Impressum

eBook, Dezember 2013

Erstausgabe

Copyright © 2013 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Gestaltung: Raoul Neukomm

Lektorat: Theodor Boder und Lectorare.de

ISBN 978-3-905802-49-8

www.boderverlag.ch

Widmung

Ohne diese hätte es nicht geklappt:

Roland & Susi

Herzlichen Dank

Tobias & Francy und Familie

Cyril & Marco und Freunde

Ich liebe Euch

Henk

Willkommen am Ende aller Tage,

der Zeit der Engel und des Untergangs ...

Prolog

Nordamerika, L.A., Hafenkomplex, mitten in der Nacht.

Es stürmte. Der Wind peitschte das Wasser in alle Richtungen, der Regen schien zwischenzeitlich dem Himmel entgegenzufallen und die wenigen Boote trieben wie verlorene Korken im sich aufbäumenden Fluss. Die Brücke über dem Kanal schwankte gefährlich unter den tobenden Elementen und gleißende Blitze schlugen in das eiserne, heruntergekommene Gerüst ein. Kein lebendes Wesen hielt sich in der Nähe der Vincent-Thomas-Brücke in Los Angeles auf. Bis auf eine Ausnahme.

Streng genommen lebte die Gestalt nicht, die wenige Meter über der Brücke schwebte und von einem schwachen, weißen Schimmer umgeben wurde. Doch was heißt schon leben?

Michael drehte sich gemächlich um die eigene Achse. Seine Arme standen vom Körper ab, als wollte er den Sturm, der um ihn herumtobte, umarmen. Tatsächlich genoss er die Kräfte, die er hervorgerufen hatte. Sie erinnerten ihn daran, wie das Arbeiten vor ungezählten Sonnenumläufen vonstattenging, Seite an Seite mit seinen Brüdern und Schwestern. Doch das war schon lange her. Zu lange.

Seit die Menschen die Erde bevölkerten, mussten sie sorgfältiger mit den Elementen umgehen. Menschen waren schwach, anfällig für Gebrechen aller Art und hielten den Naturgewalten nicht stand. Wind und Wasser halfen ihm dabei, Leute und Getier von sich fernzuhalten. Das war auch unbedingt nötig. Das bevorstehende Gespräch musste um jeden Preis unbemerkt bleiben.

Der orkanartige Wind legte noch einmal zu und eine Böe fegte mit der Kraft eines herandonnernden Güterzuges über Michael hinweg, sodass sein Umhang wild im Wind flatterte. Die schneeweißen Flügel wuchsen aus seinen Schultern heraus und überragten ihn um fast einen Meter. In der düsteren Nacht wirkten die Schwingen geradezu unnatürlich hell.

Es wurde kälter. In Sekunden sackte die Temperatur um Michael auf null Grad ab. Eisregen prasselte nun gegen sein Gesicht, Schneeflocken wirbelten um ihn herum und hüllten ihn gespenstisch ein. Das war kein irdisches Wetter, aber trotzdem hielt er den selbstzufriedenen Ausdruck bei. Seine grauen Augen blickten melancholisch in den Sturm hinaus, die schmalen Lippen, welche dem Mund zu einem Lächeln verhalfen, gaben ihm ein abgekämpftes, trauriges Aussehen. Doch seine Haltung versprach anderes.

Aufrecht, stolz und stark setzte er seinen Körper dem Schnee, Eis und Wasser aus. Langsam drehte er sich weiter, bis er, den Blick aufs Meer gerichtet und Los Angeles im Rücken, innehielt. Sein Lächeln wurde wärmer, herzlicher.

Genussvoll enthüllte er ein gewaltiges Schwert, das unter seinem Mantel verborgen war, legte es sich auf die ausgestreckte Hand und betrachtete es voller Genugtuung. Der hölzerne Griff bildete zwei mit Schwertern bewaffnete Wesen, die verzweifelt und eng umschlungen hintereinander herjagten. Die Farbe variierte immerzu zwischen einem dunklen, wabernd schwarzen Braun und einem hellen, flimmernden Beige. Sie floss durch den Griff hindurch. Aber nicht willkürlich.

Die fein gearbeiteten Klingen gruben sich tief in den Rücken des Wesens, dem sie hinterherhetzten. Die Farbe floss in den anderen hinein, wie auch ihm selbst gleichzeitig das Gegenteil widerfuhr. Es zeigte sich eine immer wiederkehrende Verwandlung von Licht und Dunkel.

Michael liebte dieses Schwert, denn es verlieh ihm Macht. Nicht weil er damit töten konnte. Seit Jahrtausenden war er der mächtigste Diener des Lichts und kommandierte die letzten verbliebenen Erzengel Gabriel und Raphael. Nein, zum Töten brauchte er keine Waffen. Er benötigte sie, weil sie Dinge veränderten. Umkehrten.

Die tobenden Naturgewalten rissen die angeschlagene Brücke unter Michael fast entzwei. Wahrscheinlich spiegelte die Bauweise der Menschen selbst ihre schwächliche Natur wider. Dabei brauchte er nur einen Bruchteil seiner Kräfte freizusetzen, um das anfänglich ruhige Gewitter in einen lebensbedrohenden Sturm zu verwandeln.

Offenbar war er nicht länger allein. Eine zweite Kraft bahnte sich mit Gewalt ihren Weg in die Realität. Und sie ging dabei nicht zimperlich vor. Der Temperatursturz war nur ein Vorgeschmack dessen, was nun über die Welt hereinbrach. Es schien, als würde sich die Nacht selbst in lebendige Dunkelheit verwandeln, Schwärze ausstrahlen und alles Leben in sich aufsaugen.

