, wusste der Vater am Mittagstisch zu berichten.

Der kleine Bub sagt aber dem Vater nicht Vati wie die drei Kinder, sondern «Onkel», und die Mutter nennt er «Tante» und nicht Mueti. Er lebt erst seit drei Wochen als Pflegekind in der Familie und fühlt sich hier ganz wohl, vor allem, weil er sich mit den Kindern so gut versteht.

Er ist froh, hier wohnen zu dürfen und nicht etwa drüben im vornehmen Nachbarhaus bei der schrulligen alten Dame, wo er und seine Mama fast ein Jahr lang gelebt haben. Denn die alte Frau, welcher er Mamamare sagen musste, war ihm immer ein wenig unheimlich gewesen, obschon sie ihn manchmal freundlich angelächelt oder ihm mit der Hand über den Kopf gestrichen hatte. Aber handkehrum konnte sie ganz streng mit ihm sein, sodass er nie recht wusste, woran er war.

Vor einem Monat hatte seine Mutter unerwartet einen Brief mit der dringenden Aufforderung bekommen, wieder die Leitung des Heims für jüdische Flüchtlingskinder im Juradorf Langenbruck zu übernehmen, das sie bereits einmal betreut hatte, das aber aus finanziellen Gründen plötzlich hatte geschlossen werden müssen. Damals hatte der kleine Philipp in Lausanne bei einer ganz fremden Familie unterschlüpfen müssen. Dort sprach und verstand niemand Deutsch oder gar Rumänisch, sondern nur Französisch. Obschon es alle gut mit dem kleinen Flüchtlingsbuben meinten, glaubte er vor lauter Heimweh nach Mama, Papa und seinen fünf älteren Geschwistern ersticken zu müssen. Welch ein Glück, dass ihn seine Mama nach langer, langer Zeit, wie es ihm schien, in Lausanne wieder abholte und mit ihm ins gediegene Chalet der alten Dame in Gstaad fuhr.

Die beiden Frauen – beide ehemalige Schweizerinnen – hatten sich in Rumänien kennengelernt. Madame Erika Grosjean, geborene Huber aus dem Aargauer Städtchen Baden, war die Witwe eines Schweizer Industriellen, der in Rumänien ein riesiges Vermögen erworben und durch den Krieg zum grössten Teil wieder verloren hatte. Es war ihm allerdings so viel übrig geblieben, dass er sich im Bergdorf ein luxuriöses Chalet hatte bauen lassen können, in dem nun Madame Grosjean das Leben einer trauernden Witwe führte. Als sie vernahm, dass Bertha Goldstein, geborene Hufschmid, aus Uster, die ebenfalls aus Rumänien in die Schweiz zurückgekehrt war – allerdings unter ganz andern Umständen! –, ihre Stelle als Hausmutter des Heimes für jüdische Flüchtlingskinder verloren hatte, lud sie sie als Gesellschaftsdame in ihr herrschaftliches Chalet ein. Dabei durfte sie ihren Jüngsten mitnehmen.

Obschon sich Mama nie über die alte Dame beklagte, spürte der kleine Bub, dass sie sich nicht wohl fühlte. Es entging ihm nicht, dass sie oft seufzte oder sich gar heimlich Tränen abwischte. Wenn er sich dann an sie schmiegte und sie mit erschrockenen Augen anschaute, fuhr sie ihm mit der Hand liebevoll übers Haar, versuchte zu lächeln und sagte: «Weisst du, ich habe halt manchmal ein wenig Heimweh nach unserm Papa und nach deinen Geschwistern, die überall in der Schweiz verstreut leben. Aber ich bin so froh, dass wir zwei wieder beieinander sein können. Ich habe dich so sehr vermisst, als du in Lausanne warst.» Dann hob sie ihn hoch, drückte ihn an sich, gab ihm einen Kuss und befahl: «So, geh wieder spielen! Ich muss mich um Mamamare kümmern.»

Philipp wühlt in den auf dem Stubentisch verstreuten Fotos, nimmt das eine oder das andere in seine Händchen und betrachtet die darauf abgebildeten Personen. Es gibt bräunlich getönte Bilder von würdigen, bärtigen Männern und ernst blickenden Damen in ähnlich langen, schwarzen Kleidern, wie sie Mamamare trägt. Auf der Rückseite einiger Fotos kleben Reste von weichem schwarzem oder braunem Papier. Die habe sie aus dicken, grossen Büchern, sogenannten Fotoalben, herausgelöst, hatte ihm Mama erklärt. Denn bei ihrer fluchtartigen Abreise aus Rumänien im September 1942 habe sie bloss ein paar wenige Fotos aus den schweren Alben herauslösen und als Erinnerung mitnehmen können. Verwandte und andere liebe Leute hätten ihr seither Fotos, die sie ihnen früher aus Rumänien geschickt hatte, zurückgegeben. Sie sollten ihr helfen, das Andenken an Menschen wachzuhalten, die sie wohl nie mehr sehen werde.

Etwas Ähnliches hatte sich auch Mama gedacht, als sie vor drei Wochen Mamamares vornehmes Chalet verliess, um die Leitung des Flüchtlingsheimes in Langenbruck zu übernehmen und ihren Jüngsten bei der Familie Keller im Nachbarhaus zurücklassen musste. Am Vorabend ihrer Abreise führten sie beim Gutenachtsagen ein ernsthaftes Gespräch.

«Versprich mir, Mama, dass du mich ganz sicher wieder abholst», sagte er und schlang die Arme um sie. «Ich hatte in Lausanne nämlich furchtbar Angst, du hättest mich vergessen und würdest nie wiederkommen und ich müsste für immer dort bleiben.»

