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Sacha Brohm

Ich will die Welt mit Terror überziehen!
Oder Schokolade.

SACHA BROHM

ICH WILL DIE WELT MIT TERROR ÜBERZIEHEN!

Oder Schokolade.

Geschichten

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Sacha Brohm

lebt als freier Autor in Bielefeld, wo er seit zehn Jahren die große Lesebühnenszene mitprägt. Er veröffentlichte in der »taz«, dem »Eulenspiegel« und in der Zeitschrift »Männer«. 2009 erschien sein erstes Buch »Sacha Brohms glitzerndes Schatzkästlein voller funkelnder Alltagsmärchen« (Lektora).

E-Book-Ausgabe November 2012

© Satyr Verlag Volker Surmann, Berlin 2012
www.satyr-verlag.de

Cover: Christine Gensheimer, Bielefeld
Mitarbeit im Lektorat: Jan Freunscht
Druck und Bindung: CPI Moravia
Printed in Czech Republic

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über: http://dnb.d-nb.de

Die Marke »Satyr Verlag« ist eingetragen auf den Verlagsgründer Peter Maassen.

ISBN: 978-3-944035-09-3

Inhalt

Vorwort des Terrors

Früher slanka

Etwas sitzt nachts neben meinem Bett und beobachtet mich

Jungfrauen umtauschen

1984

Wenn ich ein Mann wäre

Sternstunden der Versklavung der Menschheit

Wer hat Angst vor Annika Settergren?

Der Tag, an dem ich meine Seele vom Schimmel befreit habe

Ist ja irre – Lust und Tod in New York City (Carry on Brohm)

Du willst also eine Nacht mit mir verbringen. Ein Ratgeber

Mein Körper ist eine Bombe

Indiana Brohms Abschied

Variation eines Gedankenspiels

Die nicht tragbaren Weltanschauungen rekonstruierter Wikinger stehen einem alternativen Tourismuskonzept Norwegens im Wege

Kurze Inhaltsangabe meines bald erscheinenden Mittelalter-Mystery-Elfen-Krimi-Frauenschicksals-Romans »Die Hexe mit dem Knorpelhut«

Vorwort des Terrors

Wir leben in schlimmen Zeiten. In unsicheren Zeiten. Niemand kann mir versprechen, dass ich beim Pfandflaschenwegbringen nicht nach Afghanistan entführt werde. Die Bild-Zeitung würde von meiner Entführung berichten: Geschunden sehe ich aus. Das Gesicht ganz schmutzig und aufgequollen, vernarbt, rußig, blutig, Mäuse haben sich in meinen Haaren ein Nest hergerichtet. Mir ist ein Vollbart gewachsen! Die Kleidung ist zerrissen und besudelt. – Und das wären nur die Bilder, die eine Kamera Sekunden vor meiner Entführung im Supermarkt von mir gemacht hätte.

Ich würde die deutsche Regierung in verwackelten Videobotschaften bitten, unsere Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Möglichst schnell. In drei Stunden. Die Entführer wären überrascht, denn sie wollen etwas ganz anderes. Eine Handelsschule wollen sie und einen höheren Meeresfrüchte-Import, aber das müsste hintenanstehen. Es ginge hier schließlich um mein Leben.

Die Regierung indes könnte nicht auf die Forderungen eingehen. Sie wäre hilflos, doch trotzdem stark. Ich ergäbe mich in mein Schicksal und würde in einer sandigen Höhle von einem zwölfjährigen Jungen, der es nicht besser weiß, mit einem prächtigen Säbel geköpft. Leider bedeutete die Pracht des Säbels nicht, dass er auch genügend Schärfe besäße, um meinen Kopf mit dem ersten Hieb vom Körper zu trennen. Eine Säge müsste her. So ist nun mal die Welt. Wer mag es ihr verübeln, ohne anzuecken?

Wir leben in schlimmen Zeiten. In unsicheren Zeiten. Überall ist Terror. Im Fernsehen. In den Zeitungen. Ich habe es doch gesehen und gelesen. Vielleicht wird gerade in der Wohnung nebenan ein Terroranschlag geplant. Wissen Sie’s? Weiß ich’s? Der Terror kommt näher und Sie lesen ein Buch. Da läuft doch etwas gnadenlos schief.

Aber was ist eigentlich Terror? Geht es da nur um religiös aufgedrehte Unholde, die mit Waffengewalt auf sich aufmerksam machen wollen? Oder hat Terror auch andere Gesichter?