Zwanzig Meter von ihm entfernt verfestigte sich das Dunkel und nahm selbst sichtbare Gestalt an. Noch hüllte sie sich in einen Schleier, der keinen Blick durchließ. Das Lächeln in Michaels Gesicht weitete sich und die lange Klinge in seiner Hand flammte einen Moment lang grell auf.

„Du wirst nachlässig“, erschallte eine Stimme aus der Dunkelheit um Michael herum, aber darin war ein leichter Anflug von Sarkasmus auszumachen, sodass der Weißgeflügelte nur abschätzig lachte.

„Du weißt genau, dass sich das nächste denkende Wesen im Lagerhaus südwestlich von uns aufhält“, antwortete er und zeigte gleichzeitig mit seiner freien Hand auf ein nicht erkennbares Gebäude in der Ferne.

Ein kaltes, leeres Lachen hallte zu Michael zurück. Echte Freude war darin nicht zu erkennen. Er umfasste den Griff des Schwertes fester, gleichzeitig begann sich vor ihm eine Gestalt abzuzeichnen.

Das Wesen war groß, etwa zweieinhalb Meter von Kopf bis Fuß, wobei der Ausdruck Fuß das Erscheinungsbild nur teilweise erfasste. Die drahtig behaarten Beine endeten in gespaltenen Hufen. Es schien von innen heraus zu schwelen, der Schneeregen verdampfte augenblicklich, als er auf dem unwirklichen Körper auftraf und Schwaden es in einen unwirklichen Nebel einhüllten. Die ledrige und abgewetzte Haut glühte und gelb-orangefarbenes Licht drang zwischen der fleckigen, fellartigen Körperbehaarung hervor. Es verharrte nicht still an Ort und Stelle, sondern bewegte sich von zwei gewaltigen, schmutzigen Schwingen getragen langsam auf Michael zu. Mit jedem Schlag seiner Flügel rückte es näher an ihn heran und die großen Muskelpakete zeichneten sich immer deutlicher im kalten Schimmer Michaels ab.

Nun erkannte man auch den Kopf. Eine entstellte Fratze aus Leid, Entbehrung und Hass bildete sich im schummrigen Licht heraus. Unterarmgroße Hauer und ebenso lange Zähne ragten aus dem weit aufgesperrten Maul des Ungeheuers hervor, die dunkelrote Zunge leckte sich erwartungsvoll über die aufgesprungenen und spröden Lippen. Wie frisch geschmolzenes Metall schwelten seine Augen glutrot in ihren Höhlen und Flammen lechzten an der angekokelten Stirnhaut. Zwei gewaltige, geschwungene Hörner krönten das unwirkliche Scheusal. Vor ihm stand der Teufel in Person. Und er lächelte.

„Wollen wir die Spielchen nicht lassen?“, fragte Michael seinen Widersacher gelangweilt, worauf dieser grunzend einen Laut von sich gab und ihm damit zustimmte. Ein Impuls aus Licht schlug aus dem Erzengel heraus und drückte die Elemente von ihnen weg, worauf sie in einer geschlossenen Sphäre wenige Meter über der Brücke schwebten. Außerhalb der unsichtbaren Kugel tobte der Sturm weiter und der Regen rann wie an einer Glaskuppel über die Wölbung hinunter. In dem Moment, als die Welle aus lichter Kraft Michaels Gegenüber traf, krümmte sie sich schmerzhaft zusammen und ging in Flammen auf. Die Kreatur brannte nicht einfach, sie schien regelrecht von innen heraus zu verglühen.

Die schon vorher arg strapazierte Haut platzte mehr und mehr auf, bis eine dunkle Masse aus dem abscheulichen Körper herauswaberte, sich in der Luft sammelte und eine eigene kleine Sphäre bildete.

„Du weißt, dass ich das hasse!“, blaffte eine Stimme wirsch aus der kleineren, glutrot schimmernden Kugel heraus. Der Klang war nicht wiederzuerkennen. Nichts erinnerte mehr an den eiskalten Tonfall zuvor. Man hätte meinen können, dass ein kultivierter Mann entrüstet seinen Unmut kundtat.

Die Sphäre öffnete sich und ein nackter Mann entstieg ihr, wie von Gott erschaffen. Die ansehnliche Erscheinung entsprach in allen Belangen einem gepflegten, seriösen Herrn Mitte vierzig. Sein schwarzes, gelocktes Haar ergraute zunehmend an den Schläfen, das schlanke Kinn und die hohen Wangenknochen verliehen ihm einen eleganten Auftritt. Aber er war nicht der Einzige, der sich verändert hatte.

Michael durchlebte eine ähnliche Metamorphose. Nur dass er nicht hell flackernd verbrannte, sondern in einem grellen, weißblauen Licht verglühte und daraufhin der kalt schimmernden Sphäre, wie ein Phönix der Asche, entstieg. Auch er war nackt.

Er war ein bisschen größer als sein Gegenüber, etwas älter vielleicht. Er trug seine langen, aschblonden Haare offen, die unbestimmt grauen Augen hatten ihren melancholischen Ausdruck nicht verloren. Die hohen Wangenknochen und das markante Kinn gaben ihm ein edles Aussehen.

Die Gestalten schwebten langsam aufeinander zu und schauten sich dabei verträumt in die Augen. Eine Armlänge voneinander entfernt hielten sie gleichzeitig inne. Beide schlugen betreten den Blick nieder und starrten auf die Füße ihres Gegenübers.

„Luzifer, ich …“, begann Michael unsicher und neigte den Kopf sachte zur Seite, als könnte er ihm so entgehen. Dieser ergriff seine Hand und übte sanften Druck aus.

