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LEKTÜRESCHLÜSSEL
FÜR SCHÜLERINNEN UND SCHÜLER

Jakob Michael Reinhold Lenz

Der Hofmeister

Von Georg Patzer

Philipp Reclam jun. Stuttgart

Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe: Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister oder Vorteile der Privaterziehung. Stuttgart: Reclam, 1963, 2002 [u.ö.]. (Universal-Bibliothek. 1376.)

Alle Rechte vorbehalten
© 2009, 2012 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart
Gesamtherstellung: Reclam, Ditzingen
Made in Germany 2012
RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und
RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene
Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart
ISBN 978-3-15-960054-3
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015405-2

Inhalt

1. Erstinformation zum Werk

2. Inhalt

3. Personen

4. Werkstruktur

5. Wort- und Sacherläuterungen

6. Interpretation

7. Autor und Zeit

8. Rezeption

9. Checkliste

10. Lektüretipps/Filmempfehlungen

1. Erstinformation zum Werk

Wie die meisten Werke von Jakob Michael Reinhold Lenz ist auch Der Hofmeister autobiographischer Natur. Schon während seines Studiums war Lenz ein halbes Jahr als Hofmeister – als Erzieher der Kinder in einem fremden Haus also – tätig. Im Frühjahr 1771 reiste er mit den Brüdern von Kleist als ihr ›Gesellschafter‹ von Livland bis nach Straßburg. Auch nach seiner Trennung von ihnen musste er sich zeitweise als Privatlehrer durchschlagen.

Geboren am 23. Januar 1751 in Seßwegen (Causvaine) / Livland als Sohn eines streitbaren Pfarrers, sollte auch Lenz Theologe werden. Er hörte Vorlesungen in Königsberg, unter anderem bei Kant, und las die Bücher der englischen Moralphilosophen Shaftesbury und Hume und der damals populären Autoren Shakespeare, Milton und Pope.

In Straßburg, wo er sich dem Sturm-und-Drang-Kreis anschloss, schrieb er seine wichtigsten Werke. Von Goethe gefördert, entstanden in schneller Folge Lustspiele nach dem Plautus, Der Neue Menoza und Der Hofmeister, sein erstes großes Stück. Darin hat er seine programmatischen Anmerkungen übers Theater umgesetzt. Anlass des Stücks war ein Skandal in einem Nachbarhaus in Livland: Ein Hofmeister hatte sich in die Tochter des Hauses verliebt und sie verführt. Der Name der Familie: Berg, wie in Lenz’ Stück.

Im Hofmeister verarbeitete Lenz auch seine eigenen Erfahrungen in Königsberg und Straßburg, außerdem schildert er das Studentenleben aus erster Hand. Noch in der überlieferten handschriftlichen Fassung von 1772 tragen viele Personen die Namen von Kommilitonen, der Lautenlehrer Rehaar heißt noch Reichardt, wie Johann Reichard, Musiklehrer in Königsberg, Pätus heißt noch Pegau, wie ein Bekannter und späterer Schwager von Lenz.

Lenz schickte das Manuskript an mehrere Verleger; auch einigen Freunden ließ er es zukommen. Über einen von ihnen bekam es Goethe, der es wohl 1773 an den Verleger Weygand vermittelte, einen der führenden Verleger des Sturm und Drang. 1778 wurde Der Hofmeister in Hamburg aufgeführt, später auch in Berlin und Mannheim. Die Kritik war begeistert, und man hielt Goethe für den Autor des 1774 zunächst anonym erschienenen Stücks. Lenz wurde mit einem Schlag berühmt, das Stück wurde nachgedruckt und sogar noch zu seinen Lebzeiten ins Dänische übersetzt. Über 15 Rezensionen erschienen zu dem Werk, die meisten lobend bis begeistert.

Der Hofmeister übte einen großen Einfluss auf die zeitgenössische Dramatik aus (der Dramatiker Friedrich Maximilian Klinger plagiierte es sogar in seinem Drama Das leidende Weib [1775]), blieb aber das einzige zu Lebzeiten des Autors aufgeführte Drama.

2. Inhalt

Das Drama spielt in Ostpreußen und in Sachsen. Die ostpreußischen Schauplätze sind: die Kreisstadt Insterburg; der wohl fiktive Ort Heidelbrunn, das bei Insterburg liegt; und Königsberg (heute Kaliningrad). In Sachsen spielen die Szenen in den Universitätsstädten Halle a. d. Saale und Leipzig. Die Handlung wechselt sehr häufig von einem Schauplatz zum anderen.

Erster Akt

Der erste Akt spielt »zu Insterburg« (5).

1. Läuffer ist aus der Not heraus Hofmeister geworden. Sein Vater sagt, er sei nicht tauglich zum Adjunkt (Hilfspastor) – Läuffer selbst meint, dass sein Vater für die Kosten einer solchen Stelle nicht aufkommen will –, und bei der Schule ist er vom Geheimen Rat nicht angenommen worden.