«Ja, Philipp, das verspreche ich dir. Ich verspreche dir auch, dass ich dich zwischendurch besuchen werde», beteuerte sie, «aber du weisst ja, dass ich sechs Kinder an sechs verschiedenen Orten besuchen muss … Aber warte einen Moment, ich habe eine Idee!» Sie ging schnell in ihr Zimmer hinüber und kehrte mit der Blechschachtel zurück, in der sie die Familienfotos aufbewahrte.

Mit feierlicher Stimme sagte sie zu Philipp: «Ich übergebe dir als Andenken die Schachtel mit diesen Fotos, bis ich dich wieder abhole. Wenn du einmal grosses Heimweh hast oder wenn du dich nicht mehr erinnern solltest, wie deine Geschwister aussehen, dann schau dir einfach die Fotos an; dann bist nicht mehr so traurig. Pass gut auf diese kostbaren Fotos auf. Hoffentlich findet dieser schreckliche Krieg bald ein Ende, und dann können wir wieder alle zusammenleben. Die ganze Goldsteinfamilie – die jetzt allerdings wieder Hufschmid heisst –… ausser dem Papa; der kommt nie mehr zurück.»

Den letzten Satz hatte sie ganz leise ausgesprochen. Philipp spürte eine plötzliche Welle von Trauer und schmiegte sich noch enger an sie.

Am nächsten Tag begleiteten seine beiden «Ferienschwestern» Rosmarie und Franziska Mama und ihn zum Bahnhof.

«Gebt Sorge zu Philipp», bat sie. Dann hob sie ihn nochmals hoch, küsste ihn, setzte ihn ab, nahm den Koffer und stieg rasch in den wartenden Zug.

Unter den Fotos, die vor Philipp auf dem Tisch ausgebreitet sind, gibt es zwei besondere, die er immer wieder zur Hand nimmt und lange betrachtet.

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Auf dem einen sind Papa und Mama abgebildet, die ihm direkt in die Augen schauen. Beide sind so jung und so schön! Mamas dunkle, leicht gewellten Haare umrahmen ihr Gesicht, und es scheint ihm, als flüsterten ihm ihre feinen Lippen ein liebes Wort zu. Einen Moment lang brennt in Philipp ein scharfes Heimweh. Wann wird sie mich wohl besuchen oder wann wird sie mich gar abholen?

Der schöne, elegant gekleidete Mann dicht hinter ihr mit den gewellten, dunklen Haaren und dem schmalen Bart auf der Oberlippe muss sein Papa sein. Fünf Jahre zählt Philipp jetzt; aber in seinem Gedächtnis findet er kein Bild von seinem Vater.

Er weiss nur, dass er tot ist, dass er auf eine schreckliche Weise mit vielen, vielen andern Männern der rumänischen Stadt Jassy getötet worden ist. Weil er ein Jude war, hatte Mama gesagt. Aber was ist das, ein Jude? Mama hatte ihm auch gesagt, dass viele Rumänen, die eigentlich gute Menschen seien, die Juden hassten und diese manchmal nur deshalb töteten, weil sie Juden waren, ohne dass sie ihnen etwas Böses angetan hätten. Jetzt gab es in Rumänien auch viele deutsche Soldaten mit ihren Gewehren und Kanonen, und dass die rumänischen und deutschen Soldaten gute Freunde wären. Und dass der Anführer aller Deutschen, der Adolf Hitler hiess, die Juden hasste, sie ausrotten und dann die ganze Welt erobern wollte.

Das sei der Grund gewesen, dass sie nach Papas Ermordung mit ihren sechs Kindern aus Rumänien in die Schweiz habe fliehen müssen, woher sie ja stammte, obschon sie gerne in Rumänien gelebt habe, weil dieses Land für sie eine neue Heimat geworden sei. In der Schweiz hätten sie und alle Kinder ihren jüdischen Namen Goldstein ablegen und wieder ihren ursprünglichen Schweizer Namen Hufschmid annehmen können.

Hier in der Schweiz herrsche Frieden, hat ihm Mama erklärt, und das sei ein grosses Glück. Aber anders als in Rumänien dürfen sie hier nicht mehr zusammenleben; sondern jedes der Geschwister lebt an einem andern Ort in einer fremden Familie, und auch Mama ist an einem andern Ort und sorgt dort für andere Kinder, die ihren Papa und ihre Mama auch verloren haben, weil sie Juden sind …, denkt Philipp.

Ganz deutlich erinnert er sich an das letzte Weihnachtsfest, an dem Mamamare heimlich vier seiner fünf Geschwister in ihr vornehmes Chalet eingeladen hatte. Welch eine freudige Überraschung war das für Mama und für ihn gewesen! Aber bereits am dritten Tag mussten sie alle wieder zu ihren Pflegefamilien irgendwo in der Schweiz zurückkehren. Seitdem hat sie Philipp nicht mehr gesehen.

Jetzt sucht Philipp sein anderes Lieblingsfoto heraus. Da sind sie alle darauf – nur ihr Papa fehlt:

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In der Mitte sitzt Mama, umringt von ihren sechs Kindern. Ihre Augen blicken müde und sorgenvoll und ihre Lippen sind fest geschlossen. Anders als auf dem ersten Bild fallen ihre Haare mit den weissen Strähnen nicht weich um ihr Gesicht, sondern sind streng nach hinten gekämmt.

Links neben ihr steht im Hintergrund ihr Ältester, David. Philipp liebt und bewundert seinen grossen Bruder, der an Weihnachten mit ihm Schlitten gefahren ist und ihm die Anfangsgründe des Skifahrens beigebracht hat. David lebt in Zürich im Haus von Onkel Robert, Mamas Lieblingsbruder, dem bekannten Universitätsprofessor, und seiner Frau Antoinette.

