Rudolf Nedzit

Wantlek

Ein philosophischer Roman



Theodor Boder Verlag

Impressum

eBook, Oktober 2010

Copyright © 2010 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Raoul Neukomm

Fotografie: Susanne Güttler, Sodapix

Lektorat: Lectorare.de

ISBN 978-3-905802-09-2

www.boderverlag.ch

Über den Autor

Rudolf Nedzit, geboren 1957, lebt in Saarlouis, Deutschland. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Wantlek ist seine erste Veröffentlichung.

www.rudolf-nedzit.de

Als Wilhelm Wantlek Ende des 18. Jahrhunderts, nach dem Tod seiner Frau, Haus und Freunde verließ, wusste er noch nicht, wohin diese Reise führen würde.

Briefe an einen Freund

Brief 1

Mein Freund! Was ist das Leben? Wie leicht sich diese Frage stellt ... Ich versprach dir Nachricht zu geben, wenn ich hier sei. Und da es nun so ist, will ich mein Versprechen auch halten. Mein Kopf ist frei, doch nicht mehr fern sind die Stunden der Bewährung. Diese Vorahnung beschleicht mich mit unsicheren Gefühlen. Das sind tatsächlich zweierlei Ding: Planung und Ausführung. Wer weiß, ob ich den Anforderungen gewachsen sein werde, die Herausforderungen annehmen kann. – Ja, ja ... du hattest mir mehrmals von meinem Unterfangen abgeraten, in aller Freundschaft, doch mit Nachdruck. Aber der Mensch ist Mensch – und wer könnte ihm seine Natur absprechen? So nimm denn Anteil an meinem künftigen Schicksale, wie es auch immer geraten möge. Gönne dir in mancher Stunde einen flüchtigen Gedanken an mich und wünsche mir Glück. Du weißt, unter welchem Himmel ich mich momentan bewege.

Ich wurde sehr freundlich empfangen, mein bescheidenes Gepäck aufgenommen, der Kutscher zum Nebenhaus geleitet, die Pferde versorgt. Das Haupthaus, schemenhaft erkennbar, stand mir zu Diensten. Ein Mann und eine Frau, Bediente ausweislich ihrer Kleidung, versicherten mich aller Bequemlichkeiten, ich solle nur nach ihnen verlangen. Die Anreise war beschwerlich gewesen (wenngleich durch Landschaften führend, die ebenso herrlich wie mir fremd waren; ich könnte nicht sagen, ob dabei manche Grenze überschritten wurde) und hatte mich erst zu später Stunde an meinen Bestimmungsort geführt, doch hinderte dies die lieben Menschen nicht daran, mir schnell genug eine Mahlzeit zu kredenzen. In einer kleinen Kammer, wo ich Schüssel und einen Krug frischen Wassers vorfand, konnte ich die Zeit der Zubereitung für die nötigste Reinigung verwenden. Das Essen ließ ich mir wohl schmecken, zumal die Verpflegung der letzten Tage nicht von der besten Sorte gewesen war. Anschließend wurde mir höflich ein Schlafgemach zugewiesen, wobei der mich begleitende Diener versicherte, dass mir der Hausherr morgen zur Verfügung stünde. Heute sei dieser überraschend und ohne möglichen Aufschub zu einer Konsultation gerufen worden und ließe mir hiermit sein Bedauern darüber zum Ausdruck bringen, dass er nicht selbst habe mich empfangen können. Seine Verpflichtung sei jedoch dringlich gewesen. Ich wurde befragt, ob ich es wünsche, des Morgens zu einer bestimmten Stunde geweckt zu werden oder es, angesichts der Beschwernisse der weiten Anreise, vorzöge, nicht verfrüht dem erholsamen Schlafe entrissen zu sein. Keine Umstände, entgegnete ich. Meine innere Uhr würde mich wohl frühzeitig aus dem Bett führen (du weißt, mein Schlaf ist seit längerer Zeit nicht mehr der beste).

