Alexeï Konstantinowitsch Tolstoï

Die Familie des Wurdalak

Unveröffentlichtes Fragment eines Unbekannten

Erzählung

« La Famille du Vourdalak »

Aus dem Französischen von

Stéphanie Queyrol

Édition bilingue

Theodor Boder Verlag

Impressum

eBook, Oktober 2012

Erstausgabe der deutschen Übersetzung

Copyright © 2012 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung aus dem Französischen: Stéphanie Queyrol

Covergestaltung: Nele Schütz Design

Lektorat: Lectorare.de und Marie-Pierre Guttin

ISBN 978-3-905802-23-8

www.boderverlag.ch

Alexeï Konstantinowitsch Tolstoï

war ein russischer Schriftsteller, Dramatiker und Dichter, aber auch Diplomat und höherer Beamter der Armee.

Er lebte von 1817 bis 1875.

Stéphanie Queyrol

wurde 1985 geboren und wuchs in Olten (Schweiz) und Umgebung auf.

Sie studierte Literaturwissenschaft an der Universität Basel.

Vorwort

Schon wieder eine Vampirgeschichte? Ist das Thema nicht schon zur Genüge ausgereizt worden? Nun, das mag bei manchen Werken und Filmen mit trivialen Effekten und Vermischungen des Genres durchaus stimmen; aber nicht bei dieser Geschichte.

Denn Tolstoï schuf mit „Die Familie des Wurdalak“ eine wichtige Geschichte des Vampir-Kanons, die lange im Dunkeln blieb. Und wie manche andere Vampirgeschichte des 19. Jahrhunderts wurde sie nie so richtig bekannt.

Als uns Stéphanie Queyrol auf diese Erzählung aufmerksam machte, auch deren Bedeutung im Vampir-Kanon erläuterte, und keine aktuelle deutsche Veröffentlichung vorlag, war die Motivation groß, dieses Werk neu herauszubringen; in einer Übersetzung, die so viel wie möglich vom Original erhalten sollte.

Erst mit der Arbeit an der Neuübersetzung stellte Stéphanie Queyrol fest, dass es im Text doch einige Ungereimtheiten gab. Es war zunächst unklar, ob es Fehler seitens der Textübermittlung über die Jahrzehnte waren oder seitens des Autors, der seine Erzählung nicht sorgfältig genug überarbeitet hatte. Recherchen über den Autor und das Werk lösten viele Fragen und Spekulationen aus über Fehler, Auslassungen und unklare Hintergründe.

Etliches ist darüber in der Literatur und im Internet zu finden, allerdings mit deutlichen Widersprüchen und neuen Fehlern. Stéphanie Queyrol zeigt in ihren Erläuterungen einige Ungereimtheiten auf, gibt aber auch Antworten und erklärt Einflüsse.



Theodor Boder

Die Familie des Wurdalak

Das Jahr 1815 brachte in Wien alle Berühmtheiten zusammen: die Gelehrten Europas, Edelmänner mit brillantem Verstand und überaus fähige Diplomaten. Doch nun war der Kongress beendet.

Die königlichen Emigranten bereiteten sich darauf vor, endgültig in ihre Schlösser zurückzukehren und die russischen Krieger freuten sich, ihr verlassenes Heim wiederzusehen. Einige unzufriedene Polen trafen Vorbereitungen, ihre Liebe zur Freiheit nach Krakau zurückzubringen, um sie vor der dreifachen und zweifelhaften Unabhängigkeit zu schützen, die ihnen von dem Fürsten von Metternich, dem Fürsten von Hardenberg und dem Grafen von Nesselrode zugestanden worden war.

Dem Ende eines lebhaften Balls gleichend, war die jüngst laute Sitzung auf eine kleine Zahl nach Unterhaltung suchender Personen reduziert, die, fasziniert von dem Charme der österreichischen Damen, es vermieden zu packen und ihre Abreise aufschoben.

