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Nichts bezeichnet den Menschen mehr,

als das, wofür er niemals Zeit findet.

Isolde Kurz (1853-1944)

Isabella Backasch

Du wirst leben

Lena litt seit über drei Jahren an Leukämie, doch es kam ihr so vor als wäre sie schon immer krank gewesen. Kurz vor Lenas vierten Geburtstag war ihre alleinerziehende Mutter Anna bei einem Autounfall ums Leben gekommen und das Mädchen wurde im Kinderheim untergebracht. Lena erinnerte sich nur noch schemenhaft an Anna – den Duft ihrer Haut, an ihre sanften Hände, die ihre Haare zärtlich gestreichelt hatten.

Haare! Das Mädchen, dass heute blass und schwach in einem Bett der Kinderstation in der städtischen Klinik lag war erst acht Jahre alt, kahlköpfig von der Chemotherapie und beste Schülerin der zweiten Klasse der örtlichen Grundschule. Tatsächlich zum Unterricht erschienen war sie zusammengerechnet ein halbes Jahr. Die meiste Zeit lernte sie im Krankenbett. Ihre Mitschüler brachten ihr den Lernstoff alle paar Tage vorbei. In regelmäßigen Abständen kamen Lehrer und befragten sie zum Gelernten.

Durch das Fenster blickte Lena in einen schönen Park, der zur Klinik gehörte. Oft sah sie dort andere Kinder mit ihren Eltern spazieren gehen oder auf dem kleinen Spielplatz toben. Manchmal liefen Hunde fröhlich wedelnd über die Wiese. Im Herbst wurden die Blätter auf den Bäumen bunt und schimmerten in vielen Farben. Im Frühjahr wiesen sie ein sattes Hellgrün auf. Nur selten hatte Lena Kraft genug gehabt auch da draußen zu spielen.

Jetzt am 28. Februar ruhte die Natur; alles war kahl – wie Lenas Kopf. An diesem hatte sich Lena mit dem Gesicht vom Fenster weg gewandt. In ihren saphirgrünen Augen glänzten Tränen. Ihr Gesicht war immer noch gerötet vom Weinen, als Schwester Gabriela mit dem Abendbrot eintrat. „Die anderen sind schon zum Essen nach unten. Soll ich dich nicht auch hinbringen?“ „Nein“, flüsterte Lena. Gabriele schüttelte besorgt den Kopf. Heute war aus dem sonst so lebensbejahenden Kind kaum ein Wort herauszubekommen.

Was die freundliche Krankenschwester nicht wusste war, dass Lena letzte Nacht einen verstörenden Traum gehabt hatte. In diesem war ihr ein bildhübscher Engel im hellblauen Gewand erschienen und mit einer Stimme, die sich wie wohlklingende Glöckchen anhörte zugeflüstert: „Habe keine Angst mein Kind. Schon am ersten Tag des nächsten Monats bist du bei deiner Mama im Himmel.“ Daraufhin erschrak Lena zutiefst und erwachte schweißgebadet. Nein, sie wollte noch lange nicht sterben. Dafür war sie zu jung. Vielleicht irrte sich der Engel ja. Und wenn nicht, dann ... Lena erstarrte angsterfüllt. Dann wäre ihr Todestag schon morgen!

Als Lena am nächsten Tag erwachte war der 29. Februar. Das zeigte das neue Blatt des Abreißkalenders an. In ihrer Verzweiflung hatte das Mädchen vergessen, was sie über Schaltjahre wusste. Alle vier Jahre. Heute war es erneut so weit.

Die Zimmertür wurde aufgerissen und Gabriele lief aufgeregt rufend hinein: „Hallo, Lena du Faulpelz. Aufstehen. Waschen. Anziehen.“ „Ich kann nicht“, klagte Lena. „Oh, doch du kannst junge Dame!“, erwiderte Gabriele und schlug resolut Lenas Bettdecke auf. In diesem Moment bemerkte das Mädchen zu seinem Erstaunen, dass flugs viel mehr Energie in ihr steckte, als lange zuvor.