Am linken Bildrand steht die älteste Schwester, Miriam, mit ihrer grossen, runden Brille. An Weihnachten hat sie ihn laut und stürmisch begrüsst und umarmt, sich dann aber nicht mehr um ihn gekümmert. Sie lebt bei Onkel Theddy, Mamas jüngstem Bruder, und seiner Frau Mizzi in Solothurn, wo er am Gymnasium Sprachen unterrichtet.

Rechts neben David schaut Benjamin unter seinem Wuschelkopf neugierig in die Welt hinaus. Ehrlich gesagt, hatte sich Philipp an Weihnachten fast ein wenig vor ihm gefürchtet. Obschon er klein, schmächtig und fünf Jahre jünger ist als der grosse David, erschien er ihm fast älter. Er konnte einen mit einem so durchdringenden Blick anschauen, dass man ganz unsicher wurde, und seine spöttischen Bemerkungen konnten einen richtiggehend verletzen. Benjamin muss in einem Heim in Zürich leben, weil er an der schlimmen Krankheit Epilepsie leidet, bei der man plötzlich das Bewusstsein verliert, zu Boden fällt und am ganzen Körper zittert, wie ihm Mama erklärt hat. Meistens dauere so ein Anfall bloss wenige Minuten, und man wisse hinterher nichts davon. Auch beim Weihnachtsbesuch habe Beni in der Nacht einen solchen Anfall erlitten. Das ganze Haus sei davon wach geworden – nur Philipp habe selig geschlafen.

Neben Mama, auf der linken Bildseite steht Gabriela. An sie kann sich Philipp überhaupt nicht erinnern, weil sie an Weihnachten nicht da gewesen war. Auch sie müsse leider in einem Heim leben, weil sie «mongoloid» sei, hat ihm Mama erläutert und beigefügt: «Weisst du, wegen ihrer Krankheit wird unsere Gabi immer wie ein Kind bleiben. Wenn sie unter lieben Menschen leben darf, bleibt sie auch fröhlich und glücklich wie ein Kind.»

In der rechten oberen Bildecke steht Ruthi, die schützend ihre Hand auf seine Schulter legt. Ruthi ist Philipps Lieblingsschwester. An Weihnachten hat sie unermüdlich mit ihm gespielt. Als er abends todmüde zu Bett ging, half sie ihm, sich auszuziehen. Ja, er durfte sogar bei ihr im Bett schlafen. Ruthi sei schon von klein auf ein echtes Mütterchen gewesen, hat ihm Mama erzählt. Als er ganz klein war, habe sie ihm die Flasche gegeben, sei mit ihm spazieren gegangen und habe sich ohne zu murren um ihn gekümmert. Ruthi lebt in Bern bei Mamas jüngster Schwester, Tante Luise, und ihrem Mann, Onkel Hans.

Philipp sehnt sich am meisten nach Ruthi und seinem grossen Bruder David.

Die Wohnzimmertür öffnet sich, und Frau Keller kommt herein. «Jetzt musst du die Fotos wieder versorgen», sagt sie freundlich, aber bestimmt, «weisst du, die Mädchen kommen bald von der Schule zurück und müssen am Tisch ihre Aufgaben machen.» Mit flinken Händen hilft sie ihm, die Fotos zusammenzuschieben und in die Blechschachtel einzuordnen. Diese wird dann auf dem obersten Tablar des grossen Schranks versorgt.

Erster Teil: Von Czernowitz nach Bukarest

Czernowitz

Nathan Goldstein, Inhaber einer kleinen Schneiderwerkstatt im jüdischen Stadtviertel von Czernowitz, klaubt hastig einige weisse Fäden von seiner schwarzen, speckig glänzenden Hose und der Weste, schlüpft in den abgetragenen, schwarzen Kaftan und die ausgetretenen, lehmverdreckten Stiefel, setzt seinen schwarzen Hut auf den Kopf, dessen wuschelige dunkle Locken bereits von einer Kippa bedeckt sind, und eilt zur engen Tür hinaus. Im Vorübergehen berührt er mit der rechten Hand die Mesuse am Türpfosten und führt die Hand an die Lippen. Die enge, ungepflasterte, von niederen Häusern gesäumte Gasse ist vom Frühlingsregen aufgeweicht. Die Räder der Pferdewagen haben tiefe Spuren eingegraben, in denen sich das Wasser sammelt, und Nathan versucht den grössten Pfützen auszuweichen.

Es ist die Zeit des Nachmittagsgebetes. Viele Männer kommen aus ihren Werkstätten oder Läden und eilen in eine der Betstuben oder eines der Lehrhäuser des Viertels. In den Türen der kleinen Läden stehen die Inhaberinnen und locken die Frauen, bei ihnen einzutreten, um dunkles Brot, Zwiebeln und Salzfische fürs Abendbrot zu kaufen. Ein Gewimmel von sich geschäftig bewegenden Menschen erfüllt die Strasse; laut rufen sie sich Gruss- oder Schimpfworte zu. Männer, die schwere Lasten und Wassereimer tragen oder auf Handkarren hinter sich herziehen, keuchen an den müssig herumstehenden, auf irgendein Geschäft wartenden Juden vorbei. Fuhrleute, die sich mit ihren pferdebespannten Wagen durchquälen wollen, fluchen mit lauter Stimme auf Menschen und Tiere. Mancher Passant wird besudelt und ruft Schimpfworte hinterher, wenn die Wagenräder das Wasser der Pfützen aufspritzen lassen.

Nathan strebt dem Klejzel zu, in dem sich die Anhänger des Rebben Israel Friedmann, des Tsaddiks von Sadagora, versammeln. Eilig geht er zu seinem Pult, entnimmt ihm sein vom vielen Gebrauch zerfleddertes Gebetbuch und beginnt, mit halblauter Stimme die alten Worte zu lesen, wobei er seinen Oberkörper rhythmisch vor- und rückwärts bewegt. Das halblaute Murmeln der betenden Männer erfüllt den Raum wie das Summen eines Bienenstockes. Nur manchmal hebt sich eine einzelne Stimme heraus, die laut und heiser Gott anzuflehen oder dringlich zu bestürmen scheint.