„Sei stark! Wir werden wieder vereint sein“, gab ihm Luzifer beschwichtigend und gleichzeitig aufmunternd zurück. Michael hob schüchtern den Kopf. In seinen Augen standen Tränen. Eine fiel zuerst, dann folgten zwei weitere, die sich auf dem Weg die Wange hinunter teilten, sich am Kiefer wieder vereinigten und zu einem großen Tropfen anschwollen, der jeden Moment herunterfallen konnte. Luzifer wischte sie mit dem Handrücken aus seinem Gesicht, machte einen weiteren Schritt auf ihn zu und bettete Michaels Kopf an seine Schulter. Das liebevolle Lächeln verschwand und wurde ernst. Traurig.

„Du weißt, dass wir das tun müssen“, redete er ihm tröstend, aber bestimmt zu, „schließlich haben wir lange genug darüber nachgedacht.“

Mehr Tränen kullerten über Michaels Gesicht, rannen weiter über Luzifers Brust und verloren sich auf seinem Körper. Langsam wiegte sich dieser vor und zurück, während sein Bruder leise weinte. Schließlich atmete er mehrmals tief ein, wischte sich die Tränen weg und blickte Luzifer ins Gesicht, der ihm ein herzliches Lächeln schenkte. Auch Michael schmunzelte nun, aber eine unendlich tiefe Trauer lag darin. Eine Trauer, die nur Wesen kennen, welche die Geburt der Welt erlebt hatten. Zärtlich und verspielt strichen sich die beiden über das Gesicht, fuhren belustigt mit den Fingerkuppen über des anderen Züge, bis Luzifer die Augen niederschlug.

„Hast du es dabei?“, fragte er, doch der gierig fordernde Unterton war nicht überhörbar.

„Natürlich. Du weißt, was du zu tun hast“, antwortete Michael und überreichte ihm das Schwert. Die Waffe schimmerte eisig blau, kalte Flammen schlängelten sich vom Heft bis zur Spitze, wo sie sich in lichten Farben verloren.

Luzifers Miene hellte sich auf, als er die Macht spürte, die von der Waffe ausging. Aber auch die Erscheinung des Schwertes veränderte sich, als es freiwillig den Besitzer wechselte. Die Klinge schimmerte nicht länger bläulich, sondern glühte nun dunkelrot, fast schwarz. Die Flammen, die es umspielten, brannten in einem giftigen Violett, die Zungen der Lohen leuchteten scharlachrot, wie frisch geschlachtetes Fleisch. Die Engel standen einander noch immer nahe, beide blickten ernst.

„Du darfst nicht versagen. Die Frau muss sterben“, sprach Michael sachlich, fast beiläufig in den Raum hinein.

„Die Reiter müssen vereint werden“, antwortete Luzifer ebenso kühl zu niemand Bestimmtem. „Der Auserwählte wandelt auf der Erde und wartet nur darauf, erkoren zu werden. Führe ihn ins Licht!“

Bei diesen Worten blickte Michael erschrocken auf, fasste sich aber sofort wieder und biss die Zähne zusammen. Für einen Moment weiteten sich seine Augen, als er Luzifer mit beiden Händen an der Schulter packte und fest zudrückte.

„Es gibt nur diese eine Möglichkeit. Der Versuch muss gelingen!“, redete Michael nun hastig und eindringlich auf Luzifer ein. Dieser lächelte kühl und selbstsicher zurück.

„Du weißt, dass es schrecklich wird, mein Bruder. Aber es ist der einzige Weg, um herauszufinden, was …“, antwortete der Teufel, wurde aber von einer abrupten Handbewegung Michaels zum Schweigen gebracht.

„Sei nicht albern! Schrecklich? Es ist das Ende!“, regte Michael sich plötzlich auf, wobei sich eine Spur Unsicherheit in seiner Stimme abzeichnete und er die Arme hinter dem Rücken verschränkte, wie er es immer tat, wenn er nachdachte und Entscheidungen treffen musste. Luzifers Lächeln verblasste.

„Ich weiß …“, erwiderte er, zog dabei Michael zu sich heran und umarmte ihn erneut. Aber nicht wie Liebende, sondern wie zwei Brüder, die zusammen in den unabwendbaren Krieg zogen. Dann blickte er ihm vielsagend in die Augen und tätschelte kameradschaftlich seine Wange.

„Ich liebe dich, Michael. Schon immer. Für immer. Und du weißt, dass ich die Bedeutung von immer kenne.“

Bei den letzten Worten lachte er befreit auf, doch es hinterließ einen manischen Eindruck. Eine Sekunde später entspannte sich die Situation, wie die beiden Brüder, die sich gegenüberstanden.

„Pass auf dich auf, Bruderherz. Wir sehen uns …“

Michael wandte sich nüchtern ab. Seine Stimme hatte den freundlichen Ton verloren und klang nun besorgt. Noch hielt Luzifer seine Hand und als Michael versuchte sich aus der Umarmung zu befreien, zog er ihn widerstrebend zurück. Erstaunt lachte er auf und blickte seinen Bruder erwartungsvoll an.

„Es wird wie früher! Wir werden wieder zusammen sein …“, flüsterte Luzifer eindringlich. Doch Michael drückte nur seine Hand und gab das Zeichen, dass er aufbrechen würde.

Nie mehr würde es wie früher sein. Das wusste er so gut wie Luzifer. Aber zumindest würde es anders sein. Besser.