Eine halbe Stunde später fuhr Gabriele mit Lena in ihrem Auto in den Tierpark. Das Kind war extrem aufgeregt. Sie liebte Tiere sehr und das Ausflugsziel kam ihr mehr als gelegen.

Endlich waren die Beiden im Tierpark angekommen. Lena wunderte sich: Am Eingang des zoologischen Gartens verlangte niemand Eintritt. Im Park trugen alle Bäume saftig grüne Blätter und Blumen standen in voller Blüte. Obendrein war der Tierpark außerhalb seiner Saison geöffnet. Trotzdem waren Gabriele und Lena nicht die einzigen Besucher hier. An den meisten Tiergehegen drängten Grüppchen von Kindern in Begleitung Erwachsener. Vor der Bar und den Eisstand standen Leute Schlange. Kinderlachen erhallte und manchmal konnte man das Quengeln eines Babys vernehmen. Alle schienen sich prächtig zu amüsieren und das machte Lena Laune mitzumachen.

Zuerst besuchten sie die Raubtieranlagen. Lena staunte über die Größe, Kraft und Schnelligkeit der Löwen, Geparden, Leoparden und Jaguare. Als nächstes ging es zu den Affen. Bei den Schimpansen versuchte deren Boss – ein großes muskulöses Tier mit riesigen Zähnen – gerade die Gaffenden mit Sand zu bewerfen und zu bespucken. Es gelang ihm nie zu treffen und seine Verärgerung amüsierte das Publikum. Die Menschenmenge applaudierte und lachte fast ununterbrochen. Auch Lena krümmte sich vor Lachen. So viel Freude hatte sie lange nicht mehr gehabt. Bei den Kamelen und Lamas blieben Gabriele und Lena besonders lange stehen, denn der süße Tiernachwuchs fesselte ihre Aufmerksamkeit. Daraufhin machten sie erst mal eine Essenspause in der Bar. Erstaunlich war, dass die Mahlzeit sie, wie zuvor der Einlass, nichts kostete. Auch der Nachtisch, das Eis, war gratis zu ­haben.

Erfrischt begaben sie sich ins Streichelgehege. Hier gierten Esel und Ziegen nach Futter und Streicheleinheiten, die ihnen Lena erfreut zukommen ließ. Die kleinen Ziegenkinder sprangen einfach nur so aus Freude am Leben umher, während sich die Großen um Lenas Hand tummelten, um so viel Fressen zu erhaschen wie irgend möglich. Die raue Zunge der Tiere auf ihrer Handfläche bereitete Lena Gänsehaut und brachte sie zum Kichern.

Anschließend bewunderten Lena und ihre Begleiterin exotische und heimische Vögel in verschiedenen Größen und Farben. Am schönsten fand Lena die Flamingos mit ihrem rosa Gefieder und die stolzen Emus mit ihren Küken.

Zuallerletzt durfte Lena auf alle Spielgeräte, die sie mochte. Sie wählte die Riesenrutsche, die Autoscooter für Kinder, die Seilbahn sowie verschiedene Schaukeln. Einige nutzte sie mehrmals. Auf eine größere Schaukel in Form eines Paddelboots begab Lena sich mit Gabriele. Als sie abends den Tierpark verließen, war es für Ende Februar ungewöhnlich hell. Lena hatte vom Spielen gerötete Wangen, gleich einem gesunden Kind.

Nachdem sie das Ausgangstor des Tierparks passiert hatten, wurde es im Nu dunkel. Verwirrt suchte Lena nach Gabrielas Hand, die sie offenbar unbemerkt losgelassen hatte. Nichts. Gabriele war verschwunden. Just in diesem Augenblick begann etwas in rund zehn Metern Entfernung zu leuchten und zu blinken. Ein leiser Windhauch berührte Lenas Wangen und Rascheln wie von Flügeln drang in ihre Ohren. Der Engel von letzter Nacht war wieder da! Diesmal erschrak sich das Mädchen überhaupt nicht. Im Gegenteil; eine tiefe innere Ruhe und Frieden durchdrang ihren ganzen Körper. Sie fühlte sich glücklich, schwerelos und federleicht, wie noch nie in ihrem ganzen Leben. Der Engel lächelte milde und strich Lena sanft durch ihr blondes langes Haar, das wie selbstverständlich wieder ihr Köpfchen krönte und das hübsche Kindergesicht umrahmte. Dann ertönte erneut diese überirdisch schöne Stimme des Engels: „Lena du liebes Kind. Fürchte dich nicht, denn Gott liebt dich. Tauche auch du ein in seine allgegenwärtige Liebe und du wirst leben!“ Lenas Gesicht strahlte. „Ja!“, erwiderte sie verzückt. Sogleich schlug eine Kirchturmuhr Mitternacht und der erste März begann