Während seine Lippen beten und sein Oberkörper schaukelt, suchen Nathans Augen vergeblich seinen Sohn Immanuel, der wieder einmal seine Gebetspflicht vernachlässigt oder aber in einem andern Bethaus, jedenfalls nicht in einem chassidischen, erfüllt.

Es schmerzt ihn, und manchmal wird er auch darüber zornig, dass ausgerechnet sein erstes Kind und einziger Sohn – es folgten nach ihm noch vier Töchter – den Weg des Chassidismus verlassen hat und sich den lauen, aufgeklärten Haskilim angeschlossen hat, die ihren prunkvollen Tempel im Zentrum von Czernowitz erbaut haben. Nathan weiss schon, weshalb es den Jungen dorthin zieht. Es ist der Chazan Mordche Fein mit seiner klaren, ausdrucksvollen Stimme, der ihn in Bann zieht. Wenn Mordche Fein am Shabbes im Tempel vorbetet, hört ihm Immanuel hingerissen zu und vergisst ganz, selber die Gebete zu murmeln. Innerlich singt er alle Melodien mit ihren komplizierten Verzierungen mit. Wenn er vom Tempel nach Hause kommt, leuchten seine Augen, und er summt und trällert die heiligen Melodien mit, bis ihm sein Vater mit ärgerlicher Stimme verbietet, die heiligen Worte und Melodien aufs Nichtige auszusprechen.

Insgeheim freut sich Nathan jedoch über die grosse Sangesbegabung seines Sohnes; aber mit seiner schönen Stimme allein würde er nie eine Familie ernähren können. Und das sei nun einmal die göttliche Bestimmung und Pflicht eines jüdischen Mannes: heiraten, eine Familie gründen und Kinder grossziehen.

Das Nachmittagsgebet ist zu Ende. Nathan wechselt ein paar Worte mit einigen der Männer. In wenigen Wochen werden sich fast alle bei der Feier des Wochenfestes am prächtigen Hof ihres Tsaddiks im nahen Stedtl Sadagora einfinden, wenn sich dort Hunderte seiner Anhänger versammeln werden, die zum Teil von weither pilgern. Aber jetzt müssen alle wieder an ihre Arbeit zurück. Für einen kleinen Schneider wie Nathan, der vor allen Dingen abgetragene Hosen und Röcke kürzt, abändert, wendet, oder ansetzt und nur selten den Auftrag bekommt, ein neues Kleidungsstück anzufertigen und durch seiner Hände Arbeit vier unverheiratete Töchter ernähren und irgendwann verheiraten muss, gibt es am Werktag keine Ruhepausen zwischen Arbeit und Gebet. Einzig den Shabbes hat der Ewige, sein Name sei gepriesen, zum Ruhen bestimmt. Da rührt Nathan keine Nadel an. Er geht vormittags in die Shul, setzt sich anschliessend zum Sabbatmahl, zieht sich dann zu einem Schläfchen zurück und liest anschliessend in einem frommen Buch, bis es Zeit wird, die Prinzessin Sabbat zu verabschieden.

Nathan setzt sich wieder auf den Schneidertisch und näht beim trüben Licht der Petroleumlampe, bis seine Augen tränen und vor Müdigkeit zuzufallen drohen. Dann erst steigt er hinauf in die enge Wohnung über der Werkstatt. Rifke, seine Frau, setzt ihm gekochte Kartoffeln, ein Mus aus Zwiebeln mit saurer Sahne und Tee vor. Die zwei kleineren Mädchen liegen bereits im Bett und die grösseren sind mit einer Handarbeit beschäftigt; sie haben schon gegessen. Nathan wäscht sich die Hände und murmelt dazu den vorgeschriebenen Segensspruch, dann setzt er sich und beginnt zu essen.

«Wo ist Immanuel?», fragt er. Rifke hebt die Schultern, sie weiss es nicht.

«Vielleicht beim Chazan Mordche Fein im grossen Tempel», mutmasst sie. Sie weiss, dass ihr Sohn abends nach Arbeitsschluss oft den Vorbeter besucht.

Dieser ist für den gesangsbegabten und lernbegierigen jungen Chassiden ein väterlicher Freund geworden, der ihn in der Chazanut, der Kunst des Vorbetens, unterrichtet. Irgendwann wird der junge Mann – achtzehn Jahre zählt er jetzt – vor der Gemeinde beten und singen können. Noch ist seine Stimme nicht geübt und sicher genug, noch fehlt es ihr an der Leichtigkeit, die Verzierungen so zu singen, als wäre es eine Selbstverständlichkeit; aber Mordche Fein spürt, dass der junge Mann das Zeug zu einem guten Chazan hat. Er weiss allerdings auch, dass das ein recht brotloser Beruf ist; denn nicht jede Gemeinde ist so wohlhabend, dass sie ihrem Vorsänger ein Gehalt zahlen kann, um damit eine Familie zu ernähren. Die Gemeinde des grossen Tempels von Czernowitz besteht vor allem aus wohlhabenden Geschäftsinhabern, Beamten, Ärzten, Advokaten und Universitätsprofessoren, die im Alltag Deutsch und Polnisch sprechen und die das Jiddische der einfachen Juden meiden. Sie selber oder ihre Vorfahren auf vier Generationen zurück stammen mehrheitlich aus anderen Teilen der Habsburgischen Doppelmonarchie. 1774, also vor etwa hundert Jahren, wurde das Herzogtum Bukowina als Kronland ans Habsburgerreich angeschlossen. In der prunkvollen Herrengasse mit ihren eleganten Läden tragen die Geschäfte deutsche Schilder; die Namen der Besitzer verraten jedoch ihre jüdische Herkunft. An der neu gegründeten Universität – einem Vorposten deutscher Kultur tief im slawischen Südosten Europas – lehren viele Professoren mosaischer Religion, die sich sabbats in Gehrock und Zylinder in der grossen Synagoge zum Gottesdienst treffen, mit Genuss der meisterlichen Gesangskunst Mordche Feins lauschen und mit Interesse die intellektuellen Lehrreden des aus Wien stammenden Rabbiners Dr. Mosche Grün zur Kenntnis nehmen. Sogar einen jüdischen Bürgermeister hatte es in Czernowitz einmal gegeben.

