Mark S. Cole

Vergangenheit und Gegenwart

Thriller

Erzählungen und Kurzgeschichten

 

 

 

„Der Mensch ist das einzige Tier, das erröten kann und auch allen Grund dazu hat.“

Mark Twain

 

 

 

Mondschein Corona – Verlag

Bei uns fühlen sich alle Genres zu Hause.

 

 

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

 

 

1. Auflage

Erstausgabe Juni 2016

© 2016 für die Ausgabe Mondschein Corona

Verlag, Plochingen

Alle Rechte vorbehalten

Autor: Mark S. Cole

Lektorat/Korrektorat: Gudrun Meyerling

Covergestaltung: Finisia Moschiano

Buchgestaltung: Finisia Moschiano
Umschlaggestaltung: Finisia Moschiano

 

Dieses Buch enthält teilweise fiktive Geschichten, die von realen Ereignissen inspiriert sind. Jegliche Ähnlichkeiten mit Personen, lebend oder tot, sind zufällig.

 

ISBN: 978-3-96068-011-6

 

© Die Rechte des Textes liegen beim Autor und Verlag

 

Mondschein Corona Verlag

Finisia Moschiano und Michael Kruschina GbR

Teckstraße 26

73207 Plochingen

www.mondschein-corona.de

 

Inhaltsverzeichnis

Widmung

Die Rache ist mein

Kein Entkommen

Good Times!

Payback

Künstlerpech

Für den Augenblick

Girlfriend Experience

Kontakt

Pest und Cholera

Die Definition von Wahnsinn

Vergangenheit und Gegenwart

Eine Frage des Glaubens

Praktikantenleben

Eine Blume aus dem Paradies

Aus dem Leben eines Biedermanns

Weihnachtseinkäufe

Die dunkle Seite des Mondes

Phase eins

Feuerprobe

Schattenspiele

Und wieder ein Tag im Paradies

Bauchgefühl

Danksagung

 

Widmung

 

Für Marta und Mom, die immer an mich geglaubt und mich angetrieben haben, wenn ich selber nicht mehr daran geglaubt habe.

 

Die Rache ist mein

 

Als Hamid die Augen öffnete, wusste er für einen kurzen Moment nicht, wo er sich befand. Er wusste nur, dass er nicht allein war, dass jemand dieses Schicksal mit ihm teilte.

Dann kam alles im Bruchteil von einer Sekunde wieder zurück.

Der weiße Toyota … Mahmoud … der Kofferraum …

Allerdings bekam er nicht die Gelegenheit, sich weiter darüber Gedanken zu machen. Das Quietschen der Bremsen war die einzige Warnung, die die beiden Jungen im Kofferraum erhielten, als der Fahrer in die Eisen stieg. Hamid hatte noch reagieren können, doch Mahmoud war nicht so gesegnet gewesen und hatte sich den Kopf an der Wand des ausgeschlachteten Innenraums gestoßen. Leise fluchend tastete er im Zwielicht nach der Stelle an seinem Hinterkopf.

Hamid hingegen stieß ein erleichtertes Gebet aus und dankte dem Allmächtigen und seinem Propheten, dass die Tortur endlich ein Ende hatte. Gefühlte zwei Stunden hatten die beiden Sechzehnjährigen, eingezwängt wie Sardinen, in ihrem eigenen Saft geschmort. Bei der Aussicht, sich wieder frei bewegen zu können, kam Hamid sich wie ein Verdurstender vor, der nach endlosen Qualen in der Wüste am Horizont eine Oase ausgemacht hatte. Vor allem, wenn er bedachte, welche Abneigung er gegenüber engen Räumen hatte.

Als die Kofferraumklappe jedoch aufgerissen wurde und die Sonne wie ein Feuerball direkt auf sein Gesicht herabstrahlte, glaubte er, das gleißende Licht könnte ihm die Augäpfel wegbrennen. Blinzelnd schaute er in die harten, wettergegerbten Gesichter dreier Männer in verstaubter Straßenkleidung. Jegliche Gefühlsregung blieb hinter ihren langen Bärten und den schwarzen Sonnenbrillen verborgen.

Sie verharrten eine Weile und Hamid spürte, wie sich trotz der dunklen Gläser ihre prüfenden Blicke in sein Fleisch bohrten. Er wagte es nicht, auch nur einen Muskel zu bewegen, bis die Lippen des Fahrers den Weg für zwei gelbe Zahnreihen freimachten. Der Mann zu seiner Linken flüsterte ihm etwas ins Ohr. Hamid verstand nur die Worte „Kinder“ und „Kanonenfutter“, bevor die drei Männer zunächst ihm und dann Mahmoud aus dem Kofferraum halfen.

„Wo sind wir?“, fragte er schließlich mit trockener Kehle.

Die bestenfalls holprige Fahrt hatte Hamid bereits verraten, dass sie Gaza-Stadt verlassen und querfeldein durchs Gelände gerast waren.

Der Landschaft nach zu urteilen, schienen sie sich irgendwo im Nirgendwo unweit der israelischen Grenze aufzuhalten. Doch mit Sicherheit konnte Hamid das nicht sagen, da ihre Position von unzähligen Hügeln aus Sand und Stein verborgen war, die es ihm unmöglich machten, ihren Aufenthaltsort genauer zu bestimmen.

Nicht einmal die Mauer, die uns von der Außenwelt wie Tiere in einem Käfig abschottet, lässt sich von hier erkennen.

„Es ist besser, wenn ihr es nicht wisst“, erwiderte ihr Fahrer mit heiserer Stimme. Einer Stimme, die sich selbst in vorderster Linie Gehör verschaffte.

In dieser Hinsicht hatte der Namenlose mit der Hakennase und den muskulösen Schultern ganze Arbeit geleistet. Nachdem er die beiden Jungen eingesammelt und wie Gepäck im Kofferraum verstaut hatte, war er so lange im Kreis gefahren, bis Hamid jegliche Orientierung verloren hatte.

„Wir haben uns nicht umsonst die Mühe gemacht“, fuhr der Mann fort, der ein paar Zoll kleiner als Hamid war, „damit ihr den Eingang so einfach herausposaunen könnt, falls ihr den Ungläubigen in die Hände fallen solltet.“

Niemals, dachte Hamid verbittert. Ich werde töten oder sterben, aber niemals werde ich mich gefangen nehmen lassen. Niemals!

„Eingang?“, nuschelte der Junge mit dem karamellfarbenen Fladenbrotgesicht neben ihm und hielt nach etwas Ausschau, das auch nur im Entferntesten den Anschein einer Tür erweckte.

Der Fahrer zog es vor, nicht auf Mahmouds Frage einzugehen. Stattdessen warf er einem der anderen Männer den Autoschlüssel zu. „Ich will meinen Wagen in einem Stück wieder zurückbekommen … in einem Stück“, mahnte er, bevor er ihnen stumm beim Einsteigen zusah.

Der Toyota sprang mit einem Raunen an und war innerhalb weniger Sekunden hinter dem nächsten Hügel verschwunden. Nur die Staubwolke, die der Wagen jenseits der spärlich bewachsenen Hügelkuppen aufwirbelte, zeugte noch von seiner Existenz.

Wortlos signalisierte der Fahrer den beiden Jungen, ihm zu folgen.

