Impressum

eBook, Oktober 2013

Erstausgabe

Copyright © 2013 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Raoul Neukomm,

unter Verwendung einer Grafik der Autorin

Lektorat: Lectorare.de

ISBN 978-3-905802-48-1

www.boderverlag.ch

Über die Autorin

Conny Lüscher lebt in Baden (Schweiz). Nach ein paar Jahren Berufstätigkeit im kaufmännischen Bereich machte sie sich als Malerin selbstständig und präsentierte erfolgreich an verschiedenen Ausstellungen ihre Bilder.

Als freischaffende Autorin publiziert sie seit einigen Jahren Comicserien. Neben diesen humorvollen Themen gibt es eine andere Seite.

Ihre Passion: spannende Bücher zu schreiben; mitreißende Geschichten, die den Leser bis zur letzten Seite fesseln.

Widmung

Für

Ruedi und Petra

Abend

Der Tod kam in Gestalt des Linienbusses Nummer 8 auf sie zugerast. Leana stand im strömenden Regen am Bordstein und wartete ungeduldig darauf, dass die Ampel die Straße freigab. Ihre kinnlangen, rotblonden Locken klebten in Strähnen an ihrem Kopf und das Regenwasser lief ihr in die Augen.

Sie dachte seufzend an ihren kleinen Schirm, den sie in der Tierarztpraxis vergessen hatte. Leana hörte den Bus kommen. Der Motor dröhnte in einer ungewöhnlich hohen Tourenzahl und sie wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie hob den Kopf und blinzelte angestrengt durch den Regenschleier. Der Bus raste mit einer unglaublichen Geschwindigkeit auf den Gehsteig und hatte nur ein Ziel: sie.

Leana wollte zur Seite springen, aber was sie durch die Frontscheibe sah, lähmte sie völlig.

Der Bus war überfüllt wie immer um diese Zeit, dicht gedrängt standen die Leute Schulter an Schulter. Alle Blicke waren auf sie gerichtet, starr und teilnahmslos, wie in Trance. Der Chauffeur saß auf seinem erhöhten Sitz und hatte die Hände im Schoß verschränkt. Er lächelte sie mit leeren Augen an. Es war, als wären alle diese Menschen festgefroren in einer Szene, deren Unwirklichkeit nur noch von der jungen Frau übertroffen wurde, die seitlich neben dem Fahrer stand. Mit beiden Händen hielt sie das Lenkrad umklammert und lachte!

Die Stoßstange erfasste Leana. Ein greller Blitz schoss durch ihren Körper und das Letzte, was sie sah, waren diese eisblauen Augen in dem schönen, lachenden Gesicht.

Dämmerung

Alexander saß auf einem Felsvorsprung, von dem er das ganze Tal überblicken konnte. Die Nacht brach herein. Nicht dass es eine große Rolle spielte. In diesem Land machte Tag oder Nacht keinen großen Unterschied. Es war immer grau. An guten Tagen hing eine kleine, gelbbraune Sonne am verwaschenen Himmel, und nachts versuchten sich ein paar winzige Sterne durch das trübe Schwarz bemerkbar zu machen. Nun verschwammen die Konturen der Bäume unter ihm und verwandelten das Bild in einen dunklen See. Alexander kramte in seinem alten Rucksack und suchte nach seinem Abendessen. Er grinste zufrieden, als er die Dose mit den Würstchen fand.

„Hallo Freunde“, sagte er und hielt die Dose gegen das restliche verbliebene Licht. „Essen ist SEIN“ stand darauf. Darüber klebte das Bild eines dankbar und glücklich lächelnden Jungen.

Alexander war auch glücklich. Und vor allem dankbar, dass der Besitzer des Ladens, aus dem er die Würstchendose gestohlen hatte, danebenschoss, als Alexander aus dem Geschäft floh. Er öffnete die Dose mit dem rostigen Büchsenöffner seines Vaters und schnüffelte misstrauisch am Inhalt.

„Ihr scheint in Ordnung zu sein“, stellte er fest und fischte sich eines der Würstchen heraus.

Es sah graubraun aus und wie erwartet schmeckte es eigentlich nach gar nichts. Alexander war deswegen nicht überrascht und aß eines nach dem anderen. Schön langsam, damit sein seit Tagen leerer Magen sich in Ruhe mit etwas so Ungewohntem wie Nahrung beschäftigen konnte. Dann lehnte er sich zufrieden zurück. Es war nun endgültig dunkel geworden, außer ein paar schemenhaften Umrissen gab es nichts mehr zu sehen. Er schloss die Augen und ließ seinen Gedanken freien Lauf. Wie immer dachte er an seinen Vater, diesen unbeugsamen Mann, der vor vier Jahren, kurz nach Alexanders vierzehntem Geburtstag, umgebracht wurde.