Mit ihren Glaubensgenossen der kleinen Bethäuser im nahe des Flusses Pruth gelegenen Judenviertel mit seinen engen, schlammigen oder staubigen Gassen und den niedrigen Häusern haben sie wenig Gemeinsames, und deren Umgangssprache, das Jiddische, lehnen sie als eine üble Verballhornung des Deutschen ab.

In Czernowitz leben viele Völkerschaften und Sprachen friedlich beieinander und nebeneinander und lassen sich gegenseitig in Ruhe: Rumänen, Ukrainer, die amtlich Ruthenen heissen, Polen, Armenier, Huzulen, Griechen und Türken. Die Juden aber – ob liberal oder orthodox, chassidisch oder aufgeklärt – stellen die Mehrheit der Bevölkerung.

Mordche Fein, der bekannte Chazan der grossen Synagoge, wird gut bezahlt und verdient ausserdem ein schönes Geld, indem er den Töchtern und auch einigen Söhnen wohlhabender Juden Musikunterricht erteilt. Von Immanuel Goldstein jedoch nimmt er keinen Heller; denn fürs Beten darf man kein Geld verlangen. Ausserdem mag er den begabten Jungen sehr und weiss, dass er aus einem armen Haus stammt.

Immanuel

Immanuel kam im Jahr 1865 zur Welt. Seine Eltern Nathan und Rifke waren stolz und glücklich, dass Gott – sein Name sei gepriesen! – ihnen als erstes Kind einen Sohn geschenkt hatte. Deshalb konnten sie die Tatsache leichter verschmerzen, dass er sie mit weiteren vier Töchtern segnete. Es war selbstverständlich, dass der kleine Immi mit vier Jahren in den Cheder, die Religionsschule für die kleinen Buben, geschickt wurde, wo er täglich viele Stunden lang Loshenkojdesh, also die heilige Sprache Hebräisch, lernen musste, damit er Chumesh, die fünf Bücher Moses, und später den Talmud würde studieren können. Vielleicht – so hoffte sein Vater insgeheim – würde später einmal ein berühmter Talmudgelehrter aus ihm. Es war Rifke, Nathans energische und realistische Frau, welche ihren traditionsgläubigen und in vielen praktischen Dingen ahnungslosen Mann dazu überredete, ihr aufgewecktes Jüngelchen auch weltliche Dinge lernen zu lassen. So durfte er – halbwegs gegen den Willen seines Vaters – die Volkschule und später sogar das Gymnasium besuchen, wo er ohne Schwierigkeiten Deutsch und Rumänisch, Mathematik und Geschichte lernte. Zwar war Nathan stolz auf seinen klugen und lernbegierigen Sohn, hütete sich jedoch, den Stolz deutlich zu zeigen. Vielleicht würde er ja einmal ein berühmter Rechtsanwalt, Arzt oder Professor, träumte er manchmal, wenn er an seiner Nähmaschine sass. Aber dann rief er sich energisch in die Wirklichkeit zurück und machte sich schwere Vorwürfe, dass er dem Drängen Rifkes nachgegeben, Immi auf die weltliche Schule und nicht auf eine Jeshiwe, eine Talmudschule, hatte gehen lassen, wie es sich für einen chassidischen Jungen geziemte. Den ursprünglichen Traum, er werde möglicherweise einmal ein grosser Talmudgelehrter, hatte er längst aufgegeben; denn er sah ja mit grossem Kummer, wie er sich immer weiter vom chassidischen Weg seines Vaters entfernte. Die Barmitswe, den feierlichen Eintritt des jungen Mannes in den Bund mit Gott, wurde zwar noch in der Sadagorer-Shul begangen. Aber bereits am Tag danach schnitt sich Immanuel seine Peijes, die Schläfenlocken, ab und weigerte sich hinfort ebenfalls, den Arbakanfot mit den Tsitses, das viereckige Unterhemd mit den Schaufäden, das den Mann ständig an seine Verbundenheit mit dem Ewigen erinnern soll, zu tragen.

Als Nathan seinen Sohn zum ersten Mal ohne diese äusserlichen Merkmale der Jüdischkeit sah, war er wütend und entsetzt. Er stellte ihn heftig zur Rede und warf ihm vor, er verrate den Glauben seiner Väter. Immanuel erwiderte ebenso heftig, Gott habe ihm Verstand und Einsicht geschenkt, wofür er ihm dankbar sei. Genau dieser Verstand sage ihm aber, um die Welt regieren zu können, sei der Ewige nicht darauf angewiesen, dass er, Immanuel Goldstein, Sohn des Flickschneiders Nathan aus Czernowitz in der Bukowina, Peijes und Tsitses trage. Nathan hob die Hand, um Immanuel für diese unverschämte und gotteslästerliche Antwort zu schlagen, konnte sich jedoch im letzten Moment noch zurückhalten, stürzte aus dem Zimmer, schlug die Tür und verschwand kochend vor Zorn in seiner Werkstatt. Mehrere Wochen lang redete er nicht mehr mit seinem rebellischen Sohn und machte sich und Rifke schwere Vorwürfe, ihre Pflicht als jüdische Eltern versäumt zu haben. Schliesslich jedoch obsiegte seine Gutmütigkeit und Vaterliebe über die erlittene Kränkung. Vater und Sohn begannen zwar wieder miteinander zu reden; aber zwischen ihnen breitete sich eine Fremdheit aus, unter welcher beide litten.

