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HOW I FUCKED

JAMAL

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WARNUNG! Kann Spuren von Vögeln enthalten

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INHALT

Vorwort

JOHANNA WACK

Afrikaner gefunden

MARKUS KÖHLE

Nezaket

ANDREA STIFT

Von selbst

CLEMENS J. SETZ

Reise in die verbotene Stadt La Circuncisión

MICHAL HVORECKY

Ein Tag am Meer

CORNELIA TRAVNICEK

Sonnenhunde

JAN KOSSDORFF

Die Impotenz im Schoße Europas

MIEZE MEDUSA

Zwiebelringen mit scharf

JULYA RABINOWICH

Fremdkörper

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STEFAN ABERMANN

Ein Ort, geprägt von sehr hellem Licht

SARA WIPAUER

Salz

JAN OFF

Abdrift

NADJA SPIEGEL

Süßer Vogel im Winter

CHRISTOPH SIMON

Herzversetzen

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MALTE BORSDORF

Stückwerk

THOMAS BALLHAUSEN

Wunschprogramm. Ein Protokoll

NADJA BUCHER

Das Sexualverhalten der Eisverkäufer

Die Autorinnen und Autoren

Kann Spuren von Vögeln enthalten

Mieze Medusa und Cornelia Travnicek

»Ich bin ein sehr guter Mensch«, ist ein großartiger erster Satz, da kann die Ilsebill nachsalzen, soviel sie will.

Ein guter Satz ist aber nicht automatisch wahr, und in einer Anthologie mit Sex im Titel sind die Selbstaussagen der Figuren sowieso mit einer gewissen Vorsicht zu genießen.

»Ich bin ein sehr guter Mensch«, so beginnt Johanna Wack ihren Beitrag und damit auch die Anthologie, Nadja Bucher beendet sie lapidar mit: »Wahrscheinlich lag’s daran.«

Dazwischen wird gekuschelt, gekocht, geködert, gechattet, gekratzt, getrunken, geschleckt, getanzt, gearbeitet, gehurt, gereist, geredet, beschnitten und telefoniert. Zwischen den beiden Sätzen tut sich eine ordentliche Bandbreite an Missverständnissen, Verführungsversuchen, Arbeitsverhältnissen, Abnutzungserscheinungen und Hautkontakten auf.

Dabei ist es gar nicht so wichtig, ob es explizit zur Sache geht oder ob sich der Koitus zwischen den Zeilen versteckt. Es gibt solche und solche Geschichten, nicht jeder sieht man es gleich im ersten Absatz an, ob sie »mit alles« ist oder eben »ohne scharf«.

Eines müssen wir klarstellen: Der titelgebende Jamal kommt in der Anthologie nicht oder nur als Missverständnis vor.

Jamal ist unsere Chiffre für das Fremde in unserem Bett, für das Unerwartete, das passieren muss, wenn es zum internationalen Austausch von Koseworten, Körperflüssigkeiten und Erwartungshaltungen kommt. Jamal kommt trotzdem zu Wort, denn die AutorInnen haben ihre Wurzeln in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Slowakei oder in Russland; sich selbst schon das eine oder andere Mal verpflanzt und sind allesamt »Zugereiste« im globalen Dorf.

Die Bereitschaft, mit der uns Texte für die vorliegende Anthologie gesandt wurden, beweist, wie aktuell das Spannungsfeld des internationalen Beischlafs ist. Wir freuen uns sehr, dass so viele die Herausforderung angenommen, und sich mit uns in die gefährlichsten Minenfelder der Literatur begeben haben. Nicht alle Figuren sind bei diesem Ausflug heil geblieben.

Johanna Wack

Afrikaner gefunden

Ich bin ein sehr guter Mensch. Würde Gott den Menschen Noten geben, würde ich eine 1 plus bekommen. Ich bin tolerant, fürsorglich und absolut frei von Aggressionen.

Bodo hatte also wirklich Glück gehabt, dass ich ihn gefunden habe und nicht jemand anderes. Es war in Italien – ich mache dort für gewöhnlich meinen Jahresurlaub –, als ich ihn bei einem morgendlichen Strandspaziergang im Sand liegen sah. Zunächst dachte ich, das Meer hätte einen Baumstamm angeschwemmt, an dem Müll und Kleidungsfetzen hingen, dann aber sah ich die dunkle Hand, die auf dem Sand lag, und die Füße, die – mit den hellen Fußsohlen nach oben – in regelmäßigem Rhythmus von Wellen umspült wurden.

