Tuya Salina



Das wirkliche Leben



Roman





Theodor Boder Verlag

Impressum

eBook, Juni 2011

Copyright © 2007 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Fredy Prack,

unter Verwendung einer Illustration der Autorin

Lektorat: Mirko Partschefeld

ISBN 978-3-905802-16-0

www.boderverlag.ch

Über die Autorin

Tuya Salina, geboren 1955 in Zürich, schreibt seit ihrem 15. Lebensjahr. Erste Gedichte wurden bereits damals in der Jugendzeitschrift Buntspecht veröffentlicht. In den folgenden Jahren bildet sie ihr vielseitiges künstlerisches Talent in Schauspiel- und Malkursen weiter aus. Mit neunzehn Jahren heiratet sie und wird mit zwanzig Jahren Mutter einer Tochter. Nach dem frühen Tod ihres Mannes, bereits mit 23 Jahren verwitwet, wendet sie sich verstärkt dem Schreiben zu und arbeitet an ihrem Roman Ein Vierteljahrhundert Stumpfsinn sowie an mehreren illustrierten Kinderbüchern.

In der Zeit von 1981 bis 1985 feiert sie mit der von ihr mitbegründeten Kult-Band Ladyfinger in der gesamten Schweiz beachtliche Erfolge. In den folgenden Jahren lebt sie in Andalusien und der Schweiz, schreibt und macht Studioaufnahmen.

Über das Buch

Die Costa del Sol, den meisten bekannt als Urlaubsort, um südliches Flair und viel Sonne zu erleben, wird für die Autorin zum Ort skurriler Beobachtungen und Erfahrungen, in und am Rande der Tourismuszone – aber auch zum Ort der Konfrontation mit den eigenen Leidenschaften und der Einsamkeit.

Für

Gabi Berner

Vorwort

In unserer Küche stehe ich vor dem viel zu kleinen Herd und brutzle was für uns zusammen.

Meine Tochter muss jeden Moment aus der Schule kommen, hungrig wie immer.

Der Morgen war viel zu kurz und ich habe nicht mal eine gute Seite geschafft. Manchmal frage ich mich, ob das Buch wirklich eines Tages mit dem Wort ENDE geziert werden wird.

Ständig gibt es etwas Dringendes zu tun.

»Es wird schon irgendwie gehen«, sage ich mir immer. Es gibt immer einen Weg.

Draußen zwitschern die Vögel und ich zwitschere ein wenig mit.

Da, die Wohnungstür geht. Zurück in die Realität. »Hallo Kleines, wie war dein Morgen?«

I

»Goal, Goal!«, schreien die Spanier, die sich in der kleinen Bar um die Theke drängen und mit zurückgelegten Köpfen das Spiel Madrid – Barcelona auf dem viel zu hoch angebrachten Fernseher verfolgen.

Mich geht das Spiel einen Dreck an. Ich nippe an meinem Gin-Tonic, den mir der Barkeeper zum Einheimischenpreis überlassen hat. Bin froh, in Ruhe gelassen zu werden, Fußball, pah! Zweiundzwanzig Idioten rennen einem Ball nach und die Zuschauer benehmen sich, als ob ihr Seelenheil davon abhinge, welche der beiden Mannschaften den Pokal nachhause bringt.

Wenn die Sonne schiene, hätte ich mich in eine Strandbar gesetzt und den Wellen zugeschaut, wie sie sich gierig den Strand hinauffressen und sich Quäntchen für Quäntchen des lädierten Sandstreifens einverleiben. Aber der Wind fegt wieder einmal über die ausgedörrten Palmenwipfel, träge, Unwetter verheißende Wolken mit sich zerrend. Warum hat mir niemand gesagt, dass es an dieser Scheißcosta del Sol ständig stürmt? Klamme Füße, klamme Finger; und der ewige Wind dörrt einem die Kehle aus.

Schon wieder ein Tor. Die Barcelönsker machen ganz schön voran. Dem Kommentator schlägt die Stimme über und mein Gin-Tonic geht zur Neige. Trinkst viel zu viel von dem Fusel, sage ich mir, und »hombre, otro mas, por favor« zum Barmann.

Ich mag noch nicht nachhause gehen. Scheue mich davor, in die Gewölbe von Torremolinos runterzutauchen und auf dem schlecht beleuchteten Bahnsteig, der vorgibt, einer U-Bahn-Station anzugehören, auf den wackligen, blauen Zug zu warten. Nicht, dass ich Angst vor einem Überfall hätte, aber das Warten auf den Zug macht mich immer depressiv, das dumpfe Licht, die gekachelten Wände. Und überhaupt, in meiner Wohnung wartet eh keiner auf mich.

Der dunkle Mann hinter der Theke füllt mein Glas wieder auf und stellt es mit gewinnendem Lächeln vor mich hin. Mir ist aber im Moment überhaupt nicht nach Flirten zumute. Ich bedanke mich lauwarm, greife mir das Feuerzeug und dann erst die Zigarette, damit ja nicht einer der Kerle auf die läppische Idee verfällt, mir Feuer geben zu wollen. Keine Lust auf Männer.

»Was ist los mit dir?«, frage ich mich. »Wirst wohl ein bisschen verhärmt«, sage ich mir. »Bist auf dem besten Weg, ein Blaustrümpfchen zu werden.«

Die Baumstämme in der Zigarette knistern, die Jungs brüllen, der TV-Mann kreischt, ein Heidenlärm in der engen Bar. Die ideale Umgebung, um nachzudenken. Woran kann ich denn schon denken? Na, an ihn, immer wieder nur an ihn, den ersten gottverdammten Lümmel, der es gewagt hat, mich zu verlassen. Der Blonde, Schöne, Intelligente, Schlanke. Wie ich seine Mundwinkel liebe! Wie ich seinen flachen, weißen Bauch verehre! Wie gut es war, mit ihm zu schlafen! »Schnauze«, sage ich mir.