Karl Hanson lebte, nachdem ihn seine Frau verlassen hatte, zurückgezogen mit seinem kleinen Sohn am Rande der Stadt. Dort betrieb er eine kleine Werkstatt, er reparierte Autos und Motorräder und verhielt sich ruhig und möglichst unauffällig. Er hoffte, dass er so Alexander und sich selbst vor „dem grauen Pack“, wie er sie nannte, beschützen konnte. Sie hatten schon seine Frau geholt. Nun ja, eigentlich war sie selbst gegangen. Mit leeren Augen hatte sie ihn angestarrt und vorwurfsvoll mit dem Finger auf ihn gezeigt.

„Du glaubst nicht!“, hatte sie geschrien. „Du reißt uns alle ins Verderben!“

„Nein ich glaube NICHT!“, hatte er zurückgebrüllt. „Ich glaube nicht, dass wir diese gefährlichen Psychopathen in unser Leben lassen sollten!“

Er war verzweifelt. Dieses Land war schon immer vom Orden beherrscht worden, aber bis jetzt hatten sie ihr Leben einigermaßen unbehelligt führen können. Nach Alexanders Geburt war es jedoch losgegangen.

Ständig riefen sie an oder standen vor der Tür. Sie bedrängten Luisa, sich und ihr Baby taufen zu lassen und das graue Band zu tragen.

Er konnte nicht dauernd auf seine Familie aufpassen und so schafften sie es, in sein Leben einzudringen. Während er arbeitete, fanden sie Einlass in sein Haus und in den Geist seiner Frau. Liebevoll umgarnten sie Luisa und pflanzten das giftige Gewächs der Angst in ihr Herz. So wie sie es bei fast allen Bewohnern dieses verwüsteten Landes gemacht hatten. Als er eines Abends müde nach Hause kam, fand er Luisa auf dem Sofa sitzend, den kleinen Alexander im Arm haltend und das graue Band um ihren Hals geschlungen. Er erstarrte.

„Luisa, was hast du getan.“ Die Worte kratzten in seiner Kehle.

Sie blickte ihn herausfordernd an, doch in ihren Augen sah er einen Moment lang Unsicherheit und Zweifel aufblitzen. Es war nur ein kurzer Augenblick, dann stand sie auf und sagte:

„Es ist zu unserem Besten. Wir müssen sein, deswegen müsst ihr mir folgen. Wenn ihr das Band empfangt, wird alles gut und wir sind in Sicherheit. Glaub mir, ich weiß es. Seit ich es trage, habe ich keine Angst mehr!“

Karl betrachtete seine Frau, die mit verzücktem Gesicht an die Wohnzimmerdecke starrte und er wusste, er hatte sie verloren. Er nahm ihr das Baby vorsichtig aus den Armen. Sie schien es gar nicht zu bemerken, geistesabwesend strich sie ihm über die Wange. Verwundert blickte sie auf ihre Finger, die nass waren von Karls Tränen.

„Warum weinst du denn? Komm mit mir zum Vater, er wird dich trösten, er wird dir und Alexander das Band geben und wir werden für immer glücklich sein!“ Ihre Stimme war emotionslos.

„Geh“, sagte er und presste das Kind noch fester an sich. „Geh und komm nie wieder!“

Sie schrie und beschimpfte ihn, aber sie ging widerstandslos zur Tür. Als sie verschwunden war, ließ er sich auf das Sofa fallen und weinte so lange, bis seine Tränen ein Protestgebrüll seines Sohnes auslösten.

Mithilfe einer mürrischen, alten Nachbarin, viel Chaos und Improvisation schaffte er es in den folgenden Jahren zu arbeiten und gleichzeitig seinen Sohn großzuziehen.

Er wunderte sich, dass er vom Orden so einfach in Ruhe gelassen wurde. Er blieb wachsam und eines Tages ließ er sich die Reparatur eines getunten Sportwagens in Naturalien auszahlen. Genauer gesagt in Form einer kleinen, schwarzen Pistole und einer Schachtel Munition. Der völlig durchgedrehte Besitzer des Wagens, ein Freak mit langen, weißen Haaren und fleckiger Haut, überreichte ihm die Waffe mit einem wissenden Grinsen. Auch er trug kein Band.

