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Meine Frau gab mir den Anstoß für dieses Buch.

Liebe Leser, ich hoffe,

ihr habt ebenso viel Spaß beim Lesen

und Schmökern,

wie ich beim Schreiben hatte.

 

Der Autor

 


 

 

  

Thomas L. Hunter

 

 

 

 

D a n a

 

und das Geheimnis des

magischen Kristalls


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© 2016 Thomas L. Hunter

http://thomas-l-hunter.de

 

Nachweise:

https://www.facebook.com/azraelscoverwelten/

 

 

Umschlaggestaltung: Azrael ap Cwanderay

 

Korrektorat: Friederun Baudach Jäger

Britta Rose

Renate Lammel

 

 

 

 

 

 

Verlag: Hunter Verlag

Printed in Germany by Createspace

 

ISBN-13: 9783958493285

 

 

 

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel   1 - Das Findelkind 8

Kapitel   2 - Am Anfang steht immer eine Frage 12

Kapitel   3 - Die Geburtstagsüberraschung 20

Kapitel   4 - Das Museum 32

Kapitel   5 - Aufbruch zu den Höhlen 38

Kapitel   6 - Bedrohung aus dem Dunkeln 51

Kapitel   7 - Ich mich wichtig sein 67

Kapitel   8 - Erogat 79

Kapitel   9 - Die Ausbildung beginnt 95

Kapitel 10 - Eine neue Spur 105

Kapitel 11 - Der Berg ruft! 112

Kapitel 12 - Der magische Kristall 127

Kapitel 13 - »Rudi« 136

Kapitel 14 - Die Rüstung des Gehorsams 154

Kapitel 15 - Das erste Teil der Rüstung 170

Kapitel 16 - Der Baumpalast 191

Kapitel 17 - Das Puppenhaus 209

Kapitel 18 - Einfach zu viel Sand 220

Kapitel 19 - Des Königs Geheimnis 231

Kapitel 20 - Die Zwergenmine 245

Kapitel 21 - Licht und Schatten 253

Kapitel 22 - Schöne neue, alte Zeit 266

 

Wichtige Personen: 273

 

Weitere Bücher des Autors 279

 

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Die Höhle lag im Halbdunkel und viele Magier hatten sich zu einer Zeremonie eingefunden. Sie bildeten einen großen Kreis um ein Pentagramm, das in ihrer Mitte auf dem Boden eingemeißelt war. Auf jeder Spitze dieser Abbildung erhob sich ein übermannshoher pechschwarzer Monolith, hinter dem sich jeweils ein weiterer Magier aufgestellt hatte. Sie alle zelebrierten ein mächtiges Ritual, das aus dem Ruder zu laufen begann.

 

Schließlich, mit einer gewaltigen geräuschlosen Explosion, wurde die Höhle in gleißendes Licht getaucht. Als das grelle Licht erlosch, stand ein Magier, einsam und verlassen in der Mitte des Pentagramms und sah sich verstört um.

 

»Hallo? Ist hier jemand?«

Kapitel 1

Das Findelkind

 

Es war ein schöner, lauer Abend. Olo, ein Zwerg in den allerbesten Jahren und vor kurzem 648 Jahre alt geworden, befand sich mit seinem besten Freund und Arbeitskollegen Toben, der gerade mal zweiundvierzig Jahre jünger war als er, auf dem Weg nach Hause. Sie kamen aus der Altstadt, genauer gesagt aus ihrer Stammgaststätte »Zum goldenen Amboss«. Dort hatten sie, wie jeden Abend, ihr Feierabendbier genossen und schlenderten nun gut gelaunt, den Abend genießend, nebeneinander her. Die beiden waren schon ewig gute Freunde und Kollegen. In der Behörde für Wissenschaft und Forschung arbeiteten sie, in der Abteilung für Metalle, Schmiedekunst und Erfindungen, eng zusammen. Hier wurden sie bei ihren Arbeitskollegen als hervorragende Mitarbeiter und Tüftler geschätzt.

Jetzt in der Abenddämmerung hatte die Verwaltungsbehörde, zuständig für Wetter, Licht und Umweltkontrolle und von den Zwergen auch kurz WeLiUm genannt, die Laternen eingeschaltet. Sie erhellten mittlerweile die ganze Gegend und tauchten die Umgebung in ein angenehm warmes Licht. In eine anregende Unterhaltung vertieft, überquerten die beiden den großen Versammlungsplatz, der sich vor der Regierungspyramide erstreckte. Auf der einen Seite lag, jetzt im Dunkeln, ihr Arbeitsplatz und natürlich noch die WeLiUm. Auf der anderen Seite, wo sie soeben herkamen, erstreckte sich, um diese Zeit hell erleuchtet, das Gewerbegebiet mit seinen kleinen Läden, Gaststätten und Pensionen.

Sie unterhielten sich über einige Veränderungen in ihrer Zwergenkolonie, die ein bescheidener Teil eines ausgedehnteren Höhlensystems war.

»Fantastisch, einfach fantastisch.«

Toben war stehengeblieben und betrachtete die Decke über seinem Kopf. Olo hatte nicht mitbekommen, dass Toben ihm nicht gefolgt war und, brummte nur ein müdes: »Was?«

»Was die WeLiUm alles schafft. Schau dir die Höhlendecke an, Tausende von Sternen. Ist das nicht immer wieder ein erhebender Anblick? Und erst das Flackern dieser kleinen Dinger! Wie am richtigen Nachthimmel. «

Olo sah genervt nach oben. Er war erschöpft und wollte nur schnell nach Hause. Allerdings musste er Toben Recht geben. Es war schon ein herrlicher Anblick. Neben den nun abgeschalteten großen Tageslichtkristallen gab es viele kleine Leuchtkristalle an der Decke, die einem den Eindruck eines echten Sternenhimmels vermittelten.

»Aber dies Geflacker … ob das normal ist?«

Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken, etwas Unbekanntes, Bedrohliches braute sich über ihren Köpfen zusammen. Er spürte es in seinen Knochen. Beunruhigt knurrte er:

»Komm, lass uns weiter gehen. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Das spüre ich genau. Morgen Abend kannst du ja weiter die Decke anstarren.«

Toben riss sich von dem Anblick los und sah seinem Freund irritiert hinterher. Schließlich sputete er sich, um Olo einzuholen.

