Rudolf Nedzit

Weil wir sind, die wir sind

Roman

Theodor Boder Verlag

Impressum

eBook, März 2012

Copyright © 2012 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Boris Braun

Lektorat: Lectorare.de

ISBN 978-3-905802-20-7

www.boderverlag.ch

Über den Autor

Rudolf Nedzit, der westdeutsche Romancier, wurde 1957 in Saarlouis geboren und betrat mit „Wantlek – Briefe an einen Freund“ 2007 die literarische Bühne. Aufmerksamkeit und Wohlwollen über die Grenzen Deutschlands hinaus waren ihm fortan gewiss. Der Briefroman wuchs sich zu einer Trilogie aus, die 2010 in einer Gesamtausgabe erschien: „Wantlek – ein philosophischer Roman“.

In „Weil wir sind, die wir sind“ zeigt sich Rudolf Nedzit nicht als Historiker, sondern als genauer Beobachter heutiger Zeit. Er beschreibt sich selbst als „Menscheninteressierten“, als „Erkunder der Seele“ und weist damit auf sein zentrales Thema hin: Menschlichkeit in all ihren Facetten.

Rudolf Nedzit lebt in Saarlouis, er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

www.rudolf-nedzit.de

Erster Teil: Leute

1. Kapitel: Erich ist wütend

Du verfressene, fette Sau! Na warte, Bürschchen. Mit dir bin ich noch nicht fertig, noch lange nicht! Wenn er selbst auch nur ein Männeken war, so trug er doch stets einen Totschläger bei sich, und dieser Teleskop-Schlagstock hatte ihm schon manche nützlichen Dienste erwiesen, zum Beispiel wenn es darum gegangen war, uneinsichtige Mitmenschen von seiner eigenen Meinung zu überzeugen, da konnten die so stur sein, wie sie nur wollten, am Ende hatten sie Kopfweh und er sein Recht. Das würde der fette Herr Meininger auch noch zu spüren bekommen, was es bedeutet, einen Erich zu verärgern. Und hatte er nicht allen Grund, verärgert zu sein? Und ob er den hatte! Aber hundert Prozent! Das braucht er sich nicht bieten zu lassen, nein, meine Herren, so nicht, nicht mit einem Erich Hauser! Nein, er war kein aufbrausender Kerl, gar nicht. Schon ganze zwei Tage hatte er sich das durch den Kopf gehen lassen, was der Heinrich ihm ins Gesicht geschleudert hatte, und selbst nach dieser langen Bedenkzeit kam er immer noch zu demselben Ergebnis, das er schon von der ersten Minute an gewusst hatte, nämlich dass der Heini voll und ganz danebengelegen hatte, der und seine große Fresse, die würde er ihm noch stopfen! Er und ein Faulenzer? Der hatte doch den Arsch auf! Wie kam der denn zu dieser Behauptung? Nur weil seine Fabrik ihn auf die Straße gesetzt hatte, von heute auf morgen, weil diese Kapitalistenschweine, denen er die besten Jahre seines Lebens geopfert hatte, ihm den Fuß in den Arsch getreten hatten, deswegen sollte er ein Faulenzer sein? Weil er, trotz aller Bemühungen, so schnell keinen neuen Job finden konnte, deswegen sollte er ein Faulenzer sein? Du fettes Schwein! Dich krieg ich!

Ja, Erich ist ganz rasend vor Wut. Wer könnte das nicht verstehen? Es wäre auch so leicht zu verstehen, wenn ... ja, wenn es, genau betrachtet, nicht doch ein bisschen anders wäre, als der Erich meint, dass es ist. Denn: Von heute auf morgen, das stimmt schon, aber nur wenn man diese Formulierung wörtlich nimmt, nämlich dass er an dem einen Tag noch in Lohn und Brot gestanden hatte, an dem nächsten schon nicht mehr. Nur muss man dann auch so großzügig sein, eine Unzahl von Krankenscheinen, eine gewisse Anzahl von mündlichen Verweisen, eine ganz kleine Anzahl von schriftlich erteilten Abmahnungen (nur drei) übersehen zu wollen, die dem traurigen Ereignis seiner Entlassung vorausgegangen waren. Auch das mit den besten Jahren seines Lebens muss man ziemlich eigenwillig interpretieren, will man dem Erich beipflichten können. Er war mal gerade knapp drei Jahre in dem Werk beschäftigt gewesen, und seinen Posten hatte er in dem zarten Alter von dreiundvierzig Jahren angetreten. Und dass er trotz aller Bemühungen noch keinen neuen Job finden konnte, das ist auch so eine Sache. Weil viel Mühe ist eigentlich nicht zu erkennen gewesen, also zumindest bis jetzt nicht, wir wollen dem Erich da gar nichts unterstellen, aber er müsste dann doch so langsam in die Gänge kommen, weil, wie gesagt, bisher ...