Bevor die Sphäre zusammenbrach, blickten sie sich noch einmal eingehend an. In ihren Augen spiegelten sich Gedanken, die man nicht in Worte fassen konnte. Entschlossen und zu allem bereit, doch zugleich voller Demut und Trauer. Dann löste sich alles auf und das ungleiche Paar verschwand mit ihr.

Das Gewitter tobte weiter, bewegte sich nun auf die Stadt zu, deren Namen den Kämpfern des Lichts gewidmet war.

Niemand hatte gesehen, was sich über der Brücke abgespielt hatte. Hätte es jemand gesehen, so würde man ihm nicht glauben. Wer behauptete schon ernsthaft, den Teufel höchstpersönlich mit einem Erzengel Arm in Arm gesehen zu haben?

Niemand.

Und das war auch gut so.

I. Buch

Die Entdeckung von M. D.

1.

Name: Simon

Ort: Basel/Schweiz

Zeit: Frühmorgens

Tage wie diese gibt es nur einmal. Aber das wusste ich nicht, als ich ausgeschlafen und einigermaßen entspannt erwachte. Verantwortlich war nicht ein plötzlicher Geisteswandel oder die Erkenntnis, dass ich gerne arbeitete. Nein, heute war ich verabredet.

Nachdem ich mir meinen Kaffee aufgebrüht hatte, ging ich duschen. Auf meinem Handy war eine Nachricht meiner neuesten Bekanntschaft. Verrückt. Erst vorgestern hatten wir uns in einem kleinen Bistro am Rhein getroffen und waren zufällig ins Gespräch gekommen. Sie war etwas älter als ich, im Herbst würde sie achtundzwanzig Jahre alt werden.

Eine Zigarette später verließ ich meine gemütlich eingerichtete, aber nicht aufgeräumte Zweizimmerwohnung, hievte das Fahrrad die Treppe runter und trat auf den Gehweg hinaus. Es war noch früh, erst Viertel vor sieben. Die Autos, die schon auf der Straße waren, fuhren Richtung Innenstadt. Basel war wirklich schön. Klein, alt und schön. Die kurze Strecke, die ich zurücklegen musste, würde ausreichen, dass ich endlich erwachte. Dachte ich. Aber ich dachte noch viel an diesem Morgen.

Der Verkehr nahm spürbar zu und gerade rechtzeitig konnte ich einer Straßenbahn ausweichen, die ich übersehen hatte. Im Nu schnellte mein Puls hoch und mein Körper schüttete gnädigerweise Adrenalin in meinen Kreislauf. Entgeistert und schwer atmend starrte ich das grüne Ungetüm vor mir an. Der Fahrer fuchtelte wütend mit den Armen in meine Richtung. Vielleicht sollte ich endlich die Straße freigeben. Links von mir vermeinte ich undeutlich eine weiße Gestalt zu sehen, aber als ich mich nach ihr umdrehte, erkannte ich nur einen Bankangestellten im grauen Anzug, der sich sofort abwandte. Irritiert saß ich auf und fuhr weiter.

Es war noch früh, das musste es sein. Noch wunderte ich mich nicht, aber dies sollte bald ein Ende haben. Auf der Höhe des Theaters überholte mich ein schwarzes Auto so nah, dass es mich um ein Haar erwischt hätte. Der Lenker, ein gepflegter Mittvierziger, angegraute Haare an den Schläfen, drehte sich im Sitz um und lächelte mir derart düster zu, dass ich fast ein geparktes Auto gerammt hätte.

War denn alles verrückt heute? Vor wenigen Momenten glaubte ich noch, einen guten Tag erwischt zu haben. Diese Hoffnung wurde nun herb enttäuscht. Langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Hatte ich Fieber? Ungläubig fasste ich mit meiner Hand an die Stirn. Sie fühlte sich feucht und warm an, nichts Ungewöhnliches, nur mein Herz schlug mir bis zum Hals. Eine Zigarette später war ich der Meinung, dass ich weiterfahren konnte, saß auf und erkannte erneut eine weiße Gestalt, diesmal deutlicher, bevor sie aus meinem Blickfeld huschte.

„Ich verliere den Verstand …“, dachte ich, doch ehe mir bewusst wurde, was geschah, verspürte ich einen dumpfen Schmerz an meiner linken Seite. Ich erkannte den Brunnen vor dem Theater, sah, wie das Wasser herrlich in der Morgensonne glitzerte, und die Passanten, welche sich mir erschrocken zuwandten. Alles drehte sich. Doch es war eine ruhige und langsame Bewegung. Fast friedlich.

Nicht wirklich erstaunt blickte ich dem herannahenden Autofahrer ins Gesicht, der – beide Arme gegen das Lenkrad gestreckt – mich mit vor Schreck geweiteten Augen anstarrte und die Mundwinkel so weit nach unten gezogen hatte, dass es komisch aussah. Er kam immer näher. Ich musste lächeln.

Mein Körper schlug mit der Wucht eines vorbeirasenden Zuges auf der Motorhaube des Fahrzeugs auf. Es war derselbe Wagen. Der Aufprall schleuderte mich mehrere Meter in die Richtung zurück, aus der ich herangeflogen war. Der von Schatten umgebene Kopf des Fahrers wurde kleiner, seine Augen blickten mir erwartungsvoll hinterher, das Wasser im Brunnen plätscherte verspielt, die Passanten bedeckten ihre Gesichter.

Vom Aufprall auf dem Heck der am Straßenrand geparkten Limousine verspürte ich nichts. Gedankenverloren betrachtete ich den wolkenlosen Himmel.