Kritisch beäugte Hamid einen undeutlichen Pfad, den der Toyota noch vor ein paar Augenblicken verdeckt hatte. Keine zwanzig Schritte später fiel das Terrain plötzlich stark ab. Die Senke war vielleicht zehn bis fünfzehn Meter tief und hatte einen Durchmesser von etwa zwanzig Metern. Mit ihren drei Terrassen, die in die umliegenden Felswände geschlagen worden waren, erinnerten sie an einen antiken Steinbruch.

„Sehr beeindruckend.“ Hamids Ton deutete auf das genaue Gegenteil hin, während seine Augen unablässig nach dem Eingang suchten, von dem der Fahrer gesprochen hatte.

„In der Tat.“ Der Mann zuckte selbst unbeeindruckt mit den Schultern. „Allerdings können wir uns diesen Verdienst nicht anrechnen lassen.“ Der Fahrer bot keine weitere Erklärung an und Hamid war auch nicht danach, eine zu verlangen – stattdessen konzentrierte er sich auf den Weg vor ihm.

Kaum sichtbare Stufen waren in die Terrassen geschlagen, die den Abstieg auf dem rutschigen Gemisch aus Stein, Geröll und Sand erheblich erleichterten. „Wofür wir allerdings den Ruhm einheimsen können …“ Die Stimme des Fahrers verstummte, als er mit der Hand in den hintersten Winkel der Senke wies.

Abgesehen vom Sandstein, der dort ein wenig dunkler zu sein schien, fiel Hamid nichts Besonderes auf. Letztlich schrieb er es den Schatten zu, die wie transparente Schleier über jenem Teil der Senke hingen.

Der Fahrer hielt jedoch unvermindert auf den hintersten Winkel zu. Hamid runzelte misstrauisch die Stirn und warf Mahmoud einen fragenden Seitenblick zu. Der ehemalige Nachbarsjunge zuckte nur mit den Achseln und folgte dem Fahrer blind, als wollte er sagen: „Er weiß schon, was er tut.“

Und das tat der Fahrer auch. Zu seiner eigenen Überraschung erkannte Hamid die kleine Einbuchtung im Stein erst, als er unmittelbar vor der Felswand stand. Aufgewehter Sand hatte die Öffnung so verdeckt, dass ihre Tarnung beinahe makellos war. Gerade einmal so breit, dass ein erwachsener Mann sich kriechend hindurchzwängen konnte.

„Sesam, öffne dich“, sagte der Fahrer augenscheinlich amüsiert, als er die Schamesröte studierte, die die eindeutige Zweideutigkeit seiner Worte in den Gesichtern der beiden Jungen hinterließ. „Keine falsche Scheu“, ermunterte er sie. „Habt ein wenig Vertrauen und ich werde euch den Weg ins Paradies zeigen.“

Hamid trat zögerlich von einem Bein aufs andere. Die Aussicht, sich unterhalb von Tonnen von Gestein aufzuhalten und wie ein Maulwurf durch enge Gänge zu zwängen, behagte ihm ganz und gar nicht. Dem bleichen Ausdruck auf Mahmouds Gesicht nach zu urteilen, war dem Jungen neben ihm auch nicht gerade nach Freudensprüngen zumute.

„Nur die ersten Meter sind etwas unbehaglich.“ Dem Fahrer waren ihre Vorbehalte nicht entgangen. „Die Verengungen sind ein einfaches Mittel, um den Eingang effektiver verteidigen zu können.“ Mit den Worten machte er den Anfang und war bereits einen Augenblick später im Tunnelmund verschwunden.

Hamid schämte sich für seinen Moment der Schwäche. Er war aus einem Grund und einem Grund allein hier und seine lächerliche Angst vor engen Räumen würde ihn nicht daran hindern, sein Versprechen zu erfüllen, das er im Schutt seines Elternhauses gegeben hatte.

Er atmete dreimal tief durch, ging auf die Knie und folgte dem Fahrer durch das Loch in der Felswand. Doch sobald seine Schultern die engen Betonwände im Halbdunkel des Tunnels berührten, brach die Platzangst wie eine Brandungswelle über ihn hinein. Die Panik, die er noch im Kofferraum unterdrückt hatte, ließ sich jetzt nicht mehr kontrollieren. Sein ganzer Körper begann zu zittern. Schweißperlen fielen wie Starkregen von seiner Stirn in den feinen Sandboden. Innerhalb von ein paar unregelmäßigen Atemzügen war er von Kopf bis Fuß klitschnass.

In einem endlosen Moment der Überwindung zwang er sich, den Blick nach vorne zu richten. Das Licht war keine fünf Meter von ihm entfernt und dennoch schien es unerreichbar. Nein, mit jedem rasenden Herzschlag schien es sich weiter von ihm zu entfernen, als wäre er ein Ertrinkender, der trotz seiner verzweifelten Bemühungen von der Strömung immer weiter hinaus aufs Meer getrieben wurde.

Hinter sich hörte er eine Stimme, doch die Worte waren nicht mehr als ein Rauschen in seinen Ohren, bis ihm plötzlich Bilder in den Kopf schossen. Bilder von einem leblosen Mädchen auf einer Trage. Bilder von entstellten Körpern, die wie geschlachtetes Vieh nebeneinander aufgereiht worden waren. Bilder von weißen Leichentüchern, die über starre Gesichter gezogen wurden.

Zorn fegte über seinen gelähmten Körper hinweg und brachte seine Glieder in Bewegung.

Die nächsten Augenblicke waren nichts weiter als verschwommene Eindrücke, die an ihm vorbeizogen. Ohne auch nur zu wissen, wann oder wie er es in den breiteren Innenraum des Tunnels geschafft hatte, wischte er sich erschöpft den Schweiß von der Stirn und rappelte sich unsicher auf.

„Alles in Ordnung, Junge?“, fragte der Fahrer mit einer Abwesenheit von Mitgefühl in der Stimme, die Hamid den Schweiß im Nacken gefrieren ließ.

„Ich habe es nicht so mit engen Räumen“, erwiderte Hamid keuchend.

„Das kann ich sehen.“

„Vor Jahren war ich während eines Luftangriffs in einem Kleiderschrank eingeschlossen und musste dort die halbe Nacht ausharren, bis die Rettungskräfte kamen, um mich zu befreien.“

Der Fahrer sah ihn nur desinteressiert an. „Für Geschichten aus 1001 Nacht haben wir jetzt keine Zeit.“

„Elektrizität!“, staunte Mahmoud, der mit weit aufgerissene Augen die sterilen Lichterzeilen bewunderte, die in die Betonwände des Tunnelschachts eingelassen waren.

Der Tunnel war überraschend behaglich – vielleicht achtzig Zentimeter breit und gut einen Meter siebzig hoch. Mahmoud und der Fahrer konnten jedenfalls komfortabel stehen, während Hamid sich als Größter leicht gebückt fortbewegen musste. Tatsächlich hatte er mit morschen Holzbalken gerechnet, die die Wände und Decken halbwegs abzustützen vermochten. Stattdessen hatten die Architekten ganze Arbeit geleistet und den Schacht mit Betonplatten verkleidet. Nur der raue Steinboden war bis auf das Schienensystem, das verlegt worden war, unbehandelt geblieben.