»Was hast du gesagt? Hier stimmt was nicht? Was meinst du damit?«, wollte Toben von ihm wissen.

»Nur ein Gefühl! Mehr nicht!«, brummte Olo und legte einen Zahn zu. Nachdenklich passte Toben sein Schritttempo dem des Freundes an.

Die beiden Zwerge hatten den Platz fast überquert, als sie plötzlich erschrocken zusammenzuckten. Ein heller Lichtblitz hatte sie geblendet. Irritiert blieben sie stehen.

Als Toben sich etwas gefangen hatte, wandte er sich verwirrt an Olo:

»Wow! Was war denn das! Ich wusste nicht, dass die WeLiUm in der Lage ist Blitze zu machen! Kommen jetzt auch noch Donner und Regen?«

»So‘n Quatsch« brummte Olo und sah ihn kurz entgeistert an, ehe er sich umblickte, um die Quelle der Lichterscheinung auszumachen. Sein Blick fiel auf den riesigen Monolithen, ein pechschwarzes, kegelförmiges Objekt, das sich im hinteren Bereich des Platzes, genau gegenüber der Regierungspyramide befand. Ein merkwürdiges Glimmen ging vom Fuß dieses Gebildes aus, das dort, schon seit Zwergengedenken stand. Die beiden Zwerge sahen sich erstaunt an und hörten im selben Augenblick einen ohrenbetäubenden Lärm.

Zuerst erschraken sie. Als jedoch der erste Schock überwunden war, bewegten sie sich langsam auf das Geräusch zu. Zwerge sind zwar mutig, konnten allerdings auch besonders vorsichtig sein, wenn es notwendig war. Immer näher kamen sie der Lärmquelle bis: vor Erstaunen verschlug es ihnen einen Moment die Sprache und sie schnappten hörbar nach Luft. Damit hatten sie nicht gerechnet! Ein Körbchen, reich verziert und mit edelster Seide ausgeschlagen, stand vor dem Monolithen. Und noch etwas entdeckten sie: Ein kleines, goldfarbenes fliegendes Wesen. Es umkreiste ohne Unterlass den Korb. In dem lag ein Säugling mit weißblondem Haarschopf, hellblauen Augen und einem weit aufgerissenen Mund, aus dem der ohrenbetäubende Lärm kam.

Nun, sie hatten die Quelle des Radaus aufgespürt, der sie hierher gelockt hatte.

Das Kind lag, in Samt und Seide gehüllt, schreiend und strampelnd vor den beiden. Zu Füßen des kleinen Wurms erkannten Olo und Toben die Überreste eines zerbrochenen, goldenen Eis, die mit Hieroglyphen übersät waren. Am Kopfende, über dem Schreihals, pendelte ein reich verziertes Medaillon.

Die beiden sahen sich hilflos an, denn sie wussten nicht, was zu tun war. Nur eines war ihnen klar. Dem Winzling musste geholfen werden.

Olo näherte sich vorsichtig dem Korb und hob den stimmgewaltigen Säugling aus dem Korb. Nachdenklich betrachtete er den kleinen Wurm, während er versuchte, es zu beruhigen. Da kam ihm die Idee. Egal. Woher das Kleine auch stammen mochte, er würde es adoptieren und als sein Eigenes großziehen. Olo und seine Frau Tala hatten sich immer ein Baby gewünscht. Leider war ihre Ehe bis heute kinderlos geblieben – nun aber hatte das Schicksal ihnen ein Kleinkind geschenkt …

 

Und was für ein Kind ...

Kapitel 2

Am Anfang steht immer eine Frage.

 

Es war früh. Sehr früh. Viel zu früh. Dana, ein weißblondes, mit dem heutigen Tag, zehnjähriges wunderschönes Mädchen, wurde aus dem Schlaf gerissen. Sie konnte wegen des Gewichts, den ein kleines Wesen auf ihre Brust ausübte, und dem Krach, den dieses niedliche Ding veranstaltete, nicht mehr schlafen. Der Lärm, lautstark, disharmonisch und mit einer piepsigen Stimme vorgetragen, entpuppte sich als Geburtstagsständchen.

 

»Alles Gute zum zehnten Geburtstag,

Dein großer Tag ist heute –

es kommen viele Leute.

Du bist auf dieser Welt das liebste Wesen –

drum schenkt Shari dir auch einen schönen Besen.

Werden blau auch deine Haare –

oder lang die kleine Nase –

heut hat Shari dich besonders lieb,

und schenkt Dana noch einen kleinen Hieb.

Das Geburtstagsmenü verrät Shari dir nicht –

nun steh auf und tu deine Pflicht.

 

Zwischendurch, um ihrem Gedicht Nachdruck zu verleihen, knuffte Shari Dana sanft auf die hübsche Nase. Shari hieß eigentlich Naya Shari und wurde nur so genannt, wenn sie mal wieder Unfug angestellt hatte. Ihren Namen hatte sich das kleine geflügelte Wesen quasi selbst gegeben. Als sie mit Dana gefunden wurde, wisperte sie undeutlich immer so etwas ähnliches wie Naya Shari. Da aber alle die Kurzform ihres Namens besser fanden, wurde sie einfach nur Shari gerufen.

Nach der dritten Wiederholung des Geburtstagsständchens entschloss sich Dana, dem gutgemeinten Treiben von Shari ein Ende zu setzen. Sie öffnete die Augen und rief theatralisch:

»Aua!«, um dann Shari anzustrahlen und lachend zu sagen:

»Danke für das Geburtstagsständchen, – ich wünsche dir ebenfalls alles Gute zum Geburtstag!« Sie rieb sich die malträtierte Nase. »Hast du das selbst gedichtet?«

»Klar ...«, trällerte Shari und strahlte in einem wundervollen Weiß.