* * *

The Believer

Erfahrung

„Wie macht er das nur?“, fragte ihn Marga von der Seite. „Ich habe viele Tricks gesehen, aber dies wirkt so unglaublich echt ...“

„Für mich ist die wichtigste Frage, warum er es macht“, antwortete er.

Sie schüttelte den Kopf. „Du immer mit Deiner Grübelei. Er kann es, hat Freude dran, verdient Geld damit, was weiß ich. Dass man als Physiker immer alles hinterfragen muss!“

Das Publikum klatschte. Thomas hörte es gar nicht. Er musste an neulich denken. Er hatte schon lange diese Idee.

Und dann dieser Traum. Hätte er darüber gesprochen, er hätte mit einem Schlag sein gesamtes Renommee verspielt. So etwas war nicht nur politisch und religiös inkorrekt, sondern aus Sicht eines Wissenschaftlers vollkommen überflüssig: Hypothesen sind schließlich nur dann weiter zu verfolgen, wenn ihr Inhalt durch Beobachtungen gestützt wird.

Marga zog an seinem Arm. „Hey, kommst du gar nicht? Es ist vorbei, ich wollte hier eigentlich nicht übernachten. Und wenn du morgen wieder so übermüdet ins Institut fährst, bekommst du nie deine Vollstelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter.“

Thomas stand geistesabwesend auf. Irgendetwas lenkte ihn ab. Er streifte sich seine Lederjacke über und wollte gerade hinter Marga auf den Flur treten, als ihm plötzlich auffiel, dass er von hinter dem inzwischen geschlossenen Vorhang aus angesehen wurde.

Er sah es nicht, er wusste es einfach.

„Könntest du bitte schon mal vorgehen, ich glaube, ich habe noch etwas vergessen“, murmelte er. Die Antwort verlor sich in seinem Drang, auf die Bühne zu gehen. Hier war etwas, welches seinem Bild der Dinge näher kam als alles, was er bisher erlebt hatte, dachte er, als er seitlich hinter den Vorhang trat.

Und dort stand er. Kleinwüchsig und im Sinne einer westlichen Ideologie unscheinbar. Doch etwas war anders. Eben noch hatte er Gegenstände berührungslos in der Form verändert und sie durch Stahlplatten gleiten lassen. Jetzt wirkte er müde und traurig, fast resigniert – dies aber mit einer solchen fast majestätischen Präsenz, dass Thomas sich einen Moment lang wünschte, er wäre vorher umgekehrt. Doch nun gab es kein Zurück.

„Du tust im Grunde dasselbe wie ich“, sagte er. „Wir sind beide Ketzer. Und du weißt es.“

„Wer bist du?“

„Es ist deine Erfahrung, die dir die Frage beantwortet, bevor du sie formuliert hast. Dies erscheint dir unmöglich, und auf einer gewissen Ebene ist es das auch. Aber eigentlich lautet deine Frage »Wer bin ich?«“

Dieser Mann kannte ihn. Er schien geradewegs durch ihn hindurchzusehen. Thomas schwieg und hörte zu.

„Du hast begriffen, dass es einen weiteren Grund für die Rotverschiebung geben kann als die ständige Ausdehnung des Alls.“

Thomas konnte kaum Atem holen. Fasziniert wie er war, fühlte er sich klein. Viel kleiner als dieser winzige Jemand dort, der einen Stier mit seiner Präsenz auf die Knie gezwungen hätte. Seine Gedanken schwangen mit jedem Wort in Resonanz. Es war gut.