Du, mein Beschützer, mein Held, mein Raphael, du, der du mich vor einem Mann gerettet hast, der, ha, wie man so schön sagt, Unlauteres mit mir vorhatte.

Dem hatte scheinbar meine Art zu kopulieren Eindruck gemacht und in seiner Krämerseele köchelte ein Plan vor sich hin, wie man diese vermeintliche Begabung am besten zu klingender Münze machen könnte. Der Junge drohte mir gewaltig von wegen »Zeugs abschneiden« und dergleichen mehr. Leider bin ich nun wirklich nicht ein so mannbares Wesen, dass ich ihm die Fadengerade in seine überhebliche Fresse hätte donnern können.

Ach, wie gerne hätte ich es getan! Er trug hellblaue italienische Schuhe – Zuhälterschuhe.

Musst noch ein bisschen dazulernen, was? Hättest es merken müssen. Musst wohl alle Erfahrungen ein paar Mal machen, bis du was kapierst?

Ich brauchte Hilfe, und dann kamst du. Zwar kamst du nicht auf einem Schimmel angeritten, aber eindrucksvoll war dein Erscheinen schon. Ach, ich bin ja so leicht zu beeindrucken! Die 125er Yamaha kam mir vor wie der heißeste Feuerstuhl, den ich jemals gesehen hatte, und als du deinen Wuschelkopf aus dem schwarzen, glänzenden Helm schältest, stand der perfekte Star-Warrior vor mir.

Jo hatte gesagt: »Mensch, ich ruf doch einfach den Raphi an, der hilft uns schon. Weißt du, das ist ein echt starker Typ und wenn der mal sauer wird, na ... ein total aggressiver Kerl, sage ich dir.« Seine Adlernase war bei diesen Ausführungen um eine Spur länger geworden und sein sonst so zahmer Schafsblick hatte sich in das gierige Äugen eines Geiers verwandelt. Den Blick kannte ich schon, aber eigentlich bekam er ihn nur, wenn er einen sehr kurzen Rock an einem knackigen Frauenhintern erspähte. Oder einen wippenden, wogenden Busen. Der gute Jo. Dass ausgerechnet du der aggressive, harte Typ sein solltest, hätte ich nie gedacht. Ach, Kerlchen, ich hatte dich ja schon so oft auf Partys, in Kneipen oder bei Freunden gesehen. Warst mir immer wie ein pubertierender, etwas zu dünn geratener Junge vorgekommen. Dann nahmst du mich auf deinem Motorrad mit. Wir gingen in deine Dachbude. Sie erschien mir wie ein Schloss. Der ganze Dachstock gehörte dir. Alles aus Holz, der Giebel, die Wände, der mit Teppichen belegte Boden. Die romantischen Bilderdrucke an den Wänden passten ja so gut zu dem eisernen Macker, als den dich Jo mir geschildert hatte. Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Und dann ging’s los.

Du und ich. Das Bett hattest du, wie du mir später schmunzelnd eingestanden hast, schon mal vorsorglich frisch bezogen. Mein Held. Gewissensbisse sind für dich böhmische Dörfer.

Ich weiß nicht, wie wir das geschafft haben. Am Tage arbeiteten wir beide, du im Büro und ich in meinem Schneideratelier. Aber in den Nächten gingen wir, du und ich, auf wundersame Reisen. Die schönsten meines Lebens. Eines Nachts lagen wir ineinander verkrallt, der Zeit den Rücken zugekehrt, auf dem Teppich und schauten in unsere Seelen. Besser gesagt, ich in die deine. Um meine zu erkennen, bist du immer zu kurzsichtig gewesen.

Was ich da alles schaute! Kind, Bruder, Mörder, Vater, auch deinen eigenen Bruder habe ich gesehen, den schon lange das Jenseits verschluckt hatte. Tod. Zuletzt sah ich den Tod. Das letzte Gesicht. Tod. Der Tod, so Lust verheißend, des Lebens einzig ebenbürtiger Rivale. So verlockend, verleitend zu allen Taten dieser Erde. Nie war mir das Leben näher als in jenem Moment.

Hör auf! Quälst dich selber. Noch ein bisschen in der Vergangenheit schwelgen und dich selbst bemitleiden. Tust dir selber weh. Deine masochistische Ader geht wohl wieder mit dir durch. Und hör auf zu saufen, kannst dir das eh nicht leisten.

Stimmt. Bin schon pleite genug. Ich sollte nachhause gehen, weg von dieser Fußballscheiße. Zuhause gönne ich mir vielleicht eine kleine Schlaftablette, damit ich schön schlafen und dich, du weißbäuchiges Wesen, vergessen kann.

Was heißt denn, vielleicht gönne ich mir eine Schlaftablette? Ich bin ganz sicher, dass ich mir eine in die Birne schieben werde. Sehe gar nicht ein, warum ich die Nacht schlaflos verbringen soll, nur weil mich dieser Idiot verlassen hat. Und außerdem, die lumpigen zweihundert Peseten für einen Gin-Tonic werde ich sicherlich noch aufbringen können.

Zuhause drehe ich durch. Es ist zwar kein schlechtes Zuhause, was wir beide uns da vor zwei Jahren reingezogen haben, aber die vier Zimmer lassen mir meine Einsamkeit grenzenlos erscheinen.