Man konnte leicht an der Farbe und der Helligkeit ihres Leuchtens die Stimmung und die Laune des kleinen Wesens ablesen. War sie glücklich und guter Laune, strahlte sie in einem herrlichen weißen Licht. Je schlechter sie sich fühlte oder wenn sie übel gelaunt war, wurde ihr Leuchten immer dunkler – bis hin zum Rot. Bei Dunkelrot war es besser sie nicht mehr anzusprechen, sondern nur noch den Kopf einzuziehen und in Deckung zu gehen.

Dana ließ ihren Blick durch den Raum wandern und schaute über die Bettkante in die Tiefe der Wohnhöhle, die, wie sie heute fand, recht groß wirkte. Jeder in der Familie hatte seine eigene Schlafbucht, sogar Shari. Natürlich war ihre viel kleiner, aber es war immerhin ihre eigene. Ihr Zuhause war nichts Besonderes: ein Wohnraum mit einer offenen Feuerstelle und einem Bad, ein Durchgang zum Garten. Das war es auch schon. Wie gesagt, nichts Umwerfendes, aber sie liebte diese Höhle.

Ein großer Tisch, der zurzeit reichlich gedeckt war, nahm den Großteil des Raumes ein. Von der Feuerstelle her schwebte ein wohlriechender Duft quer durch den Raum. Tala ihre Ziehmutter, kochte etwas leckeres. Sie war klein, grauhaarig, mit leuchtend silbergrauen Augen, in der typischen Zwergenmontur: klobige Schuhe, Lederhose, Lederweste und ein kariertes Hemd. Zwerge haben es nicht so mit der Mode, es sollte nur praktisch sein. Der Raum endete, gegenüber von Danas Schlafbucht, an einer schweren Holztür, die in die Zwergenstadt führte.

Sie hatte erst vor kurzen ihren 502. Geburtstag gefeiert und fühlte sich jung und legte besonderen Wert darauf, das auch andere sie so sahen. Vor fast zehn Jahren, als Olo auf einmal mit dem kleinen Säugling vor der Tür gestanden hatte, hatten sich gemeinsam entschlossen, Dana als ihr eigenes Kind aufzuziehen, weil Ihnen selbst das Glück eigene Kinder zu bekommen verwehrt geblieben war.

Niemand hatte eine Ahnung, woher Dana und Shari gekommen waren oder welcher Gattung sie angehörten. Man wusste nur, sie waren keine Zwerge. Tala war gerade dabei, für ihre Geburtstagskinder den Tisch zu decken und das Frühstück vorzubereiten. Über dem Feuer hing ein großer Kessel, dessen herrlich duftender Inhalt leise vor sich hin köchelte. Sie hantierte dort mit Töpfen, Tellern, Tassen und Pfannen und schimpfte, wie jeden Morgen, leise vor sich hin.

»So ein junges Ding ... kaum zweihundertzwölf Jahre alt und macht meinen Job – mindestens vierhundert Jahre sollte man sein, aber mindestens!«

Seit sie aus dem Schuldienst entlassen worden war, wirkte sie unzufrieden und zog immer wieder, wenn sie meinte allein zu sein, über ihre Nachfolgerin her. Doch die nun reichlich bemessene Freizeit hatte auch ihr Gutes, denn diese kam nun Danas Ausbildung zugute, die durch diesen Umstand sehr viel Wissen vermittelt bekam. Dass Tala kaum noch Zeit für sich selbst hatte, störte sie kaum, denn wie jede Zwergenmutter würde sie alles für ihre Kinder tun – und ihre Kinder waren eben Dana und Shari.

Olo musste wohl schon zur Arbeit gegangen sein, denn er war nirgends zu sehen. Dana schubste Shari von ihrer Brust und schwang ihre schlanken Beine aus der Schlafbucht auf den schmalen Sims, der vor den Schlafplätzen verlief. Danach balancierte sie, sportlich wie sie nun einmal war, geschickt zu ihren Kleidern hin, die, wie gewöhnlich, neben ihrer Schlafbucht hingen. Anschließend kletterte sie weiter, hinunter zu Tala und fiel ihr um den Hals. Was nun wirklich nicht allzu schwer war, da die Zwergin fast genau so groß war wie sie.

»Guten Morgen Ma.«

Dana war seit Langem bewusst, dass Olo und Tala nicht ihre Eltern waren. Es hielt sie aber nicht davon ab, die beiden Ma und Paps zu nennen.

»Was gibt es heute Besonderes?«, erkundigte sie sich nach der stürmischen Begrüßung und verschwand im Badezimmer, ohne die Antwort abzuwarten.

Badezimmer war vielleicht etwas übertrieben, es war eher ein schlichter Waschraum mit Schüsseln, Kannen, einem winzigen Spiegel und einem Plumpsklo.

Zehn Minuten später saß Dana am Küchentisch. Shari, die natürlich zu klein war, um ebenfalls dort zu sitzen, hatte von Olo einen Tisch mit Stuhl in Miniaturgröße angefertigt bekommen. Diese Sachen waren so abgestimmt, dass sie hervorragend auf den großen Tisch passten, so dass Shari auch alles im Blick hatte. Beide harrten nun der Dinge, die da kommen würden.

Den beiden Geburtstagskindern gegenüber stand ein stattliches, sauber verpacktes Paket. Shari, die sehr neugierig war, wollte das Paket sofort untersuchen. Sie wurde aber, zu ihrem Leidwesen, immer wieder mit den Worten: »Es ist kein Geburtstagsgeschenk!«, von Tala verjagt und musste sich zurück an ihren Tisch setzen.

Verärgert darüber, dass sie zum x–ten mal auf ihren Platz gejagt wurde, veränderte sich zusehends ihr Gemütszustand. Ihr strahlendes Leuchten von eben verblasste und wechselte zu einem hellen Grau. Es bedeutete nichts Gutes. Man konnte direkt zusehen, wie sich mit der Farbveränderung die Laune der kleinen Fee verschlechterte.

Zum Glück war Tala eine sehr gute Köchin, so dass Shari abgelenkt wurde und ihr das Wegjagen schnell verzieh. Und was sie heute wieder zubereitet hatte, war königlich.

Tala zählte auf:

 

»Als Vorspeise: Ranunkel Suppe.