Ich traute mich kaum zu nähern, dachte, er wäre eine Leiche – da drehte er seinen Kopf in meine Richtung und sah mich an. Ich blieb stehen und sah abwechselnd auf die aufgesprungenen Lippen, die sich bewegten, als wollte er etwas sagen, und die schwarzen Augen, die mich flehend und zugleich müde anblickten. Mir fiel die kleine Flasche Wasser ein, die ich in meiner Tasche trug, und ich ergriff sie an ihrem rosafarbenen Deckel, öffnete sie und kniete mich neben ihn. Er trank den halben Liter in einem Zug leer. Ich half ihm auf und stützte ihn, gemeinsam liefen wir über den Sand, er blickte sich um, als suchte er etwas, und plötzlich riss er sich mit einer Kraft, die ich ihm in seinem Zustand nicht zugetraut hätte, los und ließ sich neben einem angeschwemmten Lappen auf die Knie fallen. Er zog ihn auseinander und ich erkannte den Ärmel eines T-Shirts und das »N«, das »I« und das »K« des Schriftzugs, bevor er sich das nasse, sandige T-Shirt gegen das Gesicht drückte und wimmernde Geräusche von sich gab. Ich zog ihn hoch, sagte: »Komm. Komm! Bevor die Polizei kommt, Policia, Gendarm!«

Ich konnte ihn unbemerkt in meinen Bungalow bringen.

»Bodo«, sagte ich und zeigte auf sein Brustbein. »Du Bodo.«

»Non, non«, antwortete Bodo und tippte mit dem Zeigefinger auf dieselbe Stelle. »Jamal!«

»Bodo«, sagte ich mit Nachdruck. »Jamal – Policia – Abschiebelager – Afrika! Bodo – no Policia – no Abschiebelager – Allemania! Capisch?«

Und Bodo kapierte.

Ich stornierte meinen Flug und nahm mir einen Mietwagen. Wir schafften es, unbehelligt bis in meine Heimatstadt Cuxhaven zu kommen.

Es sah so aus, als wäre Bodo mit der neuen Situation zufrieden. Dankbar aß er und trank, er schlief viel und tat, was ich von ihm verlangte.

»Bodo«, sagte ich, »du musst Deutsch lernen, mit diesem Afrikanisch kommst du hier nicht weit, in Deutschland wird Deutsch gesprochen, so ist das.«

Ich ging in eine Buchhandlung und verlangte ein Wörterbuch Deutsch-Afrikanisch, Afrikanisch-Deutsch.

»Afrikaans« stand auf dem Buch, das die Buchhändlerin mir brachte und ich fragte: »Ist das Afrikanisch?«

Die Buchhändlerin blickte mich irritiert an.

»Ja«, sagte sie. »Afrikaans wird in Südafrika gesprochen.«

»Wie, Südafrika? Nein, nein. Ich brauche Afrikanisch. Nord-Afrikanisch.«

»Welche Sprache denn?«, fragte sie.

»Ja, spreche ich denn chinesisch? AFRIKANISCH!«

»Welches Land denn?«

»Welches Land? Ja, woher soll ich denn das wissen, was ist denn so gegenüber von Italien?«

»Libyen? Tunesien?«

»Geben Sie mir Libysch.«

»Arabisch?«

»Herrgott, geben Sie mir irgendein Wörterbuch! Und packen Sie es bitte als Geschenk ein, ja?«

Ich kaufte also ein Wörterbuch Arabisch-Deutsch, Deutsch-Arabisch und überreichte es Bodo. Es stellte sich heraus, dass die Afrikaner ein undankbares und lernunwilliges, faules Volk sind: Bodo blickte das Buch an, blätterte und gab es mir kopfschüttelnd mit den Worten »Non, non« zurück.

»Typisch«, sagte ich und riss es ihm aus der Hand. »Kein Wunder, kann ich nur sagen, dass ihr Afrikaner es nicht so weit gebracht habt wie wir Deutschen und alle hungern müsst!«

»Oui, oui, Madame«, antwortete Bodo und schrubbte weiter die Fliesen im Bad.

Eines Tages bemerkte ich auf dem Weg nach Hause in mir ein Bedürfnis nach Sexualität. Ich kaufte Bodo also ein Armband.

