Immanuel Abt

LICHT UNTEN IM TAL

Amoklauf aus der Sicht eines Täters

Theodor Boder Verlag

Impressum

eBook ePub, Januar 2013

Veränderte Neuausgabe

Copyright © 2013 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Fredy Prack

ISBN 978-3-905802-26-9

www.boderverlag.ch

Über den Autor

Immanuel Abt ist das Pseudonym eines jungen Schweizer Autors.

Vorwort

Dieser Roman entspringt der Fantasie. Ähnlichkeiten zu lebenden oder sterbenden oder toten Personen, zu Orten und Institutionen sind rein zufällig und ungewollt.

Sie sehen dich

Sie reden dich an

Sie sprechen zu dir

Sie kennen dich

I

Die Wolken hingen an den dunklen Bergen. Hüllten sie ein. Erdrückten sie. Und unten im Tal wusch der Regen den Dreck aus der Luft. Spülte ihn vom Himmel direkt den Menschen auf die Köpfe. Auf die großen. Die ganze Welt, und deshalb das Tal, stank nach Fäulnis, nach Arroganz, nach überspielter Langeweile, nach Festen, die keine waren, nach Erbrochenem. Aber die Menschen merkten nichts vom Dreck, sie hatten nichts gegen Schmutz. Die mochten das. Da merkte man vor lauter fremder Scheiße nicht, wie einem der Dünnschiss in Form von hochgekotzten Wortbrocken aus der Fresse rann. Man musste sich nicht schämen.

Einer starrte unten im Tal durch sein Zimmerfenster, versuchte vergeblich die Tausend Wassertropfen zu zählen, die auf der Straße vor seinem Fenster in den Pfützen herumtanzten, ihn auslachten. Es waren zu viele. Alle waren sie gleich, und doch tanzten sie an verschiedenen Stellen. Nicht die Art, sondern der Zeitpunkt ihres Erscheinens unterschied sie voneinander.

Der Himmel weinte immer mehr, vergaß sich in Selbstmitleid, beweinte die Welt, sich selbst. So war das mit dem Flennen im Tal. Igor wäre gerne mit seinem Motorrad den Berg hinauf zur Kapelle gefahren. Aber er zählte weiter, zählte, um nicht nachdenken zu müssen, um einen Sinn an diesem sinnlosen Nachmittag zu finden.

Es wurde Nacht. Nichts Neues. Ruhe vor dem Sturm. Igor zog sich aus und ging zu Bett. Ein letzter verzweifelter Blick zu der verschlossenen Schultasche, zu dem heillosen Durcheinander auf dem Pult. Ein letzter Blick zu den Dingen, die einengen, die stumpf machen, die einen steuern, kontrollieren, die vergessen lassen, dass es mehr gibt, dass es Welten und Ebenen gibt, in denen jeder neu beginnen kann. In denen man nicht Gefangener seiner selbst ist.

Er löschte das Licht. Doch die Dunkelheit brachte ihm nicht den Schlaf, sie brachte diese beklemmende Angst, dass es so nicht gut war. Und sie brachte das Wissen über die eigene Unfähigkeit, etwas ändern zu können. Igor wälzte sich hin und her. Machte noch einmal Licht. Schon halb zwölf. Um halb sieben würde sich der Radiowecker einschalten. Das waren im besten Fall dann sieben Stunden Schlaf. Er brauchte aber mindestens acht. Wieder ein Fehler, den er nicht mehr gutmachen konnte. Zu wenig Schlaf. Tiefe Augenringe, wirre Gedanken, müde Seele. Er musste endlich schlafen. Er musste morgen früh auf. Er musste zur Schule. Er musste seine Zeit abhocken, seine Gedanken steuern lassen.

Und der Schlaf kam dann doch. So wie immer. Viel zu spät. Und mit dem Schlaf kamen die Träume, in denen er voraussah. Doch diesmal waren die Träume leer.

„Hallo Igor. Steh bitte auf. Es ist schon Viertel vor sieben.“

Igors Mutter ließ ihren Blick durch sein Zimmer gleiten. Sie sah ihn an, blickte zum Pult und dann wieder zu ihm. Sie war müde. Man sah es ihr an. Aber sie machte weiter. Jeden Tag. Seit Jahren. Nichts Neues. Immer schön weiter. Das machten die Menschen so. Stehaufmännchen. Kleine hässliche Puppen im Spiel des Lebens. Unglücklich auf der Suche nach dem Glück. Es bis zum Schluss nicht gefunden, hoffen auf den Tod, auf den lieben Gott.