Der Mann lächelte auf eine traurig-wissende, fast buddhistische Weise. „Wenn das Universum aber tatsächlich stationär ist, bedeutet dies, dass Licht auf seiner Reise ständig langsam Energie an einen Äther abgibt. Ihr Kosmologen und Teilchenphysiker wisst ja schon länger, dass die Gleichungen des Universums einfacher werden, wenn man sie in zehn Dimensionen einbettet. Michelson und Morley konnten den Äther nicht nachweisen, er existiert nicht in drei Dimensionen. Stell dir ein paar parallel im Raum schwebende Stahlplatten vor, solche wie ich sie vorhin während der Vorstellung benutzt habe. Solange man sich nur parallel zu ihnen in zwei Dimensionen durch den Raum bewegt, gibt es keinen Widerstand. Bewegt man sich jedoch in der dritten Dimension, stößt man bald an eine von ihnen und bringt sie zum Schwingen.“

Thomas verstand. Licht schwingt in mehr als drei Dimensionen, und es gibt dabei Energie ab. Genau wie in seinem Traum. Da diese Energie aber nirgends mehr auftaucht, bedeutet das, das Universum verliert ständig Energie. Wenn nun die Gesetze der Thermodynamik in einem stationären Universum noch gelten sollen, muss es ein offenes System sein. Dies aber würde heißen ...

„Du hast auch hier Recht. Das Beobachten eines Systems nimmt bekannterweise immer Einfluss auf das System. Der Äther wird von uns verwendet, um den Zustand deines Universums kontinuierlich zu messen.“

Thomas hatte das dumpfe Gefühl, dass ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Er fiel jedoch nicht um, sondern musste die ganze Zeit wie gebannt in das lächelnde Gesicht vor ihm schauen. Wie in Trance hörte er sich sagen: „Es gab also keinen Urknall. Ihr habt uns geschaffen.“

„Nicht direkt. Es gab zu Beginn nur wenige Parameter. Einer davon war die Blindheit aller Dinge für mehr als drei, sagen wir vier, Dimensionen. Die Erfahrung lehrte uns, dass man, wenn man schon Einfluss auf ein Experiment nehmen muss, es so gestalten sollte, dass es innerhalb des Experiments nicht auffällt. Sonst verfälscht man das Ergebnis. Euer sich entwickelnder Geist ist jedoch seit einiger Zeit dabei, sich davon zu lösen und hinter die Illusion zu blicken, obwohl Eure Sinne dazu nicht in der Lage sind. Die meisten von uns hielten dies für unmöglich. Es gibt jedoch auch einige, die genau darauf gehofft haben. Ich gehöre zu letzteren, weswegen ich mich entschlossen habe, in das Experiment einzugreifen – auch wenn ich damit ein Tabu breche.“

„Ich bin also ein Gefangener.“

„Nicht so, wie du es dir vorstellst. Aus Sicht deiner Welt bist du sogar das genaue Gegenteil, da du die Fähigkeit hast, die Mauern des Käfigs wahrzunehmen und sie einfach zu überklettern. Die anderen, die dort vor dem Vorhang waren, sind in deinem Sinn gefangen – die einen mehr, die anderen weniger. Leider ist das Ganze ein wenig komplizierter. Denn nicht nur ihr seid begrenzt. Dies ist ja genau der Grund dafür, dass es Euch gibt. Wenn man aber seine Grenzen nicht als gegeben hinnimmt, wird man kreativ, einfallsreich und in diesem Sinne völlig frei. Und damit seid ihr genauso sehr Schöpfer wie wir.“

„Du willst mir sagen, dass es uns gibt, weil ihr und wir dieselben Fragen haben?“

„Dieselbe Frage: »Wer bin ich?« Unsere Erfahrung hat uns gezeigt, dass ohne ihre Beantwortung alle anderen Fragen unwichtig sind.“

*

„Es tut uns wirklich leid, Frau Setarkos. Wir haben alles versucht“, sagte der Polizist.