„Passt auf, wo ihr hintretet“, warnte der Fahrer über die Schulter. „Ihr nutzt mir nämlich nichts, wenn ihr euch hier einen Knöchel verletzt.“

Hamid ließ Mahmoud den Vortritt und schaute ihnen einen Augenblick nach, bis seine Beine zu zittern aufhörten und er sich in Bewegung setzte.

Schweigend gingen sie eine ganze Weile, ohne den abzweigenden Schächten auch nur Beachtung zu schenken. Die Luft hier unten war frisch und wohl temperiert. Der Grund wurde mit jedem Schritt klarer. Generatoren, überlegte Hamid, als das Dröhnen nicht mehr zu überhören war und die schwache Brise seine Haut kitzelte. Nicht nur Elektrizität, sondern auch eine funktionsfähige Belüftung.

Plötzlich machte der Tunnel einen Schlenker nach rechts und teilte sich wenig später in drei Gänge. Der Fahrer wählte den linken Gang, ohne auch nur einen Moment zu zögern.

„Wie lang ist dieser Tunnel?“, erkundigte Hamid sich, als er die dröhnende Monotonie der Dieselgeneratoren nicht mehr aushielt.

„Dieser hier“, begann der Fahrer, „ist mit etwas mehr als drei Kilometern und vielleicht siebzig Nebenschächten der wahrscheinlich längste in ganz Gaza.“

„Siebzig?“, wiederholte Mahmoud erstaunt.

Ein gewisser Stolz schimmerte im gelben Grinsen des Fahrers, als hätte er den Tunnel ganz allein gegraben. „Ursprünglich waren die Tunnel für den Schmuggel vorgesehen, um uns eine gewisse Unabhängigkeit von der zionistischen Blockade zu sichern, doch nun sind sie unsere Geheimwaffe. Die Not macht eben erfinderisch.“

Der Fahrer bog in einen der Nebenschächte ab.

„Wie viele von diesen Tunneln gibt es denn?“, fragte Mahmoud nicht weniger beeindruckt.

„Wer weiß?“ Der Fahrer zuckte mit den Schultern. „Sie sind über ganz Gaza verstreut und nur die Führung hat einen Überblick über das ganze Netz, obwohl ich selbst das bezweifle.“

„Zugegeben, wir befinden uns hier vielleicht zehn oder fünfzehn Meter unter der Erde, aber wie konnten die Zionisten nur so ein weites und komplexes Tunnelsystem übersehen?“

„Wahrscheinlich sind unsere Methoden einfach zu mittelalterlich für ihre hoch technisierte Luftüberwachung. Hinzu kommt, dass viele der Eingänge sich in Privathäusern oder Moscheen befinden und deshalb schwer auszumachen sind.“ Er fuhr sich durch den dunklen Bart. „Aber vielleicht verbietet ihnen ihre Arroganz auch, sich als Löwen um die Reaktionen der Schafe zu sorgen.“

Hamid schüttelte innerlich mit dem Kopf. Er hatte den Zorn des Löwen am eigenen Leib erfahren.

„Warum haben wir dann überhaupt diese irrsinnige Spritztour im Kofferraum auf uns nehmen müssen?“, fragte Mahmoud sichtlich erbost. „Wenn wir doch einfach einen anderen, komfortableren Eingang hätten nehmen können?“

„Weil ich nicht gewillt bin, zwei Kindern wie euch alle Geheimnisse über unsere Rettungsleine zu verraten“, fuhr der Fahrer Mahmoud an. „Und genau das sind diese Tunnel. Sie erlauben uns, nicht mehr nur tatenlos zuzuschauen, wie unsere Heimat dem Erdboden gleichgemacht wird. Im Gegenteil, sie geben uns eine Möglichkeit, zurückzuschlagen, sodass wir uns nicht wie ein sterbendes Tier in unser Schicksal ergeben und auf den Gnadenschuss warten müssen, sondern es selbst in die Hand nehmen können.“

Hamid musste zugeben, dass der Fahrer nicht ganz Unrecht hatte. Je weniger sie wussten, desto weniger konnten sie verraten, falls einer von ihnen tatsächlich dem Feind in die Hände fallen sollte. Vertrauen muss man sich verdienen, hatte sein Vater ihm einmal erklärt. Schließlich hatte der Fahrer sie buchstäblich auf der Straße aufgelesen.

Schweigen legte sich wieder über den Schacht. Nur die Schritte ihrer Sandalen waren auf dem Boden zu hören, als sie hin und wieder in einen anderen Schacht abbogen und Hamid sich letztlich eingestehen musste, dass er sich in diesem Labyrinth tagelang verlaufen konnte.

„Was ist das?”, fragte Mahmoud, als sie an einer rotgestrichenen Betonplatte vorbeikamen.

„Die Grenze.“

„Die Grenze“, wiederholte Hamid erstaunt.

„Ich hoffe, ihr habt euch den Weg bis hierhin gemerkt, da wir die restlichen Abzweigungen mit Sprengladungen versehen haben, falls die Ungläubigen sich nach heute Abend entschließen sollten, die Tunnelsysteme zu zerstören.“ Er schaute mit einem eindringlichen Blick über den Rand seiner Sonnenbrille hinweg. „Falls ihr hier also verloren geht, solltet ihr den Allmächtigen um seinen göttlichen Beistand bitten.“

Hamid hörte, wie Mahmoud neben ihm schwer schluckte. Zufrieden mit der Reaktion, die er von den beiden Jungen erhalten hatte, setzte der Fahrer seinen Weg fort und führte sie weiter durch einein Irrgarten aus Tunneln und Schächten.

Unzählige Abzweigungen später fing der Junge bereits an zu glauben, dass ihr Fußmarsch durch diese Sphären erst in den Höllenfeuern der Dschahannam enden würde, als der Fahrer plötzlich vor einer Tür hielt. Es war vielmehr eine Holzplatte, die den Eingang bis auf einen Spalt am Boden abdeckte, durch den Licht in den Tunnel flackerte. Unterdrückte Stimmen waren auf der anderen Seite zu hören.

Sorglos schob der Fahrer die Platte zur Seite und trat in die vielleicht zehn Meter lange und fünf Meter breite Höhle. Dutzende Kerzen erleuchteten den direkt in den Fels geschlagenen Innenraum.

Insgesamt sieben Köpfe drehten sich unversehens zu ihnen um. Die Männer saßen in normaler Straßenkleidung auf dem Steinboden, der mit Teppichen und Kissen ausgelegt war. Jeder Bärtige starrte die Jungen mit dunklen Augen an, ohne jedoch wirkliche Feindseligkeit auszustrahlen. An den Wänden und auf zwei Decken zu Hamids Linken war ein ganzes Waffenarsenal ausgelegt. Von Sturmgewehren über Pistolen und Messern, bis hin zu Sprengstoff und Munition fehlte es an nichts.

Als Hamid seinen Blick letztlich losriss, fiel ihm am anderen Ende des Raumes ein Haufen gleichfarbiger Kleidung auf, der seiner besonderen Aufmerksamkeit bedurfte. Uniformen. Aber nicht irgendwelche, sondern jene, die er in den vergangenen Wochen zu häufig in Gaza gesehen hatte. Olivgrüne Uniformen, die, wo auch immer sie aufgetaucht waren, nur Tod und Zerstörung gebracht hatten.