So bin ich also hier gelandet, lieber Hans. Und wäre froh, wieder fort zu sein. – Nein, mein Herz, bleibe stark, wenn die Angst sich über dich legt. Denke an die absolute Verzweiflung, die dich hierher getrieben hat. Die Macht der Verzweiflung wird stärker sein als alle Dämonen, die dich wieder unter das Joch der Verdammnis knechten wollen. Was ist schon das bisschen Angst, verglichen mit einem freudlosen Dasein. – Also gut: Du sollst auch weiterhin Nachrichten von mir erhalten, auch das war versprochen. Dabei wäre keine Verpflichtung nötig gewesen, tue ich es doch gerne. So bleiben wir im Geiste einander nah: in der Hoffnung auf ein besseres Wiedersehen (gib es zu: So konnte es mit mir nicht weitergehen). Du kannst mir nicht schreiben, wir hatten das besprochen. Ich kenne ja selbst nicht meine jetzige Adresse. Und ich dürfte, könnte und wollte sie dir auch nicht mitteilen (wer weiß, auf welche Gedanken du kommen würdest). Die Zensur, die in diesem Hause herrscht, würde es auch vollkommen unmöglich machen. Das wurde mir vor Antritt meiner Reise mitgeteilt, und ich war mit diesen Gepflogenheiten einverstanden gewesen, besiegelte das Abkommen mit meiner Unterschrift. Wie sagtest du? Eine Fahrt ans Ende der Welt. Ja, so könnte man es nennen. Doch selbst dabei spielt es eine Rolle, ob man sein Pferd an der ersten Wegkreuzung nach rechter oder linker Hand führt. Wo ist das Ende dieser Welt? Soll es liegen, wo es mag. Wenn’s für mich nur ein neuer Anfang wäre! Ich jedoch darf dir schreiben, so viel und so oft ich möchte (dir alleine), nur kann ich nicht sagen, ob dir die Briefe überhaupt, und wenn ja, welche davon, zugeleitet werden. Auch darf ich die Schreiben nicht mit einem Datum versehen. (Ob ich sie nummerieren darf?) Aber das sind in meinen Augen nur Belanglosigkeiten. Welchen Sinn hätte auch eine Zeitangabe auf einer nicht übermittelten Botschaft? Habe ich das eine akzeptiert, so werde ich das andere verschmerzen. Wir beide hatten in mancher langen Nacht mein Vorhaben ausführlich diskutiert, du hattest mich gewarnt, beschwört, mich nicht auf solche sicherlich ungewisse, wahrscheinlich gefährliche Machenschaften einzulassen, ich hatte dir zugehört, mit Stolz in der Brust, einen solchen Freund zu haben, hatte versucht dich zu trösten, letztendlich meinen Kopf durchgesetzt ... mein Guter, wie hättest du es verhindern können? –

Nun bemerke ich doch, wie schnell mich die Müdigkeit überkommt. Es ist sehr spät. Die mehrtägige Kutschfahrt auf schlechten Wegen, wie auch die mit der Reise verbundenen, nur hinlänglich ausgestatteten Übernachtungsquartiere haben mich doch mehr beansprucht, als ich mir eingestehen wollte. So höre meinen ersten, stillen Gruß aus weiter, unbekannter Ferne. Zermartere dir nicht das Hirn ob deines armseligen Freundes. Alles wird gut werden! – Gute Nacht! ... Schlafe ruhig.

Brief 2

Fürwahr, allein IM (!) Menschen liegt sein Glück. Doch frag’ ich dich: Was soll dann aus dem Menschenkinde werden, das dieses Glück nicht in sich trägt und es auch außerhalb nicht finden kann?