Danach als Hauptspeise:

Erdäpfelschnitzel in Honigsoße,

dazu ein besonderes Getränk:

Eiskakao mit Sahne und Schnittlauchröllchenstreusel

Und zum Abschluss Kuchen:

Möhrenkuchen mit Erbsenstreusel.

Danach die Krönung des Ganzen das Dessert:

Karamellbonbon in Pfefferminzhülle.«

 

Der Nachtisch entlockte Dana und Shari Jubelschreie, da es solche Süßigkeiten recht selten gab.

Nachdem sie zu Ende gefrühstückt hatten und das Geschirr abgeräumt war, stellte Dana wie schon so oft all die wichtigen Fragen, die ihr schon so lange auf dem Herzen lagen.

»Ma, wer bin ich, woher komme ich und warum bin ich nicht so wie die anderen?«

Früher hatte Tala es geschafft diesen Fragen immer auszuweichen, doch heute war sie bereit, ihrer Tochter Rede und Antwort zu stehen. Sie sah ihre Tochter eine Weile schweigend an. Schließlich räusperte sich kurz und begann zu erzählen, wobei sie anfing, das stattliche Paket von dem Papier zu befreien.

»Wie du ja weißt, wurdest du vor fast zehn Jahren, unter mysteriösen Umständen, von Olo und seinem Freund Toben neben dem großen Monolithen gefunden. Du und Naya Shari, ihr seid zusammen hierher gekommen. Keiner weiß, wie und warum.

Wir haben in den Zwergenarchiven nach Anhaltspunkten über eure Herkunft geforscht und nichts gefunden. Nur zu deinem Medaillon gab es etwas. Es gehört anscheinend zu einer uralten Zauberkaste, die vor einigen tausend Jahren, eine ganze Weile mit uns in diesem Höhlensystem zusammenlebte. Eines Tages verschwanden sie ohne eine Spur zu hinterlassen. Du und Shari, ihr scheint eine Einheit zu sein – doch wie ihr zusammengehört? – Keiner weiß es… noch nicht! Vielleicht bekommst du es ja irgendwann heraus.«

Hier legte sie eine kurze Pause ein, bevor sie weiter sprach.

»So haben wir euch aufgenommen, nachdem der Große Rat der Zwerge uns die Zustimmung gegeben und die Verantwortung für euch übertragen hat.

Auf jeden Fall gehört das Medaillon, das kaputte, goldene, mit Hieroglyphen verzierte Ei, aus dem wohl Shari geschlüpft ist, der Korb und du zusammen … Jetzt bist du alt genug, um es zu erfahren und die Utensilien deiner Vergangenheit und wahrscheinlich auch deiner Zukunft zu erhalten.«

Nach diesem Vortrag schob Tala Dana einen prächtigen verzierten Korb entgegen, den sie mittlerweile ausgepackt hatte. Sofort lag eine greifbare Spannung in der Luft. Sie wusste schon lange, dass sie etwas Besonderes war. Kurz nach ihrem neunten Geburtstag traten die ersten Eigentümlichkeiten auf – sie konnte mit Tieren sprechen. Es begann mit einem leisen Wispern. Mit der Zeit konnte sie immer besser verstehen, was die Tiere sprachen und nach einer Weile verstand sie deren Sprache so gut wie ihre eigene. Dana und Shari sahen Tala eine Zeit lang schweigend an. Schließlich begannen die beiden Geburtstagskinder den Inhalt des Korbes behutsam auszupacken.

Als Erstes fiel Dana ein wunderschönes Schmuckstück auf, das sie sofort in die Hand nahm. Es fühlte sich warm an und bestand aus einem pechschwarzen, in Gold eingefassten, flachen Stein.

»Es scheint dem Monolith auf dem Versammlungsplatz sehr ähnlich zu sein!«, murmelte Dana ehrfurchtsvoll.

Sobald sie es berührte, schien das Medaillon zum Leben zu erwachen. In ihm begannen kleine »Sterne« zu leuchteten und zu blinken, verschwanden nach kurzer Zeit wieder, um dann von neuem ihr Lichterspiel zu beginnen. In dem Schmuckstück waren zwei Wesen aus purem Gold und mit rubinroten Augen eingearbeitet. Man sah einen geflügelten Löwenkörper mit einem Adlerkopf und einen feuerspeienden Drachen, die miteinander kämpften. Dana sah Tala fragend an.

»Darf ich es anlegen?«, wollte Dana aufgeregt wissen.

»Aber ja.«, flüsterte Tala mit Tränen in den Augen. Irgendwie fühlte sie, dass nun das Leben ihrer Tochter komplizierter und vielleicht auch gefährlicher werden würde. Wer weiß, was Dana in der Zukunft alles erwartete. Sie kannte ihr Kind ja recht gut und wusste um ihre Neugier.

Als Dana das Medaillon anlegte, spürte sie sofort die Veränderung. Die Verwandlung war nach außen hin nicht zu sehen, doch sie und Shari spürten es sofort. Beide konnten sich jetzt verständigen ... ohne auch nur ein Wort laut auszusprechen. Sie waren geistig miteinander verbunden.

Dana hatte sich eine Reaktion gewünscht, vielleicht sogar erwartet, dass sie zu ihrem zehnten Geburtstag neue Fähigkeiten bekommen würde, eventuell mit Blumen sprechen oder so etwas. Aber Gedankenvereinigung, das war um einiges besser als was sie sich erhofft hatte.

Eifrig und in freudiger Erwartung packten beide den Korb weiter aus. Sie fanden jedoch, außer den bewussten, mit Hieroglyphen bedeckten, goldenen Eierschalen, nicht viel mehr. Da war nur noch ein seidenes rosafarbenes Kopfkissen mit gleichfarbiger Bettdecke, in dem ein, mit goldenen Fäden, eingestickter Name stand.

 

Dana

 

Tala begab sich schwermütig in die Küche und überließ die Geburtstagskinder sich selbst. Die beiden untersuchten unterdessen aufgeregt die Reste des goldfarbenen Eies während sie sich lebhaft darüber unterhielten, was sie heute alles gehört hatten. Irgendwann begann Dana, die Hieroglyphen von den Resten der Eierschale, auf einen Zettel zu übertragen. Anschließend verstaute Dana den Zettel sorgfältig. Damit nichts von den Scherben kaputt oder verloren gehen konnte, deponierte Dana diese in einer mit Wolle ausgelegten Schachtel.