Im Alter von fünfzehn Jahren verliess Immanuel freiwillig die Schule, weil er seinem Vater nicht länger als nötig auf der Tasche liegen wollte. Beim angesehenen Schneidermeister Grünberg an der Herrengasse fand er eine Lehrstelle, hielt sich gut und wurde dank seines gewinnenden Wesens manchmal auch im Verkaufsladen beschäftigt. Dadurch kam er mit jüdischen Kunden der Oberschicht in Kontakt und lernte dabei den Chazan Mordche Fein kennen.

Inzwischen ist Immanuel zu einem attraktiven jungen Mann von achtzehn Jahren herangewachsen. Er sieht gut aus, kleidet sich modisch-elegant und hat ein strahlendes Wesen. Die Frauen auf der Strasse schauen sich verstohlen nach ihm um, und auch er spürt bei ihrem Anblick ein seltsames drängendes Kribbeln. Rifke und Nathan haben es natürlich auch bemerkt und meinen, es sei höchste Zeit, dass der Junge heirate und eine Familie gründe; sonst käme er womöglich – was Gott verhüten möge! – auf die schiefe Bahn.

Aber jedes Mal, wenn Rifke – Nathan hat das Problem ihr überlassen – eine Andeutung macht, der Shadchen, der Heiratsvermittler, habe im Vorbeigehen angeklopft, winkt Immanuel ärgerlich ab. Er wolle erstens noch nicht heiraten und zweitens bestimmt nicht durch die Vermittlung eines berufsmässigen Shadchens. Er wolle das Mädchen, mit dem er seine Familie gründen werde, selber auswählen. Einmal kommt Nathan dazu, als Immanuel mit der Mutter über dieses Thema redet, und mischt sich ein: «Das sind diese neumodischen Flausen der aufgeklärten Haskilim», ereifert er sich, «du hast in der Schule zu viele goijsche Romane gelesen und bist deshalb vom Weg der Väter abgewichen. Meine Ehe mit Rifke ist jedenfalls von einem frommen Shadchen vermittelt worden. Sie besteht seit fast zwanzig Jahren, hat alle Widerwärtigkeiten durchgestanden und wird mit Gottes Hilfe bis zu unserm Tod weiterbestehen. Eine vom Shadchen gestiftete Ehe ist eben von Gott – gepriesen sei sein Name – gesegnet, weil sie nicht von der Willkür des menschlichen Begehrens abhängig ist.» So belehrt Nathan eifernd seinen aufgeklärten Sohn, der mit einem trotzig-spöttischen Lächeln dasteht und ihm dann den Rücken zuwendet. Er will sich nicht auf eine fruchtlose Auseinandersetzung mit ihm einlassen, die zwangsläufig im Streit enden muss. Das fromme, rückwärtsgewandte Gerede seines Vaters geht ihm manchmal furchtbar auf die Nerven, und er sehnt sich danach, das enge väterliche Haus, in dem so viele unnütze Vorschriften eingehalten werden müssen, so rasch als möglich verlassen zu können.

«Wasch die Hände, bevor du isst, und sprich zuerst den Segen», befiehlt er ihm, wenn er hungrig nach einem Stück Brot greifen will.

«Wo hast du heute Nachmittag gebetet?», fragt er ihn jeden Abend, wenn er nach Hause kommt.

«Nimm dich vor den goijschen Mädchen in Acht», warnt er ihn immer wieder.

Kürzlich war er ungewollt Zeuge eines besorgten Gesprächs seiner Eltern geworden, die sich ausmalten, er könnte sich – Gott behüte! – in eine deutsche oder rumänische Shickse verlieben. Welch ein Unglück, welch eine Schande!

Dass er längst ein Auge auf Ruchele geworfen hat, die sechzehnjährige Tochter von Shlojme Hirsch, dem Religionslehrer am grossen Tempel, der die Söhne der Haskilim auf die Barmitswe vorbereitet und – was für eine neumodische Einrichtung! – immer häufiger auch deren Töchter zur Batmitswe, verschweigt Immanuel sorgfältig. Sein chassidischer Vater wäre entsetzt, dass ausgerechnet sein Sohn um die Tochter eines bekanntermassen frei denkenden Juden wirbt.

Ruchele erwidert seine Zuneigung. Sie haben jedoch nur selten Gelegenheit sich zu sehen. Hin und wieder kann er ihr heimlich eine Botschaft zukommen lassen, dass sie sich an einem bestimmten Ort am Ufer des Pruth oder beim grossen jüdischen Friedhof auf der Anhöhe über dem Fluss treffen sollen. Voller Ungeduld wartet und hofft er dann, dass seine Geliebte die Nachricht bekommen habe, sich unter irgendeinem Vorwand von daheim entfernen und zum Stelldichein kommen könne. Ruchele hat auch einige Jahre die Schule besuchen dürfen, muss jetzt jedoch ihrer Mutter im Haus zur Hand gehen.

Shlojme Hirsch, der Lehrer, der mit seiner freien Auslegung der Thora bei den Frommen nur Kopfschütteln oder Empörung auslöst, bei den Aufgeklärten jedoch Beifall erntet, ist daheim ein rechter Tyrann und fordert von seiner Frau und seinem einzigen Kind absolute Unterwerfung. Er hält Ausschau nach einer guten Partie für die schöne, gescheite Ruchele, selbstverständlich ohne die Vermittlung eines Shadchen. Ruchele weiss, dass er schwerlich seine Einwilligung zu einer Verbindung von ihr und Immanuel Goldstein geben würde.

Dessen ungeachtet suchen Immanuel und Ruchele jede Gelegenheit, um sich für Minuten bloss oder für eine kurze Stunde zu sehen.