Ein paar Tage sind seit meiner Ankunft verstrichen. Was sich bisher berichten lässt, ist wenig genug. Unterbringung und Verpflegung sind gut, wenn auch nicht übertrieben, was wiederum gut ist, kommt es doch vorrangig nicht auf die äußeren Verhältnisse an. Ringsum aber eine paradiesische Landschaft, so du noch keine gesehen hast. Das Gut im ausgehauenen Walde gelegen, umgeben von herrlichem Grün und blühenden Wiesen und reifenden Feldern und so abgeschnitten von aller Zivilisation, scheint mir. An menschlichen Seelen sind mir bisher der Hausherr und ein paar Bediente begegnet und für diese alleine scheint mir dann doch das Anwesen etwas zu groß geraten zu sein. Es gilt aber abzuwarten. Die Tage verbringe ich weithin in meiner Stube oder auf der Holzbank, die so einsam und beschattet unter dem großen Lindenbaume in der Mitte des Hofes steht, und trage denn so manches Sätzchen in mein Tagebuch ein, damit gerne der Empfehlung des Hausherrn folgend. Sie haben sich in eine neue Gegend geworfen, hatte er mich bei unserer ersten Begegnung angesprochen. Lassen Sie Ihr Herz zur Ruhe kommen. Genießen Sie Luft und Land und den freien Lauf Ihrer Gedanken. Was ich auch tue. Einen Spaziergang habe ich noch nicht unternommen, auch nicht danach gefragt. Eines nach dem anderen. Ich habe Zeit.

Nochmals zu dem Hausherrn. Es wird dich interessieren (und beruhigen) zu erfahren, welcher Person ich mich überlassen habe, wenn’s auch zur Stund’ nicht mehr als die Schilderung des ersten Eindrucks werden kann, doch der war gut! Ein Herr von an die sechzig Jahr’, doch rüstig an Körper und Geist, mit mildem Gesicht und gewinnendem Lächeln. Seine sonore Stimme spricht in klaren Sätzen, nichts scheint aufgesetzt an seiner Natur. Die Körpergröße ist die meinige, doch trotz der Jahre, die er mir voraushat, ist seine Statur kräftiger gebaut, auch starke Hände hat er und diese sehr gepflegt. Im Ganzen eine angenehme Erscheinung, die gleichermaßen Autorität und Sympathie ausstrahlt. Am meisten aber hat mich sein Humor eingenommen, von trockener Art und keinesfalls lästig. Halt von der Sorte, wie ihn nur Leute haben können, die ihren Wert zwar kennen, sich aber nicht wichtiger zu nehmen scheinen, als es ihnen zuzustehen ist. Und wie seine blauen Augen strahlen, wenn er bescheiden genug lacht. Lachen ist die Sprache der Seele. Könnt’ doch auch ich diese Lektion lernen! – Genug. Ich will keine Phantome jagen ...

... Verzeih’ mir, Bester. Das Herz wurd’ mir schwer. Besser kein Brief als einer mit diesem Ende. Ich nehme das Blatt wieder auf, das ich gestern zur Seite legte. Soll mich denn der Mut verlassen, bevor er überhaupt gefordert ward? Bin ich so schwach, wie ich es meine? Das darf nicht sein, weil ... Hans, mein Hans, sprich ein Gebet für meine arme Seele. Ich bete nicht.

Lass uns vom Lachen wieder sprechen. Der Gesslov kann’s. So heißt der Kerl. Professor seines Standes. Was heißt’s! Er ist ein Mensch. Damit genügt’s. Und auch für heut’ die frohe Kunde.

Brief 3

War ich beim letzten Mal zu kurz? Ich denk’s. Du könntest fragen: Ja, gewiss, der Mensch heißt Gesslov, guter Eindruck, hoher Herr und so fort, doch sprich! Was ist sein Zweck mit dir? Wo will er hin? ... Du lieber Himmel, Hans. Wenn ich das wüsste! Doch beruhige dich, ich bitte von Herzen. Ich habe mich auf diese Reise eingelassen, ohne zu wissen, wo sie endet, und das betrifft nicht nur die Route. Ich habe meine Lieben und dich verlassen, ohne euch meines Dankes für eure Liebe und Fürsorge genügend versichert zu haben. Meine wirtschaftliche Existenz habe ich zerstört, musste sie zerstören, damit ich innerlich bereit wurde, mich von äußeren Miseren zu scheiden. Und nun, nach diesen Qualen und Mühen, soll ich einen Menschen fürchten, der mir nichts mehr nehmen kann, weil bereits ich selbst mich allem entledigte? Nein. Er kann mir nichts mehr nehmen – aber ... vielleicht ... kann er mir geben!?