Diese fröhliche Gesellschaft, von welcher ich Teil war, traf sich zweimal in der Woche im Schloss der stinkreichen, alten Frau Prinzessin von Schwarzenberg, das sich einige Meilen außerhalb der Stadt und weit hinter einer kleinen Burg namens Hitzing befand. Die vornehme Art der Hausherrin, hervorgehoben durch ihre anmutige Liebenswürdigkeit und ihre Scharfsinnigkeit, gestalteten den Aufenthalt in ihrem Hause äußerst angenehm.

Morgens gingen wir spazieren. Wir aßen immer gemeinsam zu Mittag, entweder im Schloss oder aber irgendwo in dessen Umkreis und abends, gemütlich um ein Kaminfeuer vereint, amüsierten wir uns damit, uns zu unterhalten oder Geschichten zu erzählen. Es war strengstens untersagt, über Politik zu diskutieren; wir alle hatten schon genug darüber geredet. Unsere Erzählungen waren den Legenden unserer Länder entnommen oder stammten aus unseren persönlichen Erinnerungen.

Eines Abends, als alle schon etwas beigetragen hatten und die Stimmung an einem Punkt angelangt war, an dem sich normalerweise die Obskurität und die Stille intensivieren, unterbrach der Marquis d’Urfé, ein alter Emigrant, den wir alle wegen seiner jugendlichen Fröhlichkeit und seiner anregenden Art, wie er von seinen vergangenen, glücklichen Zufällen redete, die Stille und ergriff das Wort:

„Ihre Geschichten, meine Herren“, sagte er, „sind zweifelsohne sehr erstaunlich, aber meines Erachtens fehlt ihnen ein wichtiger Punkt. Was ich meine, ist die Authentizität, denn ich wüsste nicht, dass irgendwer unter Ihnen die erzählten und wunderbaren Geschehnisse mit seinen eigenen Augen gesehen hätte oder diese, mit seinem Wort als Edelmann als wahr bestätigen könnte.“

Wir waren gezwungen, dies einzugestehen und der Alte, sich mit der Hand über sein Jabot fahrend, fuhr fort:

„Ich, aber, meine Herren, kenne nur ein einziges solches Abenteuer, aber es ist so sonderbar, so entsetzlich und so wahr, dass das allein schon reichen würde, die Ungläubigsten in Angst und Schrecken zu versetzen. Unglücklicherweise war ich selbst Zeuge und Teilnehmer zugleich, und obwohl ich mich nicht gerne daran erinnere, werde ich es Ihnen dieses eine Mal gerne erzählen, vorausgesetzt, die Damen seien damit einverstanden.“

Die Zustimmung war einhellig. Um die Wahrheit zu sagen, richteten sich ein paar ängstliche Blicke auf das Spiel von Licht und Schatten, das vom Licht auf das Parkett geworfen wurde; bald aber rückten wir enger zusammen und jeder schwieg, um die Geschichte des Marquis zu hören. Herr d’Urfé nahm eine Prise Tabak, zog sie langsam ein und fing mit folgenden Worten an:

Zu Beginn, meine Damen, bitte ich Sie mir zu verzeihen, falls ich während meiner Erzählung zu oft von Angelegenheiten des Herzens spreche, als es für einen Mann meines Alters angebracht ist. Aber ich werde diese dennoch, für das Verständnis meines Berichtes, erwähnen müssen. Im Übrigen ist es dem Alter erlaubt, einige Momente des Vergessens zu haben, und es ist sicherlich auch ein wenig Ihretwegen, meine Damen, wenn ich immer noch dazu tendiere zu glauben, ich sei ein junger Mann, wenn ich Sie so schön vor mir sitzen sehe. Also werde ich Ihnen ohne weitere Umschweife sagen, dass ich im Jahre 1759 über alle Maßen in die hübsche Herzogin de Gramont verliebt war. Diese Leidenschaft, die ich damals tief und immerwährend glaubte, ließ mich weder Tag noch Nacht ruhen, und die Herzogin, so, wie es oft die hübschen Frauen machen, kokettierte gerne, was mich umso mehr folterte. So gut war sie darin, dass ich in einem Moment der Verärgerung um die Genehmigung ersuchte, und diese auch bekam, eine diplomatische Mission zu erfüllen, den Gospodar Moldawiens betreffend, der damals in Verhandlungen mit dem Kabinett in Versailles stand, welche Ihnen zu erläutern genauso langweilig wie unnötig wäre. Am Vorabend meiner Abreise stellte ich mich bei der Herzogin vor. Sie empfing mich weniger höhnisch als normalerweise üblich und sagte mir mit einer emotionalen Stimme:

„D’Urfé, Sie machen da einen großen Fehler. Aber ich kenne Sie und weiß, dass Sie, sobald der Entschluss gefasst ist, sich nicht mehr anders entscheiden werden. Also bitte ich Sie nur um eines: Nehmen Sie dieses kleine Kreuz als Zeichen meiner Freundschaft an und tragen Sie es bis zu Eurer Rückkehr. Es ist eine Reliquie der Familie, welche uns viel bedeutet.“

Mit einer für die Situation vielleicht ein wenig übertriebenen Ritterlichkeit habe ich nicht das Kreuz, sondern die sehr charmante Hand geküsst, die es mir reichte. Ich habe das Kreuz alsdann umgelegt und trage es noch heute.

Ich werde Sie, meine Damen, weder mit den Einzelheiten meiner Reise noch mit meinen Beobachtungen über die Ungaren und die Serben, ein armes und ahnungsloses Volk, das dennoch ehrlich und mutig ist und das trotz der Unterdrückung durch die Türken nie seine Würde oder seine ehemalige Unabhängigkeit vergessen hat, ermüden. Es reicht Ihnen zu erzählen, dass ich, ein wenig Polnisch beherrschend, welches ich während eines Aufenthaltes in Warschau lernte, mir auch schnell die serbische Sprache aneignete, denn diese zwei Sprachen sowie das Russische und das Böhmische gehören, wie Sie zweifelsohne wissen werden, zu einer einzigen Sprache, die man als Slawonisch kennt.

Als ich nun eines Tages in einem Dorf, dessen Name Sie nicht interessieren wird, ankam, beherrschte ich die Sprache gut genug, um mich zu verständigen. Ich fand die Bewohner des Hauses, in dem ich übernachten sollte, in einem Zustand der Betroffenheit vor, was mir besonders seltsam schien, da es Sonntag war, ein Tag, an dem das serbische Volk sich üblicherweise diversen Vergnügungen hingibt wie dem Tanzen, dem Hakenbüchsenschießen, dem Ringen oder ähnlichen Beschäftigungen. Ich schrieb das Verhalten meiner Gastgeber einem jüngst zugetragenen Unglück zu, und ich war gerade daran, mich zurückzuziehen, als sich mir ein etwa dreißigjähriger Mann von imposanter Statur näherte und mir die Hand gab.

„Treten Sie ein, treten Sie ein, Fremder“, sagte er zu mir, „lassen Sie sich nicht von unserer Traurigkeit abschrecken, Sie werden es verstehen, sobald Sie die Geschichte kennen.“

Er erzählte mir alsdann von seinem alten Vater, der Gorcha hieß, ein Mann, der von Charakter angsteinflößend und unnachgiebig war, dieser stand eines Tages von seinem Bett auf und nahm die an der Mauer aufgehängte Hakenbüchse herunter.