Schließlich stand ich auf und sah mich um. Auf einer Bank mir gegenüber saß eine alte Frau mit einem kleinen, unsympathischen Hund. Sie starrte mich an, als sähe sie ein Gespenst. Der Hund kläffte wie verrückt und beabsichtigte offensichtlich sich selbst an der Leine zu erhängen. Der Fahrer stieg zögerlich aus und klammerte sich verzweifelt am Rahmen der Tür fest, sodass seine Knöchel weiß hervortraten. Er war aschfahl im Gesicht. Den Gehweg herauf rannte eine Frau auf ihn zu. Sie hielt ein Mobiltelefon in der Hand und gestikulierte wild, als ob sie jemandem etwas verkaufen wolle.

Ich drehte mich um und erschrak zutiefst, als ich einen Mann im grauen Anzug vor mir erblickte. Er war etwa ein Meter achtzig groß, hatte makellose Haut, undefinierbar graue Augen und dunkelblonde Haare, die er zu einem Zopf zusammengebunden trug. Er lächelte mich an. Ich fragte mich, wie ich das alles erklären sollte. Dass nach dem ganzen Durcheinander auch noch ein Weltverbesserer mit Pferdeschwanz dastand und mich anlächelte.

„Hallo Simon. Wie geht es dir?“, fragte mich der Unbekannte gut gelaunt.

Woher kannte er meinen Namen?

„Gut, danke. Aber woher wissen Sie, wie ich heiße?“, erwiderte ich ihm spontan. Ich hasse Leute, die so tun, als wären sie besser und gescheiter als andere und dieser Typ, der hier vor mir stand, fiel genau in diese Kategorie.

„Das spielt keine Rolle. Ich freue mich, dich kennenzulernen. Hast du dich schon umgesehen?“ Er sah mich auf eine Weise an, wie mich noch nie zuvor jemand angesehen hatte. Unter seinen Blicken fühlte ich mich regelrecht nackt.

„Mich umsehen? Was soll die Frage?“, dachte ich verwirrt und wollte mich abwenden, konnte dem Blick des Mannes aber nicht entgehen. Meine Augen blieben auf denjenigen des Unbekannten vor mir gerichtet. Es musste lächerlich aussehen.

„Nein, ich habe mich noch nicht umgesehen, aber ich muss um sieben im Büro sein. Also, wenn es Ihnen nichts ausmacht, dann gehe ich jetzt“, erwiderte ich gereizt und wandte mich ab. Langsam war mir die Sache nicht mehr geheuer.

Inzwischen hatten sich ein gutes Dutzend Menschen um den geparkten Wagen hinter mir eingefunden. Ich entdeckte mein Fahrrad auf der gegenüberliegenden Straßenseite, eingeklemmt unter einer grünen Straßenbahn.

„Mist, jetzt komme ich zu spät!“, fluchte ich und drehte mich weiter. Die Motorhaube war fürchterlich zugerichtet und die Windschutzscheibe war eingedrückt, sodass unzählige Risse ein Netz bildeten. Ich ging auf die Menschen zu, die um das Heck des am Straßenrand geparkten Wagens herumlümmelten. Sie schirmten das Heck des Autos ab. Ich konnte nicht erkennen, warum sie sich gerade um dieses Gefährt geschart hatten, dazu stand die Menge zu gedrängt. Kurzerhand entschloss ich, die Frau mit dem Hund – der mich fuchsteufelswild anbellte, aber Hunde hatten mich noch nie gemocht – anzusprechen.

„Äh, entschuldigen Sie bitte? Was ist hier passiert?“, fragte ich sie in einem ausgesucht höflichen Ton, doch sie beachtete mich nicht, sondern zog immer wieder ruckartig an der Leine, um den Hund zu beruhigen.

„Entschuldigen Sie!“, versuchte ich es erneut, diesmal ein bisschen lauter, aber in diesem Moment ertönte die Sirene eines herannahenden Krankenwagens und die Menge um den Wagen stob augenblicklich auseinander. Die arme Frau wird nicht mehr gut hören.

Der Mann, der mich vor einer Minute angesprochen hatte, stand noch immer im perfekt sitzenden Anzug neben dem Wagen. Er wirkte traurig. Die Hektik schien ihn nicht zu interessieren. Mir fiel auch nicht auf, dass die Passanten unbewusst ein wenig Abstand zu ihm hielten, als sie an ihm vorbeigingen.

„Hey! Können Sie mir vielleicht sagen, was hier passiert ist?“, verlangte ich aufgebracht von ihm zu wissen.

„Ja“, antwortete er und blickte mir so tief in die Augen, dass ich rot anlief. Darin lag etwas, das ich nicht richtig fassen konnte.

„Du wurdest von einer Straßenbahn angefahren“, begann er zögernd.

„Aha …“, erwiderte ich. Ich hatte also einen Unfall. Ein flaues Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus.

„Unglücklicherweise bist du über die Straße auf ein entgegenkommendes Fahrzeug geschleudert worden, das dich erneut schwer getroffen hat. Dann bist du hier aufgeschlagen.“

Er ging einen Schritt zur Seite.

Tatsächlich, vor mir lag ich. Die Arme standen, wie die Beine auch, in einem unnatürlichen Winkel vom Körper ab und ein kleines Rinnsal Blut sickerte verloren aus meinem Mund heraus. Dunkle Flecken begannen sich unter den Kleidern auf der linken Seite meines zermalmten Leibes abzuzeichnen. Aber mein Blick war gebrochen. Ich erschrak. Alles in allem ein unschöner Anblick.

„Was soll das, wenn ich fragen darf?“, konstatierte ich nüchtern, doch das ungute Gefühl in meiner Magengegend verstärkte sich. Schließlich musste ich zur Arbeit.

„Das?“, antwortete er und zeigte dabei auf meinen zerbrochenen Körper.