Es gab ein großes Geheimnis und es betraf sie und ihre kleine fliegende Freundin, und sie, Dana, würde es irgendwie und irgendwann lösen.

Kapitel 3

Die Geburtstagsüberraschung

 

Es klopfte an der Tür. Noch bevor jemand herein sagen konnte, wurde die Tür aufgerissen, und ein junger dunkelhaariger Zwerg stürmte in den Wohnraum. Es war Gomek, ein neununddreißigjähriger Prachtkerl seines Stammes. Von der Statur her glich er mehr einem Menschen ... mehr Dana. Sportlich und zu seinem Leidwesen auch noch gut aussehend ließen ihn die jugendlichen Zwerge spüren, dass dies unter ihresgleichen als Makel galt. Bei den Zwergen wurde Schönheit schon immer mit Grobschlächtigkeit und herbem Erscheinungsbild verwechselt. Das störte hier, in Danas Zuhause, aber niemanden. Er war schließlich ihr bester und einziger Freund.

Sie wurden beide von den Zwergenkindern und – jugendlichen gemieden oder gehänselt, da man sie, missverständlicherweise, für andersartig, neunmalklug und unansehnlich hielt. Gomek galt nach Zwergenmaßstäben bis zu seinem 40. Geburtstag als Kind und konnte erst dann eingeschult werden.

Man hatte versucht, die jungen Zwerge früher an die Schule zu gewöhnen, aber sie waren einfach zu hibbelig und unkonzentriert. Also schulte man sie danach ein. Es folgte eine vierzigjährige Ausbildung, ihre Schulzeit und die Vorbereitung auf einen Beruf. Anschließend galten sie erstmals als halbwüchsig, um schließlich irgendwann zum Erwachsenenanwärter aufzusteigen. Nach einer weiteren 40 Jahren andauernden Anwartschaft, in der sie sich in ihrem Handwerk fortbildeten, erreichten sie die Volljährigkeit. Er war folglich noch ein junger Springinsfeld. Er begrüßte kurz Tala und fiel dann Dana um den Hals, um ihr zum Ehrentag zu gratulieren.

Sharis Aura verdunkelte sich. Sie hielt nichts von Gomek und meinte, er wäre ein kleiner Spinner. Durch ihre neue Fähigkeit bekam Dana es sofort mit und rief sie zur Ordnung. Sie sollte heute mit keinem aneinandergeraten, schon gar nicht mit Gomek, mit dem die kleine Fee sonst gerne einen Streit vom Zaun brach.

»Alles Gute zum Geburtstag«, begrüßte er sie. Dana sah ihn strahlend an und freute sich über den unverhofften Besuch.

»Vielen Dank! Aber … musst du heute gar nicht zur Arbeit oder hast du dir freigenommen?!«

Gomek war da nicht anders als seine Altersgenossen. Sie brauchten die Arbeit wie die Luft zum Leben. Sie durften und wollten unbedingt ab dem zehnten Lebensjahr, und weiter bis zu ihrer Einschulung, einer Beschäftigung nachgehen. Außerdem werkeltn sie gerne für die Gemeinschaft.

»Nein, ich muss gleich los. Ich wollte dir nur zum Geburtstag gratulieren. Wir sehen uns ja heute Nachmittag!« Schnell übergab er ihr sein Geburtstagsgeschenk und war auch sofort wieder weg.

»Nun habe ich mich gar nicht für sein Geschenk bedankt. Na ja, ich treff ihn ja später«, murmelte Dana leise vor sich hin und wandte sich dabei ihrer Ma zu, die gerade Anstalten machte, mit ihr zu sprechen:

»Also, Dana, dein Vater hat noch eine Überraschung für dich. Er erwartet dich im Ministerium und wird dir alles selber erzählen«.

Dana fiel Tala um den Hals und verabschiedete sich von ihr, stürmte zur Wohnungstür, riss sie auf, um anschließend im Halbdunkel der Tunnelbeleuchtung zu verschwinden. Dicht gefolgt von Shari. Äußerst beunruhigt sah Tala den beiden hinterher. »Hoffentlich passt sie gut auf sich auf?«, murmelte sie schluchzend. Langsam schloss sie die Tür und wandte sich wieder ihrer Hausarbeit zu.

Draußen sah sich Dana um. Sie befand sich am Ende einer engen Sackgasse, natürlich mit Steindecke. Also ein ausgebauter Tunnel, der einer Gasse nicht unähnlich war. An beiden Seiten des Durchgangs zweigten weitere Unterkünfte ab, deren Türen allerdings geschlossen waren.

Ihr Gässchen lag in dem ältesten Teil der Zwergenstadt. Es war, wie die abzweigenden Wohnungen, kunstvoll aus dem uralten Kalksandstein herausgehauen worden. Das Ministerium hatte Olo und seiner Frau des Öfteren eine »Neubauwohnung« angeboten. Aber er hatte es immer abgelehnt und gesagt, dass er und seine Familie an diesem Ort schon seit Ewigkeiten wohnen würden und es auch so bleiben solle.

Kleine Straßenlaternen an den Häuserwänden tauchten den Weg in ein warmes Licht. Shari strahlte so hell vor Ungeduld, dass die Straßenbeleuchtungen etwas blass neben ihr wirkten. Das war ihre Art sich zu freuen, wenn sie mit Dana zum Stadtzentrum und zu dem großen Versammlungsplatz aufbrach. Es war immer wieder neu und so interessant.

Von ihrem Zuhause, »Alte Gasse Nr. 7«, bis zum Platz brauchten Dana und Shari nur durch drei weitere Gassen zu laufen und erreichten innerhalb von fünfzehn Minuten den Platz. Dann bogen sie um eine Ecke und der weitläufige Versammlungsplatz lag in seiner ganzen Pracht vor ihnen. Sie standen am Eingang zu einer riesigen Höhle. Sie war mindestens vierzig Meter hoch und erstreckte sich zu ihrer Linken, weit über ihr Blickfeld hinaus, weiträumig aus.