„Kinder“, hatte er seinen zwei Söhnen, Georges und Pierre, gesagt, „ich werde in die Berge gehen und mich den mutigen Männern anschließen, die diesen Hundesohn Alibek jagen (dies war der Name eines türkischen Räubers, der schon während einiger Zeit das Land verwüstete). Wartet zehn Tage lang auf mich, und wenn ich am zehnten Tag nicht wiederkomme, so lasst eine Totenmesse für mich aussprechen, denn da werde ich getötet worden sein. Aber“, fuhr der alte Gorcha todernst fort, „falls ich (Gott beschütze euch davor) zurückkomme, nachdem diese zehn Tage abgelaufen sind, lasst mich, eurer Gesundheit wegen, nicht ins Haus eintreten. In diesem Falle befehle ich euch zu vergessen, dass ich euer Vater bin, und mich mit einem Pfahl aus Espenholz zu durchbohren, unabhängig davon, was ich sagen oder tun werde, denn ich werde nur noch ein verfluchter Wurdalak sein, der gekommen ist, euer Blut zu saugen.“

Übrigens muss ich Ihnen erklären, meine Damen, dass die Wurdalaks, oder auch bekannt als die Vampire der slawischen Völker, ihrer Meinung nach nichts mehr sind als Leichen, die aus ihren Gräbern steigen, um das Blut der Lebenden zu saugen. Soweit sind ihre Gewohnheiten dieselben wie bei allen anderen Vampiren, aber sie besitzen eine besondere Eigenart, die sie schrecklicher macht als alle anderen. Die Wurdalaks, meine Damen, saugen vorzugsweise das Blut ihrer nächsten Familienmitglieder und das ihrer engsten Freunde, die sobald tot, selbst Vampire werden, und so, sagt man, wurden in Bosnien und Ungarn ganze Dörfer zu Wurdalaks verwandelt. Der Priester Augustin Calmet zitiert in seinem kuriosen Werk der Erscheinungen fürchterliche Beispiele. Die Kaiser Deutschlands versammelten etliche Male Ausschüsse, um diese Fälle des Vampirismus zu lösen. Man stellte Protokolle aus, man exhumierte Leichen, welche voll mit Blut waren und man hat sie daraufhin, nachdem man ihnen das Herz durchbohrt hatte, auf öffentlichen Plätzen verbrannt. Die Magistrate, Zeugen dieser Exekutionen, beteuern, dass die Kadaver geschrien hätten, als der Henker ihnen einen Pfahl durch die Brust rammte. Sie haben dies in ihrer offiziellen Aussage festgehalten, mit einem Eid bekräftigt und mit ihrer Unterschrift bestätigt.

Nach diesen Erklärungen wird es Ihnen, meine Damen, leichtfallen, die Auswirkungen der Worte, die der alte Gorcha seinen Söhnen sagte, zu verstehen. Beide Söhne warfen sich vor ihm auf die Knie und baten ihn, an seiner Statt gehen zu dürfen, aber ihr Flehen wurde nicht erhört. Stattdessen drehte der Alte ihnen den Rücken zu und ging, den Kehrreim einer alten Ballade singend, davon. Der Tag, an dem ich im Dorf ankam, war genau der Tag, an welchem die von Gorcha festgelegte Frist ablaufen würde, und es fiel mir nicht schwer, die Besorgnis seiner Kinder zu erkennen.

Es war eine gute und ehrliche Familie. Georges, der erstgeborene der zwei Söhne, hatte sehr männliche Züge und schien ein seriöser und entschlossener Mann zu sein. Er war verheiratet und Vater zweier Kinder. Sein Bruder Pierre, ein schöner, junger Mann von achtzehn Jahren, verriet in seiner Physiognomie mehr Sanftmut als Kühnheit und schien der Lieblingsbruder des jüngsten Kindes, seiner Schwester Sdenka, deren Schönheit sehr slawisch war, zu sein. Zudem dass diese Schönheit in jeder Hinsicht unbestreitbar war, fiel mir auf den ersten Blick eine entfernte Ähnlichkeit mit der Herzogin de Gramont auf. Vor allem gab es ein charakteristisches Merkmal auf der Stirn, das ich während meines ganzen Lebens nur bei diesen zwei Personen wieder gefunden habe. Dieses Merkmal mochte man im ersten Augenblick nicht zwingend, aber man gewann es unweigerlich lieb, sobald man es mehrere Male gesehen hatte.