„Ja, das alles!“, gab ich ihm wütend zurück. Offenbar hatte ich etwas verpasst, was alle anderen wussten.

„Simon, Simon …“, bemerkte er traurig und tat einen Schritt auf mich zu. Sofort wich ich zurück. Dieser Mann machte mir Angst. Er betrachtete mich gutmütig, aber da war etwas, das mich in meinem Innersten verunsicherte.

Ich erwiderte seinen Blick mit einer Mischung aus Angst und Abscheu. Daraufhin legte er die hohe Stirn in Falten, sah mich noch einmal an und begann dann laut und befreiend zu lachen. Er trat mir einen weiteren Schritt entgegen.

„Bleiben Sie zurück!“, wehrte ich mich, doch nicht so bestimmt, wie ich es beabsichtigt hatte. Ich hatte es mit einem Wahnsinnigen zu tun.

Ich konnte mich keinen Zentimeter rühren. Wie zu einer Salzsäule erstarrt, stand ich da. Zu meiner Rechten der gemächlich plätschernde Brunnen, zu meiner Linken mein Körper und vor mir der Mann mit dem Pferdschwanz.

Ich betrachtete den Unbekannten, meinen Körper, wieder den Mann und dann den Brunnen. Wasser beruhigte mich. Mein Körper. Mein Körper liegt auf einem Auto? Das konnte doch nur ein schlechter Scherz sein. Eine Verwechslung. Es war höchste Zeit, mich von dieser absurden Szene zu verabschieden oder endlich aufzuwachen.

Ich konnte mich nicht rühren. Gebannt blickte mich der Anzugträger an. Er hob fragend die Augenbrauen und öffnete den Mund.

„Ich … Sie …“, stammelte ich überfordert, aber mehr brachte ich nicht heraus.

„Ja, Simon. Ich bin Michael. Verstehst du mich?“ Wieder begann er zu lachen. Es war eklig und ich verstand überhaupt nichts mehr.

„Simon, Spaß beiseite. Du bist tot“, gab er mir sanft lächelnd zur Antwort.

„Ich bin tot, sicher …“, äffte ich ihn meinerseits nach, konnte mir ein unsicheres Lachen nicht verkneifen und schüttelte erleichtert den Kopf. Wenn ich tot wäre, könnte ich ja schlecht reden, oder nicht? Daher musste es ein Scherz sein. Ein sehr realer, beschissener Scherz. Aber man konnte heute ja nichts mehr mit Bestimmtheit sagen.

„Ja, wirklich fantastisch“, murmelte ich zu mir selbst, aber der Mann schien es auch gehört zu haben, denn er stand plötzlich keine Armlänge entfernt vor mir. Erschreckt fuhr ich zurück. Wie hatte er das gemacht? Irritierenderweise schien er sich mit mir mitzubewegen. Ich drehte mich nach links, dann nach rechts, aber er stand immer direkt vor mir. Lächelnd.

Er legte mir seine Hand auf die Schulter und ein Gefühl von absoluter Geborgenheit durchfuhr mich. Fast hätte ich aufgestöhnt, so wohl wurde mir dabei. Dann begriff ich, dass mich ein unbekannter, wenn auch gut aussehender Mann berührte, und ich unterdrückte den Impuls, ihm eine zu scheuern.

Er blickte mir tief in die Augen und sagte dann mit einer Stimme, die in mir das Gefühl auslöste, als würde mich meine Mutter, als ich noch ein Kind war, umarmen:

„Simon. Du bist soeben gestorben.“

2.

Name: Simon

Ort: Basel, Theaterplatz

Zeit: Früher Vormittag

„Nein“, antwortete ich ihm und lächelte großherzig zurück.

„Doch“, entgegnete er geduldig und sein Lächeln wurde noch eine Spur breiter.

„Nein, das kann gar nicht sein, sonst könnte ich ja nicht mit Ihnen sprechen“, gab ich ihm unverwandt zurück und war ob meiner eigenen schlüssigen Logik überrascht.

„Doch, das kann sein. Schau dich nur an“, antwortet er überzeugt und ich blickte an mir hinunter. Ich sah so aus wie immer.

„Nein, nicht wie du hier stehst, sondern wie du auf dem Auto liegst …“

Sein Ton änderte sich kaum merklich. In seinen Augen stand nun nicht nur großes Wohlwollen, sondern auch tiefe Trauer. Regungslos beobachtete ich die Sanitäter, die soeben kopfschüttelnd aufstanden und zwei Männern Platz machten, die in schwarzen Anzügen behutsam Arme, Beine und Kopf meines zermalmten Körpers zurechtbogen und auf eine Bahre legten.

Schließlich drehte ich mich zu dem Mann um, der sich selbst Michael nannte. Einen Moment vermeinte ich eine weiße Gestalt zu sehen, tat es aber als Sinnestäuschung ab, als ich ihn im grauen Anzug vor mir erblickte. Er lächelte immer noch, diesmal zogen sich seine Mundwinkel aber nur ein klein wenig hoch.

„Willst du es nicht glauben?“, fragte er mich geduldig, senkte den Kopf und spähte zu mir hoch.

Irgendwo in den Abgründen meines Bewusstseins dämmerte mir, was er meinte.

„Du bist tot“, stellte er bedauernd fest.

„Aber wie kann ich tot sein und doch mit Ihnen reden?“, gab ich ihm trotzig zur Antwort. Die mich beherrschende Übelkeit verunsicherte mich zutiefst.

„Lass uns überlegen. Weißt du, was nach dem Tod kommt?“, fragte er in einem übertrieben grübelnden Tonfall und fasste sich dabei wie ein Denker ans Kinn.