Was würde beispielsweise passieren, wenn nicht Pippi Langstrumpf, sondern ihre beste Freundin Annika plötzlich Chefin des munteren Freundes-Trios wäre? Das könnte doch schnell dazu führen, dass sich die neue Frau an der Spitze ihrer Macht bewusst würde, und aus allem, was sie für gut befindet, ein Gesetz macht. Und welche Funktion erfüllt eigentlich Tommi? Annika Settergren ist, das kann ich aus vollster Überzeugung vertreten, in der modernen Kinderliteratur das beste Beispiel für terrorkompatible Führungsqualitäten. Aber das wird gerne übersehen, dabei spricht ihre Liebe für Ordnung und Sauberkeit eigentlich eine deutliche Sprache.

Und wie wehrt man sich gegen nächtliche Unheimlichkeiten, die in der eigenen Wohnung geschehen: düstere Schatten, die aus dem Nichts auftauchen und sich an das Ende des Bettes stellen, unerklärliche Stimmen aus dem Schrank, die um Hilfe flehen, mit Blut geschriebene Nachrichten an der Flurwand, all die unheimlichen Phänomene, die zur Folge haben, dass man nur noch bei eingeschaltetem Licht einschlafen kann. Hinzu kommt, dass einem das niemand glaubt: Geister. Das gemeine Gesicht des doppelten Terrors.

Wir leben in schlimmen Zeiten. In unsicheren Zeiten. Man muss das nur immer wiederholen. Ich mache das den ganzen Tag lang. Scheuen Sie sich nicht, es mir gleichzutun. Lassen Sie sich da von niemandem reinquatschen.

Terror hat viele Seiten. Mehr als dieses Buch. Und: Terror macht Angst. Auch mehr als dieses Buch. Die Geschichten in »Ich will die Welt mit Terror überziehen. Oder Schokolade.« sind in diesen schlimmen Zeiten entstanden, das merkt man ihnen an. Es geht um verwirrende Tage in einem Terrorcamp, um Kobolde an der Küste Norwegens, es geht um göttlichen Terror und um den musikalischen Terror der Einstürzenden Neubauten, der einen Heranwachsenden dazu treibt, seine Seele vom Schimmel zu befreien. Manchmal versteckt sich der Terror aber auch so gut, dass man denken könnte: »Wo ist denn hier, verdammt noch mal, der versprochene Terror? Ich habe für Terror bezahlt, und ich will ihn jetzt endlich haben!« – Spätestens dann sind Sie auf einem guten Weg.

Die Geschichten sollen aber auch ein wenig die Angst davor nehmen, sich vergessen zu fühlen, weil man bisher noch nicht mit Terror in Kontakt gekommen ist. Das kann sich schneller ändern, als einem lieb ist. Ich habe es am eigenen Körper erfahren, wie Sie in den Geschichten feststellen werden. Hat es mich schwächer gemacht? Bin ich daran verzweifelt?

Ich wünsche Ihnen viel Spaß auf dieser Reise durch schlimme und unsichere Zeiten. Halten Sie die Augen offen. Schauen Sie sich öfter mal um. Aber lassen Sie sich vom Terror nicht das Leben diktieren. Es reicht, wenn ich das tue.

Sacha Brohm
Bielefeld, September 2012

Früher slanka

Letztens trieb mich der Hunger vor die Tür. Ich steuerte direkt auf einen asiatischen Nudelzubereiter zu, bei dem ich früher sehr oft zu Gast gewesen war, seit längerer Zeit aber nicht mehr. Ich trat ein. Die kleine Frau hinter dem Tresen lächelte mich an, dann schrieb sie etwas auf einen Zettel und gab ihn in die Küche. »Genau«, bestätigte ich etwas verlegen, »einmal die 9 mit Huhn.« Die Frau hatte sich genau gemerkt, was ich in der Vergangenheit überwiegend, nun, seien wir ruhig mal ehrlich, jedes Mal bestellt hatte. Gebratene Nudeln mit Huhn. Bei gebratenen Nudeln mit Huhn kann selbst einem Preußen wie mir nichts passieren. Fremdländisches Essen als Brücke zwischen übertriebener Ablehnung und herzlicher Umarmung ist zwar ein tolles Konzept, aber die Pfeiler meiner Brücke sind so dünn wie Streichhölzer. Da kann jedes unbekannte Gewürz das Gramm zu viel sein, das die Brücke zusammenbrechen lässt.