Für den Erich aber, diesen schwer Beleidigten, sieht das alles ganz anders aus. Er sieht es nämlich aus seiner Sicht, der eines vom Leben Benachteiligten, der bis auf den heutigen Tag zwar schon so vielem hinterhergelaufen ist, aber eben auch noch nicht den kleinsten Zipfel eines Erfolges zu erhaschen vermochte. Der für die anderen immer den Blöden spielen musste, den sie immer durch den Kakao gezogen hatten ob seiner Figur und seines nicht gerade überragenden Verstandes wegen. Aber es konnte doch nicht jeder ein Genie sein, oder hatte er da irgendwas falsch verstanden? Das Rechnen fiel ihm etwas schwer, auch mit dem Schreiben tat er sich nicht leicht, aber war er deswegen ein schlechter Mensch? Es hatte ihm ja auch nie einer geholfen, man hatte ihn von Anfang an als Verlierer abgestempelt, schon in der Volksschule, schon in der ersten Klasse war er sich wie ein Außenseiter vorgekommen, der zwar gut genug war, den Klassenclown zu spielen, den aber keiner zu einer Geburtstagsfeier einladen wollte. Und wenn er mit verweinten Augen nach Hause kam, nachdem er eine kräftige Tracht Prügel auf dem Schulhof bezogen hatte, musste er sich vom Vater eine Predigt anhören: „Hau denen doch auf die Fresse, du Feigling! Komm mir nicht noch einmal so daher, sonst bekommst du noch einen kleinen Nachschlag von mir. Wo sind wir denn? Sich den Arsch versohlen lassen, lächerlich. Das sollte mal jemand bei mir versuchen.“ Und dann durfte er dem Papa die nächste Flasche Bier bringen. Er hätte noch so gerne mit der Mama gesprochen, aber die war ja zur Arbeit und würde erst spät heimkommen, dann schlief er doch schon. Aber schon am nächsten Tag war er es, der die Fäuste schwang, und wenn der Michael, dieser Angeber, auch anschließend eine blutige Nase hatte, vor dem tobenden Klassenlehrer kam sich der kleine Erich doch ganz und gar als Verlierer vor. Den Kampf gewonnen, die Schlacht verloren. Wieder Tränen, aber auch Vaters Lob. „Siehst du, Junge, es geht doch! Scheiß auf den Lehrer, was kümmert dich dem sein Geschwätz? Dem andern hast du mal gezeigt, wo’s langgeht, das ist alles, was zählt, merk dir das, mein Junge! Der lässt dich die nächste Zeit in Ruhe, und wenn nicht, dann eben wieder eine auf die Fresse, bis er’s ein für alle Mal kapiert.“