Weshalb ich hierhergekommen bin, das weiß ich. Das stimmt nicht ganz. Kann Hoffnung Wissen sein? Erwartungen sind viele in meiner Brust. Unbekannten Verhältnissen bin ich unterworfen. Und doch! Kann ich die eig’nen Kräfte nicht bezwingen, die gleich eines Sturmes in mir wüten, so sollen mich auch derer fremde nicht stärker verwirren, als es die vertrauten bis zum heutigen Tage tun. Lasse mich ins Detail gehen, dir kann ich es anvertrauen, du kennst mich gut. Warum ein Mensch ist, wie er ist, das ist eine Sache. Es zu wissen oder ahnen, eine andere. Letztendlich eine Rechnung, die jeder für sich selbst aufzustellen hat, und ob die dann aufgeht, auch das ist schon wieder eine eigene Sache. Ich denke: Von Geburt an (sogar vorher) ist im Menschen etwas eingebaut, für das er selbst am wenigsten kann, und das er anzunehmen hat, da es ihm wie ein Geschenk vermacht wurde – und Geschenke muss man ehren. Aber es ist mit den Geschenken wie mit dem Leben. Was den einen erfreut, ist dem anderen wenig bedeutend, was mancher sich wünscht, fällt einem anderen zu, welcher vielleicht keinen Wert darauf bezieht, und das vom Geber so akkurat hergerichtete Präsent landet nutzlos in irgendeiner verstaubten Ecke. Wohl dem aber, der Geschenke zu schätzen weiß. Er wird sie mit Liebe betrachten und ihnen einen bevorzugten Platz in seinem Hausstand und Herzen zuweisen. Auch würd’ er über irgendwelchen Makel des Objekts großzügig hinwegseh’n, erblickte er doch hinter der Fassade der toten Materie das pochende Herz des Menschen, der ihm das Kleinod in fiebriger Erregung und Vorfreude überreichte. Das ist, was ich meine, Lieber: Vielleicht liegt auch für mich noch irgendwo ein Geschenk parat, in irgendeinem versteckten Winkel, dem Blicke verborgen und nur darauf wartend, verpackt, mit hübschen Schleifen versehen und ausgehändigt zu werden. Es ist müßig, auch das steht mir vor Augen, auf Geschenke zu warten, die nie kommen mögen, und darüber sich einer Untätigkeit anheimzugeben, die nichts bewirken kann, nichts ändern, da sie nur harrt, wo sie doch walten sollte. Trotzdem! Da steht über allem die Hoffnung. Und mit der ist’s wohl ein komisch’ Ding. Zeige du mir den Menschen, der bei aller Not, allen Widrigkeiten, Krankheit und Leid nicht diesen Urkeim der Seele in sich trägt, diesen hegt und pflegt, auf dass er wachsen und gedeihen möge. Und das ist wohl gewiss: Je größer die Verzweiflung, desto stärker die Hoffnung. Erklär’ du mir, wie das funktioniert.

Ich verliere mich in Deklamationen. Kommen wir wieder zu Gesslov. Er verspricht mir nichts. Pflanzt keine Illusion in das geschund’ne Hirn. Nimmt mich, wie ich bin, und das ist wahr: dass der Unzulänglichkeiten zwischen allen, die von einem Weibe geboren wurden, weniger wären, würden die Menschen einander nehmen, wie sie nun einmal sind.

