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Thomas Herzberg

Fan-Trilogie III: Wegners schwerste Fälle (Teil 8-10)

Hamburg Krimis





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Im Sammelband sind enthalten:

 

»Tödliche Gier« (Teil 8 Wegners schwerste Fälle)

»Auftrag: Mord« (Teil 9 Wegners schwerste Fälle)

»Ruhe in Frieden« (Teil 10 Wegners schwerste Fälle)

 

Spannende Geschichten rund um den raubeinigen Kommissar, der die Dienstwaffe locker und das Herz am rechten Fleck trägt.

Alle Teile der Reihe Wegners schwerste Fälle waren lange Zeit in den Top100 der Ebook-Charts zu finden und freuen sich über viele positive Rezensionen. Danke!

Ihr findet alle Teile in diesem Sammelband in ihrer aktuellsten und lektorierten Version.

 

 

Titel

Tödliche Gier

Wegners schwerste Fälle (8. Teil)

von Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

Fassung: 1.2

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig. Sämtliche Äußerungen, insbesondere in Teilen der wörtlichen Rede, dienen lediglich der glaubhaften und realistischen Darstellung des Geschehens. Ich verurteile jegliche Art von politischem oder sonstigem Extremismus, der Gewalt verherrlicht, zu selbiger auffordert oder auch nur dazu ermuntert!

 

Ein großes Dankeschön geht an diesen Mann:

Lektorat, Korrektorat: worttaten.de – Michael Lohmann

 

Inhalt:

In den Hamburger Braun-Kliniken sterben Patienten unter mysteriösen Umständen. Was auf den ersten Blick wie eine verhängnisvolle Panne aussieht, entpuppt sich schnell als tödliche Sabotage. Während die Chefetage der Kliniken die Fälle zu vertuschen versucht, liegt es in erster Linie an den Kommissaren Detlef Busch und Frank Schilling, die Verantwortlichen dingfest zu machen. Wegner hat derweil mit einer Fülle anderer Probleme zu kämpfen. Die Jagd auf Stefan Hausers Mörder lässt ihm keine Ruhe. Aber auch privat ziehen Gewitterwolken auf …

(Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Aber natürlich kann es nicht schaden, wenn man auch die vorangegangenen Fälle kennt ...;)

Lektorat/Korrektorat: Michael Lohmann - worttaten.de

 

 

 

Prolog

 

»Das können Sie nicht machen, Cheffe!« Detlef Busch stand mit hängenden Schultern neben Wegner und schüttelte unaufhörlich mit dem Kopf. »Das können Sie nicht …«, flüsterte er ein weiteres Mal, bis seine Stimme völlig erstarb.

»Warum kann ich nicht?«, polterte Wegner zurück. Er keuchte, Schweiß tropfte von seiner Stirn. Kein Wunder! Seine Hände umklammerten zwei Waden, an denen rund achtzig Kilo baumelten.

Detlef Busch lehnte sich ein Stück aus dem Fenster. »Das sind acht Stockwerke, Cheffe. Die Sache endet auf jeden Fall übel.«

»Was heißt übel?«

»Tödlich.«

»Dann passt es!« Wegner ließ die Beine ein paar weitere Zentimeter durch seine Hände gleiten und hatte Mühe, sie wieder zu packen.

»Sag du doch auch mal was!« Detlef Busch hat sich umgedreht und funkelte Frank Schilling an, der direkt an der Tür stand, um die zu blockieren. »Hilf mir, verdammt!«

Schilling zuckte nur mit den Schultern. Sein Gesicht wollte nicht verraten, was er von diesem Wahnsinn hielt.

»Sie sollten mir schnell einen guten Grund nennen, Busch.« Wegners Arme zitterten. Sein Keuchen musste in diesem Moment einem Hustenanfall Platz machen. »Ich kann gleich nicht mehr«, stieß er heraus, nachdem sein Atem wieder etwas regelmäßiger ging.

»Wir sind Polizisten, keine Richter und erst recht keine … Henker.« Detlef Busch legte seinem Chef vorsichtig eine Hand auf die Schulter. »Ich helfe Ihnen beim Hochziehen und danach klicken die Handschellen. Den Rest überlassen wir der Justiz.«

»Der Kerl hat unzählige Menschen auf dem Gewissen«, protestierte Wegner mit erstickter Stimme. »Einige der Überlebenden haben kaum mehr Chancen. Vermutlich wären sie lieber tot …«

»Aber das hier macht auch niemanden wieder lebendig«, gab Busch energisch zurück.

»Sie sollten mir schnell einen besseren Grund liefern, ich spür meine Arme kaum mehr.«

»Vielleicht darf ich Sie an Vera und an Ihre Tochter erinnern.« Detlef Busch wagte einen letzten Vorstoß. »Wie soll ich Stöpsel erklären, dass ihr Vater im Knast sitzt und …«

»Das reicht mir nicht!«, stieß Wegner keuchend hervor. »Ich lass los …«

 

 

1

 

Etwa zwei Wochen zuvor

 

»Heute Mittag hast du alles hinter dir und lachst darüber.« Manuela Timmermann hatte wahrscheinlich sogar noch mehr Angst als ihr Mann. Aber es war schließlich ihre Aufgabe, ihm Mut zuzusprechen und seine Sorgen nicht noch zu schüren. »Der Professor hat mir erklärt, dass sie hier solche Eingriffe zehn Mal an einem Vormittag machen. Routine, verstehst du, Dirk?«

»Du hast leicht Reden, Ela«, protestierte ihr Mann mit dünner Stimme. »Du musst dich ja auch nicht unters Messer legen.«

»Wenn du’s hinter dir hast, Schatz, dann können wir auch mal wieder an der Alster spazieren gehen, ohne dass du dich alle fünf Minuten irgendwohin setzen musst. Denk daran, wie’s danach ist!«

Dirk Timmermann nickte müde. Er zwang sich sogar zu einem Lächeln. »Vielleicht war das mit der Vollnarkose doch ein Fehler …«

»Ich hab’s dir gesagt!«, unterbrach seine Frau ihn. »Ne örtliche Betäubung und du hättest am Nachmittag schon wieder in der Cafeteria sitzen und Kuchen futtern können.«