„Nun“, sagte er, als er ihm die Pistole in einer fettigen Tüte überreichte, „wollen wir nicht grau werden? Wollen wir nicht sein?“

Karl antwortete nicht und ehrlich gesagt fühlte er sich mit der Waffe auch nicht viel besser. Er wusste nicht einmal, ob er sie tatsächlich benutzen könnte.

Es gab Zeichen. Eines Abends saß der kleine Alexander im winzigen Garten ihres Hauses, in dem ein paar spärliche Grashalme den grauen Sand verzierten, der über der ganzen Gegend lag. Er spielte mit den von Karl selbst gebastelten Autos. An die Hausmauer gelehnt beobachtete er seinen Sohn und trank sein fades Feierabendbier.

Plötzlich war die Luft von einem drohenden Surren erfüllt. Karl richtete sich auf. Er spähte umher, aber in der tristen Umgebung des Hauses konnte er nichts entdecken. Als er sich umdrehte, stockte ihm der Atem.

Ein Schwarm braunschwarzer Wespen hatte sich über dem Kopf seines kleinen Sohnes versammelt und schwebte wie eine mörderische Dornenkrone über seinen dunklen Haaren. Es mussten Hunderte sein!

Voller Entsetzen sah Karl, wie Alexander den Kopf hob und mit seinen großen Kinderaugen verblüfft den Wespenschwarm anstarrte. Dann drehte er sich um und sah zu seinem Vater.

„Sssssshhhh, ssssssssssuuuuuuhhm“, quäkte er vergnügt und fuchtelte mit beiden Händen in der Luft herum.

Karl brach der kalte Schweiß aus. Er ließ seine Bierdose fallen und sprang auf.

Er wollte losrennen, seinen Sohn packen und sich mit ihm im Haus oder Schuppen verschanzen. Ja bei Gott, wenn es einen gab, das wollte er. Aber er wusste, er würde es nicht schaffen.

Denn der Schwarm begann sich zu senken. Es sah aus, als ob der kleine Junge nun jeden Moment eine monströse, tödliche Mütze tragen würde.

„Nicht so, bitte nicht!“, flüsterte Karl.

Wie unter Wasser watete er auf seinen Sohn zu. Viel zu langsam! Er würde zu spät kommen!

In diesem Augenblick begann die Luft zu vibrieren. Karl fühlte einen sanften, leichten Lufthauch und direkt vor den Füßen seines Sohnes erschien ein Leuchten. Ein kleiner Punkt nur, nicht größer als eine Murmel, aber das bedrohliche Summen der Wespen verstummte. Sie wurden träge, als ob sie müde wären und orientierungslos.

„Licht!“, jauchzte Alexander und griff mit beiden Händen nach dem Leuchten.

Augenblicklich löste sich der Schwarm auf. Die Wespen verschwanden so plötzlich, wie sie gekommen waren. Karl stolperte auf seinen Sohn zu und kniete sich zitternd neben ihm auf den Boden.

„Guck Papa“, krähte der kleine Junge und streckte ihm die Hand entgegen.

Auf seiner Handfläche saß ein gelber Schmetterling und bewegte schwach seine zarten Flügel. Karl lächelte erleichtert. Aber er konnte schon sehen, wie die leuchtende Farbe verblasste und die Flügel schwer zur Seite fielen. In diesem Land wurde alles Leben von der Finsternis verschlungen.

Die Jahre vergingen und Alexander lernte schnell das Licht zu suchen. Meistens war es nur ein kleines, kurzes Flimmern. Aber manchmal auch ein helles Leuchten und er rannte durch seine ewig graue Welt, bis er es gefunden hatte. Und es war immer etwas da.

Ein Apfel, der rot war und einen Geschmack hatte, den er sich nie hätte vorstellen können. Ein zerfranster Strohhut in einem so hellen Weiß, dass er glaubte, er könne ihn als Lampe benutzen. Und einmal ein kleiner, blauer Vogel.

Er fand ihn am Ufer des trüben Flusses, wo er verwirrt umherflatterte. Es gelang ihm, ihn zu fangen. Behutsam hielt er ihn in seinen Händen und bewunderte das schillernde Gefieder. Er spürte das rasende Pochen des winzigen Herzens in seiner Handfläche und wurde unendlich traurig. Er wusste, wo immer dieses wundervolle Geschöpf auch herkam, in seiner Welt würde es nicht lange leben. Auch ohne das Band um den Hals würde alle Lebensenergie aus ihm fließen und es würde sterben.