Die Urbanisation ist ruhig und sauber. Eigentlich gehörten wir beide da gar nicht hin, aber man ist schnell in Torremolinos und Malaga, wenn man von der Ruhe genug hat.

Oje, Raphael, du hattest nicht nur genug von der Ruhe, sondern auch von mir, und da reichte Malaga oder Torremolinos nicht mehr als Fluchtpunkt. Du bist in die Schweiz zurückgekehrt und ich bin hier geblieben. Nicht aus Trotz, nein. Aber ich weiß einfach nicht, was ich in der Schweiz außer dir verloren habe.

Schon wieder ein Tor. Ach Jungs, ist ja gut, ihr Schafsköpfe. Mir fällt der Himmel auf den Kopf und ihr habt keine anderen Sorgen als diesen dümmlichen Fußball. Kinderchen, ihr habt ja Recht. Die alte Schweizer Mami hier wird sich jetzt nochmals was von dem Fusel bestellen und warten, bis die großen Trostnebel kommen. Morgen werde ich einen Kater haben, aber den habe ich jeden Tag. Himmel, wie soll ich das bloß meiner Leber erklären?

»Paco, me pones otro, por favor?«

Ach Raphi, Gnömchen, mein geliebtes, du hast mich verlassen, dabei hatten wir alles, alles. Der Zuhälterschweinehund hatte sich mit vollen Hosen davongemacht und wir zwei hatten keinen anderen Wunsch, als beieinander zu sein. Damals. Wir verlebten die verrücktesten Nächte.

Erinnerungen sind zum Ersäufen da.

Werd bloß nicht zynisch, dazu fehlt dir die Aufgewecktheit des Geistes.

Schnauze!

Ich hatte in der großen, schmutzigen Küche des Hauses, dessen Dachstock zu unserem Schloss geworden war, auf ihn gewartet. Am alten, schmuddeligen Küchentisch sitzend, trank ich ein Bier und fieberte der Heimkehr Raphaels entgegen. Zum Glück war keiner der beiden anderen Mitbewohner in der Nähe, ich konnte mich also ganz meiner Vorfreude hingeben.

Endlich höre ich das helle Knattern der 125er Yamaha, seiner Yamaha. Schnell noch eine Zigarette anzünden, eine lässige Haltung annehmen, mich dekorativ ins Gesamtbild der Schweineküche einfügen. So, jetzt kann er kommen. Sei still, mein Herz, poch nicht so laut!

Die Haustür schließt sich hinter ihm und da kniet er schon neben mir und bedeckt mein Gesicht mit hungrigen Küssen. Der erste Blick aus seinen Augen sagt mir, dass auch er gefiebert hat, gelitten unter der zehnstündigen Trennung, seit wir uns am Morgen voneinander losreißen mussten, um zur Arbeit zu gehen. Drecksarbeit! Für nichts anderes da, als zwei Liebende davon abzuhalten, was Liebende eben so tun.

Ich frage ihn gar nicht erst, wie der Tag war. Er war gewiss wie der meinige. Viel zu lang.

»Oh, du, ich habe dich so vermisst! Endlich ist es Abend geworden.«

»Ich liebe dich«, gebe ich zur Antwort.

Ich fahre ihm durch seine Locken, immer und immer wieder. Streichle seine hohe Stirn, ziehe die Konturen seiner herrlichen Wangenknochen nach. Ja, er ist da. Und ich bin daheim, endlich daheim.

Wir wollen rauf, in unser Schloss, zu uns.

Er nimmt eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank und steigt, mir voran, bedächtig die Treppe hinauf, bei jedem Schritt einen Gedanken spinnend. Ich weiß es. Der mit Gerümpel überladene Vorraum, die alten, vergessenen Stühle, der Frisiertisch mit den hohen Flügelspiegeln, woran ich schon so oft im Halbdunkel meinen nackten Körper vorbeihuschen sah, auf dem Weg zum Klo oder in die Küche flitzend, um Nachschub zu holen für unsere hungrigen und durstigen Leiber. Der große Rahmen, worauf eine leere Leinwand gespannt auf bessere Zeiten wartete. Die Giebelbalken, das kleine Fenster, die aufschwingende Tür, das SCHLOSS.

Er knipst die kleine, geschmacklose Ständerlampe an, die ich schon längst einmal mit einem Batiktuch verhängt hatte. Ich will den kalten Märzabend ausschließen, ziehe die braunen, fadenscheinigen Vorhänge vor das Fenster und will nicht wissen, wie es Nacht wird draußen, wie die Sterne wandern, und ein kalter, grauer Morgen nach der Zeit fingert, die wir jetzt für uns haben werden. Der große, hohe Raum ist nun in braun-goldenes Licht getaucht. Die Gesichter der Mädchen auf den Postern an den Wänden haben ihre Jungfräulichkeit verloren und sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Vom Hauch des Lichts zu gierigen, alten Damenfratzen entstellt. Inzwischen hat Raphael die Flasche entkorkt und die Gläser auf den kleinen, runden Tisch gestellt. Ich lasse mich in den bequemen Sessel fallen, zünde mir eine Zigarette an und schenke den Wein ein.

»Was wollen wir hören?« Das gehört zum Ritual. »Was wollen wir hören?«

Dabei haben wir noch lange nicht alles abgespielt, was da auf den Regalen gestapelt liegt, was dicht an dicht, mit und ohne Hülle beieinandersteht.