Komisch, dass der Erich gerade jetzt, wo er an seinem Stammplatz an der Theke steht, eine Flasche Bier und einen „Beschleuniger“ vor sich auf dem Tresen, in seine Rachegedanken vertieft, an diese kleine Episode aus seinem Leben denken muss. Komisch, denkt er und kippt sich das Gläschen Schnaps hinter die Binde. Aber lachen kann er dabei nicht. Auch das ist komisch, denkt er. Scheiß drauf. Er muss jetzt an wichtigere Sachen denken, zum Beispiel daran, wie er den Heini aufmischen will. Freund hin, Freund her, der hat seine Abreibung verdient und damit basta! Natürlich darf das nicht in aller Öffentlichkeit passieren, sondern Herr Hauser wird das auf diplomatische Art, man ist ja ein Mann von Welt, über die Bühne bringen, in alter Manier, also auf irgendeinem Hinterhof oder in einer dunklen, vereinsamten Nebenstraße oder was sich einem gerade so anbietet. Er ist nicht wählerisch, er will nur sein Recht, und wenn er das nicht bekommen kann, so will er doch wenigstens die Genugtuung verspüren, sich gegen die ungeheuren Vorwürfe gewehrt, dem andern einen Denkzettel verpasst zu haben. Eigentlich kann er den Heinrich ganz gut leiden, Recht hin, wo es hingehört, warum sollte er lügen. Sie kannten sich jetzt seit, konnte das stimmen, tatsächlich, seit rund dreißig Jahren. Seitdem sie beide als Hilfsarbeiter bei dem ollen Müller angefangen hatten, Hoch- und Tiefbau, Gott hab ihn selig, der Junior, dieser Blödian, hatte den Karren dann schließlich in den Dreck gefahren, so zwanzig Jahre später, Papa Herzschlag, Sohn Chef, Firma im Arsch. Jetzt grinst der Erich. Mein lieber Mann, der Heini, der war damals noch ’ne richtige Bohnenstange! Gesoffen und gefressen hatte der immer schon, aber bei dem schlug einfach nichts an. Aber dann war der Meininger aus dem Leim gegangen, weiß der Teufel warum, stündlich schien er an Gewicht zuzulegen, aber das hatte ihm gar nicht schlecht gestanden, anfänglich, schließlich doch. Und irgendwann hatte der Erich einen liebevollen Umgangston für seinen Kumpel gefunden: „Und, du fette Sau, wie geht’s? Morgen wirst du geschlachtet!“ Dann hatte der so Gelobte losgebrüllt vor Lachen.

Nein, sie waren und sind nicht die Schlauesten, die Herren Meininger und Hauser. Ja, wir würden lügen, wenn wir die beiden als erlesene Exemplare der Menschengattung bezeichnen. Aber bei allem Für und Wider, bei allem Wenn und Aber: Es sind doch Menschen, nicht wahr? Und sie haben noch eine Rechnung offen, das heißt der Erich hat noch eine offen, der Heini weiß noch von gar nichts.

Denn der Heini, der hatte das nicht böse gemeint, als er seinem Kumpel mal wieder Bescheid sagte. Das hatte er sich jetzt lange genug mit angesehen, wie der den lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Immerhin war es schon ein knappes Jahr her, dass der Erich aus der Fabrik geflogen war, nicht zu Unrecht, das hatte der Heini schon kommen sehen, er hatte sogar schon früher damit gerechnet. Aber der hatte sich ja nichts sagen lassen. „Hör doch mit dem blödsinnigen Krankfeiern auf! Das bringt doch nichts. Sei froh, dass du deinen Platz hast. Die können auf Dauer keinen Faulenzer gebrauchen.“ Und so weiter und so fort. Und was hatte er davon? Was war der Dank gewesen? Der Erich hatte ihn höhnisch ausgelacht. „Quatsch! Die sollen froh sein, dass sie einen so guten Arbeiter wie mich haben.“ Und so weiter und so fort. Schließlich war es amtlich, dass die Herren in der Firma diese Freude nicht zu empfinden schienen, und der Erich stand auf der Straße. Besser gesagt: Er hockte seitdem in der Kneipe. Und wenn er mal nicht dort hockte, war er wahrscheinlich gerade unterwegs, um seine Stütze in Empfang zu nehmen. Jetzt war es also passiert, jetzt war es zu spät, um darüber zu lamentieren, und so hatte der Heini das eben noch einmal gesagt, in der Kneipe, neben dem Erich stehend: „Ich hab dir ja damals gesagt, die können auf Dauer mit einem Faulenzer nichts anfangen. Reiß dich halt zusammen und mach keinen auf beleidigt. Morgen red ich mit dem Meister, vielleicht ist bei einer Zulieferfirma ...“ Nein, auch hier kein Dank, im Gegenteil. „Kümmer dich um deinen Scheiß“, war die Antwort, „ich such mir schon selber was. Und die großkotzigen Herrschaften können mich mal alle am Arsch lecken, für immer und ewig.“ Und so weiter und so fort. Am Schluss hatte der Heini noch gesagt: „Dann mach, was du willst, du lässt dir ja doch nicht helfen.“ Und der Erich hatte ihn mit bösen Blicken verabschiedet.