Karl wunderte sich, dass der Junge in all den Jahren kein einziges Mal nach seiner Mutter fragte. Er schien die gleiche, instinktive Furcht vor den Grauen zu verspüren wie er selbst. An seinem dreizehnten Geburtstag passierten zwei Dinge, die ihr Leben für immer verändern sollten: Alexander verliebte sich zum ersten Mal und die meisten Lehrer seiner Schule verschwanden. Die, die noch da waren, erschienen alle am selben Tag mit dem Band um ihren Hals. Karl vermochte nicht zu sagen, was schlimmer war. Alexander schlich jeden Morgen niedergedrückt aus dem Haus. Es gab nichts mehr zu lernen, sondern nur noch die immer gleichen Predigten, Drohungen und Verheißungen, um die Kinder dazu zu bringen, das Band anzunehmen. Und es gelang ihnen. Täglich wurden es mehr. Als Alexanders junge Freundin ebenfalls dazugehörte, brach seine Welt zusammen. Er und ein paar wenige, die sich weigerten, wurden schikaniert und zu Außenseitern. Alexander wollte nicht mehr zur Schule gehen. Karl ließ ihn gewähren, denn er begann, um das Leben seines Sohnes zu fürchten.

Sie waren jetzt überall. Selbst hier in der Vorstadt, wo es außer halb zerfallenen Häusern und leer gefegten Straßen kaum etwas gab. Sie lungerten um ihr Haus und seine kleine Werkstatt, wo Alexander nun mithalf und begierig alles lernte, was sein Vater ihm beibringen konnte.

Eines Tages stand Luisa wie ein Schatten in ihrem Wohnzimmer. Sie hatten sie nicht kommen gehört. Sie stand einfach da auf dem abgewetzten Teppich und trug das Gewand einer Priesterin. Eine lange, weich fallende Tunika aus einem edlen, dunkelgrauen Stoff verhüllte ihren abgemagerten Körper. Alles an ihr wirkte fahl. Auch ihre einst so schönen, dunkelbraunen Haare hingen in matten, verwaschenen Strähnen von ihrem gesenkten Kopf. Als sie aufblickte, zuckte Karl zusammen.

Das war nicht mehr seine Frau. In ihrem ausdruckslosen Gesicht loderten ihre Augen im Wahn. Das Band, das sie trug, schien zu leben. Es bewegte sich wie eine träge Schlange an ihrem Hals und er glaubte Schuppen zu erkennen, die schillernd ihre Farben wechselten.

„Meine Liebsten“, flüsterte sie mit leerer Stimme, „meine geliebte Familie!“

Karl erschauerte und aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie Alexander sich tiefer in seinem Sessel verkroch. Luisa drehte sich zu ihrem Sohn und verzog ihren Mund zu einem Lächeln. Ihre Augen waren wie Kieselsteine.

„Kommt mit mir! So lange waren wir getrennt, doch nun werde ich euch zum Vater führen und wir werden eine Familie sein! Eine große Familie, denn nicht nur der Vater, nein auch eure Schwestern und Brüder warten auf euch! Wir werden euch vor dem Licht beschützen. Nichts kann euch jemals verletzen, ihr werdet für immer glücklich sein!“

Karl wollte aufstehen, sie packen, schütteln und aus dem Haus werfen, bevor das lähmende Gefühl, das von ihrem Halsband ausging, von ihnen Besitz ergreifen konnte. Doch Alexander kam ihm zuvor. Der Junge sprang auf. Er trat mit geballten Fäusten und zusammengekniffenen Augen vor seine Mutter. Seine dunklen Haare standen wirr um seinen Kopf. Wutentbrannt blickte er sie an.

„Du bist nicht meine Mutter!“, schrie er. „Meine Mutter ist schon lange tot! Du bist genauso falsch wie diese Schlange, die du um den Hals trägst. Spar dir deine verlogenen Worte, ich glaube dir nicht! Ich weiß nicht, wer oder was du bist, aber ich weiß, IHR habt alles zerstört!“

Luisas Augen weiteten sich. Einen Moment dachte Karl, dass sein Sohn es geschafft hätte, diesen schrecklichen Bann, der sie umhüllte, zu durchbrechen. Aber im selben Moment verfärbte sich ihr Band und zog sich zusammen. Luisa keuchte, er wusste nicht, ob es wahrer Zorn war oder ob sie einfach keine Luft bekam. Ihre Augen funkelten bösartig. Sie hob die Arme und fing an zu kreischen.