Die Häuser beidseitig des Platzes waren mit prachtvollen Verzierungen aus dem Stein herausgearbeitet worden. Stattliche Bögen trugen die umlaufenden Balkone der ersten Etage, so dass die Gehwege überdacht unter ihnen hindurch führten. Die Gebäude besaßen alle eine, reichlich mit Gold und Edelsteinen, verzierte Fassade. Es war allgemein bekannt, dass Zwerge keinerlei Wert auf materielle Dinge legten. Und so verwendeten sie die bei ihren Erdarbeiten gefundenen Edelsteine und das Gold zur Verschönerung ihrer Stadt.

Da es im Reich für jeden eine Beschäftigung gab und alle sich für die Gemeinschaft betätigten, benötigte keiner Geld, Gold oder Edelsteine. Außer natürlich für den Handel mit Außenstehenden. Die Fenster und Türen waren mit Holzschnitzereien aufwendig verziert und mit Blattgold ausgelegt. Kleinformatige, wunderschön geschliffene Brillanten unterbrachen in regelmäßigen Abständen die Schnitzereien. Links vom großen Platz, hinter der ersten Häuserzeile, die mit den kleinen Läden, Pensionen und Gaststätten, schloss sich das Handwerkerviertel an. Dort, in den schmalen Gässchen hatten sich viele Handwerker niedergelassen. Vom Goldschmied über Edelsteinschleifer, vom Tischler bis zum Schneider, hier war alles Vertreten. Im Anschluss daran kam noch das »Neubauviertel« – die Oberstadt.

Es war ein herrlicher Anblick, den Dana jedes Mal von neuem genoss, während Sharis Interesse mehr den Ladenzeilen galt. Sie flog jedes Mal sofort zu einem Laden, in dem es etliche Sorten von Honig gab, um etwas Süßes abzustauben. Dana folgte ihr nicht. Sie wusste, Shari würde ihr auch etwas zum Naschen mitbringen.

Sie setzte sich lieber auf eine Bank am Rande des ausgedehnten Platzes und beobachtete das Treiben vor der Regierungspyramide. Hinter ihr ragte, pechschwarz und ein wenig bedrohlich, der große Monolith auf. Hier saß sie immer wieder gerne und betrachtete die atemberaubende Kulisse. Majestätisch fügten sich die gewaltigen Säulen der imposanten Höhle in dieses märchenhafte Bild ein.

Dana bewunderte die Leistung der Zwerge, die diese Stützen in regelmäßigen Abständen aus dem Felsen gehauen hatten. Sie bildeten durch ihre Abstimmung zueinander riesige Vierecke, die sich gegenseitig stützten und so die Decke hervorragend abstützten. In der Mitte jedes Quadrates befand sich ein großer Leuchtkristall, der taghelles, mildes und behagliches Licht in der Höhle verbreitete.

»Die Kristalle sind ein guter Ersatz für die Sonne«, murmelte Dana. »Tolle Erfindung! Diese Dinger wärmen nicht nur, sondern sie lassen auch die Pflanzen blühen und gedeihen.«

Das wusste sie aus Erzählungen der Erwachsenen, obwohl sie noch nie die Sonne gesehen hatte. Dann fiel ihr Blick wieder auf die Stufenpyramide, den Sitz der Regierung und des Königs. Sie war überwältigend und bildete den Abschluss des Platzes. Sie überragte die umliegenden Gebäude um ein Mehrfaches und wie es sich für eine gute Pyramide gehört, wurde sie über mehrere Etagen immer schlanker. das Bauwerk war etwas besonderes. Die Erbauer, vermutlich die Zwerge, hatten lediglich die Vorder– und die Seitenteile vor der Felswand errichtet. Die einzelnen Absätze der Stufenpyramide ermöglichte den Zugang zu der Felswand. Von jeder dieser so entstandenen Terrassen führte jewails links und rechts ein Eingang, den man in den Felsen getrieben hatte, zu den einzelnen Regierungsbüros. Die Spitze der Pyramide bildete ein reich verzierter, goldener Torbogen. Dieser war der Durchgang zum Thronsaal und zu den Privatgemächern des Zwergenkönigs.

Dana verglich im Geiste die Pyramide mit den anderen Gebäuden in der Stadt. Es gab nichts Vergleichbares.

»Woher haben die Zwerge bloß die Idee für dieses Bauwerk?«, sinnierte sie.

Auf der rechten Seite lagen die Behördengebäude. Ja, auch Zwerge benötigen Verwaltung und dort hatte auch Olo seinen Arbeitsplatz. Dicht daneben, durch eine kleine Gasse getrennt, lag verschlafen das Museum mit der alten Bibliothek. Folgte man der Gasse, erreichte man die Labore, die Minen und Lagerräume. Man musste ja schließlich für schlechte Zeiten gerüstet sein. Traurig betrachtete Dana das Museum. Dort durfte sie nicht hinein, sie war noch zu jung.

Dana langweilte sich mittlerweile. Da Shari immer noch nicht zurück war, begann sie die gusseisernen Laternen zu zählen, die den Platz umsäumten. Danach betrachtete sie die beeindruckenden Mosaike, die überall auf dem Boden des Platzes zu sehen waren: durchweg angefertigt aus winzigen, verschiedenfarbigen Schmucksteinen.

Die Bilder erzählten die Geschichte der Zwerge, wie sie vor vielen tausenden von Jahren das Gebirge fanden und diesen Teil des weitläufigen Höhlensystems für sich als Lebensraum erschlossen hatten. Es gab Bildergeschichten, die Zwerge darstellten, wie sie gegen Ungeheuer und Drachen, Goblins und Trolle kämpften ... und natürlich siegten. Weitere Darstellungen zeigten Zwerge, die Berg– und Ackerbau und Viehzucht betrieben, und wiederum andere berichteten von Begegnungen mit Völkern aus der Außenwelt. Es gab auch Bilder von Tieren, die es nur in der Welt außerhalb des Gebirges gab.