»Jetzt ist es, wie es ist. Außerdem bekomme ich so wenigstens nichts von dem ganzen Zauber mit.«

Die Tür schwang auf. Eine Krankenschwester betrat das halbdunkle Zimmer. »Guten Morgen, ich bin Schwester Elke.« Sie schaute auf Dirk Timmermann, der aussah, als hätte er sich in diesem Moment am liebsten aus dem Staub gemacht. »Keine Angst, junger Mann, in zwei Stunden haben Sie’s doch schon hinter sich.«

 

***

 

»Wo ist Schilling? Repariert der wieder irgendwo einen Wasserhahn?«

»Cheffe!« Detlef Busch eilte Wegner mit einem Becher Kaffee und einem Muffin entgegen. »Frank reißt seine Stunden ab und über seine Freizeit ist er uns wohl kaum Rechenschaft schuldig.«

»Reißt seine Stunden ab, reißt seine Stunden ab. Haben Sie ’nen Vogel, Busch? Wir sind hier die Mordkommission und nicht an der Theaterkasse, in der man seine Stunden abreißt und nebenbei als Hausmeister ackert.«

Detlef Busch stöhnte genervt und setzte sich auf Wegners Schreibtisch. »Wenn erst mal seine Scheidung durch ist und das Haus endlich verkauft ist, dann will er seinen Nebenjob auch wieder aufgeben.«

»Die Immobilienpreise schießen durch die Decke und Kollege Schilling schafft es nicht mal, seine Bude an den Mann zu bringen. Da haben Sie uns ’ne schöne Lusche eingebrockt.«

»Ich?«

»Klar! Wer sonst?«

Busch stemmte sich hoch und schlurfte zum Faxgerät, in dessen Auswurf-Schacht gerade die dritte Seite landete.

»Was ist das?«, erkundigte sich Wegner eher beiläufig.

Busch faltete die Seiten und ließ sie in seinem Sakko verschwinden. »Nichts!«

»Wollen Sie mich verarschen? Her damit … los!«

»Geht nicht.«

Wegner hielt seinem jungen Kollegen unverändert die offene Hand entgegen. »Her damit!«

»Wenn Sie mich zwingen, Cheffe, dann hat sich die Sache erledigt«, gab Busch trotzig zurück. »Dann mache ich gar nichts und Sie können ...«

»Ich hab Sie doch gewarnt! Wenn es bei dem Scheiß um meinen Geburtstag geht, dann können Sie sich gleich nach ’ner neuen Dienststelle umsehen.«

»Man wird nur einmal sechzig, Cheffe!«

»Und Sie werden diesen Tag nie erleben, Busch. Geben Sie mir sofort die Seiten!«

»Nein!«

 

***

 

»Mein Gott … ich hab langsam echt die Schnauze voll!« Die Krankenschwester warf den Dienstplan mit verzerrtem Gesicht auf den Tisch vor sich. »Nächste Woche hab ich sechs Tage Dienst am Stück. Mein freier Tag ist der Mittwoch. Klasse!«

»Da kommt einer aus dem OP«, sagte ihre Kollegin in nüchternem Ton. »Ich schieb ihn dir direkt zwischen die beiden anderen. Dann hast du alle im Blick, falls einer aufwacht.«

Die Krankenschwester nickte und erhob sich stöhnend. Am Bett des neuen Patienten angekommen, blieb sie kopfschüttelnd stehen. »Gleich beide Beine auf einmal.« Sie klopfte mit der flachen Hand auf das dünne Laken. »Vielleicht geht es uns doch nicht so schlecht«, fuhr sie grinsend fort, während sie einige Klemmen und Schläuche an dem frisch Operierten befestigte.

 

***

 

»Herr Schilling! Welch seltener Glanz in unserer bescheidenen Hütte.« Wegner und Busch hatten sich noch eine Weile gestritten und erst aufgehört, als ihr Kollege das Büro der Mordkommission betrat. »Was machen Wasserhähne, Scheißhäuser und Glühlampen?«

»Sehr witzig!« Frank Schilling hatte sich einen Becher Kaffee geholt und begrüßte zuerst Busch. Jetzt marschierte er auf Wegner zu und hielt dem ebenfalls die Hand entgegen.

»Lieber nicht!«, presste der Hauptkommissar mit angewidertem Gesicht heraus. »Man weiß ja nie, was da noch so dranhängt. Ich habe Familie, da muss man aufpassen, was man mit nach Hause bringt.«

Frank Schilling ließ sich kopfschüttelnd in seinen Stuhl fallen und schaute zu Busch hinüber, der sich lachend hinter seinem Monitor verschanzt hatte. »Wenn ich mir einen kleinen Bulli kaufe und vielleicht einen Anhänger dazu, könnte ich eventuell den Dienst quittieren und jedes Wochenende Umzüge fahren«, philosophierte der Oberkommissar leise vor sich hin.

»Da hat endlich einer seine wahre Berufung erkannt«, stellte Wegner nüchtern fest. »Wenn Sie sich tatsächlich so einen Bulli kaufen, dann spendiere ich Ihnen die erste Tankfüllung. Ehrenwort!«

»Nimm’s nicht persönlich!«, begann Busch, noch immer lachend, »Mich hat er heute auch auf dem Kieker.«

Ein Klopfen unterbrach diese fröhliche Zusammenkunft. Kurz darauf stapfte Gundula Fräse, die Chefin der Personalabteilung, mit gewohnt versteinerter Miene herein. Intern nannte man sie schon seit Jahrzehnten Die Hexe, was nicht nur an ihrer übergroßen Nase lag. Ohne lange Erklärungen warf sie einen ganzen Stapel Ausdrucke auf Frank Schillings Schreibtisch und musterte den Oberkommissar mit geringschätzendem Blick. »Da stimmt was nicht!«, krähte sie und deutete dabei auf ein separates Blatt mit einer am Rande rotumrandeten Zahl. »Vierzehn Minusstunden … allein im letzten Monat, Herr Schilling. Können Sie mir das vielleicht mal erklären?«

»Pluster dich hier nicht so auf, Gunda!«, bölkte Wegner durch den Raum. »Du hast wohl lange nicht mehr …« Den Rest verschluckte er grinsend.