„Aber er kann doch nicht einfach vom Erdboden verschluckt worden sein!“, schrie Marga fassungslos und schlug mit der Faust gegen die kahle Wand des Reviers. „Sie suchen schon seit Tagen und haben noch nicht mal ein Kleidungsstück gefunden. Sogar in meiner Heimat sind die Behörden fähiger!“

Der Beamte zeigte eine Mischung aus Mitgefühl und Genervtheit. „Seine Spur verliert sich vollkommen in den Mauern des Theaters. Wir können Ihnen in dieser Sache leider nicht mehr weiterhelfen.“

* * *

Bibi Bellinda

Zeitfragen

Ist ein Zeitvertreib vertriebene Zeitwahrnehmung oder das Aus­lösen eines Zeitverzugs?

Können wir mit Zeitrahmen Zeit einfassen und als Zeitbilder aufhängen?

Warum verwenden wir Zeitwörter, ohne Zeitzeichen zu verstehen?

Ist Zeitordnung unser Versuch, die Zeit zu ordnen? Ist sie noch nicht ordentlich genug?

Positionieren wir mit einer Zeitverschiebung die Zeit um, oder verschiebt sie uns dabei? Und wohin?

Ist versuchtes Zeitmanagement Ausdruck der Managerkrankheit?

Welcher Arzt verschreibt Zeitkapseln, wenn wir mehr Zeit brauchen?

Dient eine Zeitmaschine der Zeitproduktion? Oder einer Umwandlung? Oder Haltbarmachung?

Lässt sich mit einem Zeitschalter die Geschwindigkeit der Zeit verändern?

Trainiert eine Zeitdilatation die Muskeln der Zeit?

Ist ein Zeitlauf auch Teil des Zeittrainings? Wie können wir dabei einen Zeitverlauf verhindern?

Und wie groß ist der Zeitraum, in dem die Zeit sich verlaufen kann?

Wie weit springt die Zeit bei einem Zeitsprung?

Wie groß muss mein Zeitvorsprung sein, damit die Zeit mich nicht einholt?

Wovon ernährt sich die Zeit, um ihrem Zeitgeschmack gerecht zu werden?

Und wie kreativ ist sie in der Gestaltung ihres Zeitkolorits?

Traut die Zeit ihrem eigenen Gefühl? Und können wir uns auf ihr Zeitgefühl verlassen, oder sollten wir ihr vor jeder Reise eine Zeitkarte mit auf ihren Weg geben?

Sind Zeitumstellungen auch Zeitreisen?

Wie wandelbar sind Zeitformen?

Was fehlt der Zeit bei einem Zeitmangel?

Gewinnen wir Zeitnähe durch Verwendung einer Zeitlupe?

Welcher Zeitabstand empfiehlt sich im Umgang mit der Zeit?

Wie viel Zeitkritik verträgt sie?

Warum sind wir so oft Leidtragende von Zeitdifferenzen?

Ist ein Zeitnehmer jemand, der sich Zeit nimmt? Aber wessen Zeit? Vielleicht gar unsere?

Warum wird Zeitdiebstahl strafrechtlich nicht belangt?

Flüchten Zeitdiebe aus Zeitfenstern?

Entstehen Zeitlöcher durch Zeitfresser?

Macht ein Zeitverlust zeitlos?

Entschwebt ein Zeitgeist in die Zeitlichkeit?

* * *

Uwe Dittmer

Ein geschenkter Tag
und irdische Gedanken dazu!

Die Welt ist rund, die Welt ist schön.

Schön ist‘s, sie aus dem All zu sehen

So klein, zerbrechlich und so blau.

Doch unsre Erde, sie schreit: „Au“

„Autsch, was tut ihr mir so weh?

Und grabt tief in mich hinein?

Ich bitte Euch, ach nein, ich fleh ...

Lasst dieses doch endlich sein!

Kein Fracking mehr, kein Stechen, Bohren!

Lasst, was meins ist in mir drinn‘

Sonst hab‘ nicht nur ich verloren

Nein, auch Ihr geht mit mir hin!

Da ich weiß; Der Mensch braucht Zeit!

Gebe ich – alle vier Jahre

Das schon seit einer Ewigkeit –

Euch, dieses so wunderbare ...

„Zeitgeschenk“ – Ein ganzer Tag

Steht für Euch dann zur Verfügung

Den Ihr nutzen könnt – sehr stark.

Nein, nicht nur zu dem Vergnügen!