»Es musste eine wilde Zeit gewesen sein«, überlegte Dana. Noch während sie die Bilder betrachtete, spürte sie ein leichtes Kribbeln im Nacken und das Medaillon erwärmte sich ein bisschen. Sie fasste nach dem Schmuckstück und sah sich um. Hinter ihr befand sich doch nur der Monolith, in dessen Nähe sie sich die ganze Zeit aufgehalten hatte. Dieser schien kurz aufzuleuchten – oder hatte sie sich das nur eingebildet?

Noch bevor Dana darauf reagieren konnte, kam Shari mit einer Handvoll Honigdrops zurück. Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch, als die kleine Fee sie anstupste und ihr ein paar Honigdrops in die Hand drückte. Das merkwürdige Gefühl und die Wärme des Medaillons waren indes verschwunden.

Sie merkte erst jetzt, wie spät sie dran war. Sie sprang von der Bank hoch und lief auf das Bürogebäude zu, in dem ihr Vater arbeitete.

Ein goldenes Schild im Eingangsbereich wies das Gebäude als Behörde für »Wissenschaft« aus. In der Eingangshalle hing eine weitere, viel größere Tafel, wo die einzelnen Fachrichtungen und ihre Mitarbeiter aufgeführt waren, um den Weg zu weisen. Die Richtung zu Olos Abteilung war natürlich auch aufgelistet.

»Schmiede und Erfindung – erster Stock – Bereich 2

– Zimmer 4«.

Sie kannte den Weg zu der Abteilung, in der Olo arbeitete, gut und brauchte die an der Tafel abgebildete Wegbeschreibung nicht. Sie sah sich kurz in der Halle um. Das ganze Gebäude war in einem Stück, mit viel Liebe zum Detail, aus dem Felsen herausgearbeitet worden. Der Fußboden war, wie schon der große Platz, mit alten, aus bunten Steinen hergestellten, Bildern verziert. Die Abbildungen zeigten Zwerge mit ihren Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik.

An den Wänden zeigten Bilder, unterbrochen von Verzierungen aus Gold und Edelsteinen, die Vorsitzenden dieser Behörde. Dana und Shari stiegen die Treppen hoch, wobei Shari natürlich flog. Die beiden wandten sich nach links und folgten dem Gang fast bis zum Ende. Immer wieder blieb Dana stehen und betrachtete die herrlichen Wandgemälde. Sie glichen jenen aus der Vorhalle. Doch zeigten diese ausnahmslos Zwergen mit ihren Erfindungen und wissenschaftlichen Entdeckungen.

Es gab auch Bilder von Zwergen, deren Entwicklungen etwas daneben waren, wie die von »Zeg dem Unterbelichteten«, der einen Steinhobel erfand, um Sand herzustellen, oder seinem Bruder »Zog dem Hohlen«, der danach den Sand in Amphoren abfüllte, um ihn so »platzsparend« zu stapeln.

Dana erreichte nun die Tür zu den Räumlichkeiten ihres Vaters, klopfte an und wartete, dass jemand sie hereinbitten würde. Sie musste nicht lange darauf warten, bis die Tür aufging. Toben, Olos Freund und Arbeitskollege und Danas »Pate«, öffnete und ließ sie eintreten.

Im selben Augenblick erscholl ein Chor aus kräftigen Zwergenstimmen, die ein Geburtstagslied zum Besten gaben, keinesfalls schön, aber laut. Zwerge können unzählige Dinge, singen gehört wohl nicht dazu. Dana blieb gerührt in der Tür stehen und wartete geduldig, bis das Ständchen der Zwerge beendet war. Sie war der Liebling der ganzen Abteilung und hatte bereits mit ihrem jugendlichen Wissen einige Erfindungen und Experimente vorangebracht.

Shari war viel zu aufgeregt, um zu warten, und flog zu einer Maschine in der Ecke, die große, bunte Seifenblasen produzierte. Es war eine von Danas Erfindungen.

Beunruhigt schaute sie ihrer kleinen Freundin hinterher.

»Hoffentlich kann sie sich heute benehmen.«

Sie beobachtete Shari weiter und erfreute sich gleichzeitig an den Seifenblasen, um sich von dem, immer lauter werden gut gemeinten „Gesang“, abzulenken.

»Paps hat das Problem mit der Beständigkeit der Blasen wohl gelöst. Sie gehen nicht sofort kaputt, wenn man sie berührt, sondern lösen sich erst nach einiger Zeit auf. Klasse!«, dachte sie, während der Gesang unangenehm in ihren Ohren schmerzte. Sie zwang sich dennoch ein Lächeln ab.

Inzwischen hatte der Chor der Mitarbeiter zu Ende gesungen und bedrängten nun Dana, um ihr persönlich zu gratulieren. Zuletzt kam Olo und schloss sie in seine kurzen aber kräftigen Arme:

»Alles Liebe und Gute zu deinem Geburtstag!«, sagte er mit einer angenehm tiefen Stimme und sprach mit einem Augenzwinkern weiter:

»Wir haben, auf Wunsch einer kleinen Lady, die Blasenmaschine perfektioniert. Freust du dich darüber? Es ist ja deine Erfindung.«

»Perfekt, Paps«, freute sich Dana. »Woher wusstest du, dass wir ...?«

»Mutter hat uns gewieselt.«

»Aha ..., und wo ist „Frau Hurtig“ jetzt?« Dana sah sich suchend um.

»Sie wird sich wohl irgendwo den Bauch vollschlagen!«, entgegnete Olo.

»Frau Hurtig« war ein Wiesel und gehörte zur Familie. Wiesel, Iltisse und Frettchen beförderten bei den Zwergen die Post und private Mitteilungen. Wer sich kein Tier hielt, benutzte »Die Nager Post«. Dort konnte man die Tiere zur Nachrichtenübermittlung ausleihen. Nachdem das geklärt war, schaute Olo sich suchend um.

»Wo ist dein kleines goldenes Libellchen? Wir haben ein paar kleine Geschenke für euch beide.«

Hier in der Abteilung war Sharis Spitzname »Gold–Libellchen«, weil keiner wusste, welcher Rasse sie angehörte und ihre Flügel an Libellenflügel erinnerte.