»Bodo«, sagte ich, als ich es ihm über das Handgelenk streifte. Ich nahm seine Hand. »Bitte zieh dich aus. Ich möchte deinen Penis in den Mund nehmen.«

»Merci, Madame, oui, oui«, antwortete Bodo, rührte sich aber nicht von der Stelle und staubte weiter das Bücherregal ab.

»Penis?«, fragte ich und griff nach dem soeben benannten Körperteil.

Bodo wich mit aufgerissenen Augen zurück und stieß dabei so heftig gegen das Bücherregal, dass einige Bücher herausfielen und aufgeschlagen am Boden liegen blieben.

»Madame!«, rief er und wedelte mit dem Staubtuch vor meinem Gesicht herum.

»Bodo«, sagte ich freundlich und legte den Kopf schief, »no Penis – Policia – Afrika; Penis – no Policia – Allemania.«

Und Bodo verstand.

Ich war mit Bodos Fähigkeiten zufrieden. Ich schenkte ihm eine Pelzmütze. Er hatte zwar keine Gelegenheit, sie zu tragen, da er nicht vor die Tür durfte, aber ich glaube, sie erinnerte ihn an die Freiheit, an die Möglichkeiten, die die Zukunft ihm bot, und machte ihn daher trotzdem auf eine spezielle Art glücklich.

Wir lebten viele Wochen so, Bodo erhielt freie Kost und Logis, putzte dafür meine Wohnung und stand mir für sexuelle Dienste zur Verfügung. Wir waren beide sehr zufrieden mit der Situation, und wenn Bodo mir unglücklich erschien, erinnerte ich ihn an das Glück, das er gehabt hatte, dass er aus Afrika rausgekommen war und jetzt im Wohlstand in Deutschland leben konnte: »Willst du etwa zurück?«, fragte ich dann. »In der Wüste hocken, in Lehmhütten wohnen und Käfer essen?«

»Oui, oui, Madame«, antwortete Bodo stets und zog schnell seine Hose aus.

Und dann traf ich Rüdiger. Rüdiger ist Zugbegleiter bei der Deutschen Bahn. »Bitte geben Sie mir Fahrkarte und Bahncard, wenn Sie haben, schöne Dame, damit ich einmal pieppiep-knack mit meinem großen Gerät hier machen kann«, sagte er bei unserer ersten Begegnung und zwinkerte mir zu.

Ich gab ihm neben meiner Fahrkarte auch meine Telefonnummer und schon bald trafen wir uns regelmäßig auf der Alten Liebe in Cuxhaven, betrachteten gemeinsam das graue, schäumende Wasser der Nordsee, lauschten dem Geschrei der Möwen und träumten von gemeinsamen Fernreisen. Mir wurde klar, dass Bodo nicht bleiben konnte – wie sollte ich Rüdiger das erklären, was sollte er von mir denken? Womöglich würde er zur Polizei gehen, mich verachten, verlassen.

»Bodo«, sagte ich alsbald und öffnete die Schlösser und Riegel der Wohnungstür, »du darfst gehen. Viel Glück.«

Bodo sagte: »Oui, oui, Madame«, und begann, die Wohnungstür zu putzen.

»Lass das«, sagte ich und nahm ihm den Lappen aus der Hand. »Go, please! Raus!« Ich deutete ins Treppenhaus.

»Non, Madame«, sagte Bodo und sank vor mir auf die Knie. »Madame«, sagte er, stand wieder auf, öffnete seinen Gürtel, und fragte: »Penis?«

»Nein, Bodo!«, schrie ich. »Raus!«

»Madame.«

»Bodo!«, sagte ich ein letztes Mal. »Hör zu: No raus – policia – Afrika; raus – no policia – Allemania.«

Und Bodo ging.

Wenige Wochen später schlug ich die Zeitung auf und erblickte ein Foto von Bodo. Er trug seine Pelzmütze und blickte müde von Seite 2: »International gesuchter Betrüger in Cuxhaven gefasst«, lautete die Überschrift.