Hamid schob sich vorbei an einem Stapel Gebetsteppiche und einer Handvoll Wasserkanister weiter in den Raum. Naserümpfend nahm er den Gestank wahr, welcher sich unvermeidlich einstellte, wenn zu viele Männer zu viel Zeit in einem Raum verbrachten. Selbst das süßliche Aroma, das aus den drei Kaffeekannen stieg, die in ihrer Mitte auf drei Gaskochern köchelten, konnte darüber nicht hinwegtäuschen.

„Du bist spät, Saed“, sagte einer der Männer zu ihrem Fahrer, der deutlich aus dem Rest der Gruppe herausstach. Seine polierte Glatze glänzte wie der Mond im Kerzenlicht. Er trug ein beiges Stoffhemd und eine verwaschene Jeans. Seine bernsteinfarbenen Augen nahmen durch die fehlenden Augenbrauen eine hypnotische Wirkung an. „Und wer sind diese Kinder?“

„Der Grund für meine Verspätung, Khalil“, erwiderte der Fahrer. Das leicht unsichere Zittern in Saeds Stimme war Hamid nicht entgangen, als der Mann, der augenscheinlich der Anführer war, nachdenklich die Stirn runzelte.

„Was ist mit Hakim und Nuri?“ Der Ton des Glatzköpfigen sagte Hamid, dass der Fahrer keine Zeit für Ausflüchte hatte. Nur mit der Wahrheit würde Khalil sich zufriedengeben.

Saed schüttelte traurig den Kopf. Eine Schweißperle bahnte sich langsam den Weg von seiner Stirn zu seiner rechten Augenbraue. „Ein Luftangriff … letzte Nacht.“

Der Glatzköpfige nickte einsichtig mit sich entfernendem Blick. „Wir werden sie in unsere Gebete einschließen und dem Barmherzigen danken, dass er ihnen den Eintritt ins Dschanna – ins Paradies – gewährt hat.“

Seine Augen, die im Kerzenlicht wie Opale glänzten, fokussierten sich wieder und fielen prüfend auf die beiden Jungen. „Und sie sollen der Ersatz sein?“, fragte Khalil schließlich nach einigen Momenten, in denen Hamid sich wie ein Rennpferd fühlte, das den Ansprüchen nicht genügte.

Saed nickte erneut, unsicher.

Der glatzköpfige Anführer hob eine nicht existente Augenbraue und bedeutete Saed, ihm zu folgen. Bevor der Fahrer des weißen Toyotas seinem Wunsch entsprach, sagte er zu den beiden Jungen. „Seid willkommen, meine Brüder.“ Khalil breitete einladend die Arme aus. „Setzt euch und teilt unseren Kaffee und unser Brot mit uns.“ Dann verschwand er in den hinteren Teil des Raumes und redete neben dem Uniformhaufen auf Saed ein.

Die beiden Junge kamen der Einladung nach, nickten den restlichen Männern, die sie ebenfalls misstrauisch beäugten, respektvoll zu und setzten sich ein wenig abseits der Gruppe auf einen der Teppiche.

„Unter einer herzlichen Begrüßung verstehe ich etwas anderes“, flüsterte Mahmoud ihm zu, als die Männer ihre Konversationen wieder aufgenommen hatten.

Hamid nickte kaum merklich. Im Augenwinkel beobachtete er das Gespräch zwischen Khalil und Saed. Der Anführer gestikulierte wild auf den Fahrer ein, während er hin und wieder seinen Kopf in ihre Richtung neigte. „Nicht sonderlich überraschend, wenn du bedenkst, dass wir nicht das sind, was sie erwartet haben. Halt also deinen Kopf unten, zeig etwas Respekt und rede nur, wenn du gefragt wirst.“

Mahmoud zuckte mit den Schultern, als er sah, wie Khalil sich den Weg zurück durch den Raum bahnte.

„Ihr habt ja immer noch keinen Kaffee.“ Zwei strahlend weiße Zahnreihen kamen im matten Kerzenlicht zum Vorschein. Seine Stimme glich dem Singsang eines Muezzins. „Ist gut. Eine türkische Sorte mit einem Schuss Arak. Beruhigt die Nerven.“

Khalil nahm eine Kaffeekanne vom Gaskocher und goss die dicke, schwarze Flüssigkeit, die nicht erst seit Beginn der jüngsten Auseinandersetzungen, sondern durch die immerwährende Blockade ein gewisses Maß an Luxus bedeutete, in zwei Lehmbecher.

„Erzählt mir etwas von euch“, forderte er sie auf und reichte ihnen die Becher.

„Mein Name ist …“, begann Hamid, wurde aber mit einer kurzen Handbewegung sofort wieder gestoppt.

„Nur eure Vornamen. In dieser Gruppe wird eine gewisse Anonymität gewahrt.“

Eine weitere Sicherheitsvorkehrung, dachte Hamid. „Ich bin Hamid.“ Er zeigte auf den Jungen neben sich. „Und das ist Mahmoud.“

Khalil goss sich selbst einen Kaffee ein und nickte. „Woher kennt ihr beiden euch?“

„Wir waren Nachbarn.“

„Waren?“

Mahmoud nickte missmutig. „Ein Luftangriff hat beinahe den ganzen Straßenzug in Schutt und Asche gelegt, in dem wir gewohnt haben.“

„Und eure Familien sind hiermit einverstanden, immerhin seid ihr ja fast noch Kinder?“

Hamid senkte den Kopf und starrte abwesend in die dampfende Brühe. „Sie … sie sind der Grund, weshalb wir hier sind.“ Er schaute wieder mit einem Blick auf, der nur Hass und Trauer offenbarte.

Khalil schien zu verstehen. „Allah hat seine schützende Hand über euch gehalten.“

Mahmoud schüttelte den Kopf. Schmerz tränkte seine Stimme. „Ich weiß nicht. Jedenfalls waren wir mit Hamids Vater auf dem Weg zum Küstenaquifer.“

Die einzige Frischwasserquelle Gazas war dem Anführer natürlich ein Begriff, sodass er das Gespräch vorantrieb. „Und dein Vater, wo ist er jetzt?“

Verzweifelt versuchte Hamid, die Tränen zurückzuhalten. „Ein Scharfschütze … während mein Vater in den Trümmern nach Überlebenden …“, stammelte er, als er seine Stimme wieder gefunden hatte.

„Ist in Ordnung, Bruder.“ Khalils mitfühlender Ton überraschte den Jungen. „Wir alle haben geliebte Menschen verloren.“

Hamid wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, als der Anführer jene vertrauten Zeilen aus dem heiligen Koran zitierte, die er sich in den vergangenen Wochen wieder und wieder ins Gedächtnis gerufen hatte. „Wer sich also gegen euch vergeht, den straft für sein Vergehen in dem Maße, in dem er sich gegen euch vergangen hat.“

Khalil ließ die Worte einen Moment wirken. Dann warf er den beiden Jungen jeweils etwas Pitabrot zu. „Nun esst und trinkt. Damit ihr zu Kräften kommt. Immerhin seid ihr nicht gerade das, was wir unter Paradesoldaten verstehen.“

Das waren sie wahrlich nicht. Hamid, nicht mehr als ein dürrer Stängel, der noch nicht in seinen Körper hineingewachsen war, während Mahmoud etwas zu viel Speck auf den Rippen hatte. Immerhin zierte sein rundliches Gesicht schon ein stattlicher Bart, während Hamid noch immer mit seiner glatten Haut zu kämpfen hatte, die nur hier und da das Wachsen eines Barthaares zuließ.