2. Der Geheime Rat und sein Bruder, der Major, erörtern den Sinn eines Hofmeisters. Der Major ist sich offenbar nicht im Klaren darüber, wozu sein Sohn erzogen werden soll. Er weiß nur, dass sein Sohn, wie einst er selbst, eine militärische Laufbahn einschlagen soll. Der Geheime Rat hält diesen Wunsch für nicht mehr zeitgemäß.

3. Läuffers Tanzkünste und seine Französischkenntnisse werden von der Majorin auf die Probe gestellt. Graf Wermuth, der an Gustchen, der Tochter des Hauses, interessiert ist, tritt ein und beginnt ein Gespräch über die Tanzkunst. Als Läuffer mitreden will, wird er von der Majorin zurechtgewiesen: Bedienstete dürfen in Gesellschaft von Standespersonen nicht mitreden.

4. Der Major unterbricht Läuffer, der gerade dabei ist, Leopold, den Sohn des Majors, zu unterrichten. Der Major ist herrschsüchtig seinem Sohn gegenüber, der bald abtritt. Die beiden unterhalten sich über das Gehalt Läuffers, der mit den regelmäßigen Kürzungen unzufrieden ist. Der Major kommt auf seine Tochter Gustchen zu sprechen und lobt ihre Schönheit. Sie habe zudem eine Schwäche für Bücher und Trauerspiele. Läuffer soll ihr das Zeichnen beibringen. Zum Schluss warnt der Major, er werde demjenigen, der seiner Tochter zu nahe kommt, eine Kugel durch den Kopf jagen.

5. Fritz von Berg, der Sohn der Geheimen Rats, verabschiedet sich von Gustchen, die zu ihrer Familie nach Heidelbrunn zurückkehrt. Sie spielen dabei auf die Liebenden Romeo und Julia an – auch der Werber Graf Wermuth wird mit einer Figur aus Shakespeares Stück verglichen. Fritz siezt Gustchen zunächst, nach einer Umarmung kommt es aber zum Du und zu einem Liebesversprechen: Fritz will nach drei Jahren an der Universität Gustchen zur Frau nehmen; Gustchen will keinen anderen außer Fritz heiraten.

6. Fritz’ Vater, der Geheime Rat, erwischt die beiden beim feierlichen Liebesbekenntnis und mahnt sie zur Vernunft, denn sie hätten keine Ahnung, was ein Schwur wirklich bedeute. Er verbietet den weiteren Kontakt und erlaubt lediglich einen offenen Briefwechsel. Zugleich hat er Verständnis für die beiden und wünscht sich, dass Gustchens Eltern etwas vernünftiger wären und die Verbindung zuließen.

Zweiter Akt

1. Insterburg. Der Geheime Rat und der Pastor Läuffer führen ein lebhaftes Gespräch über die Vor- und Nachteile von Hauslehrern. Der Geheime Rat hält das Hofmeisterdasein des jungen Läuffer für ungünstig, denn dadurch verliere er in der engen Welt des fremden Haushalts seine Freiheit. Er ist Verfechter der öffentlichen Schulen und meint, es müsste in der Welt überhaupt keine Hauslehrer geben. Sinnvoller sei es, wenn die Adligen ihr Geld in die Finanzierung öffentlicher Anstalten einfließen ließen. Es sei sogar schädlich für junge Adlige, einen Hofmeister zu haben, der für jeden Wunsch zur Verfügung steht. Dem Pastor ist das Gespräch unangenehm, er will fort. Er fragt jedoch an, ob der Geheime Rat seinen zweiten Sohn beim Major unterbringen möchte, was für Läuffer finanzielle Vorteile mit sich brächte. Der Rat lehnt entschieden ab. Zum Schluss überreicht der Pastor dem Geheimen Rat einen Brief, in dem sich Läuffer über die Verhältnisse in Heidelbrunn beschwert. Auch dies kann den Geheimen Rat nicht dazu bewegen, seinen Sohn dorthin zu schicken. Läuffer solle lieber kündigen und sich etwas anderes suchen.

2. Heidelbrunn. Läuffer ist zutiefst unglücklich, was Gustchen nicht entgangen ist. Sie bemitleidet ihn.

3. Halle. Fritz von Berg, zum Studium in Halle, sehnt sich nach Gustchen. Sein Freund Pätus will ihn aufmuntern und wundert sich, dass Fritz seit Beginn seines Aufenthalts mit keinem einzigen Mädchen gesprochen hat. Der Student Bollwerk tritt auf und berichtet vom Eintreffen einer Theatertruppe. Lessings Minna von Barnhelm wird aufgeführt. Alle wollen ins Theater, auch Pätus, obwohl er keinen geeigneten Rock hat. Fritz, der das Stück unbedingt sehen will, und Bollwerk ziehen gemeinsam fort. Pätus wirft sich einen Wolfspelz über und macht sich ebenfalls auf den Weg.

4. Zwei Frauen unterhalten sich über das Spektakel, das Pätus bei der großen Hitze im Wolfspelz geboten hat. Drei Hunde seien ihm hinterher gewesen, er sei – hochrot im Gesicht – davongelaufen.

5.