Ich las weiter: »Der arbeitslose Franzose Jamal F. hatte gemeinsam mit seiner Frau und Komplizin Eno F. in der französischen Hafenstadt Marseille mehrere Kleinanleger um ihr Geld betrogen. Die gemeinsame Flucht nach Italien fiel jedoch buchstäblich ins Wasser: Kurz vor der italienischen Küste kenterte offenbar aus bisher ungeklärter Ursache ihr Boot. Eno F.s Leiche wurde bereits vor Monaten geborgen, von Jamal F. fehlte lange Zeit jede Spur. Gestern um 16.34 Uhr wurde er unweit der Klappbrücke gefasst, bekleidet lediglich mit einem Damenschlafanzug, einem Putzkittel und einer Pelzmütze.«

Ich klappte die Zeitung zu. Ein Betrüger also. Monatelang hatte ich einen Betrüger in meiner Wohnung beherbergt, ihm Nahrung und Fürsorge geschenkt. Ich fühlte mich missbraucht und betrogen. Ich machte mich auf den Weg zur Polizei, um eine Aussage zu machen. So leicht sollte der mir nicht davonkommen.

Markus Köhle

Nezaket

Da tuckert eine Pumpe aus dem Zeitalter der industriellen Revolution, die dürften die Engländer seinerzeit hierhergebracht haben. Groß, schwarz, ölig. Ein angsteinflößendes Verbindungsteil führt in den Untergrund. Ein Neoprenbeanzugter entsteigt dem Kanalloch. Ein toter Marder am Gehsteig. Zu viel Kabel gekaut und oder das Falsche erwischt? Im Rinnstein Rohre, neben den Randsteinen am Gehsteig ein offener Graben mit Leitungen. Alles liegt offen da, alles bietet direkten Zugriff. So auch in der Werkstätte dahinter. Ein Kopiergerät in zig Einzelteile zerlegt und behandelt. Daneben ein Fachmann für schwer einschätzbare Geschäfte. Schreibtisch, Telefon, Polstersessel. Keine Werkzeuge, kein Computer, kein Klient. Gedimmtes Licht, dunkles Holz, ein Tresor. Unheimlich! Noch unheimlicher ist es hier aber, wenn es plötzlich ruhig wird. Wenn nichts vorbeihupt oder – kreucht. Du fühlst dich auf einmal hilflos, alleine, verloren. Sezierte Autos jagen dir einen Schrecken ein. Einen Schrecken, der ein Schreckensmoment bleibt, ja gar nicht tiefer gehen kann, denn schon posaunt wieder ein Sammeltaxi heran und buhlt um dich als Fahrgast.

Du wirst deiner Angstkontemplation entrissen und erfreust dich an der lebhaften Gegenwart. Dort, wo kein Taxi mehr vorbeikommt, dort hast du nichts verloren.

Du hast mich in der U-Bahn-Station Midan Tahrir angesprochen. »What’s your name?«, wolltest du wissen. »Nice name«, sagtest du, »Maaachus.« Du sprachst das a gelängt aus, verschlucktest das r und machtest aus dem k ein kehlig gehauchtes ch. »Maaachus, Maaachus, nice name«, wiederholtest du. Ein ägyptischer Grundsatz besagt, dass ein Mann lebt, wenn sein Name genannt wird. Immer noch mit meinem Namen spielend, blicktest du mir direkt in die Augen. Dein Augenaufschlag knackte meine ohnehin nicht all zu harte Schale mühelos und krallte sich direkt den weichen Kern, umschloss, drückte, quetschte ihn. Hielt ihn fest. Gefangen.

Da tempelhüpfen Mädchen, dort spielen Buben Fußball, da wird Tee genippt und werden Backgammonsteine verschoben, dort Einkaufstaschen durch die Menge manövriert. Ein riesiges Fladenbrottablett auf dem Kopf eines Fahrradfahrers auf der Corniche el Nil – gegen die Fahrtrichtung! Ein Eselsfuhrwerk mit Großfamilie und unidentifizierbarer Fracht in Säcken. Ein Reisebus der Kategorie Luxusliner. Fräs-, Schweiß- und Hämmergeräusche aus der Kellerluke des schwer angeschlagenen Hauses. Daneben eine Mercedes-Benz-Filiale mit polierter Glasfront. Ein Plastikkorb senkt sich vor dir, ein Flaschenzug? Nein, Flasche respektive Rolle ist hier keine auszumachen. Du verfolgst die Schnur und siehst Hände im circa siebten Stock. Handbetrieb.

Du warst geübt, keine Frage. Du hattest mit keiner Gürtelschnalle, keinem Reißverschluss, keiner Knopfleiste Probleme. Du holtest dir, was du wolltest, umgehend. Du wichstest phänomenal, packtest den Sack fest an, ließt die Eier schlackern und zerrtest an der Nudel, bis diese ausschlug, sich aufplusterte, sich dir erstarkt entgegenneigte und noch härter angefasst werden wollte. Du drücktest, quetschtest, melktest mich; ich spritzte, sprotzte, sprudelte.