Hamid riss sich ein Stück Brot ab und führte sich den Becher zum Mund. Als der heiße Kaffee ihm die Lippen verbrannte, zuckte er zurück und erntete ein breites Grinsen von Khalil für sein schmerzverzerrtes Gesicht.

„Der Kaffee muss so heiß sein“, begann der Anführer, ein bekanntes Sprichwort aufzusagen, „wie die Küsse eines Mädchens am ersten Tag, so süß, wie die Nächte in ihren Armen und so schwarz, wie die Flüche ihrer Mutter, wenn sie davon erfährt.“

Zustimmendes Grunzen kam von den anderen Männern im Raum.

„Nicht, dass ihr alt genug seid, um etwas davon zu verstehen.“ Ein Grinsen umspielte Khalils Mund. „Genießt jedenfalls den Kaffee und das Brot.“ Er wies auf den Stapel an Gebetsteppichen hinter ihnen. „Zum Beten könnte ihr euch gerne bedienen.“ Er nickte dem Fahrer des weißen Toyotas zu. „Saed wird sich um eure Ausrüstung kümmern.“ Mit diesen Worten verschwand er durch die provisorische Tür ins Labyrinth der Tunnel.

Hamid hob fragend eine Augenbraue, doch Saed schüttelte nur den Kopf, bevor er sich neben ihm niederließ.

Still saßen die drei da. Hamid nutzte die Zeit und lauschte den Gesprächen der anderen Männer, bis Saed ihn plötzlich ansprach. „Ich kannte deinen Vater“, sagte er nüchtern. „Ein weiser Mann. Meine Tochter konnte sich glücklich schätzen.“

Sein Vater hatte neben seiner Lehrtätigkeit als Professor für Mittelmeerstudien an der Al-Azhar Universität auch hin und wieder an einer UN-Schule in einem Flüchtlingslager unterrichtet. „Sie war Schülerin in Dschabalija?“

Der Fahrer nickte.

„Was ist passiert?“

Saed antwortete nicht, stattdessen schwenkte er abwesend den Kaffee in seinem Becher. Tief in Erinnerungen versunken sagte er schließlich: „Wie Khalil bereits erwähnt hat, haben wir alle geliebte Menschen verloren.“

Hamid beließ es dabei und wandte sich seinen eigenen Gedanken zu. Wieder und wieder ließ er vor seinem geistigen Auge ablaufen, wie er mit seinen drei kleinen Brüdern vor der Haustür spielte und seine beiden Schwestern ihnen lachend dabei zuschauten. Wann immer der Schmerz jedoch zu groß wurde und die Tränen drohten, ihn zu übermannen, verbannte er alle Spuren von ihnen aus seinem Gedächtnis. Und wenn selbst das nicht half, um seiner Trauer Einhalt zu gebieten, versuchte er sich mit Essen, Schlafen oder Kaffeetrinken abzulenken.

Je näher die Nacht rückte, desto mehr ebbten die Gespräche der Männer ab. Auch die Letzten begannen zu begreifen und versuchten, sich mental auf die Aufgabe vorzubereiten, die vor ihnen lag. Andere polierten ihre Waffen, um sich genau von dieser Aussicht abzulenken. So unterschiedlich ihre Methoden auch sein mochten, um das Unbehagen nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, so gleich waren sie sich, wenn sie sich ins Gebet zurückzogen und um Allahs Beistand baten.

Jeder gewissenhafte Muslim betete fünf Mal am Tag, doch diese Männer waren so viel mehr als nur Muslime. Sie waren Mujaheddin – Gotteskrieger. Soldaten, die ihr Leben in die Hände des Allmächtigen legten … und Hamid wollte ihnen in nichts nachstehen.

So zogen die nächsten Stunden ereignislos an ihm vorbei, bis er sich zum vierten Mal erheben wollte, um den Allwissenden zu preisen, als die Holzplatte plötzlich zur Seite geschoben wurde und Khalil mit glänzender Glatze in den Raum trat.

„Unsere Gebete sind erhört worden, meine Brüder“, sagte er feierlich. „Ich habe gerade mit Azzam gesprochen. Eine Patrouille ist im Begriff, die Kaserne in Sidirut zu verlassen, und befindet sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Weg nach Asqalan.“

Kein Geschrei der Freude. Nichts. Nur die routinierte Vorbereitung der Männer deutete daraufhin, dass die Zeit des Wartens endlich ein Ende hatte. Jene, die es bereits getan hatten, kontrollierten nochmals ihre Waffen – allesamt AK-47 und Pistolen russischer Bauart, die wahrscheinlich aus dem Iran über Ägypten nach Gaza geschmuggelt worden waren, um die Kassam-Brigaden mit Feuerkraft zu versorgen.

Hamid staunte nicht schlecht, dass die Männer keine zwei Minuten später abmarschbereit waren. Er wusste genauso wenig wie Mahmoud, was zu tun war, als plötzlich Saed, vollbeladen wie ein Packesel, vor ihm stand.

„Keine Uniformen?“, fragte Hamid und deutete mit dem Kopf auf den Haufen mit olivgrünen Hemden und Hosen, der unberührt in der Ecke lag.

„Keine Uniformen“, erwiderte Saed. „Das würde in der Hitze des Gefechts nur zu unnötigen Verwechslungen führen.“ Er reichte den beiden Jungen eine Weste. „Und nun zieht die an, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“

Im ersten Moment sah sie wie eine kugelsichere Weste aus, bis er die Drähte erkannte, die ihm unmissverständlich klarmachten, was für eine Weste er tatsächlich in der Hand hielt. Entsetzt schaute er auf. Der Fahrer öffnete sein Hemd und blickte hinab auf eine ähnliche Weste, von der ein Strang Kabel in die verschieden Außentaschen verlief, die mit Sprengstoff gefüllt waren. „Kein Rückzug, keine Kapitulation.“

Hamid dachte sofort an die ungemütliche Fahrt im Kofferraum zurück. Weshalb dann überhaupt der ganze Aufwand?

„Vorsicht ist besser als Nachsicht“, erklärte Saed, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Falls die Weste eine Fehlfunktion hat.“

Hamid nahm zögerlich die Weste entgegen und wollte sie sich über die Schulter werfen. „Nein, unter das Hemd“, stoppte Saed ihn. „Damit die Ungläubigen erst begreifen, was los ist, wenn es bereits zu spät ist.“

Hamid und Mahmoud taten zögerlich, was ihnen gesagt wurde. Nachdem sie sich wieder angezogen hatten, überprüfte Saed die Westen. „Ich werde die Zünder erst scharfmachen, bevor ihr im Begriff seid, aus dem Tunnel zu stürmen.“ Ein sardonisches Grinsen umspielte seine Lippen. „Nicht, dass ihr uns aus Versehen mit in die Luft jagt.“

Hamid runzelte irritiert die Stirn. Ihm war ganz und gar nicht zum Scherzen zumute.