„Ihr Idioten, ihr Ungläubigen! Ihr wisst gar nichts! Glaubt ihr wirklich, dass ihr ohne uns überleben könnt? Das Licht wird euch verbrennen! VERBRENNEN WERDET IHR!“

Ihr Band wurde heller, die schlängelnden Bewegungen verlangsamten sich. Sie ließ die Arme sinken und sagte völlig ruhig, fast beiläufig:

„Wenn ihr nicht nachgebt, töten wir euch!“ Damit drehte sich die Frau, die Alexander geboren und die Karl einst so geliebt hatte, um und verschwand aus ihrem Leben. Ein Jahr später stand eine Mauer aus Menschen vor ihrem Haus und stürzte wie eine Woge über Karl und tötete ihn.

Alexander, der noch immer mit geschlossenen Augen an der Felswand lehnte, riss die Augen auf, um die Bilder der Vergangenheit zu vertreiben. Sein Körper schmerzte und er wischte sich geistesabwesend die Tränen von den Wangen.

Vier Jahre waren nun seit seiner Flucht vergangen. Jahre, in denen er allein durch die immer währenden grauen Tage und dunklen Nächte umherstreifte. Er war einer der wenigen, die noch nicht getauft waren und er war vorsichtig. Er hielt seine Augen und Ohren offen, hatte viel gelernt und schaffte es mittlerweile mühelos, seine große, athletische Gestalt mit der grauen Masse verschmelzen zu lassen. Es war, als wäre er unsichtbar geworden. Alexander war sich fast sicher, dass sie aufgehört hatten, nach ihm zu suchen. Als er aufstand, um sich einen bequemeren Platz für die Nacht zu suchen, sah er es.

Unter ihm, am Ende des Tals, glühte ein helles Licht. So hell und intensiv, wie Alexander es noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Etwas war gekommen. Etwas das in dieser Welt leuchtete wie nichts zuvor. Alexander warf sich seinen Rucksack über die Schulter und hastete so schnell es in dieser Dunkelheit möglich war den Abhang hinunter.

Nacht

„Ich glaub’s nicht! Ich fass es nicht, was ist das hier für ein SCHEISSTRIP!!?“ Die schreiende Stimme wühlte sich durch Leanas Bewusstsein. Sie war völlig orientierungslos und so, wie sich ihr Körper anfühlte, wollte sie nur wieder sofort in diesem wohltuenden schwarzen Nichts versinken.

„Verdammt, was ist los? Seid ihr etwa TOT!!??“ Die Stimme hatte sich nun in ein hysterisches Kreischen verwandelt. Leana holte tief Luft und versuchte die Augen zu öffnen. Sie spürte, dass ihr Körper auf etwas Weichem lag, das einen scheußlichen, modernden Geruch verströmte. Ihre Haut und ihre Haare waren nass und jeder Muskel schmerzte. Sie blinzelte mehrmals, doch es wurde einfach nicht heller. Sie konnte schemenhafte Umrisse sehen. Etwas wie Bäume um sie herum und die Silhouette einer Frau, die wie ein verrückter kleiner Teufel auf und ab hüpfte. Plötzlich leuchtete das Display eines Handys vor ihr auf.

„Scheiße, Scheiße, es funktioniert nicht! Ich krieg keine Verbindung!!“, schrie die Stimme voller Verzweiflung.

Leana konnte nun sehen, dass sie einer jungen Frau gehörte. Sie war etwa achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Ihre fransig geschnittenen schwarzen Haare waren durchzogen von bunten Strähnen, die wild in alle Richtungen von ihrem Kopf abstanden. Sie war stark geschminkt, aber das schmälerte in keiner Weise die Schönheit ihrer feinen Gesichtszüge.

Leana richtete sich stöhnend auf.

„Oh wow, du lebst! Scheiße bin ich froh!“, sagte die junge Frau.

„D d d d duuh ssssollst a a abber nicht fluchen!“

Leana und die junge Frau drehten sich beide gleichermaßen verblüfft um. Neben ihnen saß an einen der moosbewachsenen Baumstämme gelehnt ein Junge. Leana schätzte ihn auf etwa zehn Jahre. Er trug verwaschene Jeans, ein blauweiß gestreiftes Shirt und darüber eine orangefarbene Regenjacke. Sein kleines Gesicht war fast rund und seine großen, wasserblauen Augen starrten sie vorwurfsvoll an.

„N n n n iiicht fluchen!“, wiederholte er nachdrücklich, während er sich an etwas klammerte, das eigentlich nur ein Schulranzen sein konnte.

„Hah!“, rief die junge Frau an Leanas Seite. „Auch das noch! Ein Blödi!!“

Die Unterlippe des Jungen begann zu zittern und seine Augen füllten sich einen Moment lang mit Tränen. Doch dann sprang er wütend auf die Füße und schrie seine Schultasche fest umklammernd:

„Iii ii iich bin k k k keiiin Blöödi, i i ich b b bin Felix!“

„Na gut zu wissen“, kicherte die junge Frau und hob beschwichtigend ihre Hände.