Entweder war ich damals noch sehr jung oder diese Ähnlichkeit, begleitet von einem eigenständigen und naiven Geist, hatte tatsächlich eine so unwiderstehliche Auswirkung, dass ich Sdenka noch nicht mal zwei Minuten lang gesehen hatte und bereits eine zu wirkliche Zuneigung für sie empfand, die sich in tiefere Gefühle zu verwandeln drohte, würde ich meinen Aufenthalt in diesem Dorf verlängern.

Wir waren alle vor dem Hause um einen Tisch, der mit Käse und Milchschalen gedeckt war, vereint. Sdenka spann; ihre Schwägerin bereitete das Abendmahl der Kinder vor, die im Sand spielten; Pierre pfiff mit einer gespielten Unbekümmertheit vor sich hin, während er einen Jatagan, ein langes türkisches Messer säuberte. Georges, die Ellbogen auf dem Tisch und den Kopf in seinen Händen, die Stirn in Runzeln, ließ seinen Blick nicht vom großen Weg ab und sagte kein einziges Wort.

Ich währenddessen, von der allgemeinen Traurigkeit betroffen, schaute mir melancholisch die Wolken an, die den goldenen Abendhimmel einrahmten, und betrachtete die Silhouette eines Klosters, die von einem Kiefernwald halb verdeckt wurde.

Dieses Kloster, wie ich später erfuhr, war einstmals wegen eines wunderlichen Bildes der Jungfrau, das der Legende nach von Engeln gebracht und auf einer Eiche abgesetzt worden sei, sehr bekannt gewesen. Aber zu Anfang des letzten Jahrhunderts waren die Türken in das Land eingefallen; sie hatten den Mönchen die Kehle durchgeschnitten und das Kloster geplündert. Es blieb nicht mehr als die Mauern und eine von einem Eremiten betreute Kapelle übrig. Dieser führte Neugierige durch die Ruinen und beherbergte Pilger, die, auf ihrem Weg von einem Ort der Frömmigkeit zum nächsten, gerne im Kloster der Jungfrau der Eiche einhielten. Wie schon erwähnt, habe ich dies erst später erfahren, denn an diesem Abend war ich mit ganz anderen Sachen beschäftigt als mit der Archäologie Serbiens. Wie es häufig passiert, wenn man seine Fantasie wandern lässt, dachte ich über vergangene Zeiten nach; die schönen Tage meiner Kindheit und an mein Frankreich, das ich für ein weit entferntes, wildes Land verlassen hatte.

Ich dachte an die Herzogin de Gramont und, wieso es nicht zugeben, auch an ein paar andere Zeitgenossinnen von, meine Damen, Ihren Großmüttern, deren Bilder mit meinem Unwissen in mein Herz gedrungen waren, dem der charmanten Herzogin folgend.

Bald hatte ich meine Gastgeber und ihre Besorgnisse vergessen.

Plötzlich unterbrach Georges die Stille.

„Frau“, sagte er, „um welche Zeit ist der Alte gegangen?“

„Um acht Uhr“, antwortete die Frau, „ich habe deutlich die Kirchenglocke des Klosters acht Uhr schlagen hören.“

„Dann ist es gut“, griff Georges wieder auf, „es kann noch nicht später als sieben Uhr dreißig sein.“ Er schwieg und starrte wieder den großen Weg an, der sich im Wald verlor.

Ich habe vergessen, Ihnen zu sagen, meine Damen, dass, wenn die Serben jemanden des Vampirismus verdächtigen, sie versuchen es zu vermeiden, ihn bei seinem Namen zu nennen oder ihn in einer anderen Art direkt zu bezeichnen, denn sie denken, sie würden ihn damit aus seinem Grab rufen. Übrigens bezeichnete Georges seinen Vater seit einiger Zeit nicht mehr mit seinem Namen, sondern nannte ihn nur noch den Alten.