»Für Sie immer noch Frau Fräse – das hab ich Ihnen schon oft genug gesagt.«

Wegner hatte sich erhoben und wanderte bereits um die Schreibtische herum. Mit spitzen Fingern griff er nach der Liste und beäugte sie eine Weile. »Das kann nicht sein«, gab er das Ergebnis seiner Prüfung in gelangweiltem Ton zum Besten. »Da fehlen ja sämtliche Observierungen.«

»Welche Observierungen?«, erkundigte sich Gundula Fräse in giftigem Ton. »Davon weiß ich nichts!«

»Alle!« Wegner grinste und schaute zu Busch hinüber, um sich den Lohn für seine Taten sofort abzuholen.

»Das waren etwa …« Er zögerte ganz bewusst einen Moment lang und zog danach die Mundwinkel noch ein Stück höher. »Ja … das waren gute fünfzehn Stunden, vielleicht sogar mehr.«

»Wenn mir das mal jemand zum richtigen Zeitpunkt mitteilt, dann kann ich mir den Weg in Ihren Sauhaufen hier auch sparen.« Gundula Fräse hielt Wegner eine weitere Liste entgegen und forderte ihn wortlos, dafür aber umso gestenreicher zu einer Unterschrift.

»Sauhaufen?« Wegner tat empört und starrte seine Kollegin geschockt an. »Das ist nicht nett, Gunda, nicht nett!«

 

»Sie sind gar nicht so ein Arsch«, begann Frank Schilling, nachdem sich die Hexe wutschnaubend davongemacht hatte. Er hielt Wegner ein weiteres Mal die Hand entgegen. »Danke!«

»Erzählen Sie’s bloß nicht weiter, ich hab hier schließlich einen Ruf zu verlieren.«

 

 

2

 

Manuela Timmermann hechtete die Treppen zur Chirurgie hinauf. Es war fast Mittag, ihr Mann sollte sich also schon lange wieder auf der Station befinden. Eilig umrundete sie eine Handvoll Schwestern, die mit zwei Ärzten auf dem Flur herumalberten. Vor Zimmer 12 angekommen, klopfte sie leise und schob sich durch die halboffene Tür.

Das Zimmer lag noch immer im Halbdunkel. Die Vorhänge waren zugezogen, das Bett neben dem ihres Mannes war unverändert leer. Einzelzimmer ohne Zuschlag, dachte sie und kicherte in sich hinein. Unter diesen Voraussetzungen könnten sie das abendliche Fernsehprogramm selbst bestimmen und mussten nicht ständig flüstern. Perfekt!

Manuela Timmermann zog die Vorhänge beiseite und öffnete eines der Fenster, um Licht und Luft hineinzulassen. Ein gutes Gefühl. Erneut dachte sie an die Spaziergänge, rund um die Alster und daran, wie sie diese Wanderungen in Zukunft wieder gemeinsam genießen könnten. Als sie sich kurz darauf umdrehte, dauerte es eine ganze Weile, bis ihr Verstand die visuellen Informationen zusammengesetzt und ansatzweise verarbeitet hatte. Danach vergingen nur wenige Sekunden, bis ihr schwarz vor Augen wurde und sie neben dem leeren Bett ohnmächtig zusammensackte.

 

***

 

»Wo bleibt Schilling eigentlich mit unserem Mittagessen! Wenn der nicht bald kommt, dann gehe ich in die Kantine und hol mir ’ne Bockwurst.«

»Ruhig bleiben, Cheffe!« Detlef Busch hielt Wegner einen Müsliriegel entgegen. In der anderen Hand wartete die Alternative in Form eines Apfels. »Was soll es für den Vorhunger sein, mein großer Wohltäter?«

»Wenn Sie das mit Schillings Stunden irgendwo an die große Glocke hängen, gibt’s was auf die Fresse!«

»Warum sollte ich?«

»Weil Sie ein Dummkopf sind und Ihren Mund oft genug nicht halten können.«

»Ich?« Busch deutete mit empörter Miene auf sich selbst. »Ich kann meinen Mund nicht halten?«, wiederholte er kopfschüttelnd. »Denken Sie an Ihren Sechzigsten, Cheffe! Wenn’s sein muss, dann schweige ich wie ein Grab.«

»Mahlzeit!« Schwer beladen betrat Frank Schilling in diesem Moment das Büro der Mordkommission. »Kann mir vielleicht mal jemand was abnehmen?«

»Ist das meine Pasta?« Wegner stand vor seinem Kollegen und beäugte mit skeptischem Blick den Turm aus Alu-Schalen, dessen Spitze sich bedrohlich zur Seite neigte. »Hoffentlich ist es diesmal die richtige Soße, sonst können Sie gleich nochmal umdrehen.«

Gefräßiges Schweigen füllte die nächsten Minuten. Erst als der Letzte aufgegessen hatte, war es Busch, der als Erster seine Sprache wiederfand: »Verdammt … bin ich satt! Wie soll ich jetzt noch arbeiten?«

»Sie arbeiten hier?«, erkundigte sich Wegner mit skeptischer Miene. »Na, wenn ich das gewusst hätte …«

»Es gibt übrigens Neuigkeiten«, unterbrach Frank Schilling das erwartbare Gemetzel. »Er macht es!« Der Oberkommissar suchte Wegners Blick und lächelte vielsagend. »Ich hab heut Morgen eine Mail von ihm bekommen.«

»Wer macht was?«, fragte Busch neugierig und schaute seine Kollegen abwechselnd an. »Lasst mich nicht dumm sterben.«

»Wir tun alles, um das zu verhindern, aber ehrlich gesagt, habe ich die Hoffnung fast aufgegeben«, erwiderte Wegner nüchtern. »Vielleicht schauen wir mal, ob Sie für irgendeine Fortbildung infrage kommen.«

Busch sprang auf und es sah fast so aus, als wollte er seinen Chef am liebsten die Reste seiner Pasta ins Gesicht schleudern. Stattdessen sammelte er jetzt die Alu-Schalen ein, entsorgte sie, und füllte danach drei Becher mit Kaffee. »Raus mit der Sprache, sonst werde ich ungemütlich«, begann er aufs Neue, nachdem er wieder an seinem Schreibtisch saß.