Igor antwortete ihr nicht, sondern drehte sich um und lauschte dem Radio. Die Kurznachrichten: Den Juden hatte man in den Konzentrationslagern der Nazis die Goldzähne gestohlen und sie angeblich zu „Vrenelis“ gestampft. Das Ausland regte sich nun furchtbar auf. Und die Schweizer Politiker verschleuderten Steuergelder, um das Ausland zu beruhigen. – Dann wurde von einer Studie gesprochen, die herausfinden sollte, weshalb die Schweizer nicht zum Ausland gehören wollten. Zu der EU. Die waren doch nicht alle Juden. – Dann war noch ein Flugzeug abgestürzt und irgendwo hatte irgendwer irgendeinen erstochen. Das war nicht gut. Einander abstechen war sehr schlecht. – Das Wetter sollte mies bleiben: „... ein ausgedehntes Tief mit Zentrum über England steuert weiterhin feuchte und für diese Jahreszeit recht kalte Luft zu uns ...“

Des Weiteren waren da noch zwei Unfälle und jede Menge Staus. Sonst war alles beim alten geblieben. Die Erde drehte sich noch immer. Und die Wissenschaft rätselte weiterhin über Gott und sich selbst. Und man nahm sich furchtbar ernst. Und die Professoren schissen sauberer als die meisten anderen. Und die Reichen und Vornehmen hatten vergoldete Arschlöcher. Und jeder musste selber sehen, wo er blieb. Und der Arbeiter musste eine positive Grundeinstellung haben. Und die Führungskräfte plapperten. Und man versprach, man log, man denunzierte, man verarschte. Man erschoss den anderen, man erschoss sich selbst. Man klagte an, man wusste alles viel besser. Man stank. – Galle, stinkende Menschen, überall. Höllenbrut.

Igor duschte kurz. Er durfte das warme Wasser nicht genießen. Er musste sich beeilen. In einer Stunde hatte er im Schulzimmer seinen Arsch platt zu sitzen. Wasser hatte da nichts verloren. Er fraß sein immergleiches Frühstück für jeden immergleichen Tag. Stopfte einen Löffel in Milch eingeweichter Cornflakes in sich rein und spülte das Ganze mit einem Schluck Vitamindrink runter. Der Magen rebellierte, wie immer. In der letzten Zeit rebellierte er recht heftig. Müde erhob sich Igor, schleppte sich zum Zimmer. Im Radio erklang ein Lied über eine schöne Frau. Die schöne Frau sei ganz wunderbar und wunderschön und so nett. Und elegant sei die schöne Frau auch. Das freute Igor. Das war jetzt mal was – eine schöne, nette, elegante Frau. Toll. Er putzte sich die Zähne, sah seine Plomben, dachte an die Juden. Er wusch sich den Dreck aus den Augen und dachte an seine Herren Professoren. Er ging zur Toilette, zielte in die Schüssel, pisste daneben und dachte ans Gymnasium.

In der letzten Zeit hatte sich ein bestimmter Gedanke zu einer echten Idee entwickelt. Zu viel war geschehen. Zu groß der Hass im Herzen, der keinen Platz mehr freiließ für andere Dinge. Der alles verschluckte, in sich reinstopfte, immer größer wurde, mehr Platz brauchte, den ganzen Menschen überfiel, und immer weiter wuchs, einem Krebsgeschwür gleich. Die Idee, etwas zu machen, was man nicht machen durfte. Etwas Böses und Unmoralisches. Ein bisschen Hass abzuladen, ein bisschen zu schlagen, ein bisschen zu quälen, ein bisschen zu stechen, zu schießen, zu töten. Ein kleines bisschen Tod in die Häuser derer bringen, die ihn von oben herab behandelten. Ein bisschen Verderben denen bringen, die sich so sicher fühlten. Ein bisschen Blut fließen lassen. Ein paar Tränen, wenige nur, aber solche, die nur echter Schmerz hervorzubringen vermag. Ein bisschen etwas machen, was man sonst nicht tut. Ein kleines Geheimnis, nichts Großes, nur ein bisschen Sterben bringen.

Es war halb zehn. Die große Pause begann. Eine viertel Stunde lang durften die Studenten fressen, saufen, scheißen, pissen, einander Lügen erzählen, stänkern, und alles besser wissen. Eine viertel Stunde lang mussten sie sich selbst beschäftigen.