»Spiel mir doch was Neues, oder nein, bitte, leg doch ..., na, du weißt schon.«

Ich kann es nicht oft genug hören. Die Nails mit ihrem »Every time I touch you, I feel like something new«. Ruhe ist es, was ich jetzt empfinde. Der Sound ist hart, lebendig, der Wein gut und kühl.

Wir sitzen uns an dem kleinen Tischchen gegenüber und schauen uns an. Wir hören der Musik zu und horchen in uns hinein, trinkend und rauchend. Die kleine, dicke Kerze auf dem Tisch flackert uns alle Wünsche an die Wände. Die Ecken des Zimmers haben sich in zwielichte Ferne zurückgezogen und alles, alles im Raum wird zum devoten Inventar eines Märchenschlosses. Sogar der alte, lädierte Teppich verwandelt sich zu einem Prachtstück orientalischer Knüpfkunst.

Unsere Augen treffen sich immer wieder und lange. Tausend Irrlichter flitzen hin und her. Es knistert in der Luft, die kompakter geworden zu sein scheint. In uns ist die Ruhe, aber um uns lebt, wispert und zischelt es in den ausgedehnten Sphären des Schlosses. Die alten Balken knarren. Unsichtbare Wesen haben sich genähert, der Zauber hat begonnen. Wir sind angekommen, wir sind da. Wir, die Herren aller Geister und Wesen, die dank uns ins Leben gerufen worden sind. Auch mit uns gehen sonderbare Dinge vor. Wir verwandeln uns langsam. Die Augen Raphaels bekommen einen eigentümlichen Glanz, gefährlich flackert es in ihren Winkeln, und seine allzu schönen Lippen öffnen sich leicht zu einem spöttischen Lächeln.

Das ist nicht mehr der Raphael, der noch vor einer halben Stunde neben mir auf dem schmutzigen Küchenfußboden gekniet hat, nicht mehr der freundliche Herr am Telefon im Büro, der gewandt Aufträge entgegennimmt. Dieser hier ist der König der Nacht, mit aller Macht versehen, allem Wispern, Rascheln, Flirren, Rauschen, Haschen, gebietend. Vollkommen in seiner Schönheit, gewaltig auf seinem Thron. Da sitzt er und schaut mich an.

Aber diese Stunde haben wir gemeinsam heraufbeschworen und auch ich habe mich verändert. Spüre es an meinen Muskeln, an meiner Haut, die sich straffer über meine Wangenknochen zieht und mir die Augen verlängert. Ich weiß, wie sie jetzt aussehen, meine Augen. Katzenaugen sind es, die mein Gegenüber anfunkeln. Mein Mund steht in seiner überheblichen Kühle in nichts dem Raphaels nach. Die Kraft ist in mir und wenn ich atme, zerbersten Welten. Auch ich habe Macht.

Hier sitzen wir uns gegenüber. Zwei Giganten, hoch über allen Dächern dieser Erde thronend. Käme jetzt jemand ins Zimmer, müsste er schreiend das Weite suchen. Grauenhaft sind wir in unserer Stärke.

Raphael steht langsam auf und sucht bedächtig unter seinen Musikschätzen nach dem geeigneten Hintergrund, um diesen Moment gebührend zu würdigen. Diesmal fragt er mich nicht, was ich gerne hören möchte.

Ich warte, schaue, trinke genießerisch einen Schluck und inhaliere tief das Gift meiner Zigarette. Ich zerspringe beinahe vor Kraft.

Die Musik ist jetzt ganz anders, hier wird nicht mehr von Liebe und Sehnsucht gesungen. Hier sind sie, die Punilux, die hoffnungslosen Zerstörer, die Großkinder der Grausamkeit, die Herren dunkler Hinterhöfe, die Anführer aller Müllmonster dieser geschändeten Erde. Sie ziehen durchs Schloss, die Angst mit sich schleifend.

Raphael verlässt die Gewölbe, ohne ein Wort zu sagen, lässt mich hier, in seinem Reich gefangen, mit den schaurigen Punilux allein. Aber nach einem Blick auf die leere Flasche weiß ich, er ist in die Küche gegangen, um Wein zu holen. Der Mächtige hat Zeit. Und ich weiß, dass er sie braucht.

Zurückgelehnt schaue ich den verwahrlosten Geistern zu, wie sie durch unsere Hallen jagen. In finsteren Giebeln und Ecken nach Golem rufend, er möge sich ihnen doch anschließen und mir in meiner wartenden Einsamkeit Gesellschaft leisten. Golem aber zieht es vor, in dunklen Winkeln harrend, unerkannt, nur geahnt, der Fantasie des Menschen das Grauen zu entlocken. Ein Etwas berührt mich am Schenkel, ein anderes streift meine Schulter. Gut so, so soll es sein. Es kann mir nichts geschehen. Wenn wir sie nicht gewollt hätten, all die Schemen und Geister, hätten wir sie nicht gerufen. Hier sitzend, der Musik lauschend, sind sie genau die richtigen Genossen.

Ist es möglich, dass sich Raphael all der Wesen im Schloss ebenso bewusst ist? Dass er gewollt so lange unten bleibt, um all die Magie des Märchenschlosses auf mich einwirken zu lassen?

Ach, was für einen Blödsinn ich mir wieder ausdenke!

Natürlich weiß er es, sonst hätte er niemals ein so gespenstisches Lächeln auf seine Lippen gezaubert. Oder kommt es daher, dass ich ihm schon viel zu viel von mir gezeigt habe und er in mir lesen kann wie in einem offenen Buch? Aber, wenn wir nicht im Innersten verwandt wären, wie könnte er dann das Buch verstehen? Seite für Seite hat er schon umgeblättert und trägt zum Werden der Geschichte bei.