»Er landet schon heute Abend in Hamburg. Wir treffen ihn in seinem Hotel …« Frank Schilling machte eine kurze Pause und schaute dabei Busch an. »Dann erwartet er übrigens auf die Hälfte der Kohle und ’nen hübschen Spesenvorschuss.«

Buschs Miene erhellte sich. Ihm schien ein Licht aufgegangen zu sein. »Wie viel?«, wollte er jetzt wissen.

»Ich denke, unter fünfundsiebzig brauchen wir nicht aufzulaufen. Sonst lacht uns der Kerl am Ende nur aus.« Schilling lächelte gequält. »Solche Typen reagieren nur auf Bares, alles andere hilft nicht.«

Wegner hatte noch kein Wort gesagt. Seine finstere Miene reichte aus, um seine Gedanken erraten zu können.

»Was ist, Cheffe?« Detlef Busch schien die genannte Zahl überhaupt nicht zu beeindrucken. »Ich habe doch gesagt, dass ich es mache.«

Wegner nickte unverändert wortlos, erhob sich und schlurfte mit kleinen Schritten zu seinen Kollegen hinüber. Er ging zwischen ihnen in die Knie und packte beide am Unterarm. Obwohl sich sein Mund öffnete, wollte kein Ton herauskommen. Stattdessen schüttelte er ganz langsam den Kopf und atmete hörbar. Seine Augen hatten wieder diesen feuchten Schimmer angenommen. Wie immer, wenn es um seinen toten Kollegen und besten Freund Stefan Hauser ging.

»Wir kriegen das Schwein, Cheffe!« Busch hatte seinen Arm aus der Umklammerung befreit und war aufgesprungen. »Ich gebe Ihnen mein Wort … wir kriegen das Schwein!«

»Kein Wort … zu niemandem!«, mahnte Wegner nicht zum ersten Mal. »Kein Sterbenswörtchen.«

Busch klopfte grinsend auf seine Sakkotasche, in der sich vermutlich Einzelheiten zu Wegners bevorstehender Geburtstagsfeier befanden. »Ich kann schweigen, Cheffe, wie ein Grab.«

»Und ich mache wohl kaum mit, um mich hinterher um Kopf und Kragen zu reden«, steuerte Schilling kopfschüttelnd dazu. »Mein Maul ist zugenäht.«

 

***

 

Nach und nach kehrten Manuela Timmermanns Sinne zurück. Zwei Krankenpfleger hatten sie auf das leere Bett gehievt und standen mit besorgten Mienen um sie herum, genauso wie die herbeigeeilte Schwester Elke. Als einer der Männer einen Schritt zur Seite machte, gelang es Manuela Timmermann sich zu drehen, um einen weiteren Blick auf ihren Mann werfen zu können. Unterbewusst hoffte sie darauf, dass sie nur einem üblen Scherz aufgesessen war, den ihr Verstand ihr gespielt hatte.

Kein Scherz!

Realität!

»Was ist passiert?«, erkundigte sich die Krankenschwester, während sie die Blutdruckbandage entfernte. »Sie sind anscheinend umgefallen, einfach so.«

Manuela Timmermann deutete zu ihrem Mann hinüber. Ihr Finger fuhr von seinem Kopf bis zur Mitte des Betts hinab, blieb dann stehen und begann zu zittern.

»Das kann doch nicht sein!« Schwester Elke marschierte mit energischen Schritten zum anderen Bett und griff sofort nach der Krankenakte, die am Fußende baumelte. Jegliche Farbe hatte sich aus ihrem Gesicht verabschiedet. »Das kann nicht sein«, stammelte sie ein weiteres Mal. »Das ist unmöglich!«

 

 

3

 

Es war schon Abend, als sich die Kommissare im Foyer eines Luxushotels trafen, das direkt an der Hamburger Binnenalster lag.

»Kein Wunder, dass der Kerl so teuer ist«, begann Wegner sofort zu frotzeln. »Scheint einen exklusiven Geschmack zu haben, der Bursche.«

»Ist er pünktlich gelandet?«, erkundigte sich Frank Schilling bei Busch, der sich eine dicke Aktenmappe unter den Arm geklemmt hatte. Er umklammerte das gute Stück, als hinge sein Leben davon ab.

»Ich hab zumindest nichts Gegenteiliges gehört und wir sollen den Typen hier um acht treffen.«

»Dann warten wir!« Wegner steuerte zielsicher die den Tresen der Hotelbar an und gab dem Kellner dahinter ein unmissverständliches Zeichen. Kurz darauf trabte der junge Mann mit drei Halben herbei.

»Vera hat mir gesagt, dass …«

»Halten Sie Ihr Maul, Busch! Sonst schütte ich Ihnen das Bier in die Hose und schaue zu, wie’s unten rausläuft.«

Detlef Busch ignorierte sein Chef und drehte sich auf seinem Hocker in Schillings Richtung. »Was ist das für ein Typ und woher kennst du solche Leute?«

»Ich kenne ihn nicht!«, gab Frank Schilling in empörtem Ton zurück. »Ein Kumpel beim LKA kennt einen, der einen kennt, der …«

»Jaja!«, unterbrach Busch seinen Kollegen. »… der einen kennt. Die Geschichte kommt mir bekannt vor.«

»Und es ist in diesem Fall tatsächlich die Wahrheit«, meldete sich ein Mann mittleren Alters, der sich unbemerkt genähert hatte. Ein mehr oder weniger überzeugendes Lächeln schmückte sein glattrasiertes Gesicht. Der Geruch eines edlen Aftershaves schien die ganze Lobby zu fluten. »Ich kenne Sie nicht – Sie kennen mich nicht. Und es wäre übrigens schön, wenn es dabei bliebe.« Der Mann gab dem Barkeeper ein Zeichen und setzte sich wenig später auf einen der freien Hocker.

Wegner hatte sich erhoben und stand kurz darauf mit skeptischer Miene direkt vor dem Mann. »Irgendeinen Namen sollten Sie uns aber schon nennen, sonst wird es mit der Konversation so fürchterlich kompliziert.« Mittlerweile hatten die drei Kommissare den Hinzugekommenen regelrecht eingekreist.