Höre denn, was sich bei meinem ersten intensiven, wenn auch nicht langen Gespräch mit Gesslov zugetragen hat: Ich wurde zur Vormittagszeit in den Salon gebeten, wo er bereits zugegen war (und niemand sonst), und herzlich von ihm bewillkommnet. Nach Floskeln über Nachtruhe und Wetter griff er das Wort auf: Mein lieber Wantlek. Dass Sie vor mir sitzen, heißt: Sie haben Mut! Eine Eigenschaft des Charakters, die gar nicht genug hervorgehoben werden kann. Nein, nein, wehren Sie nicht ab. Ich sehe, was ich sehe. Insgeheim pflichtete ich ihm keineswegs bei, bestenfalls unter der Prämisse, dass die Wiege des Mutes die Angst ist. Es gehört viel dazu, fuhr er fort, hinter den Horizont blicken zu wollen. Nun denn, wir müssen tun, was zu tun ist. Jeder trägt auf seinen Schultern seine eigene Last. Und wenn ein Stück des Wegs sich jemand finden sollte, der uns um nur einen Teil der Last und auch nur für eine bestimmte Zeit erleichtert, so sind wir allemal zufrieden. Doch ist zu schauen, ob die Last gänzlich abzuwerfen sein sollte. All dies war Balsam für mein Gemüt. Gespannt lauschte ich seinen Ausführungen, da war’s bereits an mir. Wollen Sie mir nicht erzählen, fragte er, wie’s denn vonstattenging, dass wir so nett beisammensitzen? Zwar fiel mir auf, dass er von sich noch nichts erzählte, doch schrieb ich’s keiner fehlenden Höflichkeit oder Unachtsamkeit zu, weit gefehlt, vielmehr einer Rücksichtnahme, die er seinem Gast erwies; er hielt sich wohl nur zurück.

Also berichtete ich ihm in geraffter Form von der Kenntnisnahme des Zeitungsinserates, dem Weggang aus dem Heimatdorf, der Aufnahme als einziger Insasse in die bereitstehende Kutsche und der mehrtägigen und nicht endenwollenden Fahrt in selbiger. Wenn ich schon nicht froh sei, den heimatlichen Gefilden entrissen zu sein, so wäre ich es doch, was die Beendigung dieser Höllenfahrt beträfe. Ich schwieg. Er lachte. Das glaub’ ich wohl, sprach er. Doch jede Reise geht zu Ende, so auch diese. Sie erzählten mir noch nichts von dem, was Sie zurückließen, wo doch jede Kreatur an jemandem oder etwas hängt. Wie ist’s in Ihrem Fall, Herr Wantlek? Bei mir, nahm ich die Rede wieder auf, wird’s sein wie bei den meisten ander’n auch. Der Unterschied ist nur ... Wir wurden durch ein Klopfen an der Tür gestört. Herein, rief Gesslov und hob beschwichtigend eine Hand. Ein Diener trat ein. Die Herren wollen verzeihen. Herr Professor, das Fräulein Tine bittet darum, empfangen zu werden. Die Chose scheint zu pressieren. Gut, gut, sagte Gesslov, ich komme sofort. Der Diener ging. Nichts für ungut, Herr Wantlek. Lassen Sie uns das Gespräch später weiterführen, vielleicht noch heute. Ich glaube, das Anliegen des Mädchens zu kennen und sollte mich direkt darum kümmern. Er sah mich bittend an und mir war’s nicht unangenehm, dass sich meine Beichte verschieben sollte. Das will ich meinen, rief ich. Schöne Frauenzimmer lässt man nicht warten. Als er mir beim Verlassen des Salons nochmals die Hand herzlich drückte, blitzten seine Augen. Wohl gesprochen, Wantlek!

Es hat sich aber bis heute noch nichts mit der Fortführung der Unterredung getan, und so unterzeichne ich denn dieses Blatt.