Meine ewig gleiche Auswahl mag man nun als besonders langweilig und berechenbar bezeichnen, ich aber sage, dass es auch einiges über meine Ansichten zur Treue erahnen lässt. Habe ich etwas gefunden, das mich glücklich macht, kann so schnell nichts geschehen, das mich davon abbrächte. In diesem Fall kam ein Pizzabäcker dazwischen, der mit Thunfischpizza lockte. Da musste ich mich von den Nudeln abwenden. Der Pizzabäcker wusste aber auch schon nach einem Monat, dass ich immer das Gleiche bestelle und hatte an jedem Samstag um halb eins eine frische Thunfischpizza im Ofen. Wenn ich mal nicht um halb eins gekommen wäre, hätte er sicher die Polizei gerufen, die mich daraufhin halbtot in meiner Wohnung gefunden hätte, in der verkrampften Hand einen Fünfeuroschein haltend. In der Lokalpresse wäre ein Bild erschienen, auf dem der Pizzabäcker als Retter und ich als Geretteter gemeinsam drauf gewesen wären und man hätte nicht erkennen können, ob uns das peinlich ist oder wir ein Paar sind. Oder beides.

Der Pizzabäcker war schon ein toller Hecht. Und gut in Teigwaren noch dazu! Wenn ich meine Pizza abholen kam und sie mal doch noch nicht ganz fertig war, saß ich immer recht auffällig vor seinem Arbeitsplatz und schaute ihm bei der Arbeit zu. Schweiß stand auf meiner Stirn, mein Busen bebte, ich starrte nervös auf jeden seiner Handgriffe. Vielleicht meinte er, dass ich mich für seinen Job interessiere, aber ich fühlte mich einfach nur wie Thomas Mann. Der hat ja auch Männer angestarrt und geschrieben. Na gut, er hat Jungs angestarrt und geschrieben. Das ist wohl der Unterschied zwischen uns. Und dass ich noch keinen Nobelpreis bekommen habe. Dafür habe ich vom Kollegen des Pizzabäckers immer einen Tee angeboten bekommen. Jedes Mal. Den habe ich immer abgelehnt. Ich mag keinen Tee. Das hat er sich aber nie gemerkt. Dabei dachte ich währenddessen immer: »Oh, Mensch Sacha, so kriegste den Pizzabäcker aber echt nie, so jung bist du auch nicht mehr.«

Während ich auf meine gebratenen Nudeln wartete, merkte ich, wie mich die kleine Frau hinter dem Tresen beobachtete. Ich lächelte sie an. War die etwa scharf auf mich? Hätte ja sein können, dass die sich gar nicht bei jedem merkt, was derjenige immer bestellt, sondern nur bei mir. Ich lächelte sie weiter an. Ganz unverbindlich. Dann öffnete sie ihren Mund und stellte fest: »Früher ... Sie slanka.«

Ich lächelte weiter, und in meinem Kopf begann es zu rattern. Was hatte sie gerade gesagt? Meine Brücke zwischen übertriebener Ablehnung und herzlicher Umarmung wackelte bedenklich. Und ich befand mich immer noch auf der, gesellschaftlich gesehen, falschen Seite.

»Entschuldigung, was?«, fragte ich nicht allzu barsch. Ich wollte der Möglichkeit, dass ich mich verhört hatte, eine Chance geben.

Sie setzte erneut an: »Früüüher ... Sie waren slanka.«

Die Brücke verlor erste Teile.

»Ja, ich früher slanka. Und Sie früher weniger Frauke Ludowig«, wollte ich entgegnen, aber ich stimmte ihr nur lächelnd zu.

Als ich vor einigen Wochen in meiner alten Heimatstadt zu Besuch war, ist mir etwas Ähnliches passiert. Als ich auf meine versammelte Familie traf, rief sie im Chor: »Na, du wirst aber auch immer fetter.«

Ich hatte mir nichts dabei gedacht. Vielleicht hatten sie es ironisch gemeint und wollten eigentlich andeuten, dass ich ja aussehe wie ein Magermodel. Nachdem ich aber zu Hause gemerkt hatte, dass mir bestimmte Hosen nicht mehr passten, konnte ich davon ausgehen, dass sie es nicht ironisch gemeint hatten. Und jetzt das: »Früher ... Sie slanka.«

Jawohl, ich früher slanka. Es stimmt ja. Machen wir uns nichts vor. Meine Chancen, bei einem Wet-T-Shirt-Wettbewerb als Sieger den Ring zu verlassen, sind in den letzten Jahren rapide gesunken. Körperbetonte Kleidung meide ich. Früher, ja früher, da trug ich die engsten Jeanshosen. Jeanshosen, die bestimmte Körperstellen so stark betont haben, dass es aussah, als hätte ich die ausgefahrenen Genitalien eines erwachsenen Elefantenbullen.