Jetzt hängen hier auf einmal überall Körbe. Will da wer was von dir? Du gehst weiter. Gehen ist ja über weite Strecken ein Reflexionsprozess, und wenn es so viel zu sehen gibt wie hier, dann ist während des Gehens natürlich allerhand zu reflektieren. Die Gehgeschwindigkeit kann mit den dargebotenen Reizen Schritt halten. Ein Taxi macht die Eindrücke platt, wird dem Dargebotenen nicht gerecht.

Du überfuhrst mich, du überfordertest mich, du überschätztest mich. Himmel! Ich war auf Bildungsreise! Museen, Mausoleen und Mumien, darauf war ich eingestellt. Mit Altem, Totem, Konserviertem habe ich gerechnet, nicht mit einer zweiundzwanzigjährigen, unternehmungslustigen, sexexperimentierfreudigen Tochter eines Scheichs, der für die Holding Gesellschaft Dubai World arbeitet und mitverantwortlich ist für den Bau des 818 Meter hohen größenwahnsinnigen Gebäudes »Burj Dubai«. Zwei Etagen des Hilton Hotels waren für deine Familie reserviert. Wir schafften es in drei Tagen nicht, uns durch alle Zimmer zu pudern.

Du gehst, entdeckst und wirst andauernd von Nostalgiewellen eingeholt. Die Autos vertraut aus Kindheitstagen. Viele 1970er-Jahre-Fiats, -Peugots und -Ladas sind hier noch am Start. Autos, die so aussehen wie du früher – in deiner Autobegeisterungsphase – Autos gezeichnet hast. Die Maschinen der Handwerker so vertraut aus Tischler-, Schlosser-, Schmiedbesuchen im Dorf. Das ständige unter der Kühlerhaube Verschwinden, dann mit einem Teil Auftauchen und dieses wortreich benennen und beklagen – das dich an deinen Onkel erinnert, der auch alles zerlegte und wieder zusammenbaute. Oft nur um des Zerlegens Willen, manchmal um etwas zu reparieren und manchmal weiß Gott warum.

Du wärst nicht besonders gläubig und überdies emanzipiert. Dein Vater hätte dir versichert, für die Operation vor der Hochzeit aufzukommen. Er selbst hätte fünf Frauen, deine Mutter nie einen anderen Mann als deinen Vater gehabt, aber du und deine Schwestern ihr ficktet euch systematisch durch die Nationen dieser Welt. Ich wäre dein erster Österreicher, mehr als drei Tage wären nicht drin, du müsstest weitermachen, deine jüngere Schwester hole auf, und du hättest dir – so schwierig könne das wohl nicht sein – für diese Woche noch einen Schweizer vorgenommen. Es freute mich, dass du mich trotz evidenter Stresssituation drei Tage lang behandeltest.

Der Hairdresser am Eck heißt Kamal. Ach, wie böte sich im Deutschen ein KAMMal an. Komm mal zu KAMMal. Wir scheren nicht alles über einen Kamm.

Nach der dreitägigen Fickkur dachte ich an die im Ägyptischen Museum entdeckten Alltagsdinge wie beispielsweise die head-rests, die Kopfraster aus Alabaster, Marmor und Elfenbein. Ich hätte gerne einen cock-rest gehabt, denn ich war ein Schwanzrest. Stoßzahn angeschlagen, Rüssel lahm. Ich war am Ende und freute mich auf eine möglichst unspektakuläre Besichtigung irgendeines Totentempels.

An den Straßenecken stehen hier im Übrigen sehr oft elegant wirkende Rundhäuser.

Deine Brüste waren viel größer als erwartet. Ich mag große Brüste. Ich habe als Kind schon gerne mit Wasserbomben gespielt.