Dana sah sich nach Shari um und entdeckte sie, wie sie mit den Seifenblasen spielte und ihnen hinterher jagte. Sie rief Shari mit ihrer neuen Fähigkeit. Trotzig, wie sie nun mal war, folgte Shari nur widerwillig, kam schließlich aber doch angeflattert.

Shari setzte sich auf Danas Schulter und ließ sich tragen. Das Herumtollen mit den Blasen hatte sie wohl tatsächlich etwas ermüdet. So folgten beide Olo zu einem hübsch geschmückten Tisch, wo ein paar kleine Aufmerksamkeiten und ein Kuchen auf sie warteten. Shari, die viel zu aufgeregt war, um zu warten, durfte ihr Geschenk als Erste aufmachen. Es war eine aus Spinnenseide gefertigte Kombination, bestehend aus einer silbrig–weißen Weste und der dazu passenden Hose.

Shari musste sie sofort anprobieren und beides passte wie angegossen. Selbst die Löcher für die Flügel saßen an der richtigen Stelle. Dana, die währenddessen ihr Geschenk ausgepackt hatte, hielt nun ihrerseits einen Zweiteiler in Händen, selbstverständlich in ihrer Größe und die Seide ein paar Lagen dicker.

Olo erklärte ihnen: »Das Geheimnis um die Verarbeitung der Spinnenseide und die Herstellung von Kleidern aus dieser besonderen Naturseide kennt nur noch eine Zwergin im ganzen Reich. Die Seide haben meine Kollegen und ich über Jahre in den Höhlen gesammelt. Sie ist absolut reißfest, feuerbeständig und schmutzabweisend und wächst mit euch mit. Und die Kleidung ist ... – unkaputtbar – also ideal für euch beide. Außerdem kann Shari nicht ewig halbnackt durch die Gegend fliegen.«

Da nicht viele nahe genug an Shari herankamen, wussten auch nur wenige, dass Shari mit einem sehr kurzen, goldfarbenen Fell bedeckt war. Das Haarkleid reichte vom Hals bis zu den Fußknöcheln. Es sah von weitem wirklich so aus, als sei sie unbekleidet. Die einzigen »nackten Stellen« an ihr befanden sich nur im Gesicht, den Händen und an den Füßen, die natürlich auch golden glänzten.

Nachdem nun beide ihre neuen Sachen angezogen hatten, mussten sie sich von allen bewundern lassen. Selbstredend passte Dana die Kombination wie angegossen und sie betonte zusätzlich ihre durchtrainierte Figur. Anschließend, nach dieser Modenschau, wurde der Kuchen aufgeschnitten und ein süßes Honiggetränk dazu serviert. Danach öffnete Dana die beiden Gutscheine, die noch auf dem Tisch lagen.

Der erste enthielt eine Einladung zum Besuch des Museums. Dana wusste, dass der Aufenthalt dort eigentlich nur für erwachsene Zwerge oder Schulklassen genehmigt wurde. Und der zweite beinhaltete ein weiteres Einladungsschreiben für die nächste Expedition in die Tiefen der Höhlen.

Nachdem sie das vorgelesen hatte, kam ein Mitarbeiter von Olo und überreichte ihr einen kleinen Rucksack. Er enthielt einige Utensilien für Geologen. Geologie war eins von Danas Steckenpferden, das wussten alle. Der Ranzen bot, neben den Sachen, die Geologen nun mal brauchen, wie Pinsel, Lupe und einem kleinen Hammer, zusätzlichen Platz für Essen und Getränke.

Dana war richtig stolz und bedankte sich überschwänglich bei ihrem Vater und seinen Mitarbeitern. Sie sah sich nach Shari um. Die düste immer noch durch den großen Saal und jagte hinter den Seifenblasen her, um sie zu fangen. Viele der Mitarbeiter waren mittlerweile an ihre Arbeit zurückgekehrt. Sie bedienten Glaskolben, Rädchen und Kompressoren, die auf den verschiedenen Tischen verteilt waren. Sie waren nun wieder mit den unterschiedlichsten Experimenten beschäftigt. Dana sah sich das Treiben eine Weile an, als sie von Toben angesprochen wurde:

»Wie sieht es mit dir aus, bereit für das Museum? Ich bin für heute dein Begleiter. Olo muss leider noch einige Vorbereitungen treffen, da wir heute Nachmittag gemeinsam mit Dir auf Expedition gehen. ... Freust du dich schon darauf? ... Aufs Museum meine ich?«

Dana sah Toben grinsend an. »Klar! Schade nur, dass Paps so beschäftigt ist. Dafür habe ich ihn ja heute Nachmittag für mich ... Was ist eigentlich mit Gomek? Ich hatte ihm versprochen, dass er den Nachmittag mit uns verbringen kann!«, wollte sie unbedingt wissen. Toben schmunzelte:

»Mein Neffe hat für die Expedition freibekommen. Also wird er uns heute Nachmittag begleiten.«

Nun, nachdem das auch geklärt war, freute sie sich auf das, was vor ihr lag. Sie rief Shari und ergriff Tobens Hand.

»Lass uns gehen und erkläre mir alles.«

Kapitel 4

Das Museum

 

Sie verließen die Abteilung und nahmen den gleichen Weg zurück, den Dana vor knapp zwei Stunden gekommen war. Mittlerweile hatte sich auch Shari wieder eingefunden. Total erschöpft saß sie nun auf Danas Schulter und freute sich auf den Museumsbesuch, sie war schließlich ebenfalls noch nie dort gewesen. Sie durchschritten die Vorhalle und betraten den großen Platz, wo der Kristall sein warmes Licht verbreitete. Toben blieb stehen und wandte sich ihr zu. Er bot Dana höflich seinen Arm an. Freudig hakte sie sich unter und ging mit ihm auf den Haupteingang des Nachbargebäudes zu. Sie blieben kurz davor stehen und lasen, was auf dem goldenen Schild stand:


Museum und Bibliothek

Durchgehend geöffnet außer an Feiertagen.

Einlass nur für Erwachsene ab 120 Jahre

Schulklassen in Begleitung erwachsener Zwerge

und D A N A