Brief 4

Den Menschen nenn’ ich glücklich, der beim Stuhlgang pfeift! Wie ich auf diese Philosophie gestoßen bin? Lausche! Ich tat mich auf zu meinem ersten Spaziergang, nicht ohne zuvor einen Bedienten, der mir zwischenzeitlich recht vertraut geworden ist, zu befragen, ob dies einzurichten sei. Freilich, der Herr! Es gibt der schönen Pfade genug in dieser Gegend. Und er schickte mich in eine Richtung, nachrufend, dass in Kürze bald der Mittagstisch bereitet sei. An dieser Stelle fügt sich ein, dass wohl alle sieben Tage lang (das Zeitgefühl geht mir verloren und immer weiter entferne ich mich von Tag und Stund’) ein Fuhrwerk, gelenkt von einem stämmigen Burschen und gezogen von zwei ebensolchen Gäulen, den Weg in unser’n Hof findet. Kistenwerk wird dann entladen. Fässer und Körbe auch, und soweit ich’s sehen kann, ist’s Proviant. Also lebe der Mensch so abgeschieden, wie er wolle, er will und muss sich nähren. Dabei denke ich an die reifenden Felder. Sollen deren Schätze denn verfaulen? Noch sah ich niemand sie besuchen. Doch weiter nun. Ich ging und ging und lauschte mancher Vogelstimme und ergötzte mich an Natur und strahlender Sonne und dachte nichts dabei, da raschelte es hinter einem Gebüsch und ich erschrak. Das ist immer ein befremdendes Gefühl, aus innerer Ruhe gerissen zu werden. Gerade noch eins mit Natur und Seele, dann ruckartig zurückgezogen in die reale Welt, das tut doch weh. Hoffentlich sind’s keine wilden Tiere, war der erste Gedanke und schon setzte ich einen Fuß zurück, da höre ich einen: pfeifen! Eine schöne Melodie, gar lustig anzuhören. Potzblitz! Das war kein Tier, schon gar kein wildes. Während ich mich leise zurückzog, erspähte ich durch das Gebüsch hindurch die Umrisse eines Mannes, der hockte und tat, was alle Bettler und Könige tun, da mögen sie so verschieden sein, wie es nur geht. Und auch das Exemplar hier hatte die Hose unten. Und pfiff sich seinen Lebenssinn zurecht. Ich schmunzelte und überließ ihn seinem Geschäfte. Auf meinem Rückweg begleitete mich dieses Bild, und was es mir aufzeigte, ist schnell gesagt: Der Sachen gibt es viel, die der Mensch zu tun hat, und wenn er sich nur recht wohl bei ihrer Erledigung fühlt, ist alles so gut wie gelungen – und sollte es Sch... sein.

Brief 5

Konnt’ dich mein letzter Brief erheitern? Ich wünsche es. Mich hat die kleine Begebenheit angerührt, und noch vor Kurzem hätte ich sie dir überhaupt nicht oder doch nur mit gewisser Abscheu geschildert. Aber das zeigt mir auf, welchen Einfluss die geruhsame Gelassenheit der letzten Wochen auf mein Gemüt genommen hat. Sie öffnet mir den Blick für kleine Dinge, lenkt mich ab von schweren Gedanken und unnützen Konstruktionen. Das ist vielleicht die Gesslov’sche Intention: mich in der Anfangszeit mir selbst zu überlassen, ohne Einwirkung von außen, keinerlei Zwängen unterworfen. Und die mag geraten sein, wenn sie mich denn von mir selbst entfernt. So wurden aus einem Spaziergang zwei und drei und jeder zieht mich näher zur Natur, und ich erkenne meine Existenz als deren Bestandteil. Verbunden mit Fauna und Flora taum’le ich wie ein Blatt im Winde, der mich liegen lässt, wann und wo er will. Fast wage ich zu denken, auch ich sei noch zu retten. Doch da regt sich auch das Gefühl der Einsamkeit in mir. Ich bin alleine und gut so. Aber ich vermisse auch die vertrauten und mir ans Herz gewachsenen Menschen, die Hügel und Täler, zwischen denen ich aufwuchs und lebte. Ich frage dich, ich frage dich aus tiefstem Grunde meiner Seele: Wenn man nicht bleiben kann und auch nicht gehen? Wo soll man dann noch hin?