Geht in Euch, denkt bitte nach.

Nutzt das Hirn und den Verstand!

Den ihr habt, denn sonst lieg flach;

Ich, die Welt – Euch Erdenland!“

Die Welt ist rund, die Welt ist schön.

Schön ist‘s, sie aus dem All zu sehen

So klein, zerbrechlich und so blau.

Doch unsre Erde, sie schreit: „Au“

* * *

Uwe Dittmer

Spatz‘l, du

Spatz‘l, du ...

Komm, lass‘ uns kuscheln!

Weißt, wir haben so viel Zeit.

Heute noch ...

Denn unsre Welt

Hält Tolles nun für uns bereit!

Ein ganzer Tag, ein schöner Tag

Er ist für uns zwei

Nur gemacht!

Wurd‘ uns geschenkt

Und ohne Frag‘

Es ist mein Herz‘l, das jetzt lacht.

Spatz‘l, du ...

Heute drei Jahre

Sind wir beide jetzt zusammen.

Und weißt ...

Ich werde nie vergessen

Wie es mit uns angefangen.

Ein ganzer Tag, ein schöner Tag

Er ist für uns zwei Nur gemacht!

Wurd‘ uns geschenkt

Und ohne Frag‘

Es ist mein Herz‘l, das jetzt lacht.

Du, du Spatz‘l du ...

Komm, lass‘ uns kuscheln!

Die ganze Nacht, bis Morgenfrüh.

Und anschließend

Suchen wir Muscheln ...

Am Strand. Ich freue mich, und wie!

Ein ganzer Tag, ein schöner Tag

Er ist für uns zwei

Nur gemacht!

Wurd‘ uns geschenkt

Und ohne Frag‘

Es ist mein Herz‘l, das jetzt lacht.

Spatz‘l, du ...

Ich liebe Dich.

Ohne Dich, was wäre bloß?

Und weißt ...

Darum berühre ich

Dich in deinem Schoß!

Ein ganzer Tag, ein schöner Tag

Er ist für uns zwei

Nur gemacht!

Wurd‘ uns geschenkt

Und ohne Frag‘

Es ist mein Herz‘l, das jetzt lacht.

Ein ganzer Tag!

Der „Liebe Gott“

Hat einen Tag uns zwei‘n geschenkt.

Weit du ...

der 29. Februar

Soll sein für uns, von Glück durchtränkt.

* * *

Andrea Egger

Ein geschenkter Tag

(Eine Anleitung)

Wandern durch den Bücherwald

an jedem Beistrich innehalten.

manchmal über Zeilen stolpern;

auf der Leselichtung rasten.

Dann  – im weitergehen –

unter Satzsonnen gereifte

Silben pflücken; –

Sinnsaft nach dem Pressen

sorgsam ins Papierglas schütten:

Mit dem Wortwein anstoßen

auf den (v)erlesenen Tag

* * *

Frederik Elting

Einfach so

An einem Tag,

diesem geschenkten Tag,

an dem die Erde 2580822 Kilometer um die Sonne fliegt,

im Quasar J1148+5251 zwei Sonnen entstehen und

in deinem Körper 60 Milliarden neue Zellen ...

Warum schaffst du es nicht aus dem Bett?

An einem Tag,

der aus 24 Stunden besteht,

in jeder Stunde

die „New Horizons“-Sonde 58358 Kilometer weit fliegt,

2666667 Whatsapp-Nachrichten verschickt werden

und 4 Arten aussterben ...

Warum rufst du keinen Freund an?

An einem Tag,

der aus 1440 Minuten besteht,

in jeder Minute

150 Menschen mehr auf Erden wandeln,

das Herz des Kanarienvogels 1000 mal schlägt

und die Sonne 33840000000 Tonnen Wasserstoff ­fusioniert ...

Warum fragst du dein Kind nicht, wie sein Tag war?

An einem Tag,

der aus 86400 Sekunden besteht,

in jeder Sekunde

Usain Bolt 10,44 Meter weit laufen kann,

das Licht sogar 299792458 Meter

und die Weltwirtschaft 444 Geschosse herstellt ...

Warum schenkst du niemandem dein Lächeln?

* * *