Und T-Shirts habe ich getragen. Unmengen enganliegender Muscle-T-Shirts. Das geht heute nicht mehr. Das sieht lächerlich aus. Nur noch doofkarierte Hemden schmeiß ich mir über, damit ich ein wenig kaschieren kann, was sich in den letzten Jahren bei mir angesammelt hat.

Den unschönen Begriff »Männerbusen« möchte ich nicht in den Raum werfen. Noch nicht. Aber wenn ich so weitermache, dann steht mir der wohl auch irgendwann bevor.

Und alle werden es mitbekommen, sogar die Frau hinter dem Tresen, die immer noch in meine Richtung lächelt. Sie wiederholt es noch einmal, damit ich es nicht vergesse: »Sie früher slanka.« Dabei lacht sie gemein asiatisch. Und während ich auf mein Essen warte und mir vorstelle, was wohl in den Köpfen der anwesenden Gäste vorgeht, die hier ihr Essen zu sich nehmen, wandern meine Gedanken hilfesuchend zurück zum Pizzabäcker. Der hat das nie gesagt. Der hat immer nur gesagt: »Eine Thunfischpizza für den jungen Herren.« Der hat nie gesagt: »Eine Thunfischpizza für den fetten Schwulen mit der schmierigen Brille.«

Der hübsche Pizzabäcker mit den prächtigen, behaarten Oberschenkeln hat immer gelächelt, selbst dann, wenn ich den angebotenen Tee von seinem Kollegen abgelehnt habe. Er wird sich gedacht haben, dass diese miese Gemütlichkeitskultur, auf die die Deutschen unentwegt reinfallen, echt daneben ist. Er hatte auf ein kühles Nordlicht gewartet. Ein kühles Nordlicht, das seiner südländischen Feurigkeit durch eine Prise Schroffheit neue Akzente verleiht. Zu Hause habe ich mich dann oft nicht getraut, die Pizza zu essen. Ich saß vor ihr und sie erzählte mir von der Heimat des Pizzabäckers. Von seiner hundertköpfigen Familie, die in einem zweistöckigen Lehmhaus am Rande einer Millionenstadt von dem lebt, was sie auf einer Mülldeponie findet. Wir besuchen sie, weil er mich ihnen vorstellen möchte. Das zwischen uns ist etwas Ernstes geworden, das ist nicht einfach nur so ein Kundenverhältnis, das ist Liebe. Und da ist auch seine kleine Schwester Juanita, sie ist gerade sechs geworden und von überwältigender Natürlichkeit. Sie bringt mich zum Lachen und bewirft mich mit getrocknetem Eselskot. Sie liebt diesen durchschnittlichen Typen, weil er so herrlich mürrisch ist. Dann feiern wir bis spät in die Nacht eine symbolische Hochzeit. Es gibt eine mehrstöckige Thunfischpizzatorte und alle schmunzeln augenzwinkernd. Auch die Dummen. Dann wird gebumst. Das ganze Dorf macht mit. Keiner käme auf die Idee zu sagen, ich sei früher slanka gewesen. Das interessiert niemanden, denn die da unten sind viel lockerer, was das angeht. Da gehört ein bisschen Speck auf den Rippen einfach dazu. Da sind nicht alle so durchgeknallt wie die Leute im Fernsehen, wo immer so gesagt wird: »Ja, geil, Heidi Klum hat gerade ihr zehntes Kind bekommen und läuft zwei Tage später schon wieder in Unterhosen rum. Wie vorbildlich.«

Aber das war ja immer nur ein Traum. Deshalb habe ich den Pizzabäcker aufgegeben. Außerdem habe ich gehört, dass sich Delfine in den Netzen verheddern, in denen der Thunfisch gefangen wird. Seitdem stehe ich wieder beim Chinesen, bei dem man neuerdings auf seine Figur angesprochen wird. Ich achte halt nicht darauf, was ich esse. Ich esse zwar langsam, oh, ich esse so langsam; wer noch nie mit mir gegessen hat, der weiß nicht, wie langsam ein Mensch essen kann. Was und wie viel ich esse, das ist mir aber egal.