Nein, der Taxler schläft nicht über das Lenkrad gebeugt, der ist gerade geostet und im Gebet, deshalb steht er am Straßenrand. Ansonsten sind die Taxler hier always on the run, weil Sprit ist billig und fahren ja ohnehin lässig. Zu Fuß geht nur wer muss. Wer Gehsteige benutzt, outet sich als Ausländer. Gehsteige werden nicht von Fußgängern, sondern für alles Mögliche genutzt. In der Regel sind sie Trümmerfelder. Pflastersteine, Schutt- und Sandhaufen, frei gelegte Rohre und Leitungen und bei Bedarf auch mal ein Polizeiautounterstand; Wachmannlungerzellen sowieso. Und unter den Hochstraßen – im Schutze der Verkehrsterrassen –: Markttreiben. Fünf Händler schultern ihre Ware und kämpfen um den besten Platz. Hemden, Shirts und Hosen schwanken. Da ein Pickup mit einer Schuhpyramide, dort einer mit einem Stoffberg.

Nackt! Unter dem Sackkleid splitterfasernackt. Im Hotel hüpftest du immer in bunten Galabaijas herum, in der Öffentlichkeit warst du aufgebrezelt wie ein Shoppingcenterweihnachtsbaum. Shopping and Fucking. Oh du Fröhliche! Die Galabaijas waren weit genug, um zu zweit reinzuschlüpfen. Ich machte mich dann immer auf Wanderschaft in deinem Brusttal. Du hast jede Galabaija nur ein Mal angezogen und sie dann weggeschmissen. Eine schön spermafleckengestärkte habe ich mir als Souvenir mitgenommen.

Zwei Schritte weiter blüht das Mechaniker-, Spengler- und Lackiererhandwerk. Der Gehsteig ist Werkstätte, ein Schlupfloch die Kommandozentrale. Chromblitzende, mächtige Stoßstangen von Jeeps, Dutzende Lenkräder, Reifentürme und Einzelteile, die sich nicht so einfach identifizieren lassen. Hier ein auf Autositzbepolsterung Spezialisierter, dort einer mit einer Wunderkammer voller Auspuffe. Ein überwältigendes Angebot an Hupen und Signalhörnern in allen Größen und Tonlagen. Richtige Soundsysteme für den individuellen Ton werden hier feilgeboten. Ähnliches gilt für die Lichtausstattung: Spielereien in allen Farben, und wer verhindern will, dass seine Bremslichter dauernd kaputt sind, der kann sich kunstvoll geschmiedete Schutzgitter anfertigen lassen. Licht kommt dann nicht mehr viel durch, aber andere haben ja auch keines.

Aus meiner Stoßstange machtest du eine Nudel, far away from al dente, zu lange gekocht, zu sehr rangenommen, abservierbereit. Mir war’s egal, ich war fertig und mein Urlaub bald vorbei.

Und plötzlich kein Asphalt mehr, sondern Erdbuckelpiste, keine Händler mehr, dafür hohe Shishadichte. Abbruchhäuser, Schutthalden, Baulücken. Die Baulücken werden als Deponien verwendet. Meterhohe Schichten, bemerkenswerte Installationen, die erstaunlich wenig stinken. Kinder spielen am Boden, Jugendliche mit sich, Ältere sitzen und trinken Tee, diverse Tiere begatten sich. Du bist die Attraktion, spürst Blicke, es wird gewispert, du weißt, du hast hier nichts verloren. Du bist kein Elendsspanner, du bleibst nicht stehen und fotografierst, du versuchst dir nur Einzelheiten zu merken. Du schreitest bestimmt weiter, einem Ausgang dieses Ghettos im Zentrum entgegen.

Du hast Schiss, dir passiert nichts, du bist froh, wieder einen Hochstraßenknoten zu erreichen und befindest dich doch tatsächlich in unmittelbarer Nähe des Hilton Hotels. Oh du wundervolle Welt!

Es war mir natürlich nicht egal. Am Tag danach schlich ich bereits um das Hilton. Ich leistete mir sogar ein Bier auf der Terrasse, was mir ein ziemliches Loch in die Tagesreisekasse riss. Aber dafür war ich dir näher. Ich fühlte mich wie ein Mistkäfer – denen begegnet man hier häufig. Auf Abbildungen treiben die Skarabäen die Weltkugel vor sich her – die Welt ist demnach eine Kotkugel. Ja, die Welt ist Scheiße, war Scheiße, zumindest meine, an jenem Tag.

Die Hälfte der Einwohner lebt hier dicht an dicht – »informell«, wie es so schön heißt – in sogenannten Squatter-Siedlungen. Auch in den Schaufenstern herrscht Gedränge, werden die Schaufensterpuppen regelrecht gestapelt. Viel und bunt, das ist es, was zählt und die Puppen schauen hier mehrheitlich wie überdimensionierte Spielpuppen für Kinder aus, so mit pausbäckigem Drehkopf und Klappkulleraugen. Ein Frauenideal?