„Nichts? Nein, keine Ahnung. Ich bin noch nie gestorben, also was soll die Frage?“, erwiderte ich überfordert.

„Simon, hör mir gut zu. Was ich dir jetzt vorschlage, hat weitreichende Konsequenzen“, trug er mir vor.

Und ich glaubte ihm. Seine Augen. Diese Augen machten es schwer, mich überhaupt zu konzentrieren. Darin lagen eine Tiefe, eine Weisheit und ein Verständnis, wie ich sie noch nie zuvor erblickt hatte.

„Sie wollen mir also etwas vorschlagen. Etwa ein alternatives Ende? Eine rote und eine blaue Kapsel? Soll ich die Welt retten?“, spottete ich und konnte nur ungläubig den Kopf schütteln. Diese Augen. Sie weiteten sich kurzzeitig, um sich dann für einen Augenblick zu schmalen Schlitzen zu verengen. Dennoch meinte ich eine Spur von Überraschung darin zu erkennen.

„Woher weißt du das?“, fragte er mich ernst.

Das konnte er nicht ernst meinen.

„Sie können mir jetzt sagen, dass der Spaß geglückt ist. Ich denke, es ist genug.“ Tatsächlich fand ich die Situation weder lustig noch traurig. Mir war nur noch schlecht.

„Simon, gehen wir. Ich erkläre es dir“, erwiderte er geduldig und steuerte auf die Bank zu, auf der zuvor noch die alte Frau mit dem suizidgefährdeten Köter gesessen hatte.

„Setz dich“, wies er mich väterlich an, worauf ich der Aufforderung nachkam. Wir betrachteten den Brunnen. Das Wasser fiel glitzernd ins Becken.

„Du hast die Wahl und ich bin überaus erfreut, sie dir unterbreiten zu dürfen. Leider weiß ich nicht, was du mit einer blauen und roten Kapsel meinst, aber ich versichere dir, dass dies weder ein Scherz noch irgendeine andere Form von Unterhaltung sein soll. Die Situation ist ernst“, erklärte er erst feierlich, nahm dann einen nüchternen Tonfall an und fixierte mich aus den Augenwinkeln heraus.

Ich drehte meinen Kopf zur Seite und nahm wieder dieses weiße Leuchten wahr, das gerade dann erschien, wenn Michael aus meinem Blickfeld verschwinden sollte. Erschreckt sprang ich auf und starrte ihn bestürzt an.

„Wer sind Sie?“, brachte ich stockend über meine Lippen und das Gefühl, dass ich mich demnächst übergeben würde, wuchs spürbar an. Das durfte einfach nicht wahr sein. Ich verlor den Verstand. Der Mann im grauen Anzug saß weiterhin auf der Bank, den Pferdeschwanz sauber zusammengebunden, seine unergründlich grauen Augen schauten traurig zu mir hoch.

„Ich bin Michael, das habe ich dir doch schon gesagt“, wiederholte er gutmütig.

Jetzt war der Moment da, eine Zigarette zu rauchen. Ich fasste in meine rechte Brusttasche. Sie war leer. Ich fasste mir ans Gesäß. Geldbeutel und Mobiltelefon waren nicht an ihrem Platz. Mein Magen rumorte und mir wurde schwarz vor Augen.

„Setz dich hin, so geht es leichter. Jetzt, da du gemerkt hast, dass das, was ich dir erzählt habe, keine Lügen und alberne Scherze sind, erkläre ich dir, wer ich bin und was ich mit dir vorhabe“, führte er in ebendiesem gutmütigen Ton aus. Mir war schwindlig. Langsam glitt ich auf die Bank neben ihn und klammerte mich an den Holzlatten fest.

„Simon, du bist gerade eben gestorben, da lässt sich nichts mehr machen. Du hast nun die Wahl. Entweder gehst du ins Fegefeuer und wartest dort auf das Jüngste Gericht, oder“, zählte er auf, legte bei diesen Worten eine Kunstpause ein und drehte sich mir ganz zu, „du willst versuchen, ein Engel zu werden.“

Das verschlug mir die Sprache. Ein fremder Mann, mein Fahrrad unter der Straßenbahn, das verbeulte Auto und mein Körper auf der Limousine, die Polizei, die Sanitäter. Irgendwie passte alles zusammen. Ich war tot.

„Warum ich? Warum musste ich ausgerechnet heute sterben? Eben erst habe ich mich verliebt!“, warf ich ihm entsetzt und verzweifelt vor. Tränen schossen mir in die Augen und rannen heiß über mein Gesicht. „Was ist mit all jenen, die ich liebe? Ich konnte mich von niemandem verabschieden!“, heulte ich auf und begann zu schluchzen. Es war zu viel.

„Du wirst sie wiedersehen. Vielleicht. Wenn du dich fürs Fegefeuer entscheidest“, antwortete er, stand auf und umarmte mich. Ich ließ es widerstandslos geschehen. Ich weinte, an die Schulter eines fremden Mannes gelehnt, und es tat gut. Er drückte mich fest und wiegte sanft vor und zurück. Seine Umarmung tat mir gut. Langsam fühlte ich mich besser. Ich begann zu verstehen. Wirklich, ich war tot. Daran zweifelte ich nicht mehr.

Ich war noch nie so traurig.

Langsam löste ich mich aus seiner Umarmung und blickte ihm in die Augen. In seine wunderschönen grauen Augen.

„Warum bieten Sie mir das an? Ich war seit über zwei Jahren nicht mehr in der Kirche und wenn ich hingehe, dann handelt es sich meistens um eine Hochzeit. Oder eine Beerdigung. Warum sollte gerade ich ein Engel werden?“, fragte ich unsicher.

