Impressum

eBook, November 2015

Erstausgabe

Copyright © 2015 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Theodor Boder

Illustration: Adobe Stock

ISBN 978-3-905802-60-3

www.boderverlag.ch

Vorwort

Eine gute Kurzgeschichte zeichnet sich meiner Meinung nach insbesondere dadurch aus, dass sie eher auf einen notwendigen Satz verzichtet, als dass sie sich dazu verleiten lässt, auch nur einen einzigen überflüssigen Satz zu verwenden. Sie kann auch im Ganzen aus einem einzigen Satz bestehen, wenn es eben kein überflüssiger ist. Die besten Kurzgeschichten sind diejenigen, deren Autoren nicht nur einen Ausweg aus diesem Dilemma gesucht, sondern auch gefunden haben. Natürlich füge ich, der Verfasser dieser kleinen Schrift, direkt hinzu, dass ich weder einen Ausweg noch Sonstiges suchte, trotzdem aber fündig wurde. Ach, würde doch der geneigte Leser mir zustimmen können – sei es nun in Bezug auf die erste oder zweite oder dritte oder vierte Bemerkung, meinethalben auch auf alle.

Eine Geschichte, die etwas länger ist – ich meine damit einen Umfang, der sich über tausend Druckseiten und mehr erstrecken kann –, bezeichne ich als gelungen, wenn sie fertig ist, bevor sie anfängt zu langweilen. Sagt sich so einfach. Erschwerend kommt freilich hinzu, dass nicht deren Länge von maßgeblicher Bedeutung ist, sondern die literarische Qualität. Womit wir wieder bei der Kurzgeschichte wären.

Eine besteht aus vier Wörtern (inklusive Titel). Es waren in dem speziellen Fall halt nicht mehr erforderlich. Sie haben genügt, um eine „Geschichte“ zu erzählen und das wirklich „kurz“. Gewissermaßen eine Sekundenangelegenheit, was der Sache ja keinen Abbruch tut: denn so, wie der Ozean eine Vielzahl von Tropfen ist, so ist das Leben eine Vielzahl von Sekunden.

Rudolf Nedzit

Eine Minute

Sechzig Sekunden also. Viel zu viele für den Gefolterten, viel zu wenige für den Verliebten. Die gleiche Spanne Zeit, doch nicht die selbe. Jede einzelne Sekunde eingebettet in unser Leben, doch schon vergangen im Zeitpunkt ihrer Entstehung. Vergänglich wie das Leben selbst, untrennbar verbunden mit Unerklärlichem – dabei so klar in ihrer Beschaffenheit, die aber im Kern zu definieren noch keiner menschlichen Seele gelungen ist, weil man andere Maßstäbe bevorzugt, Epochen zum Beispiel.

Was bleibt, ist das, was vergeht. Die Sekunde lässt uns das hautnah erfahren. Sie drängt sich uns aber nicht auf. Sie räumt uns stattdessen die Option ein, sie zu verinnerlichen: kein schlechtes Angebot an den zeitflüchtigen Menschen.

Ein sich neigendes Leben

Sie war schon immer die Stärkere gewesen, lustig, optimistisch. Sie war schon immer irgendwie mit dem Leben zurechtgekommen, ihrem, seinem. Er war schon immer kopflastig gewesen, zurückhaltend, etwas weltfremd, etwas wehleidig. Daran hatte sich auch, das stand nunmehr fest, bis zu ihrer Goldenen Hochzeit nichts geändert, und daran würde sich wohl auch nichts mehr, das durfte man vermuten, bis zu ihrer Diamantenen Hochzeit ändern, wenn sie diese denn noch erleben sollten; auszuschließen war das nicht, sie hatten früh genug geheiratet, waren beide noch rüstig, es war also möglich, ja, sogar wahrscheinlich. Zehn Jahre. Einerseits viel, andererseits wenig, dachte er. Eher wenig, wenn man sich vor Augen führte, wie rasend schnell die vorherigen Jahre verflogen waren, blickte man auf sie zurück. Man konnte es fast nicht glauben: Nun waren sie bereits fünfzig Jahre verheiratet. Wo waren denn all die Jahre hin? Was hatte man denn eigentlich in der ganzen Zeit, mit der ganzen Zeit getan? Rhetorische Fragen, selbstverständlich. Trotzdem blieben es Fragen. Aber die Kinder waren hierauf allemal Antwort genug. Wenn auch ein jedes seit vielen Jahren sein eigenes Leben führte, ein jedes woanders und alle weit weg, so blieben es doch die Kinder. Nun sind wir schon fünfzig Jahre verheiratet, dachte sie. Wie unglaublich schnell die Zeit doch vergangen war. Eine schöne Zeit, nicht immer leicht, natürlich nicht immer leicht, aber schön war sie doch gewesen. Wie viele gemeinsame Jahre würden ihnen wohl noch vergönnt sein? Zehn, fünfzehn, vielleicht sogar zwanzig? Wie dem auch sei, die Hauptsache blieb, sie waren zusammen. Und den Kindern, jedem Einzelnen, ging es gut, ein jedes hatte seinen Weg im Leben gemacht, das beruhigte, denn man konnte mit Jahren kalkulieren soviel man wollte, schon morgen könnte alles zu Ende sein, so war es gut, zu wissen, dass man als Eltern seine Lebensaufgabe erfüllt hatte.

Zwölf. Zwölf Jahre. Zwölf gemeinsame Jahre waren ihnen noch vergönnt gewesen. Wenn sie nun sein Grab aufsuchte, fast täglich, dann sprach sie in Gedanken mit ihrem Kurt, diesem Menschen, der ihr Mann gewesen war, ihr Leben lang, sein Leben lang. Ja, ihm hatte die Lebensfreude gefehlt, er nahm das Leben oft zu ernst, er zog sich allzu schnell in sich zurück, er wollte sich keinen Konflikten aussetzen, und gerade dadurch schuf er sich doch solche. Dann war es wieder an ihr gewesen, die Sache zu richten, und sie tat es gerne, sie hatte Kraft für zwei. Liebe kräftigt. Die Menschen sind nun mal verschieden, dachte sie, und das war von der Natur auch klug ausgedacht, denn es schien das Zusammenleben eher zu begünstigen, als dass es diesem schadete. Er war also ihr Mann gewesen, er war es noch immer. Bald schon würde sie ihm folgen, sie spürte es, sie fühlte es, sie wusste es. Und wenn sie dann wieder bei ihm wäre, wenn sie wieder zusammen wären, so wie sie es die Jahrzehnte zuvor gewesen waren, dieses Mal aber für Jahrtausende, dann, so kam es ihr vor, wäre es so, als ob nicht zwei Leben ihr Ende gefunden hätten, sondern nur eines, denn ihrer beider Leben war doch nur EIN Leben gewesen, nicht wahr?