Wie bin ich doch verliebt! Törichtes Weib! Ha, was für alte Aussprüche fahren mir da durchs Hirn? Sie passen ja so zum Moment! Das törichte Weib, dem Liebeszauber verfallen. Ich will mich gehen lassen in dieser Welt und werde bald mit dem Zauberstab noch ganz andere Geister herbeirufen.

Welche Gedanken ich mir hier mache ... Klar, allein gelassen und langsam unsicher werdend ... was? Es ist nun wirklich nicht das erste Mal, dass wir dieses Spiel spielen.

Jetzt ist die Platte zu Ende, die Flasche leer, mein Glas ebenfalls. Nur in dem von Raphael steht noch ein Restchen. Er trinkt Gläser nie bis zur Neige aus, nie.

»Komm mein Herz, ich vermisse dich, komm, lass uns spielen, nicht die Nacht vertrödeln.«

Nicht mal das Knarren der Stiege draußen ist zu hören. Bist du noch nicht auf dem Weg zu mir? Oder willst du, dass ich dich suchen komme? Ach, Blödsinn!

Endlich, die Tür geht langsam auf und Raphael ist wieder da, eine Flasche in der Hand. Sein Mund lächelt, seine Augen forschen. Ich habe ihn nicht gehört, wie er über die hölzernen Planken draußen sich der Tür genähert hat. Und dabei ist die Musik schon ein Weilchen verstummt.

»Wie geht es dir denn so alleine hier oben?«

»Oh, es geht mir sehr gut. Viele Dinge habe ich gesehen und gehört. Hast du übrigens gewusst, mein Geliebter, dass der Golem in den Winkeln unseres Schlosses haust?«

»Nein, das habe ich nicht gewusst, ich kenne ihn nicht. Wer ist denn das?«

»Ich sehe schon, ich werde dir ein Buch schenken müssen.«

»Ja, tu das, ich werde es gerne lesen. Ach, und wie hat dir die Musik gefallen?«

»Sehr gut.«

»Siehst du, da wollen wir gleich noch etwas anderes auflegen.«

Nun, nachdem wir miteinander gesprochen haben, sind viele der Geister weggewuselt, es wird bestimmt nicht lange dauern, bis sie wiederkehren. Aber da klingt schon anderes aus den Boxen. Da singt ein Mann zu Musik, die man Artrock nennen mag, von Gott und Schmerzen, von Lüge und Tod, von Mördern und Narren, von Echsen und ewig verlassener Trauer. Marillion, der arme Fish.

Raphael wendet sich zur Tür und geht wieder hinaus, um sogleich mit frischen Gläsern und einem Tablett mit Bündnerfleisch, Schinken und Käse darauf zurückzukehren. Tatsächlich, ich kenne mich gar nicht mehr, ich bin doch sonst so verfressen, und jetzt habe ich völlig vergessen, dass ich in Wahrheit beinahe am Verhungern bin.

Er küsst mich auf die Stirn und flüstert dicht an meinem Ohr: »Die Nacht wird lang werden und wir müssen uns doch bei Kräften halten, oder?«

Er küsst mich auf den Mund, ganz sacht, und greift mir dabei ins Haar, dass es schmerzt. Es ist schön, so geküsst zu werden.

»So«, sagt er und richtet sich auf. »Jetzt wünsche ich dir einen recht guten Appetit, du verfressenes, schönes Wesen.«

Ich mache mich auch gleich über die Fleischwaren her, streiche mir Butter aufs Brot und trinke vom frischen, kühlen Wein. Wie so oft schließe ich beim Essen die Augen und bin nur noch ganz Gaumen. Das Bündnerfleisch ist herrlich, kein bisschen zu trocken. Ich gehe ganz auf beim Kauen des Stücks eines toten Tieres und beim Trinken des Saftes gestampfter, vergorener Trauben.

»Mit dir ist es so schön«, strahle ich ihn über den Tisch an.

»Ich liebe dich«, ist seine Antwort.

Er langt nach den köstlichen Dingen auf dem Tablett und dabei erhasche ich einen Blick auf seine Armbanduhr, die giftig, von der Kerze angeschienen, die Zeit verkündet.

»Ach Gott, wie uns die Zeit immer davonrennt!« Er schaut kopfschüttelnd auf den Zeitmesser. »Das ist schon extrem. Man könnte meinen, die Zeit hätte etwas gegen uns. Immer, wenn wir zusammen sind, läuft sie uns davon.«

Er steht auf und geht zum Fenster, schiebt die Gardinen zur Seite und öffnet es, wo es doch die sich wandelnde Nacht und die Zeit hätte ausschließen können. Tatsächlich, er reißt sich die Uhr vom Gelenk und schleudert sie mit aller Kraft hinaus ins Dunkel.

»So, jetzt kann uns die Zeit gestohlen bleiben.«

»Oh, Raphael, nun hast du keine Uhr mehr, du Spinner.«

»Doch, doch. Ein Werbegeschenk eines Repräsentanten liegt noch im Büro, leider, aber auch diesem Ding werden wir noch den Weg ins Zeitlose weisen.«

»Ja, hoffentlich.«

Wie bin ich doch hungrig! Ich werde überhaupt nicht mehr satt. Es ist ja auch alles so gut und wunderbar. Dem König der Nacht scheint es ebenso zu gehen.