Gott weiß, ich will kein Engel sein.

Hier stand ein Mann im Anzug, mit diesen grauen Augen, dem Pferdeschwanz und schlug mir vor, ein Engel zu werden.

„Du bist jung, beweglich und das Wichtigste“, er hob seine Stimme leicht an, „du hast ein gutes Herz.“

„Und das reicht Gott, mich zu einem Engel zu machen?“, hakte ich skeptisch nach, worauf er seine Stirn in Falten legte.

„Hm. Ob Gott dich zu einem Engel machen will, kann ich dir nicht sagen, das musst du ihn selbst fragen. Ich für meinen Teil gerne, ehrlich. Du hast ein gutes Herz“, erwiderte er offen, sah mich aufmunternd an und lächelte wieder.

„Das hat doch einen Haken. Warum gerade ich?“, fragte ich noch einmal.

„Warum du, habe ich bereits beantwortet, und ja, es hat, wie du es nennst, einen Haken“, erwiderte er, wandte sich mir vollständig zu und begann vor meinen Augen von innen heraus zu leuchten, bis sein Antlitz nur noch umrisshaft zu erkennen war. Ich musste mir die Augen abdecken, so hell schien er. Doch das Licht drang durch mich hindurch. Es war wunderschön.

Ich dachte an meine Freunde, meine Familie, daran, wie ich mich zum ersten Mal verliebt hatte und … dann hörte die Vision auf. Als ich mich getraute aufzusehen, war Michael kaum wiederzuerkennen. Er trug nicht länger einen Anzug, sondern eine weiße Kutte mit einer Kapuze. Das Gewand selbst schien Licht abzugeben, so als würde es direkt von der Sonne angeschienen.

„Deine Seele, Simon. Den Einsatz, den du als Mensch aufbringen musst, ist deine Seele. Stirbst du als Engel, stirbst du endgültig. Kein Paradies, keine Existenz überhaupt. Deine Seele würde sich für immer auflösen“, erklärte er kurz angebunden und schaute mir offen und ehrlich ins Gesicht.

Mir stand der Mund offen.

„Was mit deiner Seele im Fegefeuer passiert, weiß ich nicht, sicher ist nur, dass sie weiterexistiert …“, fügte er sachlich und in einem nüchternen Tonfall hinzu, als er merkte, dass mir diese Bedingungen überhaupt nicht behagten.

„Und was ist, wenn ich Nein sage?“, fragte ich unschlüssig nach.

„Dann geht der Rest deiner Existenz ins Fegefeuer. Mehr kann ich dazu nicht sagen“, erwiderte er bedauernd und schüttelte dabei sachte seinen Kopf unter der Kapuze.

„Habe ich Bedenkzeit?“, wagte ich zu fragen. Ich war noch keine Stunde auf den Beinen und meine Situation hatte sich grundlegend verändert.

„Nein, warum? Was musst du bedenken? Es ist wirklich simpel. Entweder oder. Punkt“, gab er mir unverwandt zurück.

Ewig, oder zumindest verdammt lange ins ungewisse Fegefeuer – was auch immer das sein mochte – oder Engel werden und dafür die eigene Unsterblichkeit riskieren.

„Was passiert, wenn ich zusage?“, erkundigte ich mich, worauf sich Michaels Lächeln zufrieden weitete.

„Du hast dich also für mich entschieden. Sehr schön, das freut mich außerordentlich!“, hielt er fest. Er trat auf mich zu und umarmte mich.

Ich verstand die Welt nicht mehr, weder hatte ich zu- noch abgesagt. Ich hatte lediglich überlegt und das Zweite erschien mir günstiger. Außerdem hatte ich Angst vor dem Ungewissen und eine Aufgabe versprach mir mehr Sicherheit als das, was er als Fegefeuer bezeichnete.

Ich war verblüfft, aber er hatte recht. In diesem Moment wusste ich mit einer Sicherheit, die alle meine bisherigen Entscheidungen in den Schatten stellte, dass ich das Richtige tat.

„Ja, ich habe mich für dich entschieden, auch wenn ich nicht weiß, was du damit meinst, Engel zu werden. Gibt es da ein Ausbildungsprogramm oder so etwas wie eine Umschulung? Ich verstehe nichts von Himmel und Hölle …“, gab ich ihm verlegen zu verstehen und fühlte mich, als ob ich mit meinem besten Freund bei einem Bier über Autos reden würde. Es war absurd.

„Oh, ja und nein. Natürlich wirst du nicht sofort Engel, dazu fehlt dir noch einiges. Aber du hast dich soeben dafür entschieden, in den Novizenstand einzutreten. Dich erwarten Aufgaben, die du meistern musst. Große Gefahr von innen und von außen. Letztlich wirst du dich selbst überwinden müssen und deinem menschlichen Rest Auf Wiedersehen sagen. Erst dann wirst du ein vollwertiger Engel. Aber lass uns zu mir gehen, es ist nicht weit und mir fällt das Erklären einfacher, wenn ich dir zeigen kann, was ich meine“, erklärte er geduldig, drehte sich mir zu und fasste mich bei der Hand.

Ich war völlig überfordert. Was auch immer geschehen war, es war kein Scherz. Ich lag auch nicht in meinem Bett und träumte. Seine Hand war warm, aber nicht feucht und sie drückte meine angenehm fest.

„Bist du bereit?“, fragte er mich fast zärtlich. Ich war weder bereit noch verstand ich, warum er mit mir wie mit einem Kleinkind redete. Ich nickte und in diesem Moment wurde die Welt um mich herum weiß.