Igor wollte raus aus diesem heiligen Irrenhaus. Noch zwei Französischstunden hätte er gehabt. Das wären zu viele gewesen. Mit einem Lehrer, der stank, als hätte er seine letzte Monatsdusche nicht genommen, der ständig nur Filme zeigte, mit den Mädchen rumschäkerte, seit Jahren die gleichen Skripte verteilte, in den Prüfungen aber das kleinste grammatikalische Detail wissen wollte. Ein Lehrer, der sich anmaßte, junge Männer zurechtzuweisen, den unschuldigen Beinen seiner Schülerinnen nachzugeifern, und so tat, als ob in seinen Skripten die Wahrheiten des Lebens steckten. Igor konnte und wollte es jetzt nicht mehr ertragen.

Als er das Gebäude verließ, hatte es schon ein wenig aufgeklart. Entgegen dem Wetterbericht, so wie immer.

„He, Igor, wo gehst du hin? – Machst du blau?“

„Ja, ich geh nach Hause. Fühle mich nicht so gut.“

Er fühlte sich wirklich nicht gut. Aber er fühlte sich nie gut, er hatte sich seit ein paar Jahren nicht mehr gut gefühlt. Seit dem Gymnasium. Igor ging nicht nach Hause. Er fuhr mit seinem Motorrad zu der Kapelle hoch oben über der Stadt. Hier war Ruhe. Hier gab es nichts außer Stille. Hier hätte man meinen können, die Welt sei in Ordnung. Er setzte sich auf die Bank, gleich neben der Kapelle, und versank in seinen Gedanken, die keine waren. Er dachte nach und fand nichts. Er war nicht traurig und er freute sich nicht. Seine dunkle Seele hatte sich längst von der Außenwelt abgeschottet. Er betrachtete die Landschaft und sah nichts. Er hörte das Zwitschern der Vögel und er vergaß es gleich wieder. Da waren Sonnenstrahlen auf seinem blassen Gesicht, doch die Seele blieb dunkel. Die Sonne hätte viel früher kommen müssen, jetzt war es zu spät. Irgendwie starb die Zeit dahin. Wie die Menschen, nur ohne Gejammer. Mit Würde. Igor stand auf und ging zurück zum Motorrad. Es war Zeit, das Mittagessen reinzustopfen.

Das Schuljahr neigte sich dem Ende zu. Igors Noten waren das Tor zur Hölle. Zur eigenen. Es würde das zweite Mal sein, dass er an diesem Gymnasium nicht bestehen würde. Das erste Jahr hatte er auch schon verschlafen, hatte sich dann aufgerafft, war wieder aufgestanden, weitermarschiert. Zuerst erhobenen Hauptes, stolz und siegessicher und dann immer gebeugter, buckliger. Und jetzt, im dritten, kroch er auf allen Vieren dem Ziel entgegen, das er nicht mehr erreichen würde. Er dachte nicht ans Nichtbestehen. Er verdrängte es. Er dachte nur ans Nichtdenken, ans Nichtsein. In der Schule aber versteckte er die Unsicherheit, die Angst, die Mutlosigkeit, die Müdigkeit hinter einem Mantel voller Aggression und Überlegenheit. Wenn man ihn sah, sollte man gleich wissen, dass da ein ganz Abgebrühter herumstolzierte, einer, der nicht von der Seite her blöde angequatscht werden wollte.

Er war des Lebens müde, doch das war nicht cool, das gefiel den Weibern nicht, die wollten braun gebrannte Typen mit einem ständigen Zahnpastalächeln in der Fresse. Wenn er in die Schule ging, streifte er sich eine Maske über seine leere Seele. Was blieb, war eine dünne Papierwand mit aufgedruckter Mauerfront. Er merkte nicht, dass er sich nicht nur vor anderen versteckte, sondern auch vor seinem eigenen Ich. Ständig war er auf der Suche nach Feinden, die ihn enttarnen konnten, die merkten, dass die angebliche Mauer nur aus Papier war und diese dann mit ihrem kleinen Finger in Stücke rissen. Er merkte nicht, dass sein wahres Ich immer weiter wegrückte von der toten Haut, die er seinen Mitmenschen präsentierte. Er merkte nicht, wie sich ein Spalt zu einer riesigen Schlucht auftat, wie Schatten zu falschen Freunden und falsche Freunde zu echten wurden. Er war zu müde, zu sehen, dass er sich verließ, seinen Geist aufgab, starb.