Endlich beenden wir unser Mahl mit einer Zigarette und der anderen Seite der Platte. Die frische Luft hat gut getan. Die Rauchschwaden ziehen durchs offene Fenster davon und lassen die kalte Nachtluft herein. Mich fröstelt jetzt ein wenig und ich schließe das Fenster wieder. In alten Schlössern gibt es eben keine Aircondition, die Stereoanlage hat sich aus Versehen hierher verirrt, und Armbanduhren haben an solch einem Ort ja nun wirklich nichts verloren.

Ich räume die leeren Teller und das schmutzige Besteck aufs Tablett und stelle es nach draußen auf den bespiegelten Frisiertisch. Natürlich muss ich mich im Halbdunkel, das hier draußen herrscht, im Spiegel betrachten. Ich möchte schön und eine perfekte Königin der Nacht sein. Die Haare ein wenig zurückstreichen, dem Kajal mit Spucke auf die Sprünge helfen, Stolz in meinen goldenen Augen sammeln. Sie sind das Schönste, was ich besitze. Über die zu groß geratene Nase schaue ich majestätisch hinweg.

Raphael hat sich wieder an der Stereoanlage zu schaffen gemacht und die Ständerlampe gelöscht. Dafür brennt eine zweite Kerze neben dem Bücherregal.

Ich setze mich ihm gegenüber auf meinen Lieblingsstuhl. Herrlich sieht der Mann aus, seine schlanke Gestalt in den schwarzen Kleidern, seine kantigen Züge vom Kerzenlicht verstärkt, Schatten in den Höhlungen der Wangen, Licht auf seiner hohen Stirn.

Jetzt werden wir wieder unsere Geister herbeirufen, die Sphäre des Raumes sich verdicken lassen, unsere Kräfte sammeln. Uns auf unser Spiel vorbereiten. Beide spielen wir gerne, und beide sind wir schlechte Verlierer.

II

Draußen wird es dunkel, das Fußballspiel ist zu Ende. Madrid hat drei zu null gewonnen. Die Bar hat sich geleert, und ich bin langsam voll. Ich bezahle meine Gin-Tonics und gehe zur Busstation um die Ecke. Ich mag nicht den Zug nehmen. Bin so schon depressiv genug.

Mir ist ein bisschen schwindlig, und ich lehne mich an das Schaufenster des Reisebüros, das an der Haltestelle liegt und Skiferien in der Sierra Nevada oder in Asturien anbietet. Ein Witz das Ganze, geht es mir durch meinen benebelten Kopf. Da hast du in der saukalten Schweiz alles aufgegeben, um endlich in Ruhe und Frieden mit Raphael in der Sonne sitzen zu können, und jetzt frierst du dir deinen dicken Arsch ab.

Der Bus lässt wie immer lange auf sich warten.

Ein aufgedunsener, alter Mann streicht um mich herum, schaut mir immer wieder in die Augen und auf meine Beine, von denen man allerdings unter dem langen Rock nicht viel mehr sieht, als den unteren Teil meiner Waden und die in Sandalen verpackten Füße. Ob der wohl ein Fußfetischist ist?

Der alte Knabe scheint sich doch tatsächlich ein Herz gefasst zu haben und windet sich heran. Er murmelt irgendwas, was ich als Schwedisch erkenne.

»Na, was willst du denn?«, frage ich ihn auf Englisch, obwohl ich genau weiß, was der Gnom vorhat.

Der Mann scheint aber kein Englisch zu verstehen und quasselt weiter auf mich ein. Klingt alles recht obszön, was der da rauslässt. Schließlich schafft er das vermutlich einzige Wort auszuspucken, das er auf Englisch kennt und in einem thailändischen Bordell gelernt haben muss. »Fucki, fucki«, meint er und reibt dabei seinen wurstigen Daumen gegen den Zeigefinger.

Ich finde das äußerst komisch, hä, hä. Was wäre der Alte wohl bereit für mich zu bezahlen? Ich schaue ihn fragend an. Umständlich erklärt er, ganze zweitausend Peseten springen lassen zu wollen für das außerordentliche Vergnügen, mir seinen Schweinepimmel in mein Allerheiligstes einfädeln zu dürfen. Tja, das sind umgerechnet siebenundzwanzig Franken. Um Gottes willen, wie muss ich ausschauen?! Reichlich ernüchtert steige ich in den Bus.

Er ist voll wie nur was. Ich muss mich durch die Leute quetschen, um dann an meiner Station wieder aussteigen zu können. Vor lauter Gin-Nebel und Leuten sehe ich kaum, ob wir erst bei La Colina vorbei sind oder ich schon auf den roten Knopf drücken muss, damit ich dann auch ja sicher in Los Alamos aussteigen kann. Doch, da vorne erscheint die Tankstelle und ich drücke. Der Bus vermindert abrupt seine Geschwindigkeit und der Chauffeur wettert lautstark, ob wir Idioten nicht fähig seien, etwas früher den Halteknopf zu betätigen: Coño! Nur raus hier! Verdammt, jetzt bin ich stinksauer. Noch die kleinste Anmache und ich sehe rot. Scheißspanien!

Auf dem Nachhauseweg werde ich von etwa zwanzig Hunden angebellt, die ihres Herrchens Haus bewachen und in mir einen potenziellen Eindringling sehen. »Schnauze, ihr blöden Köter«, pöble ich sie meinerseits an, was ihr dummes Gekläff tobsuchtartig anschwellen lässt. Nun ist auch noch der hinterste und letzte Pinscher auf seinem Posten. Was für eine Begrüßung in Los Alamos! Ich denke an präparierte Würste, sehe im Geiste sich windende, zukünftige Hundeleichen, höre ein letztes Wimmern. Und dann die Ruhe. Der Gedanke tut gut. Ich beruhige mich ein bisschen.