Der Lichtstrahl ihres Telefons leuchtete wie ein kleiner Scheinwerfer über den Waldboden.

„Und damit IHR zwei es wisst, ich bin auch nicht blöd, ich bin Nina und möchte jetzt zum Teufel noch mal endlich wissen, wo ich hier bin und wie verflucht noch mal ich eigentlich hergekommen bin!!“

Leana musste lächeln. Dieses Mädchen war einfach unglaublich.

„Hallo ihr zwei, ich bin Leana“, sie strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht, „und ich weiß genauso viel wie ihr.“ Sie schlang ihre Arme um ihre schmerzenden Knie und blickte nach oben. Sie waren in einem Wald, so viel war klar, aber wie waren sie bloß hierhergekommen? Sie versuchte sich zu erinnern, aber das Einzige, was ihr einfiel, war ein roter Schirm.

Nina fuchtelte noch immer aufgeregt mit ihrem Handy herum und tippte immer wieder wütend auf die Tasten. „MIST!“, schrie sie.

Felix ließ sich mit einem kleinen Schnauben neben Leana ins Moos plumpsen. Er runzelte missbilligend die Stirn und Leana schloss ihn augenblicklich in ihr Herz. Sie legte einen Arm um seine schmalen, knochigen Schultern.

„Sie meint es nicht so, sie ist nur völlig durcheinander, genau wie ich. Was ist mir dir? Weißt du, wo wir hier sind und wie wir hergekommen sind?“

„Bus“, sagte Felix, ohne zu stottern, und nickte mit ernsthaftem Gesicht.

Die Erinnerung kam wie ein Schlag und Leana schloss entsetzt die Augen. Ganz deutlich hörte sie den Bus auf sich zurasen, sah wieder die Fahrgäste und den Fahrer, die sie wie leblose Puppen anstarrten.

Und das Gesicht der jungen Frau, die über den Fahrer gebeugt das Lenkrad mit beiden Händen umklammerte und es noch weiter nach rechts drehte, um ihr Ziel nicht zu verfehlen. Sie wollte Leana überfahren! Diese schöne Frau mit den eisblauen Augen wollte sie wirklich töten.

„L l leana?“ Die ängstliche Stimme von Felix riss sie zurück. Sie öffnete die Augen und sah, dass Nina dicht vor ihnen kniete, das Gesicht geisterhaft beleuchtet vom Display ihres Handys. Leana erinnerte sich plötzlich daran, dass neben ihr am Bordstein zwei Menschen kurz vor dem Aufprall laut aufgeschrien hatten. Nina und Felix.

In Ninas verwirrtem Blick erkannte sie, dass auch sie sich wieder erinnerte.

„Sind wir etwa tot?“, flüsterte Nina und ließ das nutzlose Telefon aus ihrer Hand gleiten.

„I i ich b b bin nicht tot! I i iiich bin hiiieer! D d d uuu b b bist duuuumm!“, schrie Felix schluchzend und schlug mit beiden Fäusten nach Nina.

Leana warf sich dazwischen und packte seine Hände. „Ruhig Felix, beruhige dich, es wird alles gut.“ Sie wollte gern selbst glauben, was sie da sagte, aber Felix schien überzeugt. Sein Körper entspannte sich und sie ließ ihn los. Er griff in seine Jackentasche, zog ein hellblaues Taschentuch hervor und prustete laut hinein.

Nina runzelte die Stirn und starrte sie beide an. „Na schön“, sagte sie, „lassen wir das mit dem Totsein. Lasst uns erst mal in Ruhe nachdenken. Und fang bitte nicht gleich wieder an zu schreien, du kleine Rotznase.“

Felix blickte sie zutiefst beleidigt an, aber er schwieg.

„Ich erinnere mich, dass wir alle drei von einer weißhaarigen Verrückten mit einem Bus überfahren worden sind. Das heißt …“ Nina zögerte. „… ich denke, dass mich der Bus erwischt hat. Ich erinnere mich an etwas wie einen Blitzschlag, der durch meinen Körper gefahren ist. Dann war es dunkel und das Nächste, was ich sah, war euch zwei hier neben mir auf dem Boden liegen.“ Sie sah sich um. „In diesem komischen Wald“, fügte sie hinzu.