Er fühlte sich schön, unwiderstehlich, oberflächlich, nicht überzeugt, unwissend. Er diskutierte mit ein paar Kollegen, ob die folgende Stunde erlebenswert sei oder nicht. Dabei beobachtete Igor ständig die Treppe, die zum oberen Schulhausstock führte. Zuerst kam da ein Mädchen zur Treppe. Ein zaghaft schüchternes Lächeln auf den Lippen, herrlich tiefblaue Augen, umrahmt von goldig blondem Haar. Die Augen sogen sich zu den seinen. Das Mädchen lief weiter, ging die Treppe hinauf und suchte noch einmal seinen Blick zwischen den Treppenabschnitten zu erhaschen. Dann wurde das Mädchen zu einer seltenen Blume. Mysteriös. Unnahbar. Die Blume öffnete gerade erst ihre Knospen. Der Duft wollte betören. Igor wartete. Das Mädchen hieß Claudia und wohnte im Nachbardorf. Und seine Schwester, Karin, kannte sie angeblich. Er wusste noch nicht so ganz, ob er die Blume ernten wollte.

„Ach, Karin ...“, schnell schloss er die Tür zum Zimmer seiner Schwester, „... wohnt in Matten nicht eine mit so langen blonden Haaren?“

„In Matten? Du meinst aber nicht Claudia?“

„Doch, die steht auf mich.“

Sie schaute ihn mit einer Grimasse an, als hätte sie eine Zitrone gefressen.

„Claudia? Diese Tussi? Wie kommst du denn darauf?“

„Sie hat mich heute nicht nur angeschaut, sondern regelrecht ...“

„Ja, ja, schon gut“, unterbrach sie ihn. „Ich muss jetzt telefonieren. Geh bitte raus. Und schließ die Türe!“

Das war keine Frage. Und auch keine Bitte. Er hätte gerne noch mit ihr gesprochen, hätte ihr gerne noch ein wenig mehr erzählt, vielleicht auch etwas anderes als das, was sie von ihm gewohnt war. Vielleicht etwas Geheimes, etwas Trauriges. Aber sie musste jetzt telefonieren. Einer Kollegin.

Igor ging in sein Zimmer, drehte den Schlüssel im Schloss, setzte sich ans Pult und dachte über nichts nach. Dann kam die Nacht. Er träumte von blutenden Blumen und von einem Haus, das innen vollkommen schmutzig und unordentlich war. Im Haus gab es kein Licht. Es war dunkel. Schwarz. Er war schon oft auf die Fresse gefallen und von Mädchenfüßen überlaufen worden. Schon oft hatten schöne Mädchenbeine seine Seele getreten, hatten ihm nicht gehören wollen. Er wusste, dass es für ihn und das Mädchen gefährlich werden konnte, würde er sich verlieben. Er wusste, dass sich seine Gefühle rasch in erbarmungslose Führer verwandeln würden, sobald er auch nur daran denken würde, Claudia zu besitzen.

Es war das zweite Jahr, in dem Igor den Jungschützenkurs besuchte. Er war ein guter Schütze. Und er pflegte das geliehene Gewehr sehr sorgfältig. Es war ein vollautomatisches Sturmgewehr 5,6 Millimeter. Nichts Weltbewegendes. Aber durchaus tödlich. Und das machte den Reiz einer solchen Waffe aus. Ein Reisepass in andere Welten. Ein absolutes Machtinstrument. Mit diesem Ding konnte man König werden. Man konnte die ganze Welt zerstören, rein theoretisch. Man konnte Völker und Religionen ausrotten. Man konnte sich selbst reich und alle anderen arm machen. Man konnte ganze Familien ins Elend stürzen. Man konnte richten und befehlen. Man war König, Gott, Töter. Das Einzige, was ihm fehlte, um die Welt zu verändern, war Munition. Viel Munition. Und diente diese Munition später einem einzigen Ziel, so wollte er vorerst nur seinen Machthunger stillen. Die Munition war das Tor zu all seinen Träumen. Zu Zufriedenheit, Ruhe, Gelassenheit.