Das Wildeste, das ich jemals gegessen habe, war eine Heuschrecke. Die Idee dazu entstand aus einer Weinbrandlaune heraus, denn von Bier bekomme ich grundsätzlich Kopfschmerzen. Einen Bierbauch kann man mir also nicht andichten. Wenn, dann einen Weinbrandbauch, was sich auch viel besser anhört: »Früher ... Sie slanka, jetzt Sie haben Weinbrandbauch.«

Es gibt eine Videoaufzeichnung von dem Heuschrecken-Event. Eine Horde angetrunkener Jugendlicher steht um einen Tisch herum, an dem ein ebenso angetrunkener Jugendlicher in viel zu engen Jeans sitzt. Vor ihm liegt eine des Leben beraubte Heuschrecke. Die Heuschrecke ist labberig und hat kleine Widerhaken an den Beinchen. Der Jugendliche mit den engen Jeans denkt an die wohlgeformten Beine des Pizzabäckers, den er in sechzehn Jahren kennenlernen wird.

Dann steckt er die blöde Schrecke in den Mund und knurpst ein paarmal darauf herum. Er öffnet den Mund zum Beweis, dass er sie nicht in den Backen versteckt hat. Das Video ist zwei Stunden lang, weil vor und nach der halben Minute, die das eigentliche Schauspiel dauert, alles aufgenommen wurde, was mit dem albernen Ereignis zu tun hat: eine kichernde Landjugend beiderlei Geschlechts, die einen ganzen Abend damit füllt, dass einer von ihnen, eindeutig der Dümmste, ein armes Insekt isst.

Eine Zeit lang war ich der Held, aber dann schaffte es jemand, mit einem Schwein zu tanzen. Ich wollte ihn beim Tierschutzbund anschwärzen, aber dann wäre wahrscheinlich auch meine Untat aufgeflogen. Es gab ja belastendes Videomaterial.

Die lächelnde Frau hinterm Tresen reißt mich aus meinen Gedanken. Sie packt die Nudeln in eine giftige Polyethylentüte und reicht sie mir. Ich bezahle, verabschiede mich und mache mich schnaufend auf den Weg nach draußen.

Etwas sitzt nachts neben meinem Bett und beobachtet mich

Was viele nicht wissen: Ich arbeite in meiner Freizeit als Parapsychologe. Ich habe schon seit meiner frühesten Kindheit Kontakte in die dunkle Welt des Jenseits. Es ist eine Welt, die viele Menschen immer noch nicht verstehen. Viele, so empfinde ich es, viele wollen sie auch gar nicht verstehen. Sie haben Angst vor ihr. Doch muss man wirklich Angst haben, wenn Nacht für Nacht dieselben schattenartigen Wesen um das eigene Bett herumschleichen? Wenn sie sich über unsere aus dem Schlaf gerissenen Gesichter beugen? Dabei ihren fauligen, ranzigen Atem verströmen, und dann langsam die Schranktür öffnen, in den Schrank klettern, ihn schließen und noch minutenlang von innen an die Tür klopfen? Muss man davor Angst haben? Meine Erfahrung sagt mir: Ja. Bitte unbedingt mit Angst auf solche Erlebnisse reagieren. Mit purer, hysterischer Angst. Und wenn die Angst dann ein wenig verflogen ist, unbedingt ans Telefon stürzen, meine Telefonnummer wählen und gespannt darauf warten, ob ich abnehme.

Wenn ich abnehme – was in siebzig Prozent aller bisher registrierten Fälle passiert ist –, sollte man mir von jedem noch so kleinen Detail berichten. Alles kann wichtig für die Arbeit eines Parapsychologen sein.

So wie bei der alten Dame, die mich kontaktierte, weil sie das Gefühl hatte, in ihrer Wohnung ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Ich besuchte sie und ließ mir bei einer Tasse Kakao erklären, wie sich ihre Angst bemerkbar machte und vor allem, wo in ihrer Wohnung sie besonders viel Angst hatte.