Was muss es dir schlecht gehen! Die armen Viecher können nun wirklich nichts dafür. Früher hast du Hunde doch immer so gemocht, bist so gut mit ihnen ausgekommen. Nimm dich zusammen.

Ja, aber früher wurden mir auch nicht von ekligen, alten Männern siebenundzwanzig Franken angeboten, wurde ich nicht von inkompetenten Busfahrern Idiota und Coño genannt und nicht von Hunden verbellt.

Wo habe ich denn bloß die Schlüssel? Natürlich zuunterst in meiner Tasche. Nein, das ist der falsche. Wenn ich jetzt noch meiner Nachbarin begegne, die sicher wie immer hinter ihrer Tür auf Neuigkeiten lauert, bringe ich mich um.

Nein, sie lauert nicht hinter der Tür, sie lauert davor und putzt unverfroren ihren Vorplatz im engen Korridor. Ihr Reptillächeln wendet sich mir zu. »Hola, buenas tardes. Na, wie geht’s? Haben Sie noch nichts von Ihrem Freund gehört?«

»Nein, leider nicht«, gebe ich zurück.

»Nun, er ist eben noch jung. Junge Leute wollen die Welt sehen, nicht wahr? Wie alt ist er eigentlich?«

»Er wird neunundzwanzig«, gebe ich gehorsam zur Antwort und verabschiede mich mit einem »Also dann, auf Wiedersehen.«

Bloß jetzt den richtigen Schlüssel ins richtige von den drei Schlössern stecken, die meine teure Billigwohnung beschützen sollen. Ohne mich noch einmal umzuwenden, schließe ich die Tür hinter mir zu. Puh!

Dieses nette, kleine Gespräch habe ich sicher den Hunden zu verdanken. Die Alte wird sich, als sie das Gekläff vernommen hatte, auf den Balkon gestürzt haben, um mich nachher auf dem Flur abfangen zu können. Ich bin vom Pech verfolgt. Scheißleben!

Mein Gott ist die Wohnung leer ohne ihn! Früher, noch vor zwei Monaten, hatte mich immer sein fröhliches »Quäk« begrüßt. Und jetzt begrüßt mich nur noch das nagende Bewusstsein, allein und vierunddreißig Jahre alt zu sein.

»Willkommen zuhause«, säuselt es mir entgegen. Der Paradiesvogel auf dem riesigen Bild schaut klein und verlassen auf die grüne Insel hinüber, die so majestätisch im stillen Meer schwebt. Armer, kleiner Vogel. Wenigstens habe ich abgewaschen und aufgeräumt, bevor ich gegangen bin. Verdammt, ich sollte was essen. Bei dem Gedanken dreht sich mir der Magen um.

»Du lässt dich gehen«, nörgle ich mich an. »Hast schon sieben Kilo abgenommen. Trinkst und rauchst zu viel. Machst keine Musik mehr, nicht mal die simpelsten Fingerübungen. Vom Zeichnen und Schreiben ganz zu schweigen!«

»Was soll’s«, gebe ich zur Antwort.

Ich lege mich auf mein wunderschönes, altes, blaues Velourssofa unter dem Bild. Denken will ich. Denken. Was soll das denn schon wieder? Alles hasst mich. Es hat geklingelt. Bei mir klingelt man nur aus Versehen. Wer kann das schon sein?

»Wer ist da?!«, frage ich auf Spanisch, den Hörer der Sprechanlage am Ohr.

»Carmen, Carmen, eres tu?«

»Nein, verdammt noch mal, ich bin nicht Carmen, die wohnt nebenan!«

Es wäre viel einfacher, Carmen zu sein. Carmen, meine Nachbarin, die, was mag sie sein, vielleicht sechzig Jahre, sich am liebsten um den Kram anderer Leute kümmert, mit ihrem geduckten Männlein, das mich immer an einen Igel erinnert, von der Rente lebt, nachdem er viele Jahre in der Schweiz gebuckelt hatte. Ach, Quatsch!

Komm, Kleines, sei gut zu dir, schau nach, was im Kühlschrank noch so an Futtermitteln ist.

Was da in dir nagt, ist nicht nur der Schmerz wegen des dämlichen Mannes Raphael, da gibt es auch noch einen großen, leeren Magen, der was zu verdauen haben will.

Meine Stimme der Vernunft.

Richtig, ich esse doch so gerne, früher habe ich es auf alle Fälle getan.

Im Eisschrank herrscht absolute Dürre. Leute, die nicht essen mögen, stehen eben nicht einfach stundenlang im Laden vor den Regalen herum und überlegen sich, was und wie man es essen könnte.

Ich werde mir zwei Eierchen kochen, genau, und dann eine dünne Scheibe Brot abschneiden, ein bisschen Diätmargarine und Diätmayonnaise draufkleistern. Weißwein und Bier habe ich noch genug, auch sind noch ein paar Flaschen Rotwein da. Am besten trinke ich Rotwein dazu, dann werde ich sicher gut schlafen können heute Nacht.

Wie bin ich doch nett zu mir!

Muss ich doch, wenn es sonst niemand gut mit mir meint. Seit ich wieder hier bin, verdammt, seit zweieinhalb Wochen kein einziger Brief.

Ach komm, was soll’s, ist doch egal.