Einige Momente der Stille vergingen. Plötzlich sagte eines der Kinder zu Sdenka, sie an der Schürze ziehend:

„Meine Tante, wann kommt Opa zurück nach Hause?“

Eine Ohrfeige von Georges war die Antwort auf diese unzeitige Frage.

Das Kind fing an zu weinen, aber sein kleiner Bruder sagte mit einer zugleich erstaunten und ängstlichen Miene:

„Wieso, mein Vater verbietest du es uns, von Opa zu sprechen?“

Eine weitere Ohrfeige brachte den Jungen zum Schweigen. Die zwei Kinder begannen laut zu weinen und die ganze Familie bekreuzigte sich.

So saßen wir also, als ich die Turmuhr des Klosters langsam acht Uhr schlagen hörte. Kaum war der erste Schlag ertönt, sahen wir, wie sich eine menschliche Gestalt vom Wald abhob und sich auf uns zubewegte.

„Er ist es! Gott sei gelobt!“, schrien alsbald Sdenka, Pierre und die Schwägerin.

„Gott habe uns unter seinem heiligen Schutz!“, sagte Georges feierlich. „Wie sollen wir bloß wissen, ob die zehn Tage schon abgelaufen sind oder nicht?“

Alle schauten ihn entsetzt an. Währenddessen näherte sich die menschliche Form. Es war ein großer Greis mit einem silbernen Schnauz, einem bleichen, ernsten Gesicht, der sich, mit Hilfe eines Stockes, mühsam dahinschleppte. Je näher er kam, desto schwermütiger wurde Georges. Als der Neuankömmling nah bei uns war, hielt er an und beäugte seine Familie mit Augen, die nicht zu sehen schienen, so sehr waren sie glanzlos und in ihre Höhlen eingesunken.

„Na“, sagte er mit einer leeren Stimme, „steht niemand auf, um mich zu empfangen? Was soll diese Stille bedeuten? Seht ihr nicht, dass ich verletzt bin?“

In diesem Moment sah ich, dass die linke Seite des Greises blutbefleckt war.

„Stützt doch euren Vater“, sagte ich zu Georges, „und Ihr, Sdenka, Ihr solltet ihm etwas Likör geben, er ist kurz davor, aus Schwäche hinzufallen.“

„Mein Vater“, sagte Georges, sich Gorcha nähernd, „zeigt mir Eure Verletzung, ich kenne mich aus, ich werde sie versorgen …“

Er war drauf und dran, seine Kleider zu entfernen, aber der Greis stieß ihn grob beiseite und bedeckte seine Seite mit beiden Händen.

„Siehst du, du Unglücklicher“, sagte er, „du hast mir wehgetan!“

„Aber dann seid Ihr im Herzen verletzt!“, rief Georges ganz bleich. „Kommt schon, entfernt Eure Kleidung, Ihr müsst, Ihr müsst, sag ich Euch!“

Der Greis streckte sich steif zu seiner ganzen Größe.

„Pass auf“, sagte er mit einer klanglosen Stimme, „wenn du mich anfasst, verfluche ich dich!“

Pierre stellte sich zwischen Georges und seinen Vater.

„Lass ihn in Ruhe“, sagte er, „siehst du nicht, dass er leidet?“

„Ärgere ihn nicht“, fügte seine Frau hinzu, „du weißt doch, dass er es nie toleriert hat!“

In diesem Moment sahen wir eine Herde, die von der Weide zurückkam und sich in einer Staubwolke auf das Haus zubewegte. Entweder erkannte der Hund seinen alten Herrn nicht oder aber er hatte einen anderen Grund, aber sobald er Gorcha erblickte, hielt der Hund an und mit gesträubtem Fell fing er an zu jaulen, als ob er etwas Übernatürliches entdeckt hätte.