„Sch sch schtimmt“, bestätigte Felix zufrieden, „niiicht tot!“

„Also schön, einigen wir uns auf niiiiiicht tot“, erwiderte sie spöttisch, „aber wie zum Teufel sind wir hierhergekommen und vor allem WO sind wir?“

Leana seufzte, ihre Gedanken rasten, aber wie sie es auch drehte und wendete, sie fand einfach keine Erklärung. „Vielleicht ist das alles nur ein Traum“, sagte sie zweifelnd, „und ihr zwei seid auch nur ein Traum.“

„B b biin k kein Traum“, sagte Felix. Nina lachte.

„Jaja wir wissen es schon, du bist Felix.“

Felix nickte ernst, was ihn für Leana noch liebenswerter machte. Sie strich ihm über die Haare und sagte:

„Ich bin sterbensmüde, entschuldige dieses Wort Felix, aber ich kann nicht mehr klar denken. Wollen wir nicht versuchen etwas zu schlafen? Es hat keinen Sinn, hier in der Dunkelheit herumzurennen. Sobald es hell wird, laufen wir los und finden dann sicher eine Erklärung für alles. Was meint ihr?“

„Oookeee“, sagte Felix.

Nina blickte sich misstrauisch um und klopfte auf den muffigen Moosboden. Aber schließlich zuckte sie mit den Schultern. Eine tiefe Erschöpfung hatte sich wie ein Mantel aus Blei um sie gelegt und sie gab auf. Eng aneinandergedrückt, lehnten sie sich an einen dicken Baumstamm.

„Hoffentlich gibt es hier keine Insekten“, schimpfte Nina, „ich hasse diese Krabbelviecher!“

„O o o ooder M mmooonster!“, sagte Felix.

„Licht aus“, sagte Leana und das Display erlosch.

Sie starrten mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit. Es war vollkommen still, außer ihren eigenen Atemzügen war nichts zu hören. Um sie herum schien alles tot zu sein. Angst kroch mit der Kälte aus dem Boden unter ihnen. Sie durften hier nicht schlafen, verwirrt und schutzlos! Aber noch während sie das dachten und sich dagegen wehrten, fielen ihnen die Augen zu.

TV-Show

Tim lag dösend auf dem Sofa. In seinem Unterbewusstsein sorgte er sich um Leana. Seine Stieftochter sollte eigentlich schon längst zu Hause sein! Seit die Siebzehnjährige vor drei Monaten mit ihrem Praktikum in einer Tierarztpraxis begonnen hatte, war sie nie mehr so spät nach Hause gekommen. Sie war immer viel zu müde, um, wie früher noch, mit ihren Freundinnen herumzuhängen oder auszugehen. Aber es war ihr egal, sie war glücklich und würde einfach alles tun für den Job in dieser Praxis.

Tim griff geistesabwesend nach seinem Rotweinglas, das neben einem halb leeren Teller Gemüseauflauf stand. Leana hatte ihn vorgekocht und er hatte ihn aufgewärmt, als er nach Hause kam. Wie lange war das her? Blinzelnd schaute er auf die Uhr. Ewig.

Er hatte sich mit seinem Teller und dem Glas auf das Sofa gefläzt und den Fernseher eingeschaltet. Mit dicken Backen blies er auf das dampfende Gemüse und kostete vorsichtig. Tim konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Das Zeug schmeckte toll!

Leana versuchte ihn mit allen Tricks dazu zu bringen, nicht dauernd nur Fleisch zu essen und es gelang ihr mit ihren Kochkünsten immer besser. Aber er würde sich hüten, das zuzugeben. Er schmunzelte, als er wieder ihr Bild vor Augen hatte, wie sie mit ernstem Gesicht die Aluminiumschale mit dem vorgekochten Gemüse füllte.

Sie sah genauso aus wie ihre Mutter. Leana hatte rotblonde, feine Haare, die in wilden Locken bis auf ihre Schultern fielen. Ihre grünen Augen mit den kleinen, goldenen Sprenkeln in der Iris blickten konzentriert auf ihre Hände. Ihre helle Haut war mit ein paar Sommersprossen getupft, die sich im Sommer extrem vermehrten. Sehr zum Ärger von Leana, die wie alle Siebzehnjährigen von einem perfekten Teint träumte. Jetzt im Oktober verblassten sie mehr und mehr.

Tims Gedankengang wurde unterbrochen. Auf dem Bildschirm – hatte er eigentlich umgeschaltet? – erschien wieder das Gesicht einer attraktiven, jungen Frau. Sie mochte etwas über dreißig sein. Lange, weißblonde Haare fielen über ihre Schultern bis fast zu den Hüften. Unter ihrem Pony blitzen Augen so hellblau wie Eiswasser. Sie trug eine elegante, hellgraue Tunika. Ein herrlicher, fließender Stoff und aus demselben Material war auch die weite Hose. Sie hatte eine tolle Figur, das konnte Tim, der mit seinen knapp fünfzig Jahren noch lange nicht seinen Blick für schöne Frauen verloren hatte, ganz deutlich sehen. Tunika hin oder her.