Beim ersten Mal hatten sie bloss verlegen nebeneinandergestanden, unsicher gelächelt, geschwiegen und Belangloses geredet. Erst im Nachhinein war ihnen eingefallen, was sie einander hätten sagen wollen. Bei jedem Treffen waren das Vertrauen und ihre Vertrautheit gewachsen, und sie hatten begonnen, einander von sich zu erzählen, von ihrem Alltag, von den Eltern, von ihren heimlichen Hoffnungen und Wünschen fürs Leben. Immanuel vertraute Ruchele seinen Wunschtraum an, Chazan zu werden, und dass Mordche Fein ihn in der Chazanut unterrichte. Ruchele offenbarte ihm ihren heimlichen Wunsch, Lehrerin zu werden; nicht Lehrerin für Religion wie ihr Vater, sondern eine «richtige» Lehrerin, die den kleinen Buben und Mädchen Lesen, Schreiben und Rechnen beibringt, ihnen aber auch den Blick für die Schönheit der Welt und des Lebens erschliesst. In der Kaiserstadt Wien, vielleicht auch im galizischen Lemberg gebe es Institute, wo sich auch Frauen zu Lehrerinnen ausbilden lassen können. Das wäre ihr grösster Wunsch; aber sie wage nicht zu glauben, dass er je in Erfüllung gehen werde.

Irgendwann geschah es. Ungewollt und unbemerkt berührten sich ihre Hände, und ein Stromschlag durchfuhr beide. Sie erschraken und fuhren zurück. Aber es war kein tödlicher Stromschlag, ganz im Gegenteil. Eine prickelnde Lebenslust breitete sich in ihren Körpern aus, ausgelöst durch diese ungewollte Berührung. Vorsichtig näherten sich ihre Hände zum zweiten Mal, und wieder spürten sie eine Welle von Lebendigkeit und ein Glücksempfinden bis hinauf zu den Haarwurzeln und hinab zu den Fusssohlen. Ihre Hände und Finger fassten und verschränkten sich, ihr Blick versank in den Augen des Gegenübers, ihre Stirnen neigten sich zueinander, und plötzlich trafen Immanuels Lippen auf Rucheles Lippen. Zuerst nur scheu, vorsichtig, tastend, aber auf einmal heftig, drängend und fordernd, bis sich die Lippen nicht mehr voneinander lösen wollten.

Plötzlich liessen sie erschreckt voneinander und wichen zurück. Verwirrt, schwer atmend standen sie einander gegenüber, schämten sich und getrauten sich nicht, die Augen zu heben. Was für ein Dibbuk, welcher Dämon, war in sie gefahren? In Romanen, die in einer fremden Welt spielten, in Wien, Paris oder London, hatten sie von solchen Gefühlsausbrüchen gelesen, von denen Menschen zuweilen erfasst werden. Aber doch nicht hier im verträumten Czernowitz! In den Romanen waren es immer Angehörige gehobener Gesellschaftsschichten gewesen; aber sie beide waren doch Kinder einfacher bukowinischer Juden.

Immanuel fasste sich als Erster: «Ruchele», flüsterte er mit heiserer Stimme, «ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder passieren wird. Lass uns lieber nach Hause gehen.» Stumm huschten sie zwischen den Büschen der Uferauen des Pruth zum Strässchen zurück, das zur Stadt führte. Bei den ersten Häusern angekommen, verabschiedeten sie sich verlegen lächelnd und trennten sich.

Bekanntlich werden aber Versprechen dieser Art nicht lange gehalten. Die Küsse hatten in Ruchele und Immanuel das Fieber des Begehrens und der Sehnsucht entzündet, das sie zu verbrennen schien. Die Einnerung an die wenigen Minuten, da sie sich, alles um sich vergessend, im Schutz der Büsche am Ufer des Pruth umarmt und geküsst hatten, liess beide nicht los und forderte herrisch nach einer Fortsetzung. Sie suchten nach der nächsten Gelegenheit, sich im Verborgenen treffen zu können.

Sie mussten fast zwei Wochen darauf warten. Inzwischen war es Herbst geworden, die Tage wurden kürzer und die Abende kühler. Am Freitag gelang es Ruchele, Immanuel die Nachricht in die Werkstatt, wo er arbeitete, zu schmuggeln, sie habe von ihren Eltern die Erlaubnis bekommen, morgen nach Sabbatausgang ihre Kusine zu besuchen und bei ihr zu übernachten. Er solle an einer bestimmten Stelle in der Stadt auf sie warten; aber heimlich, denn vielleicht beharre der Vater darauf, sie zu begleiten.

Gewöhnlich geht Nathan Goldstein gleich nach Sabbatausgang in seine Werkstatt hinunter, um noch ein paar Stunden zu arbeiten. So kann Immanuel unbemerkt das Elternhaus verlassen, um den angegebenen Treffpunkt aufzusuchen. Er staunt über Rucheles Klugheit bei der Wahl des Ortes; denn es gibt in der Nähe genug verschwiegene Winkel, wo sich Liebespaare verbergen können. Er duckt sich in den Schatten einer vorspringenden Mauer und wartet. Nach einer Weile taucht tatsächlich Ruchele auf, natürlich in Begleitung ihres Vaters Shlojme Hirsch. Als sie in seine Nähe kommen, hört er, wie Ruchele in bestimmtem Ton ausruft: «Also hör, Tate, ich bin doch kein kleines Mädchen mehr, das man an der Hand führen muss! Lass mich allein weitergehen. In ein paar Minuten bin ich doch schon bei meiner Kusine!» Seltsamerweise lässt sich Shlojme Hirsch dieses Mal von seiner Tochter überzeugen und antwortet: «Wenn du meinst … Nun ja, ich bin auch nicht mehr der Jüngste, aber pass gut auf, mein Kind!» Er drückt sie zum Abschied kurz an sich und dreht sich um. Ruchele geht ganz langsam weiter. Ob Immanuel wohl irgendwo auf sie wartet? Als der Alte hinter einer Strassenbiegung verschwunden ist, tritt Immanuel aus dem Mauerschatten hervor und eilt hinter Ruchele her. Sie hört seinen Schritt, dreht sich um, bleibt stehen und erwartet ihn mit klopfendem Herzen. «Ich bin so froh, mein Libinker, dass du kommst», flüstert sie, «ich habe dich nirgends sehen können. Ist es nicht wunderbar, dass ich den Tate habe heimschicken können?» Immanuel entdeckt einen dunkeln Torbogen, der in einen Hinterhof führt, fasst Ruchele bei der Hand und zieht sie mit sich.