Auch der Ichneumon ist sehr häufig zu sehen im Ägyptischen Museum. »Ichneumon« bedeutet soviel wie »Aufspürer«. Ich wollte auch aufspüren und zwar, welche Komplimente die arabische Sprache für die Frau zur Verfügung stellt. Du sagtest was von Zucker im Kaffee und Honig, viel mehr wäre da nicht. Mir kamen, kommen die Tränen.

Alkoholkonsum ist hier allein schon deshalb nicht ratsam, weil du dann nicht mehr fähig bist, alltägliche Verrichtungen wie beispielsweise die Straßenüberquerung auf die Reihe zu kriegen. Du hast heute schon die unterschiedlichsten Schwierigkeitsstufen bewältigen und zweimal allen mobilisierbaren Mut aufbringen müssen, um nicht auf dem erhöhten Mitteltrennstreifen stehen zu bleiben, und darauf zu warten, bis alle Autos der Stadt daheim angekommen sind. Reisgang mit bisher immer glücklichem Ausgang. Die Autofahrer spüren das ganz ähnlich wie Hunde. Die spüren deine Angst und haben ihre Freude daran. Alternativen zu wagemutigen Überquerungsmanövern gibt es höchst selten, Taxis ausgenommen. Ein Taxi für jede noch so kurze Strecke erspart dir diesen Stress und beschert dir einen anderen. Same same but different. Zu Fuß geht nur, wer muss. Das Gros der Hupaktivitäten sind im Übrigen Kommunikationsversuche der Taxler mit den Überquerwilligen. Wer Abweisung signalisiert, dem wird die Straßenüberquerung bewusst erschwert. Eine Freude, die ihnen, trotz aller Mühsal, vergönnt sei.

Küssen in Autos wäre verboten, die Polizei befugt, die Verstoßenden sofort abzuführen. Wenn einer der Küssenden offenbar Tourist war, drückten die Gesetzeshüter aber ein Auge zu, nein, beide. Du bestelltest ein normales Taxi, keine Limousine, und dirigiertest den Fahrer in Richtung Mokattam-Berge, befahlst mir, dass ich dauerlächelnd aus dem Fenster schauen sollte und machtest dich ans Werk. Du küsstest mich nicht, aber schobst mir langsam deinen Mittelfinger in den Hintern und freutest dich, dass sich meine Hose augenblicklich wölbte. Du sprachst zwischendurch ein paar Worte mit dem Taxifahrer, ich verstand nichts, aber spürte deine zweite Hand, die meinen Blasebalg betätigte, bis die Blutdruckmessmanschette platzte. Angeblich hat man von den Mokattam-Bergen aus einen wunderbaren Blick auf Kairo. Ich kann mich nur an ein Feuerwerk erinnern. Eine Rakete im Arsch, ein Sternsprühregen in der Hose, ein Böller im Hirn und ein Ladykracher eben noch neben mir, jetzt verpufft.

Keine Straße kann befahren genug sein, um nicht doch oder gerade eben deshalb für flirtende Paare attraktiv zu sein. Unzählige Parkbänke befinden sich im Flanierstreifen zwischen dem stadtbilddominierenden Nil und der mehrspurigen Uferstraße. Du glaubst, den Grund für die Attraktivität dieser Plätze zu ahnen. Potenzielle Pärchen müssen hier nämlich von vornherein ziemlich zusammenrücken, um sich verständigen zu können, ja, es muss dem Gegenüber förmlich ins Ohr gebrüllt werden, womit die Distanzbarriere, äußerlich bedingt, locker überwunden wäre. Es ist ohnehin sonst schon vieles schwierig genug.

Ob du je wirklich gekommen bist, weiß ich nicht, jedenfalls warst du laut, hattest ein unerschöpfliches Stöhnrepertoire und nicktest immer, wenn ich dich nach meinem Auszucken mit fragenden Augen anblickte. Vermutlich nicht so wichtig. Manche trinken Kaffee ja auch lieber ohne Zucker. Geredet haben wir nicht viel, du wusstest ja, was du wolltest, und ob ich das eh nicht zu persönlich nähme, das wäre nämlich der Deal. Scheiß Deal.