So, jetzt setze ich mich mit meinem schönen Eierbrot und der Flasche Rotwein vor den Fernseher, vielleicht gibt’s heute ausnahmsweise mal was Gutes, ’nen hübschen Film. Vorzugsweise in der Originalversion mit spanischen Untertiteln. Wäre doch möglich. Tatsächlich: »Der Regenbogen«, japanischer Film mit spanischen Untertiteln. Lieber nicht. Ich kenne diese Art von Bauernstorys zur Genüge. Also, dann eben doch Schlaftablette einschmeißen, mit einem Glas Rotwein nachspülen, Zähne putzen, waschen, ins Schlafzimmer gehen. Haha, habe ich eben gehen gesagt? Ich lege mir noch ein Schlafliedchen auf: »Every time I touch you ...«

Tuuuuut, tuuuuut!!! Der Gasmann ist da. Tuuuuut! Nein, ich muss doch zuerst noch auf die andere Seite des Spitals, wo ich eine Verabredung mit Raphaels Vater habe, wenn mir nur nicht dieses grässliche Pferd den Weg versperren würde! Tuuuuut! Es hat sein Fohlen zu Tode gebissen und jetzt gieren seine bluttriefenden Nüstern nach mir. Um Gottes willen, ich komme zu spät! Und die vielen Fliegen, die hier herumschwirren. Geht weg, geht weg! Was für ein Albtraum! Ach ja, es ist Donnerstag, der Tag des Gasmannes, der mit seiner jämmerlich heulenden Hupe sein Nahen ankündigt, damit alle gaslosen Geschöpfe in der Urbanisation wissen, dass sie jetzt ihre leeren, orangefarbenen Gasflaschen gegen volle austauschen können.

Was für ein Lärm! Und wieso haben es die Fliegen immer auf mich abgesehen? Ach, wie bin ich müde. Mein Kopf brummt.

Klar, brauchst dir nur noch mehr Alkohol und Tabletten reinzubuttern, bist selber schuld. Ach ja, und übrigens: »Guten Morgen.«

Morgen.

Mir ist zum Kotzen. Nein, ich muss wirklich! Da hilft nichts. Mit hervorquellenden Augen, die während der Prozedur samt meinem gurgelnden Rachen in die WC-Schüssel versenkt werden, nehme ich es deutlich wahr: Es lässt sich nicht leugnen, dass mein Klo nur das absolute Minimum an Sauberkeit aufzuweisen hat. Diese meditativen Betrachtungen führen natürlich zu höchst bestem Gelingen meiner oralen Entleerung.

Keuchend stehe ich nun vor dem Waschbecken und stiere mit blutunterlaufenen Augen in das Gesicht der alten Dame, die mich aus dem Spiegel ebenfalls mit blutunterlaufenen Augen anglotzt.

»Tag.«

»Nein, so geht das nicht weiter«, meint sie kopfschüttelnd.

»Du hast Recht, alte Lady«, japse ich, »du hast Recht.«

Ich darf mich nicht so gehen lassen. Andere Menschen, die von ihren Geliebten verlassen wurden, bringen sich wenigstens mit dem letzten bisschen Würde, das ihnen noch verblieben ist, übers Eck. Na, wenigstens ein Teil von ihnen. Und ich bereite mich in widerwärtigster Weise auf ein allzu klägliches Ableben vor.

»Einmal ein Süffel, immer ein Süffel«, hatte mir mein Vater mal in einem von Intelligenz geschwängerten Moment prophezeit.

Recht hatte er. Als wir ihn begruben, hätte ich ihm die Kirschflasche mit in seinen Sarg geben sollen, aber ich habe vor lauter Weinen gar nicht daran denken können. Aber vielleicht hatte er ja auch keine Möglichkeit mehr, irgendetwas zu vermissen. Er hatte es nie fertig gebracht, von der Flasche wegzukommen.

Das soll uns eine Lehre sein.

»Heute ist Arbeitstherapie angesagt«, verkünde ich dem Gesicht im Spiegel. Geputzt wird, und zwar aufs Genaueste. Zuerst fange ich bei mir an. Nur kranke Tiere pflegen sich nicht. Ich will nicht krank sein.

Ich lasse Wasser aus dem Badewannenhahn fließen, um die richtige Mischung von Heiß und Kalt hinzukriegen. Eigentlich ganz einfach, aber jeder, der schon mal in Spanien war, kennt die enormen Schwierigkeiten, die mit solch einem Unterfangen verbunden sind. Entweder verbrüht man sich, oder man ist nahe dran, sich eine gottlose Erkältung reinzuziehen. Na, das dauert vielleicht!

So, nun nichts wie rein in die Wanne und die Brause aufgedreht. Man putze von oben nach unten. Also Haarewaschen. Ich versuche, die Shampooflasche vom Regal über mir zu erreichen. Verdammt, beinahe wäre ich ausgeglitten.

Mensch ist mir übel und schwindlig und elend und ...

Schnauze, und nimm dich zusammen!

Jawoll!

Ich kneife die Augen zusammen, damit ich nichts von dem Haarreinigungselixier hineinbekomme, und die ganze Welt dreht sich von Neuem. So wichtig bin ich doch auch wieder nicht, dass sich die Welt um mich drehen muss. Mir würde ein einziger, ein bestimmter Erdenbewohner schon reichen.

Nicht hinfallen, konzentrieren, durchatmen, schön langsam, so, und jetzt am Schluss der ganzen Selbstputzaktion noch kalt abduschen.

Nein.

Doch.

Was ich nicht alles tue, um mir zu beweisen, dass ich Willen besitze, dass ich noch das Recht habe, zur Gattung Mensch gezählt zu werden.