Im Hof ist es düster. Aus einigen Fenstern sickert schwaches Licht von Petroleumlampen. An die rückwärtige Mauer lehnt sich ein Schuppen, die Werkstatt eines kleinen Handwerkers. Vom Latrinenhäuschen in der linken hinteren Ecke weht ein scharfer Geruch. Kein schöner Ort zum Kuscheln. Immanuel zieht Ruchele an der Hand zu einem dunklen Winkel an der schwarzen Mauer. Ihre Augen haben sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt; sie können ihre Gesichter schwach erkennen. Sie stehen einander gegenüber, halten sich an beiden Händen und schauen sich an, ohne etwas zu sagen.

«Du, du, Ruchele», flüstert er nach langen Sekunden, und sie erwidert: «Du, du, Immanuel.» «Du?» – «Du!» – «Du?» – «Du!»

Ein Dialog, der alle Sehnsucht, alles Begehren, alle Zärtlichkeit zweier junger Menschen ausdrückt. Ihre Gesichter nähern sich, ihre Lippen berühren sich, ihre Arme umschlingen den Körper des andern, und sie versinken in einen niemals enden wollenden Kuss.

Immanuels Schwur, er werde Ruchele nicht wieder berühren und küssen, löst sich auf wie Herbstnebel. Seine Sinne sind berauscht von Rucheles Duft, von ihrem Atem, vom Rascheln ihrer Kleider. Mit geschlossenen Augen saugt er alle Eindrücke in sich ein, und die Poren seiner Haut scheinen sich weit zu öffnen. Seine Hände streichen über Rucheles Rücken hinauf zum Nacken, wo ihre Haare unter dem Hütchen hervorquellen, das sie als anständige jüdische Bürgerstochter trägt. Vom Nacken lässt er seine Hände den Rücken hinabgleiten zu ihrer Hüfte, wo die wollene Jacke endet. Dort bleiben sie eine Weile liegen und tasten sich dann zögernd weiter bis zu den zwei sanften Rundungen, die er unter den Falten ihres langen Rockes spürt. Ruchele fährt bei dieser unerwarteten Berührung zusammen und verkrampft sich für einen Augenblick. Dann wird sie wieder weich und kommt ihm entgegen. So bleiben sie stehen, ihre Leiber aneinandergeklebt. In ihren Köpfen rauscht es, und in den Ohren hören sie, wie das Blut pulsiert. Dann fahren Immanuels Hände langsam tastend Rucheles Seite entlang bis unter ihre Arme. Jetzt halten beide den Atem an. Da überlässt Immanuel seine Hände ihrem eigenen Willen und spürt, wie sie langsam und sanft nach vorne gleiten und auf Rucheles kleinen Brüsten liegen bleiben. Sie atmet heftig und drückt sich an ihn. Nach wenigen Sekunden löst sie sich aber sanft von ihm und haucht kaum hörbar: «Immi, Libinker, lass uns aufhören, es ist besser …» Immanuel öffnet die Augen, als ob er aus einem Traum erwachte, tritt einen halben Schritt zurück und flüstert: «Ruchele, Serze majne, …!», und wieder umarmen und küssen sie sich.

Da hören sie schlurfende Schritte. Eine alte Frau in einem Schlafrock, den sie über der Brust zusammenhält, die nackten Füsse in ausgetretenen Pantoffeln, in der Hand eine Petroleumlampe, steuert auf das Latrinenhäuschen zu. Der trübe Lichtschein erfasst die beiden, die erschreckt voneinander lassen, erstarrt an der schwarzen Wand stehen bleiben und die Hände vor die Augen heben. «Gewalt geschrien, Einbrecher, Räuber!», zetert die alte Frau, als sie das ertappte Liebespaar sieht. «Komm, Ruchele», kommandiert Immanuel, fasst ihre Hand, und beide rennen wie eine aufgescheuchte Katze an der erschreckten Alten vorbei durch das Tor hinaus auf die Strasse. Im Haus öffnen sich mehrere Fenster, Menschen lehnen sich hinaus und fragen: «Was ist denn los?» Die alte Frau antwortet verwirrt: «Zwei Gestalten hatten sich im Hof versteckt und sind jetzt weggerannt. Vielleicht waren es Einbrecher. Mein Gott, haben die mich erschreckt; o mein armes Herz; mein armes Herz!» Ein Mann kommt mit einer Blendlaterne in den Hof und leuchtet in alle Winkel hinein. Dann brummt er verdriesslich: «Alles in Ordnung. Du hast wohl Gespenster gesehen. Geh aufs Häuschen und leg dich wieder schlafen.»

Unterdessen sind Ruchele und Immanuel durch ein paar Gassen gerannt, bis sie sicher sein können, dass niemand hinter ihnen her ist. In einer letzten dunklen Ecke vor dem Haus, wo Rucheles Kusine wohnt, umarmen und küssen sie sich noch einmal.

«Du …!» – «Du …!», flüstern sie sich zu. Ihre Herzen und ihre Körper stehen in Flammen.