Andrea Stift

Von selbst

Die Männer bei uns daheim, sagt Selima und beißt kräftig in meine linke Brustwarze, alles Schweine. Ich versuche, nicht zu schreien. Es gefällt Selima, wenn ich schreie. Meistens beißt sie dann noch fester zu. Die Zeit der Liebkosungen ist definitiv vorbei, denke ich, und versuche, unhörbar zu seufzen. Ich stelle mir unsere Anfänge voller Scheu und Zärtlichkeit vor. Mir zumindest ist beides noch wertvoll.

Ich hatte Selima schon oft am Institut gesehen. Eine schöne Frau, hatte ich mir jedes Mal gedacht, ein Wow!-Mädchen, ich war ihr sofort und unbedingt verfallen. Doch ich sprach sie niemals an. Wir waren nie gemeinsam in einer Lehrveranstaltung, und wenn man sich bloß so, in der Institutsbibliothek oder am Gang vor irgendeinem Professorenzimmer, trifft, dann spricht man nicht miteinander, nicht einmal auf einem so kleinen Institut, wie es das unsere war und ist. Eine schöne Frau, aber damals war bei mir alles noch so kompliziert.

Die Männer bei uns zuhause, die lieben dich nicht, die befriedigen sich nur an dir, flüstert Selima aus meinem Schamhaar. Es kitzelt, aber ich bin zu feige, nicht stillzuhalten. Die sind eifersüchtig und nehmen sich Zweitfrauen. Sie schlagen dich grün und blau, stöhnt Selima, und ihre Fingernägel dringen langsam in meine Haut.

Wir haben uns auf einer Silvesterparty kennengelernt. Auf den Tod einsam nahm ich zu so prekären Terminen wie dem Jahreswechsel jede Einladung wahr. Ich hatte Glück, denn Selima war da. Eine schöne Frau, dachte ich wieder, als ich so allein und verloren auf einer fremden Couch saß und vor mich hin trank, oder aber vielleicht hatte ich auch ein geiles Weib im Kopf. Ich war bereits ziemlich betrunken.

Selima war mein Traum aus dem Orient. Dass Tunesien nicht so weit weg und orientalisch war wie beispielsweise … nun, Arabien, einerlei. Dass sie gar nicht dort aufgewachsen war, egal. Es musste ein Land voller Zimt und Bauchtänzerinnen sein, denn Selima roch so gut und tanzte Bauch. Und wie. Sie war ungefähr so groß wie ich, schlank und durchtrainiert, bis auf diese eine gewölbte Stelle über den Hüften. Die verlieh ihr einen Anflug von bezaubernder Weiblichkeit. Ihr schwarzwallendes Haar und ihre blauen Augen wie die Augen einer Heiligen Birmakatze. Wie gesagt, ich war schon sehr betrunken. Selima tanzte ihren Zimtbauch in Jeans und T-Shirt.

Die wollen dir nur weh tun. Die werden nur geil, wenn sie dir weh tun können, stöhnt Selima und reibt ihre Brüste an meinem Oberschenkel. Die werden sowieso nur steif, wenn sie, den Rest höre ich nicht mehr, weil sie sich Zähne voraus in meine Schamlippen gegraben hat. Ich stöhne jetzt ebenfalls, es tut verdammt weh. Sie gräbt fester. Selima ist kräftig.

Von Selima lerne ich den Begriff der Tribade. Eine Tribade ist, erklärt sie mir, wenn wir unser beider Geschlechter aneinanderreiben und zwar vorzugsweise wie zwei ineinandergekeilte Scheren. Dabei spreizt sie Zeige- und Mittelfinger ihrer Hände victoryzeichenartig und steckt sie ineinander. Klar?

Natürlich ist mir alles klar. Wenn nicht, wird ihr das auch egal sein. Selima hat mir schon beim vierten Beisammensein sowohl ihren Willen als auch ihren Körper aufgezwungen, weil ich behauptet hatte, das ginge nicht. Dass eine Frau eine Frau vergewaltige. Als es vorüber war, ließ sie mich in ihre schönen Haare weinen.

Unsere Männer ficken die blonden Europäerinnen. Bezzness nennt man das, und ich verstehe: Business, um Vorteile herauszuschlagen. Visum, Geld, manche wollen tatsächlich auch nur Sex. Für Geld ficken unsere Männer eigentlich alles, meint Semila und steckt mir mehrere Finger gleichzeitig in den Anus. Ohne Spucke. Gefällt dir das? Ich versuche, mich im Kopfpolster zu verstecken. Ich liebe sie.