Der Fahrer zuckte nur mit den Schultern und reichte zwei Kalaschnikows an die Jungen weiter. „Ich vertraue darauf, dass ihr wisst, wie man damit umgeht.“

Beide nickten eifrig, als sie die Waffen inspizierten. Tatsächlich hatte Hamid das Schießen vor Jahren von seinem Vater gelernt, als der Machtkampf zwischen der Hamas und der Fatah im Gazastreifen zu eskalieren drohte.

„Gut. Hier noch eure Pistolen.“ Die beiden Makarov 9 mm waren für ihr Alter in einem ausgezeichneten Zustand. „Und jeweils zwei extra Magazine. Mehr werdet ihr nicht brauchen. So Allah will, werden wir wie der Blitz zuschlagen und wie der Nebel wieder verschwinden.“

„Inschallah“, erwiderte Hamid und rammte das achtzehn Schuss fassende Magazin zurück in den Kolben der Pistole.

„Inschallah“, wiederholte Saed mit einem Kopfnicken.

„Wie genau sieht der Plan denn aus?“, brach Mahmoud sein Schweigen.

„Setzt euch zu den anderen und hört genau zu“, empfahl der Fahrer, bevor er Hamid zur Seite nahm und dem Jungen ein Messer mit einer fünfzehn Zentimeter langen Klinge vors Gesicht hielt. „Für den Notfall“, sagte er nur und steckte das Messer wieder in die Lederscheide, bevor er es ihm in die Hand drückte.

Hamid band sich das Messer um das rechte Fußgelenk und folgte Saed zu den anderen, die alle geduldig im Schneidersitz vor einer Karte saßen, die Khalil an der Wand aufgehängt hatte.

Der Plan war simpel, vor allem für Mahmoud und Hamid. Die Besprechung dauerte nicht länger als fünf Minuten, sodass jeder Mann noch Zeit für ein letztes Gebet fand. Sorge, Zweifel und vielleicht sogar Angst mischten sich in ihre Gesichter. In ihren Augen fehlte diese felsenfeste Entschlossenheit, die er zuvor gesehen hatte.

Khalil schien die Unruhe seiner Männer ebenfalls zu spüren und erhob die Stimme. „Ein paar aufmunternde Worte, um euch Kraft zu verleihen, meine Brüder.“ Er hielt sein Handy in die Luft und drückte auf einen Knopf.

Über die Lautsprecherfunktion war für die Dauer von ein paar Herzschlägen nur statisches Rauschen zu hören, bis sich plötzlich eine Stimme zu Wort meldete.

Die Tonqualität war bestenfalls mäßig und die Worte nur schwer zu verstehen. Aber ihr Klang allein veränderte die Gemütslage im Raum. Sie schien die Stimmung der Männer zu heben, ihre Brust mit Stolz zu erfüllen und ihren Kampfgeist zu befeuern.

Auch Hamid erkannte die Stimme sofort und hatte nicht erst die letzte Audio-Botschaft im hamaseigenen Sender Al-Aksa-TV hören müssen. Es war die Stimme eines Mythos, dessen Legende jedem Kind in Gaza ein Begriff war. Die Stimme eines Geistes, der ein Symbol für den Widerstand war. Die Stimme eines Gespenstes, das den Zionisten als Staatsfeind Nummer eins schlaflose Nächte bereitete.

„Heute, meine Brüder“, begann Mohammed Deif, der Anführer der Kassam-Brigaden, „seid ihr der Speer unseres Volkes, das so lange unter der Tyrannei und Willkür der Ungläubigen gelitten hat. Ihr werdet die Zionisten das Fürchten lehren. Ihnen beweisen, dass ihre Luftangriffe nicht ausreichen werden, um uns zu brechen. Ihr, meine Brüder, werdet ihnen demonstrieren, dass selbst ihre Mauer ihnen keine Sicherheit bietet … dass wir sehr wohl in der Lage sind, den Krieg auf ihren Boden zu tragen.“ Die Stimme des Phantoms von Gaza, der seinen Feinden ein ums andere Mal aus ihrem tödlichen Netz entschlüpft war, verblasste für einen Augenblick und Hamid wunderte sich über die Kraft, die seine Worte ausstrahlten. Schließlich hatte der Mann mindestens eine Handvoll Anschläge auf sein Leben überstanden.

Unverletzt war er nicht geblieben und Gerüchte von einem verlorenen Auge und amputierten Gliedern hatten die Runde gemacht, doch diese Aufnahme verdeutlichte, dass Allah wahrlich seine schützende Hand über diesen Mann hielt, der den Zionisten gedroht hatte, Gaza in ein Schlachthaus zu verwandeln. Sie mochten ihm vielleicht die Beine und sein Augenlicht genommen haben, aber seinen Geist hatten sie ihm nicht genommen.

„Und wenn ihr heute Nacht das Feuer auf unsere Feinde eröffnet“, beschwor der ehemalige Schüler des legendären Bombenbauers Yiyah Ayyasch ihre Moral, „denkt immer daran: Wer den Honig kosten will, muss bereit sein, den Stachel zu ertragen. Bleibt standhaft im Angesicht des Todes. Schwankt nicht, meine Brüder, sondern empfangt ihn mit offenen Armen, denn schon morgen werdet ihr an der Seite des Allmächtigen im Dschanna speisen.“

Das erneute Einsetzen des Rauschens beendete die Aufnahme und die Männer jubelten. „Allahu akbar – Gott ist groß“, schrien sie wieder und wieder, bis Khalils Telefon plötzlich klingelte.

Das frenetische Geschrei der Männer, das von den Steinwänden widerhallte, verhinderte, dass Hamid auch nur ein Wort von dem verstand, das der Anführer mit der Person auf der anderen Seite der Leitung wechselte. Doch das war auch gar nicht notwendig, als Khalils Gesicht im Kerzenlicht aufleuchtete und ein fanatischer Schimmer in seine schwarzen Augen trat.

„Brüder“, beruhigte er seine jubilierenden Männer. „Brüder, hört mir zu. Wir haben die Bestätigung. Es geht los.“

Stille legte sich über den Raum, doch Hamid spürte, dass die Furcht und Anspannung, die zuvor regiert hatten, sich verflüchtigten. Erwartung, ja, sogar Vorfreude war in die Züge der Männer zurückgekehrt, als sie einer nach dem anderen in voller Montur in den Tunnel stürmten.

Hamid war der Letzte in der Gruppe und bildete, wie der Plan es vorsah, mit Saed und Mahmoud die Nachhut, damit die anderen nach Verlassen des Tunnels schnellstmöglich ihre Positionen für den Hinterhalt beziehen konnten.

Während die Ansprache Mohammed Deifs wahrlich geholfen hatte und die Spannung etwas abgeebbt war, fühlte Hamid dennoch nicht den gleichen Enthusiasmus, den der Rest der Gruppe ausstrahlte.

Die Bilder von weißen Leichentüchern, die über allzu vertraute Gesichter gezogen wurden, kehrten zurück und plötzlich erinnerte er sich an eine Passage in einem der Bücher, die sein Vater ihn als Kind gezwungen hatte zu lesen. Die Rache ist mein, hatte dort in einer Passage des heiligsten Buches des Westens gestanden.