»Nennen Sie mich Bluhm, Uwe Bluhm.«

»Wenigstens nicht Bond«, flüsterte Wegner in Schillings Richtung und ließ ein schweres Atmen folgen. »Können Sie uns irgendwelche Referenzen anbieten, Herr Bluhm?« Wegners Ton klang grenzwertig freundlich und zeugte keineswegs von Wertschätzung oder gar Respekt. »Man will ja nicht so mir nichts, dir nichts … Sie verstehen sicher, was ich meine.«

Der Mann lächelte süffisant. Zweifellos hatte er mit genau dieser Frage gerechnet und wirkte sogar noch gelassener als zuvor. »Was wollen Sie denn wissen, Herr Wegner? Erster Kriminalhauptkommissar, neunundfünfzig, fast sechzig. Wohnhaft in ….«

»Das reicht erst mal!«, bremste Wegner den Mann unsanft aus. »Haben Sie Erfahrungen mit ähnlichen Aufträgen oder arbeiten Sie vielleicht nur bei der Auskunft?«

Detlef Busch ruderte aufgeregt mit den Armen herum, um seinen Chef zu bremsen. Schließlich war der auf dem besten Weg alles kaputt zu schlagen, bevor es überhaupt angefangen hatte.

»Lassen Sie ihn ruhig«, entschärfte Uwe Bluhm die Situation. »Ich kann verstehen, dass er wissen will, mit wem er es zu tun hat.«

»Dann legen Sie los, verdammt! Ich hab Frau und Kinder.«

»Ein Kind, eine Tochter«, korrigierte ihn Bluhm unverändert lächelnd. Urplötzlich verfinsterte sich sein Gesicht jedoch. »Ich war fast zehn Jahre bei den Special Forces. Irak, Afghanistan. Es gibt kaum ein finsteres Loch auf diesem Planeten, das ich nicht gesehen habe.«

»Mit vergleichbaren Aufträgen?«, erkundigte sich dieses Mal Frank Schilling, der bislang geschwiegen hatte.

»Geiselbefreiung, Personenschutz … aber oft genug auch das, was Sie wollen.«

»Sie wissen doch noch gar nicht, was wir wollen!«, protestierte Busch relativ energisch.

»Junger Freund …« Uwe Bluhm legte Busch sogar mit väterlicher Geste eine Hand auf die Schulter. »Was Sie wollen, pfeifen die Spatzen an jeder Ecke von den Dächern.« Passend zu seinen Worten legte der Mann einige Fotos auf den Tresen. Eines davon zeigte Stefan Hauser, das andere seinen Mörder: Jens Thomsen. »Sie haben die Israelis eingeschaltet. Seitdem läuft jeder Möchtegern-Agent mit diesen Bildern herum und hofft auf ein paar Dollar Trinkgeld, falls ihm der Kerl vor die Flinte läuft.«

Wegner zog Hausers Foto zu sich heran und betrachtete es eine Weile wortlos. Sein Gesicht hatte die übliche Härte angenommen. »Das ist auf Brunos Beerdigung aufgenommen worden … ich erinnere mich noch genau an den Tag.« Seine Stimme klang kraftlos. Passend dazu hingen seine Schultern hinab und er wirkte wie ein geprügelter Hund. »Sie scheinen tatsächlich ganz gut informiert zu sein.« Wegner nahm zwei große Schlucke aus seinem Bierglas und schaute die Männer nacheinander an. »Also, wie geht es weiter?«

»Als Anzahlung sind fünfzig fällig, dazu fünfundzwanzig Spesen, fürs Erste.« Uwe Bluhm verwöhnte die Kommissare mit einem geschäftsmäßigen Lächeln. »Wenn ich das Geld habe, fange ich sofort an.«

Ohne ein Wort zu sprechen, ließ Detlef Busch die mitgebrachte Ledermappe auf den Tresen klatschen. Auch sein Gesicht wirkte nicht mehr wie das eines jungen, unerfahrenen Polizisten, der jeden Tag darum kämpfte, sich seine Sporen zu verdienen. »Da sind hundert drin! Wenn das Geld zu Ende ist, brauchen Sie nur Bescheid zu sagen.«

 

***

 

»Ich weiß selbst nicht, was wir tun sollen, Professor.« Alexander Papes Telefon klingelte schon seit Stunden ununterbrochen. Als kaufmännischer Geschäftsführer der Braun-Kliniken-Gruppe war er der Erste, den alle leitenden Mitarbeiter bei Problemen solcher Größenordnung kontaktierten. »Wir haben Ihren Fall, einen weiteren ähnlichen in Eimsbüttel und sogar einen Toten …«

»Auch durch diesen Sch…« Der Professor am anderen Ende der Leitung biss sich auf die Zunge. Derlei Worte passten kaum zu einem Chefarzt. »Also, eine vergleichbare Panne?«

»Eigentlich ging es nur um ein paar Stents. Stattdessen haben die Kollegen den kompletten Brustkorb geöffnet, um eine Herzklappe zu erneuern.«

»Und das ist schiefgelaufen?«

»So kann man es sagen. Zumal der arme Teufel voll mit Blutverdünnern war. Ist innerhalb von neunzig Sekunden verblutet.«

»Verdammt! Wie können solche Fehler passieren und dazu noch dreimal an einem Tag?« Selbst einem erfahrenen Chirurgen schienen derartige Vorkommnisse einen tüchtigen Schrecken einzujagen. Hierbei ging es sicherlich nicht um tote Menschen, die zum Krankenhausalltag gehörten. Vielmehr zeigten solche Vorfälle, wie anfällig das System im Allgemeinen war.

»Wir sind der Sache auf der Spur«, gab Alexander Pape wahrheitsgemäß zurück. »Eine Sache jedoch steht fest.«

»Und das wäre?«

»Es kommt von innen. Da hat jemand unsere Software manipuliert.«

 

 

4

 

»Ich habe Herrn Bluhm auf dem Weg abgeholt und ihn am Flughafen abgesetzt.«

»Verdienen Sie sich jetzt auch noch Geld als Taxifahrer dazu?«, erkundigte sich Wegner gewohnt bissig. »Wenn Sie wollen, dann stelle ich in der Kantine ein Sparschwein für Sie auf.«

»Ich hätte im Bett bleiben sollen«, presste Frank Schilling gequält heraus und schlenderte zur Kaffeemaschine hinüber. »Wenn in Frankfurt alles glatt läuft, dann landet unser Vollstrecker in weniger als vierundzwanzig Stunden in Jakarta.«

Wegner legte seinen Zeigefinger auf die Lippen und strafte seinen Kollegen mit wütenden Blicken. »Hier haben sogar die Wände Ohren, vergessen Sie das nicht, Schilling.«

»Und wir haben nichts damit zu tun und wissen nicht einmal, wer dieser Bluhm ist«, fügte Detlef Busch übereifrig hinzu.