Als sie beide damals ihren Job bei dem Müller verloren, da fing das mit dem Erich schon an. Dieses Herumlottern, seine Angebereien, dass er jetzt endlich mal wieder frei sei und jederzeit könne er was Besseres finden, von einer Sekunde auf die andere, aber erst wolle er mal eine „Kunstpause“ einlegen. Hatte sich dann mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser gehalten, aber die waren alle so kurzfristig wie schlecht bezahlt. Heinrich Meininger aber kam ziemlich flott bei der neuen Autofabrik unter, die händeringend Arbeiter suchte, Fließbandarbeit, stumpfsinnig, ja, aber kein schlechter Lohn und ein relativ sicherer Arbeitsplatz, wenn man seine Arbeit ordentlich und regelmäßig tat. Herr Hauser aber blieb auf seinem Entwicklungstrip, der wollte erst mal seine Mitte finden. Nachdem er sie nach Jahren immer noch nicht gefunden hatte, brachte ihn sein Kumpel Heini dann doch noch in der Fabrik unter. Was die in der Firma brauchten, das waren Leute mit zwei gesunden Händen, und die hatte der Erich noch. Aber lange ging’s doch nicht gut. Die früheren Jahre der Bummelei hatten ihm Flausen in den Kopf gesetzt. Das frühe Aufstehen, die stundenlangen, immer gleichen Bewegungsabläufe bei der Arbeit, das Sich-anschnauzen-lassen-Müssen, wenn’s mal nicht rundlief, das schien Herr Hauser dann doch auf Dauer nicht die Erfüllung seiner Lebensträume sein zu können und so fing er schließlich mit der Krankfeierei an. Heinrich warnte ihn, dem Erich schien’s egal zu sein, so nahm denn alles seinen Lauf. Und somit ist der Erich jetzt wieder einmal in seiner Stammkneipe und überlegt sich, wie er dem Heini eine aufs Fell brennen kann.

Probleme haben manche Leute, wirklich!

2. Kapitel: In welchem sich Rosi überlegt, wie lange sie das alles noch mitmachen will

Denn die Rosemarie, die Frau vom Erich, die hat ja noch mit ganz anderem zu tun als der Heini. Dem droht schließlich nur, wenn sie das auch nicht wissen kann, ein kleiner Schlag über den Dez. So schlimm das auch sein mag, davon geht die Welt nicht unter. Und auch die wilden Überlegungen ihres Gatten, von denen sie ebenso wenig weiß, der sich das Hirn zermartert, wie er sich Genugtuung verschaffen kann, denn sein Recht bekommt er ja doch nicht, das hat er schon kapiert, nun ja, das ist auch nicht das Schlimmste, was im Leben passieren kann. Ihre Welt aber, die wird wirklich bedroht, nicht nur ihre Welt, nein, auch die ihrer Kinder. Zum Beispiel davon, dass ihr Mann ein Kneipengänger ist, ein Faulenzer, ein Großmaul.

Das ist nicht schön, dass eine Frau so von ihrem Mann denkt, das weiß sie wohl und es belastet sie auch, dass sie so denkt. Sie weiß aber auch, dass sie sich nichts vormachen darf, dass sie sich ihre Welt nicht schönreden kann, nur weil ihr das viel lieber wäre. Aber sie will auch ehrlich sein, sie will nicht alles unter den Teppich kehren, was es früher an Schönem gegeben hat, denn ja, es gab auch die frohen, die glücklichen Jahre, damals in ihrer Anfangszeit, als sie sich begegneten, zusammenblieben, heirateten, sich ihr kleines Nest zurechtmachten. Leicht war es nie gewesen, o nein, Geldsorgen hatten sie ständig, aber irgendwie schafften sie es immer und schließlich war doch das einzig Wichtige, dass sie zusammen waren, dass sie sich aufeinander freuten. Bei diesen Gedanken zieht ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie ist mit dem Abwasch beschäftigt, legt den sauberen Teller auf die Seite und blickt durch das Küchenfenster. Autos fahren vorbei, Fußgänger sind unterwegs, wer weiß, wohin. Das Lächeln ist bereits verflogen, sie widmet sich wieder dem Abwasch. Sie versucht, sich daran zu erinnern, wie viele Jahre des Glücks es eigentlich gewesen sind. Aber sie will ehrlich bleiben, sie darf sich nichts vormachen. Es wird ihr nämlich klar, dass das mit dem so genannten Glück eine Sache für sich ist. Glück im eigentlichen Sinne gibt’s doch gar nicht, weil das jeder mit sich selbst ausmachen muss, was er darunter versteht. Aber das ist es wohl gerade, warum die meisten Menschen, oder sollten es tatsächlich alle sein, nicht glücklich sind, nicht so richtig glücklich jedenfalls. Weil jeder darunter etwas anderes versteht und zudem noch neidisch auf diejenigen ist, die ihm aus seiner Sicht heraus als glücklich erscheinen. Sie ist sich ja selbst nicht sicher, ob sie das Glück nennen darf, was sie mit dem Erich teilte, auch was die Anfangszeit angeht, kann sie sich nicht sicher sein, dass es wirklich Glück war. Vielleicht etwas Ähnliches, etwas, das man darunter verstand oder verstehen wollte. Mein Gott, sie war ein junges Mädel, das sofort rot wurde, wenn sie ein Mann auch nur von Weitem ansah. Und wie alle jungen Mädchen hatte sie gedacht, dass es auf der Welt die Männer sind, welche die Frauen glücklich machen. Sie will jetzt nicht mehr daran denken. Blödsinn, Backfischfantasien, schaler Aufguss vergangener Tage, vertane Zeit, sich damit noch zu beschäftigen.