Zu seiner Überraschung fand er Ruhe in den Worten. Sie erinnerten ihn an den Grund, weshalb er das alles auf sich nahm, und gaben ihm etwas, worauf er sich fokussieren konnte, ohne fürchten zu müssen, dass er sich der wachsenden Panik fügte, die sich wie ein lauernder Schatten in ihm ausbreitete.

Die zehnköpfige Gruppe hielt wenig später vor dem Ausgang an. Hamid hörte das metallische Klicken von Waffen, die entsichert wurden, und sah, wie Saed an Mahmouds Sprengstoffweste herumhantierte. In Erwartung des Kampfes war die gesamte Farbe aus dem Gesicht des Jungen gewichen und Hamid fragte sich, ob er ebenfalls so bleich im fahlen Licht des Tunnels aussah.

„Ich hoffe, du reißt dich gleich im Schacht zusammen“, sagte Saed völlig neutral, als er zu Hamid herüberkam und ihm das Hemd aufknöpfte. „Wir haben nämlich keine Zeit für deine Sperenzchen. Jeder Moment ist kostbar.“

Es bedurfte nur zweier geübter Handgriffe. Saed verband die beiden losen roten Kabel, die auf beiden Seiten der Weste aus den Kabelsträngen herausgestanden hatten, mit dem Receiver, der zwischen den beiden Schnallen, die die Weste zusammenhielten, rot aufleuchtete.

„Hier ist der Auslöser. Steck ihn am besten in deine Hemdtasche.“ Er reichte ihm einen kleinen Stift, der nicht größer als ein Kugelschreiber war. „Der Explosionsradius ist maximal fünf Meter, also falls du einen der Ungläubigen auf deinem Weg ins Paradies noch in die Hölle schicken willst, musst du warten, bis er so nahe ist, dass du das Weiße in seinen Augen sehen kannst.“

Die Aussicht verschlug Hamid die Sprache. Dennoch schob er die Gedanken schnell beiseite, damit Saed nicht die wachsende Angst in seinen Augen sah.

„Also gut, dann los“, sagte der Fahrer, nachdem der Junge zögerlich genickt hatte.

Schwarz und endlos erschien Hamid der Tunnelmund, wie das Maul eines Hais, aus dem es kein Entkommen gab, wenn er ihn erst einmal zwischen seinen Kiefern hatte.

Doch bevor er seiner Furcht erlag, echoten die Worte erneut in seinem Kopf. Die Rache ist mein … die Rache ist mein. Wieder und wieder hallten die Worte in seinen Ohren nach, bis er sich, ohne lange darüber nachzudenken, seine AK-47 über den Rücken warf, auf die Knie fiel und Mahmoud kriechend hinaus ins Freie folgte.

Auf der anderen Seite des Tunnels angekommen, atmete Hamid tief durch und begann, sich zu orientieren. Die Nacht war verhältnismäßig kühl für diese Jahreszeit und ein schwacher Ostwind strich ihm übers Gesicht. Einige dicke Quellwolken hatten sich vor den sichelförmigen Mond geschoben, sodass das kleine Plateau oberhalb des kurzen, aber steilen Hangs, das ihnen als Fixpunkt diente, nur schemenhaft zu erkennen war. Keine fünfzig Meter dahinter schlängelte sich die Bundesstraße 34 zwischen zwei Felsformationen durch das Gelände.

Der ideale Ort für einen Hinterhalt, dachte er an Khalils Worte.

Hamid verfolgte, wie die bloßen Silhouetten der Männer die Anhöhe stürmten und in alle Richtungen ausschwärmten. Zusammen mit Mahmoud wartete er, bis Saed aus dem Tunnelmund auftauchte. Dann nahmen auch sie die Anhöhe, um ihre Positionen zu beziehen.

Auf dem Kamm angekommen, war Hamid zum ersten Mal in der Lage, das Terrain im schwachen Mondlicht zu überblicken. Sofort fiel ihm die S-Kurve innerhalb der Felsformationen ins Auge, die die Bundesstraße beschrieb. Das ansonsten flache Land war von einigen wenigen Hügeln durchzogen, sodass die Scheinwerfer der Patrouille bereits aus einem Kilometer Entfernung sichtbar sein würden.

Die Felsformationen zu beiden Seiten der Straße waren allerdings der Schlüssel für die gesamte Operation. Sie versorgten die Männer mit ausreichender Deckung, ohne gleichzeitig ihre Mobilität einzuschränken. Auf der anderen Seite war die Patrouille ihrem Kreuzfeuer schutzlos ausgeliefert, da die Straßengräben auf beiden Seiten nicht genug Schutz boten, vorausgesetzt, sie waren in der Lage, die Fahrzeugkolonne in der Kurve festzunageln.

Genau daran arbeiteten die restlichen Männer in diesem Augenblick unablässig, indem sie einen Teppich von Krähenfüßen vom Beginn bis weit über den Scheitelpunkt der ersten Kurve hinaus auslegten.

„Das muss reichen“, hörte Hamid die unverwechselbare Stimme des Anführers. „Alle auf eure Positionen.“

„Ihr habt Khalil gehört, also hört auf, Löcher in die Luft zu starren und setzt euch in Bewegung“, ermahnte Saed die beiden Jungen, um sie augenblicklich zu ihrer Position zu führen.

Diese lag hinter zwei großen Felsbrocken in der Mitte der vielleicht zwanzig Meter langen Geraden zwischen den beiden Kurven. Ihre Aufgabe bestand darin, den Konvoi von ihrer Seite aus einzukesseln und dafür zu sorgen, dass keiner der feindlichen Soldaten sich dem Kreuzfeuer entzog, um den restlichen Männern in die Flanke zu fallen.

Es dauerte keine fünf Minuten, da drang Hamid ein melodisches Pfeifen ans Ohr, das sich in der Stille der Landschaft wie eine Explosion anhörte.

„Das Zeichen“, sagte Saed in kurzen, abgehackten Worten. Auch ihm war die Anspannung anzumerken, jetzt, wo der Konvoi auf dem Weg war. „Insgesamt drei Fahrzeuge. Macht euch bereit.“

Die Wolken schoben sich am Mond vorbei. Neben ihm umschlang Mahmoud seine AK-47 so fest, dass seine Knöchel sich im fahlen, silbrigen Licht weiß färbten. Abwesend murmelte er etwas, das Hamid aber nicht verstand.

Mit dem Körper an den Felsbrocken gepresst, spähte Hamid vorbei an dem mannshohen Stein auf die matt erleuchtete Straße. Zu seiner eigenen Überraschung war er völlig ruhig. Nichts war mehr von der Panik zu spüren, die er noch vor ein paar Minuten gespürt hatte.

Die Rache ist mein … die Rache ist mein, schossen die Worte wieder in seinen Kopf und dann sah er die Reflexionen der Scheinwerferkegel an den Felswänden.

Ein halbes dutzend Herzschläge später hörte er das Echo der platzenden Reifen und sah, wie die Scheinwerfer wie benommene Glühwürmchen zu schlingern begannen. Der dumpfe Aufprall von Metall auf Stein verriet ihm, dass das erste Fahrzeug der Kolonne im Straßengraben gelandet war.

Hamid schaute zu Saed. Der Fahrer hatte sein Gewehr bereits im Anschlag, hob im silbrigen Mondlicht aber eine mahnende Hand, als wollte er sagen: „Nur Geduld.“

Im selben Moment bahnte sich das Quietschen von Gummi auf Asphalt seinen Weg zu ihnen herüber. Die anderen beiden Fahrzeuge hatten sich trotz aufgeschlitzter Reifen noch auf der Straße halten können.