»Arschkriecher!« Es sah fast so aus, als wollte Frank Schilling seinen jungen Kollegen packen. Erst als Wegners Hand unter seine Jacke fuhr – zweifellos würde sie in Kürze mit seiner Dienstwaffe zurückkehren –, hielt Schilling abrupt inne und grinste gequält. »War nicht so gemeint.«

»Ich habe die ganze Chose bezahlt«, fuhr Busch fort. »Damit habe ich hoffentlich auch bewiesen, wie ernst es mir ist.«

»Und ich riskiere Kopf und Kragen, obwohl ich euren Kollegen nicht mal gekannt habe.«

»Und ich …«

Schilling und Busch schauten Wegner erwartungsfroh an. Vermutlich waren beide gespannt darauf, was nun folgte.

»… brauche keinen Grund, um Stefans Mörder zu jagen. Ich würde alles tun, um das Schwein zu finden und zu erledigen. Alles!«

 

***

 

Alexander Papes Tag begann, wie der letzte geendet hatte. Seine beiden Telefone und sein Handy wollten keine Sekunde schweigen. Gerade erst hatte er ein Gespräch beendet, da klingelte auch schon der nächste Apparat.

»Wir müssen die Polizei informieren, Herr Pape!«, begann der Anrufer sofort aufgeregt und verzichtete sogar auf ein Guten Morgen.

»Wenn wir das tun, kann es passieren, dass die uns den Laden dichtmachen. Wollen Sie das, Professor?«

»Wir haben es hier nicht mit einem Kunstfehler zu tun oder einer technischen Panne, die wir … vertuschen könnten«, fügte der Mediziner in gequältem Ton zu. »Da hat jemand absichtlich das Leben von Menschen riskiert. Das ist Mord.«

»Zunächst darf ich Sie daran erinnern, dass Sie Mitarbeiter der Braun-Kliniken sind, Herr Professor.« Alexander Papes Stimme hatte eine eiskalte Farbe angenommen. »Hinzu kommt, dass Sie mit Ihrem Chef sprechen und der lässt sich keine Befehle geben.«

»Was soll das bedeuten?«

»Vorerst bedeutet es, dass dieses Gespräch beendet ist. Guten Tag!«

 

***

 

»Haben Sie diesem Herrn Bluhm sämtliche Informationen, die wir bislang gesammelt haben, zukommen lassen?«

»Natürlich, Cheffe! Obwohl ich kaum glaube, dass der Typ unsere vagen Hinweise benötigt. Der scheint mehr zu wissen als wir alle zusammen.«

»Ich hab ein paar Dinge über den Kerl herausgefunden«, steuerte Frank Schilling ganz beiläufig dazu.

»Was soll das bedeuten?«, wollte Wegner wissen. »Bis jetzt haben wir doch noch nicht mal seinen richtigen Namen.«

Auch Busch machte sich gerade, um einen Blick auf Schillings Monitor werfen zu können. »Das ist tatsächlich sein Gesicht. Wie hast du das denn wieder hinbekommen, Frank?«

»Wahrscheinlich hat er die Wahrheit in irgendeinem verstopften Abflussrohr gefunden«, stellte Wegner wiehernd fest.

»Cheffe!«

»Wenn man weiß, wo man suchen muss, dann ist es meistens ganz einfach, auch ohne Abflussrohr«, gab Frank Schilling mit künstlichem Lächeln zurück und schenkte Wegner nur noch ein Kopfschütteln. »Das mit den Special Forces stimmt übrigens. Damals hieß der Kerl Peter Bloom.«

»Dann beweist er bei der Wahl seiner Decknamen nicht gerade besonders viel Fantasie«, kommentierte Wegner stirnrunzelnd. »Was war danach?«

»Alles Verschlusssache. Wobei zwei Einträge darauf hinweisen, dass er seitdem tatsächlich auf eigene Rechnung arbeitet.«

»Erfolgreich?«, erkundigte sich Busch.

»Klar! Hier steht seine Abschussquote und am Ende sogar seine Schwanzlänge. Alle Achtung …«

»Arschloch!«

Eine weitere Eskalation verhinderte Buschs Telefon. Eine halbe Minute später legte der junge Kommissar auf und betrachtete seine Kollegen vielsagend. »Der Pförtner bringt uns eine Krankenschwester hoch. Die faselt irgendwas von amputierten Beinen und Mord.«

»Da fragt man sich, was einem am Ende lieber ist.« Wegner war aufgestanden, um sich einen weiteren Muffin zu holen.

Detlef Busch warf sich mutig – oder auch lebensmüde – in seine Bahn und hielt ihm einen Apfel entgegen. »Nicht mehr als einen am Tag, hat Vera gesagt.«

»Arschloch!«

 

 

5

 

»Bleibt die Frage, wie lange wir die Sache geheim halten können, Kollege.« Professor Dr. Wilfried Lange, ärztlicher Geschäftsführer der Braun-Kliniken, saß im Büro von Alexander Pape und studierte einige Ausdrucke. »Und Sie sind sich sicher, dass es wirklich nur von innen kommen kann?«

»Hundertprozentig!«

»Was ist mit den aktuellen Plänen? Ist sichergestellt, dass so was nicht nochmal passieren kann?«

»Wir kontrollieren alles doppelt und dreifach.« Alexander Pape lächelte gequält. »Sicher ist nur, dass für uns alle das Leben mit dem Tode endet.«