Der Abwasch läuft nicht weg, sie muss jetzt erst eine rauchen. Dem Erich ist das ohnehin egal, wie’s in der Küche aussieht. Der will sich nur den Magen vollschlagen können, wenn er aus der Kneipe zurückkommt. So gut wie kein Tag vergeht, an dem er nicht in dieser verfluchten Kaschemme rumhängt, aber sie hat es schon längst aufgegeben, ihn davon abbringen zu wollen, er lässt sich ja doch nichts sagen. Sie hat sich auch sein Geschwätz verbeten. „Aber, Röschen! Sieh das doch ein! In der Wirtschaft, da sind doch nicht nur Saufbrüder, was ihr Weiber nur immer für Vorstellungen habt. Da schauen doch auch Herrschaften rein, ja, manchmal sind das richtige Bonzen, das sieht man denen direkt an. Und stell dir mal vor, wenn ich mit so einem feinen Pinkel ins Gespräch kommen würde, die kennen doch Gott und die Welt, und wenn ich dann einen guten Eindruck hinterlasse, das wäre doch gelacht, wenn sich da nix machen ließe, bei irgendeiner Firma wird doch noch ein guter Arbeiter gebraucht werden, und ich bin mir doch für nichts zu schade. Lass mich nur machen, Röschen, das krieg ich schon hin. Aber ich muss mich deswegen auch dort zeigen, man weiß ja nie, wann das Schicksal zuschlagen will.“ Sie hatte sich damals allen Ernstes gefragt, ob ihr Mann noch ganz normal sei. Eigentlich hatte sie sich das aber nicht gefragt, sondern sie war einfach nur verdattert gewesen, hätte man sie in dem Moment gestochen, sie hätte bestimmt nicht geblutet. So perplex war sie angesichts der lehrreichen Ausführungen ihres Gatten, dass ihr gar nicht in den Sinn gekommen war, überhaupt noch auf diesen Schwachsinn irgendeine Erwiderung zu geben. Verzweiflung, Resignation, das war noch das Einzige, was sie spürte, was ihr das Herz abdrückte.

Er war nicht immer so gewesen! Wenn er auch nicht mehr der war, den sie von früher her kannte, so hatte sie doch immerhin nicht vergessen, dass er früher anders gewesen war, besser, liebevoller, arbeitsamer. Wie hatten ihre Eltern die Augenbrauen hochgezogen! Ein Hilfsarbeiter?, hatte der Vater entrüstet nachgehakt. Bist du noch zu retten? Mädchen, besinn dich! Der ist nichts und kriegt nichts, im Leben nicht! Wage dich und bring mir den ins Haus! Mutter sagte nicht viel, aber traurig geschaut hatte sie schon. An dem Abend hatte die Rosi in ihrem Bett noch bittere Tränen geweint, und dass Mama etwas später in ihr Zimmer kam, sie in die Arme nahm, herzlich drückte, sagte, dass der Papa sich schon noch beruhigen würde, das war gut, aber geweint hatte sie trotzdem. Und die Liebe siegte doch!