Schnell kamen wir darauf, dass sie sich besonders im Flur unwohl fühlte. In der hintersten Ecke des Korridors, in die kaum Licht fällt, spürte sie oft eine Kälte, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Ich fragte sie, ob es einen Grund dafür gebe, sich in dieser sehr weit entfernt liegenden Ecke der Wohnung aufzuhalten. Wenn nicht, dann sollte sie einfach nicht mehr hingehen und alles wäre in Ordnung. Ich wollte schon aufstehen, meinen Mantel anziehen und gehen, doch die alte Frau hielt meinen Unterarm fest. Mit einem festen Griff, der mich ehrlich gesagt ein wenig überraschte. Ich musste meine Tränen unterdrücken. Dann schaute sie mich durchdringend an und flüsterte: »Nein, eigentlich muss ich nicht in diesen Teil der Wohnung, aber ich habe das Gefühl, dass die Kälte aus der Ecke immer weiter in die restliche Wohnung hineinkriecht. Manchmal nimmt die Kälte die Gestalt von Menschen an. Dann sieht es aus, als kämen durchsichtige Figuren vom Ende des Flurs her auf mich zu. Wenn ich im Bett liege, sehe ich sie am Türspalt vorbeiziehen. Es ist, als würden sie mich suchen, um mich mitzunehmen. Aber ich will nicht mit, verstehen Sie? Ich will nicht mit.« Ihr Griff wurde immer fester. Ich blutete. »Ohgottohgottohgott«, meinte ich. »Das ist ja mal gruselig.«

Sie starrte mich verstört an. Dann machte ich mich an die Arbeit.

»Ich werde mal sehen, was ich für Sie machen kann.«

Ich sah mir den Flur an. Mir fiel, außer den aufgeschlitzten Körpern zweier Jungfrauen auf der germanischen Ritualstätte, nichts Ungewöhnliches auf. Nein, da war natürlich gar nichts. Ganz so einfach ist die Arbeit eines Parapsychologen nun doch nicht. Ich ging langsam los. Es war ein sehr langer Flur. Der hintere Teil war von vorne kaum einsehbar. Außerdem knickte er am Ende noch einmal nach links ab. Dort befand sich eine kleine Abstellkammer, die von der alten Frau aber nicht weiter genutzt wurde. Ich fragte sie, weshalb nicht. Sie machte mich darauf aufmerksam, dass ich ja gerade deshalb hier sei.

»Ach, ja« erwiderte ich unbedacht, »stimmt ja, wegen der Dämonen.«

»Was für Dämonen?«, fragte sie erschrocken.

»Ach, nichts. Keine Dämonen, ich habe mich versprochen. Ich meinte natürlich was vollkommen anderes als Dämonen. Der Begriff ›Dämon‹ ist in der Fachsprache der Parapsychologie einfach nur ein Begriff, der etwas umschreibt, was nicht von dieser Welt und trotzdem, oder gerade deshalb, sehr gefährlich ist.«

Ich wollte sie nicht unnötig beunruhigen: »Ich meine damit nicht Dämonen, die Leute in Angst versetzen oder gar umbringen könnten. Diese Dämonen meine ich auf keinen Fall.« Leider wusste ich nur zu gut, dass es sich hier wohl doch um solche Dämonen handeln musste. So etwas hat man nach den vielen Jahren im Geisterbusiness im Gefühl.

Die alte Frau schien beruhigt. Ich habe als Parapsychologe natürlich etliche Rhetorikseminare besucht, um mich auf die unterschiedlichsten Gemüter einzustellen.

Ich setzte meinen Weg fort. Die Mitte des Flurs war erreicht. Ich tastete mich an der Wand entlang. Es wurde tatsächlich immer kühler. Ich holte meinen Kälteempfänger heraus: fünf Grad unter null. Das war wirklich kalt. Ich hatte unvorsichtigerweise nur ein Muskelshirt und eine Leggins angezogen. Ich fotografierte die Kälte. Mit meiner Kältekamera. Ein wichtiges Instrument bei der Suche nach parapsychologischen Phänomenen, die mit Kälte zu tun haben. Ich bat die Frau, mir einen weiteren Kakao zu machen. Sie erwiderte aber unmissverständlich, dass ich jetzt endlich mal was machen solle. Die Kälte hatte sie hart gemacht. Ich verstand, dass ich meinen Kakao erst bekäme, wenn ich ihr Ergebnisse vorlegen würde. Die sollte sie bekommen.

Ich war fast am Ende des Flurs. Ich konnte schon die Tür der Abstellkammer sehen. Ich fragte die Dame, ob sich in der Abstellkammer vielleicht Knochen oder Knochenreste von Vormietern befänden. Sie verneinte zwar, korrigierte sich jedoch dahingehend, dass sie es nicht genau wüsste. Das ist ja nun auch nichts, was einem der Vermieter als Erstes unter die Nase reibt.

»Ach, übrigens: In den Wänden der Abstellkammer sind Knochen und Knochenreste der Vormieter eingemauert. Nur damit Sie’s im Problemfall wissen.« Das würde meine Arbeit sehr viel einfacher machen, aber niemand hat gesagt, dass mein Job einfach ist.