»Wir müssen vorsichtig sein, dass diese Sache nicht auch zum Tod der Braun-Kliniken führt. Sie wissen selbst am besten, wie es momentan aussieht. Wenn die Geschichte hochkocht, dann werden sich die beiden potenziellen Investoren schnellstens aus dem Staub machen. So eine negative Publicity kann niemand gebrauchen.« Professor Lange richtete sich in seinem Stuhl auf und schaute sein Gegenüber prüfend an. »Was haben Sie als Nächstes vor, Herr Pape?«

»Nach dem Mittag fliege ich nach Hamburg. Es ist vermutlich besser, wenn ich vor Ort bin und notfalls eingreifen kann.« Alexander Pape richtete sich ebenfalls auf und erwiderte den Blick des Professors ernst. »Ich werde alles tun, um die Sache unter den Teppich zu kehren …«

»Dann viel Glück! Und vergessen Sie nicht, was auf dem Spiel steht.«

 

***

 

»Mein Name ist Elke Dormann. Ich bin Oberschwester auf einer chirurgischen Station. Braun-Klinik hier in Altona.«

»Und was führt Sie zu uns, Frau Dormann«, fragte Wegner. Alle drei Kommissare hatten sich rund um die Frau versammelt, um zu erfahren, worum es ging.

»Da hat einer – Tschuldigung! – Scheiße gebaut.«

»Was bedeutet …?«

»Das bei uns scheint kein Einzelfall gewesen zu sein. Intern wird sogar von Toten gesprochen.«

»Fangen Sie am besten ganz vorne an, Frau Dormann«, gab Wegner schwer atmend zurück. Es hätte nur noch ein Blick auf die Uhr gefehlt. »Wenn es uns an irgendeiner Stelle tatsächlich zu umfangreich wird, dann melden wir uns schon.«

Busch und Schilling nickten synchron. So traurig es klingen mochte: Ein neuer Fall für die Mordkommission war längst überfällig.

»Bei uns war es ein Mann. Thrombose … dem armen Kerl sollten nur ein paar Stents in die Oberschenkel-Venen gesetzt werden.«

Ohne es sofort zu bemerken, massierte Wegner seine Beine. Er kannte dieses kalte, taube Gefühl, das in den Füßen anfing und sich über die Waden irgendwann fast über die kompletten Beine erstreckte. Wenn er Vera davon erzählen würde, dann müsste er mit einem Haufen weiterer Moralpredigten rechnen.

»Und was ist stattdessen passiert?«, erkundigte sich Busch in gequältem Ton. Seine Miene verriet, dass er sich schon einige Dinge ausmalte, die keinerlei erfreulichen Beigeschmack boten.

»Als er auf die Station zurückkam, habe ich es noch gar nicht bemerkt.« Elke Dormann schluckte schwer und griff mit dankbarem Lächeln nach dem Kaffeebecher den Schilling ihr in diesem Moment reichte. »Sie haben beide amputiert …« Die Stimme der Frau erstarb und machte Platz für Tränen.

»Und in anderen Kliniken gibt es ähnliche Fälle?«, fragte Busch. »Sogar Tote?«

Wortloses Nicken. Danach war auch nur lautstarkes Schniefen von der Krankenschwester zu hören.

Die Kommissare wechselten Blicke, die Skepsis anklingen ließen. Als Schillings Mund sich öffnete – zweifellos, um eine weitere Frage zu stellen –, bot Wegner ihm mit einem Kopfschütteln Einhalt. Stattdessen zog er ein zerknülltes Taschentuch heraus und drückte es Frau Dormann in die Hand. Eine weitere Geste reichte aus, um Busch an seinen Computer zu delegieren. Sofort huschten die Finger des jungen Kommissars über die Tastatur. Kurz darauf begann er so leise wie möglich: »Braun-Kliniken … der Hauptsitz liegt in Stuttgart.«

»Wie viele Kliniken haben die hier in Hamburg?«, wollte Wegner wissen.

»Bei uns sind es drei. In Hannover zwei … und in Braunschweig noch eine weitere. Das sind die Häuser im Norden. Insgesamt sind es über dreißig …«

»Alle Achtung«, stieß Schilling in bewunderndem Ton hervor. »Das scheint ja ein lukratives Geschäft zu sein.«

Elke Dormann schüttelte entschlossen den Kopf, was die Kommissare sofort schweigen ließ. Die Krankenschwester schnäuzte sich und begann dann von Neuem: »Größe allein hilft auch keinem.« Die Frau starrte mit leerem Blick ins Nichts. »Bei uns mangelt es an allem, und von oben heißt es trotzdem jeden Tag nur Sparen, Sparen, Sparen und nochmals Sparen.«

»Wer ist für Hamburg verantwortlich?«, erkundigte sich Wegner, während er Schilling gestenreich dazu aufforderte, für neuen Kaffee zu sorgen. »Wer hat das Sagen hier bei uns?«

 

***

 

Alexander Pape hatte gerade erst auf dem Ledersitz des 7er BMW in der Langversion Platz genommen. Diese wichtige Frage brannte ihm jedoch viel zu sehr unter den Nägeln, um damit zu warten. »Haben wir irgendwo einen neuen Fall?«

»Erfreulicherweise nicht!«, gab Professor Wendt in routiniertem Ton zurück. Der Chefarzt der Braun-Klinik in Hamburg-Eimsbüttel hatte sich höchstpersönlich bereiterklärt, Alexander Pape vom Flughafen abzuholen. »Bis jetzt ist auch nichts nach außen gedrungen. Wenn das so bleibt, dann könnten wir die Sache als ärgerlichen Einzelfall ad acta legen und hoffen, dass sich so was nicht wiederholt.«

»Wie sieht es mit dem Personal aus? Haben Sie das im Griff?«

»Haben Sie auf Ihrem Werdegang jemals selbst in einem Krankenhaus gearbeitet, Kollege?«

»Nicht wirklich«, gab Pape leise zu. »Ist das eine unbedingte Voraussetzung?«

»Zumindest hätte es mir diese irrwitzige Frage erspart.« Der Professor bog kopfschüttelnd auf die Langenhorner Chaussee ab. »In einem Krankenhaus können Sie nichts geheim halten. Nicht mal vom Frühstück bis zum Mittagessen.«