Aber seltsamerweise interessierte ihn das jetzt nicht besonders. Er konnte auch kaum verstehen, was diese Frau – sie hieß Cybill, oder nicht? – eigentlich erzählte. Er hatte sie schon oft gesehen. In letzter Zeit erschien sie, egal, um welche Uhrzeit er den Fernseher einschaltete oder welchen Kanal er wählte, immer öfter. Und er schaffte es einfach nicht, nach der Fernbedienung zu greifen und umzuschalten. Er starrte wie hypnotisiert auf ihre Halskette. Es war doch eine Kette? Sie musste wohl aus Platin sein, sie schillerte in einem hellen Grau und war ganz sicher von einem außergewöhnlichen Künstler gefertigt worden. Wie sonst wäre es wohl möglich gewesen den Anschein zu erwecken, dass sie sich bewegte? Dass sie sich um Cybills zarten Hals schlängelte und auch noch die Farbe wechselte?

Jedes Mal wurde er, während er auf den Bildschirm starrte, von einer bleischweren Müdigkeit erfasst. Seine Gedanken wurden träge und Cybills Worte zu einem eintönigen Gemurmel, das ihn einschläferte. Er wollte etwas tun. Aber was und war es nicht eigentlich egal?

Wie in Trance griff er nach seinem Weinglas. Er verfehlte es und es kippte um. Mit einem leisen Klingen schlug es auf das Glas des Couchtisches. Das brachte ihn halbwegs zu sich. Er richtete sich auf und sah auf seine Armbanduhr.

Halb zwölf. LEANA!

Nun war er sich ganz sicher, dass etwas nicht stimmte. Er schüttelte den Rest seiner Benommenheit ab und im selben Moment wechselte das Programm auf den Regionalsender.

Verblüfft blickte er auf den Bildschirm. Hatte er umgeschaltet? Noch während er zögernd nach der Fernbedienung griff, erschien das Bild des bekannten Regionalreporters. Er stand mit hochgezogenen Schultern unter einem großen, schwarzen Schirm, das Mikrofon fest umklammert. Es regnete in Strömen, die Szene wurde von den transportablen Scheinwerfern seines Teams hell erleuchtet.

„Guten Abend meine Damen und Herren“, sagte er, „ich berichte hier vom Schauplatz eines schrecklichen Unfalls, der sich heute Abend kurz nach neunzehn Uhr an dieser Kreuzung ereignet hat.“

Im Hintergrund konnte man die Mauer eines Lokals sehen. Ein Linienbus klebte mit eingedrückter Front daran wie eine zerquetschte Raupe. Polizisten und Feuerwehrleute waren immer noch damit beschäftigt, Details zu untersuchen und Notizen zu machen. Der Reporter drehte sich unter seinem tropfenden Schirm um und deutete auf die gespenstische Szene.

„Wie wir erfahren konnten, ist heute Abend aus noch immer nicht geklärten Gründen der Bus der Linie 8 mit völlig überhöhter Geschwindigkeit von der Fahrbahn abgekommen und quer über den Gehweg direkt bei der Fußgängerampel in diese Hausmauer gerast. Der Fahrer und die Fahrgäste im vorderen Teil des Busses wurden durch den ungebremsten Aufprall schwer verletzt. Nach unseren letzten Informationen besteht für einige von ihnen Lebensgefahr. Sie wurden alle ins Zentralkrankenhaus gebracht. Wie es zu diesem schrecklichen Unfall kommen konnte, ist noch völlig unklar. Ob es sich um ein technisches Problem oder menschliches Versagen handelt, werden erst die weiteren Untersuchungen zeigen.“

Der Reporter drehte sich wieder zurück und blickte nun direkt in die Kamera.

„Glücklicherweise standen im Augenblick des Unfalls keine Passanten an dieser Ampel. Ein Umstand, der um diese Uhrzeit an dieser Stelle äußerst selten ist und …“

Tim verstand kein einziges, weiteres Wort mehr.

LEANA! Er konnte es sich nicht erklären, aber er wusste mit entsetzlicher Gewissheit, dass sie dort gewesen war! Er sprang auf und rannte am ganzen Körper zitternd aus der Wohnung, während der Reporter weitere schreckliche Details bekannt gab.