Die Zeit wird’s zeigen. Lasse mich über die Zeit plaudern, lieber Freund. Manchmal ist mir, dass es sie nicht gäbe. Versteh’ mich recht. Ich rede allgemein. Als sei die Zeit zerstückelte Natur, geteilter Raum und künstlich nur von Menschenhand vollzogen, da dies Geschöpf, Naturgewalten und allerlei Ungemach unterworfen, in ängstlicher Verkrampfung sich festhalten muss, damit es nicht strauch’le. Und da kommt ein Vehikel gerade recht, auf das es sich schwingen und den Menschen in rasender Fahrt ausrufen lässt: Lass’ zu, wart’ ab! Die Zeiten werden besser. Genau soll’s sein, wenn man die Hoffnung rechnet. Das Jahr in Monat ist noch viel, so lasst uns Tage zählen, selbst die sind oft zu lang, auf denn, es gibt auch Stunden und so weiter. Das geht also bis ins kleinste Detail hinein und mir scheint, dabei geht alles verloren, um was es gehen sollte: nämlich Tag und Nacht; die sind zu sehen und zu spüren. Was braucht’s noch mehr?

Das sind wohl Töne von deinem Wilhelm! Will den Lauf der Welt erklären, wo er sich selbst nicht kennt. Na und? Jeder mache sich sein Bett so, wie es ihm am besten behagt und meines ist noch lange nicht bequem. Ich denke nur und sprech’ es aus. Nur, ob das alles stimmt, wer weiß. Das aber weiß ich: dass in meiner früheren Schreibstube, in dieser verfluchten Stätte meiner Gefangenschaft, mir solcher Firlefanz nicht in den Kopf kommen konnte. Da hieß es buckeln und ducken, durchaus eines Schreiberlings würdig, das gesteh’ ich gerne zu, nur ob das alles auch einem Menschen zu Gesichte steht, der denken kann und fühlen und niemandem Böses will, das räum’ ich ohne Weiteres nicht ein. Da galt es nicht, zu denken. Da hieß es Ja und Dankeschön und Nichts für ungut, bester Herr. Wer das nur einen Tag erträgt – ich tat es Jahr um Jahr um Jahr. Was ist daraus geworden! Ein krummer Mensch vom Buckeln, ein kleiner obendrein vom Ducken. Da sollt’ der Teufel dreinschlagen mitsamt seiner ganzen Sippschaft! Verfluchtes, geknechtetes Dasein! – ... Ich ereiferte mich, verzeih’! – Nein, verzeih’ nicht! Wenn ich mir nicht verzeihen kann, warum und wie dann du?! Ich komme in Fahrt, Hans! Das Herz quillt mir über. Würde jetzt der so ehrenwerte Herr Amtsleiter vor mir stehen, er würde den Durchlauf einer Sanduhr nicht erleben! ... Aber – immer muss es doch ein Aber geben!, bin nicht ich es, der zu strafen wäre? Der ich mich nicht wehrte? Und habe ich die Strafe nicht bereits zu Recht erhalten, durch das Leben, das ich führen musste? Oh, möge der Boden sich unter mir auftun und mich verschlingen oder der Himmel auf mich hinabstürzen, das ist mir gleich, und alles Elend hätte ein Ende und dein Wilhelm wär’ nicht mehr!

So befreit hatte dieser Brief begonnen. Nur um beengt zu enden. Doch wie war die Rede? Die Zeiten werden besser.

Brief 6

Was soll das für ein Glück sein, das niemand mit einem teilt? D’rum schreib’ ich dir und werd’ die Feder nicht aus der Hand legen, bis es mir gelungen ist, dich einzuspannen. Wo fange ich nur an? Der Kopf schwirrt mir vor lauter Sinnen. Zur Ruh’ kann ich nicht kommen. Was sage ich als Erstes? Vergiss den letzten Brief. Ich weiß nicht mehr, was ich dir schrieb. Bestimmt war’s nichts Gutes. Ich fasse mich. So kann’s nichts werden. Also:

Nach meinem erneuten Gespräch mit Gesslov (jetzt nichts davon, das hält mich auf) traf ich sie – sie! Das Fräulein Tine! Ich glaube, den Namen kennst du schon (es ist die Person, die von dem Diener während meiner ersten Unterredung beim Professor angemeldet wurde). Wie dem auch sei, jetzt wirst du von diesem lieblichsten Geschöpfe hören – ob du willst oder nicht! Verzeih’, ich bin außer mir. Jeder Mensch auf dieser Erde sollte einmal einem solchen Engel begegnen, und der Himmel würde sich in sein schönstes Blau hüllen.