„Was hat denn der Hund?“, fragte der Greis mit unzufriedener Miene. „Was soll das bedeuten? Bin ich als Fremder in mein eigenes Heim zurückgekehrt? Haben mich die zehn Tage in den Bergen so verändert, dass nicht mal mehr meine eigenen Hunde mich wiedererkennen?“

„Hörst du ihn?“, fragte Georges seine Frau.

„Was denn?“

„Er gibt zu, dass die zehn Tage verstrichen sind!“

„Aber nein doch, er ist ja innerhalb der Frist zurückgekommen!“

„Ist ja gut, ist ja gut, ich weiß, was zu machen ist.“

Der Hund jaulte immer noch. „Ich will, dass er getötet wird!“, schrie Gorcha. „He da, hört ihr mich denn?“

Georges bewegte sich nicht, aber Pierre stand auf und mit Tränen in den Augen ergriff er die Hakenbüchse und erschoss den Hund, der in den Staub sank.

„Es war mein Lieblingshund“, sagte er leise, „ich weiß nicht, wieso der Vater seinen Tod wollte!“

„Weil er es verdient hat“, sagte Gorcha. „Kommt, es ist kalt, ich will ins Haus!“

Während sich dies draußen zutrug, hatte Sdenka einen Kräutertee, der aus mit Birnen, Honig und Sultaninen gekochtem Branntwein bestand, zubereitet, aber ihr Vater wies ihn angeekelt zurück. Er zeigte die gleiche Abneigung für das Schaf- und Reisgericht, das Georges ihm anbot, und setzte sich an die Feuerstelle, unverständliche Worte vor sich hin murmelnd.

Wenn nicht der flackernde Schein des knisternden Kiefernfeuers in der Feuerstelle das bleiche, abgespannte Gesicht des Greises beleuchtet hätte, hätte man es geradezu für das Gesicht eines Toten halten können. Sdenka setzte sich neben ihn hin.

„Mein Vater“, sagte sie, „Ihr wollt weder essen, noch Euch ausruhen, wenn Ihr uns doch von Euren Abenteuern in den Bergen erzählen würdet?“

Die junge Frau wusste genau, dass sie mit diesen Worten eine empfindliche Stelle treffen würde, denn der Alte sprach gerne über Kriege und Kämpfe. Seine bleichen Lippen formten sogar ein Lächeln, das seine Augen nicht erreichte und er antwortete, ihre schönen blonden Haare streichelnd:

„Ja, meine Tochter, ja, Sdenka, ich will dir gerne erzählen, was mir in den Bergen widerfahren ist, aber es wird auf ein anderes Mal warten müssen, denn heute bin ich müde. Ich kann dir aber sagen, dass es Alibek nicht mehr gibt und dass es meine Hand war, die ihn erschlug. Falls jemand meinen Worten keinen Glauben schenken kann“, fuhr der Greis fort, seine Familie beäugend, „hier ist der Beweis!“

Er öffnete etwas, das er am Rücken trug und das einer Umhängetasche glich, und entnahm ihr einen bleichen, blutigen Kopf, welchem sein eigener jedoch in der Bleichheit nicht nachstand! Mit Abscheu wendeten wir uns ab, aber Gorcha übergab ihn Pierre.

„Hier“, sagte er ihm, „hänge ihn über der Türe auf, so dass alle Vorbeireisenden sehen, dass Alibek tot ist und dass die Straßen frei von Räubern sind, davon sind natürlich die Janitscharen des Sultans ausgeschlossen!“

Angewidert gehorchte Pierre.

„Jetzt verstehe ich alles“, sagte er, „der arme Hund, den ich tötete, jaulte nur, weil er das tote Fleisch witterte!“

„Ja, er witterte das tote Fleisch“, antwortete Georges, der hinausgegangen war und nun wieder trübsinnig hereinkam, er hielt etwas in der Hand, das er in eine Ecke stellte, ich glaubte, es sei ein Pfahl.

„Georges“, sagte seine Frau mit leiser Stimme zu ihm, „ich hoffe doch, du willst nicht …“