Oft spielte er, zu Hause eingeschlossen in seinem Zimmer, das Töten von Menschen durch. Es faszinierte ihn, wenn in den Fernsehnachrichten Bilder von Kämpfen gezeigt wurden. Für ihn war Töten eine durchaus heldenhafte, saubere Sache. Es waren nicht die Menschen seiner Umgebung, die ihn zu solchen Gedanken führten, es war seine eigene Unfähigkeit, auf äußere negative Einflüsse gelassen zu reagieren, die negativen Einflüsse wieder loszuwerden, sie zurückzulassen. Er fraß lieber alles in sich rein. Im Grunde genommen hatte er niemanden, dem er seine Probleme erzählen wollte. Da waren nur leblose Hüllen einiger mehr oder weniger guter Kollegen, die alle ihr Spiel machten. Da waren die Eltern, die wohl zuhörten, aber gleich alles analysierten, um Lösungswege aufzuzeigen, die zu einem Menschen führten, wie sie ihn gerne gesehen hätten. Da war eine Schwester, die meinte, sie könne zuhören, währenddem sie mit irgendwelchen Nuckeltypen übers Wochenende diskutierte. Da war auch keine Freundin, mit der er zusammen die Wege der scheinbar großen, glücklichen Liebe gegangen wäre. Auch da gab es bloß schwitzende Körper, leblose Puppen, wie er, von gegenseitiger Geilheit getrieben – dem Höhepunkt entgegen, der keiner war, weil es nur ums Abspritzen ging. Es gab für ihn nur einen Freund. Einer, der die Bezeichnung verdiente. Einer, der ihm Dinge gezeigt hatte, die sonst niemand begriff. Dinge jenseits unserer heilen Welt, jenseits der verkackten Maske. Einer, der nicht mehr antwortete. Einer, der nicht mehr war. Damals war etwas zerbrochen. Etwas Feines. Vielleicht das seelische Gleichgewicht. Vielleicht auch nur die Lebenslust. Einer war gegangen und hatte alles mitgenommen. Seine Träume, seine Sehnsüchte, seinen Hass und seine Liebe. Was blieb, verrottete jetzt unter der Erde, wartete auf bessere Zeiten. Auf unseren Herrn Jesus Christus, den Retter dieser schönen Welt. Was wäre, wenn die Welt nicht erlöst worden wäre? Müssten wir uns dann auch jeden Tag mit derselben Scheiße plagen? Müssten wir jeden Tag aufs Neue unsere Mitmenschen nach Schwächen absuchen? Müssten wir jeden Tag aufs Neue kämpfen, um nicht vergessen zu werden? Igor hätte nie daran gedacht, wirklich auf jemanden zu schießen. Am Anfang noch nicht. Er wollte bloß ein paar Patronen. Was ist schon ein Gewehr ohne Patronen. Das ist doch wie ein Auto ohne Motor. Schön anzuschauen und mehr nicht.

Igor hatte einen Kollegen, der auch Jungschütze war. Mirko hieß der, und er schoss angeblich ziemlich gut. Mirko schoss im Verein von Spief. Da durften die Jungschützen laut Mirko einfach so Munition kaufen und keiner kontrollierte, ob und wie viel man verschoss. Im Spiefer Verein regte sich niemand auf, wenn ein Jungschütze seine angebrochene Fünfzigschusspackung mit nach Hause nahm. Die Spiefer waren großzügig. Und das war auch der Grund, weshalb sich Igor mit Mirko zum Schießen verabredete. – Mirko kam mit seinem Velo dahergebraust. Er war ein lustiger Typ. Ein echter Kumpel. Ein Jahr lang waren sie zusammen in die Schule gegangen und hatten dabei eine Menge Spaß gehabt. Trotz Igors Warnung hatte Mirko damals das Gefühl gehabt, nicht arbeiten zu müssen in der Schule. Jetzt wiederholte er.

Mirko wischte sich den Schweiß von der Stirn und ordnete seine schwarze Mähne.

„Dann wollen wir mal sehen, was du so drauf hast.“

„Du weißt doch, in unserem Verein wird nicht so häufig trainiert.“

„Es können halt nicht alle so gut sein wie wir.“

Mirko zog den Pamir über die Ohren und grinste Igor herausfordernd an.

„Aber du weißt doch hoffentlich, wie man zielt.“

Das war keine Frage gewesen und so schwieg er. Das war genau eines dieser Dinge, die Igor so hasste: ständig dieser Wettkampf, ständig dieses sich brüsten. Es war auf dieser Welt einfach nicht möglich, etwas zu tun, ohne gleich einen anderen herauszufordern oder zu reizen.

Wer wie Igor gerne schießt, für den ist das Betreten der Schießanlage so etwas wie für einen Pfarrer das Betreten der Kirche. Man öffnet die Türe und ist sogleich in einer anderen Welt. Mit allen Sinnen. Zuerst sah man die meistens in jeder Beziehung gewichtigen Herren. Man hörte durch den Pamir hindurch das dumpfe Knallen der Gewehre und konnte erahnen, was für einen Krach die Geschosse beim Explodieren ohne Gehörschutz machten. Und zugleich trieb einem der scharfe Geruch von verbranntem Schießpulver alle kleinen und großen Gedanken rund ums Leben und Überleben in eine dunkle Ecke.

„Ich besorg uns erst mal Munition. Hast du schon welche?“

„Nein. Ich habe keine mitgenommen.“

Mirko brauchte ja nicht gleich auf die Idee zu kommen, er, Igor, sei nur nach Spief gekommen, um Munition zu kaufen.

„Wie viel kostet es denn bei euch?“

„Fünfzig Schuss um die zwanzig Franken.“