Eine wild gestikulierende Silhouette ließ sich im blendenden Scheinwerferlicht des ersten Fahrzeuges ausmachen. Unbekannte Befehle wurden auf Hebräisch geschrien. Hamid verstand nur ein paar rudimentäre Brocken der Sprache – ebenfalls das Werk seines Vaters, doch als er sah, wie vielleicht zehn schemenhafte Gestalten aus den Fahrzeugen sprangen, einen defensiven Ring bildeten und ihre Waffen in alle Richtungen anlegten, war ihm klar, was die Anweisungen bedeutet hatten.

Ein einzelner Schuss donnerte durch die Nacht.

Die Hände des feindlichen Offiziers schossen noch zu seinem Hals hoch, bevor er auf dem Asphalt kollabierte.

Dann brach die Hölle los.

Von allen Seiten leuchtete das Mündungsfeuer auf. Kugeln prasselten unablässig auf die schutzlosen Soldaten ein. Einer nach dem anderen brach bewegungslos auf der Straße zusammen. Ihre Schreie gingen im Kugelhagel unter.

Sie hatten bereits drei Mann verloren, bevor der erste Schock über den Verlust des befehlshabenden Offiziers sich gelegt hatte. Die Soldaten reagierten auf das Feuer ihrer Angreifer und zogen sich in den Schutz der Fahrzeuge zurück.

Doch es gab keine Sicherheit.

Hamid löste seine Augen von dem Schauspiel und sah zu Saed herüber. Der Fahrer des weißen Toyotas nickte ihm zu. Ohne auch nur einen weiteren Gedanken zu verschwenden, legte er an und drückte den Abzug. Mit kurzen Feuerstößen nahm er sein erstes Ziel ins Visier. Der Mann war über die Flugbahn der Kugeln so überrascht, dass er zu keiner Reaktion fähig war. Ein Geschoss traf ihn in der Schulter, ein weiteres ins Bein, sodass er zu Boden sackte. Die restlichen Projektile bohrten sich Funken schlagend in die Panzerung des Fahrzeugs, hinter dem er Deckung gesucht hatte. Der Soldat rollte sich noch vor Schmerz auf dem Boden, als ihn aus einer anderen Richtung eine weitere Salve in die Brust traf.

Tot, dachte Hamid und suchte sein nächstes Ziel.

Saed und Mahmoud taten es ihm gleich. Das Stakkato ihrer Feuerstöße war wie Musik in seinen Ohren und konzentrierte sich auf einen weiteren Soldaten, der anscheinend versuchte, Koordinaten in ein Funkgerät zu schreien.

Hamid zögerte keinen Augenblick und eröffnete das Feuer, bis der Schlagbolzen in der Patronenkammer nur noch auf Luft traf. Der Soldat am Mikrofon brach im selben Moment zusammen, als ein Schrei durch die Nacht ging. Der unverwechselbare Singsang von Khalil. „Yallah Yallah – schnell schnell“, rief er.

Die Männer wussten, was zu tun war. Von allen Seiten begannen sie sich, dem Konvoi zu nähern. Hamid rammte ein neues Magazin in sein Gewehr und folgte Saed und Mahmoud gebückt durch den Straßengraben.

Sie waren vielleicht noch fünfzehn Meter vom ersten Wagen des Konvois, einem gepanzerten Jeep, entfernt, als Hamid eine Bewegung ausmachte. Die überlebenden Soldaten hatten sich in ihrer Hilflosigkeit unter den Fahrzeugen verschanzt und darauf gewartet, dass ihre Angreifer ihre Deckung verließen. Er sah noch das Aufblitzen des Mündungsfeuers, aber für eine Warnung war es bereits zu spät.

Mahmoud sackte zusammen, mit einem Loch im Kopf. Die Überraschung war noch deutlich auf seinem Gesicht zu erkennen, als die Kugel ihre zerstörerische Arbeit vollendete.

Saed ließ sich sofort zu Boden fallen. Er achtete nicht weiter auf den toten Jungen und sorgte dafür, dass Hamid es auch nicht tat. „Gib mir Feuerschutz“, bellte er, während er eine Granate ins Mondlicht hielt.

Hamid legte an und drückte ab. Der Fahrer des weißen Toyotas sprang auf, nahm den kleinen Anstieg des Straßengrabens und zog den Stift der Granate. Ein weiterer gezielter Schuss traf Saed mitten in der Wurfbewegung, sodass ihm die Granate aus der Hand glitt und direkt vor ihm auf den Boden fiel. Saed wirbelte herum, als ihn eine weitere Kugel in die Brust traf. Die Wucht des Aufpralls riss ihn von den Beinen.

Hamid konnte Saed aus seiner Deckung nur noch hilflos in die weitaufgerissenen Augen schauen. Einen Herzschlag später riss die Detonation der Granate dem Mann das Gesicht weg.

Nachdem der Rauch etwas verzogen war, begann Hamid, wieder zu feuern. Die Kugeln sprühten Funken, als seine ungenauen Schüsse auf die Panzerung trafen. Ein weiteres Kommando wurde gebrüllt. „Vorrücken!“, war alles, was seine dröhnenden Ohren verstanden.

Hamid nahm seinen ganzen Mut zusammen und verließ den Straßengraben, noch bevor er die Schreie seiner stürmenden Kameraden hörte. Er hatte keine drei Schritte auf dem Asphalt zurückgelegt, als zwei massive Explosionen die beiden Felsformationen erschütterten und den Nachthimmel erleuchteten.

 Luftangriff, dachte er und hörte die Düsen des Kampfflugzeugs. Das Ausmaß seiner Beobachtung wurde ihm aber erst klar, als die Druckwelle ihn bereits in die Höhe warf. Die Soldaten hatten also nicht nur Deckung unter ihren gepanzerten Wagen vor dem gesucht, was geschehen war, sondern auch vor dem, was noch kommen sollte.

 Er schlug hart mit dem Hinterkopf auf der Straße auf. Benebelt lag er auf dem kalten Asphalt und lauschte der surrealen Stille der Nacht, die nur von vereinzelten Schmerzensschreien und Winseln durchbrochen wurde. Eine einzige Gewehrsalve war die Reaktion.

 Können wirklich einige meiner Brüder diesen vernichtenden Angriff überlebt haben?

 Die Frage formte sich noch in seinem dröhnenden Schädel, obwohl er die Antwort bereits von dem Klang der Sturmgewehre ausmachen konnte.

 Keine Kalaschnikows, dachte Hamid und hörte plötzlich Schritte und unvertraute Stimmen. Jeder Knochen in seinem Körper schmerzte. Nicht ein Muskel schien ihm zu gehorchen, als er nach seinem Gewehr Ausschau hielt und sich zu bewegen versuchte.

 Seine AK-47 lag in greifbarer Nähe. Mit letzter Kraft zwang er sich dazu, seine Finger zu bewegen, doch gerade, als er den Griff seines Gewehrs erreicht hatte, spürte er, wie ein schwerer Stiefel auf sein Handgelenk trat. Der Schmerz schoss ihm durch den Körper in den pochenden Kopf.