»Also müssen wir darauf hoffen, dass sich niemand berufen fühlt und wir die Angehörigen mit großzügigen Entschädigungen ruhigstellen können.« Alexander Pape öffnete seine Aktenmappe und zog ein einzelnes Blatt heraus. »Ich habe von den Gesellschaftern heute Morgen das Okay für bis zu zweieinhalb Millionen bekommen. Glauben Sie, das könnte reichen?«

»Stellen Sie mir diese Frage am Ende der Woche nochmal. Momentan möchte nicht mal eine Prognose wagen.«

 

***

 

»Wer begleitet Vati?« Wegner schaute seine Kollegen erwartungsfroh an, musste jedoch feststellen, dass sich keiner der beiden besonders nach vorne schob. Kein Wunder! Dieser Fall versprach Bilder, die selbst ein hartgesottener Polizist nur schwer wieder vergessen konnte. »Entweder ihr einigt euch oder ihr fahrt beide mit.« Wegner klimperte ungeduldig mit dem Autoschlüssel. »Was ist?«

»Ich bin letztes Mal bei der toten Rentnerin bis unters Dach gestiegen«, begann Schilling seinen Vorstoß. »Ich denke, unser junger Kollege könnte ein wenig Routine vertragen.«

»Für mich verdient ein solcher Fall die erste Garnitur: Einen Hauptkommissar und einen Oberkommissar«, gab Busch mit verschmitztem Lächeln zurück. »Die Sache riecht nach Titelblatt, Schlagzeilen. Da hat ein Greenhorn wie ich nichts verloren.«

»Okay, ich habe mich entschieden«, begann Wegner gelangweilt und warf den Schlüssel zu Schilling hinüber. »Gute Fahrt euch beiden und später schönen Feierabend.«

 

 

6

 

»Zeigen Sie mir den OP-Plan von gestern«, begann Alexander Pape sofort in unterkühltem Ton, nachdem er Platz genommen hatte. »Dazu die Protokolle, wann zuletzt etwas daran geändert wurde.«

»Protokolle!« Matthias Schäfer garnierte das Wort mit einem freudlosen Lachen. »Haben Sie sich in den letzten sechs Monaten mal unsere Fehlermeldungen angeschaut? Wenn wir die ausdrucken und nach Stuttgart schicken würden, dann müsste ich zwei Lkw anmieten.«

»Geben Sie mir einfach alles, was Sie haben.« Papes Stöhnen verdeutlichte seine Ernüchterung. Schließlich wusste er selbst – vermutlich sogar besser als jeder andere – wie es um die Infrastruktur der EDV bestellt war. Schon vor der Übernahme durch die Braun-Gruppe hatten die alten Eigentümer jegliche Investitionen gescheut. Letztendlich war es als Wunder anzusehen, dass überhaupt noch irgendetwas funktionierte.

»In Altona haben wir einem Gesunden die rechte Niere entnommen«, begann Matthias Schäfer mit gequälter Miene. »Hier in Eimsbüttel ist ein Mann mit zwei Stümpfen aufgewacht, bei dem eigentlich nur ein paar Stents vorgesehen waren. Und oben in Langenhorn ist uns einer auf dem OP-Tisch weggestorben.« Schäfer betrachtete einen Wasserfleck an der Decke. »Traurige Bilanz für einen einzelnen Tag.«

»Es wird uns kaum helfen, wenn wir unsere Zeit damit verschwenden, über gelegte Eier zu debattieren.« Alexander Papes Gesicht verfinsterte sich zusehends. »Ich habe Sie vor nicht mal sechs Monaten zum Chef der Verwaltung unserer Hamburger Häuser gemacht, Herr Schäfer. Ich kann nur hoffen, dass sich das am Ende nicht als Fehlentscheidung entpuppt.«

»Also ist es wie immer. Sie sind gekommen, um einen Schuldigen zu finden und ihn zur Schlachtbank zu führen.« Matthias Schäfer zog die Mundwinkel hoch, was in einem gequälten Grinsen endete.

»Noch stelle ich mir eher eine unblutige Lösung vor, ohne Schlachtbank.« Pape war aufgestanden und zum Fenster geschlendert. »Die Mitarbeiter der betreffenden Stationen erhalten spätestens morgen ein Schreiben, in dem wir einen üppigen Bonus am Monatsende ankündigen. Was die Familien der Betroffenen angeht, so arbeiten unsere Anwälte in Frankfurt bereits daran, sie angemessen zu entschädigen.«

Schäfer nickte gedankenversunken. Er wollte gerade antworten, als ihn sein Telefon unterbrach.

Nachdem er nur ein paar Sekunden später aufgelegt hatte, sprach sein Gesicht Bände. »Das Geld können wir uns vermutlich sparen, unten wartet die Polizei.«

 

***

 

Wegner hatte sich ein Stück Käsekuchen aus der Kantine geholt und saß, in eine Sportzeitung versunken, an seinem Schreibtisch. Als sein Telefon klingelte, musste er zunächst einen riesigen Happen herunterschlucken, bevor er das Gespräch annehmen konnte.

»Zentrale hier. Hans Schreiber für Sie.«

Wegner spülte die letzten Krümel mit einem Schluck Kaffee herunter. »Hans, alter Haudegen, was läuft da oben bei euch?«

»Ich fürchte, dass es dir kaum gefallen wird, Manfred«, begann der Leitende Polizeidirektor ohne Umschweife. »Ich rufe eigentlich nur an, um mich zu verabschieden.«

»Was soll das bedeuten? Haben sie dich rausgeworfen?«

»So ähnlich! Ich werde in Kürze mit vollen Bezügen in den Früh-Ruhestand verabschiedet«, gab Hans Schreiber relativ unbekümmert zurück.

»Freiwillig?«

»Sogar auf Wunsch, wenn du’s genau wissen willst.«

»Da ist doch was im Busch. Das höre ich an deiner Stimme.« Wegner marterte sein Hirn, um den Namen von Schreibers Frau nach oben zu befördern. »Ist was mit Jutta?«

»Der geht’s gut, keine Sorge.«

Wegner atmete erleichtert aus. Volltreffer. Und das bei seiner ansonsten immer schlimmer werdenden Vergesslichkeit.

»Ich werde Opa, Manfred! Und Jutta meint, dass es Zeit wird, ein bisschen Leben nachzuholen.«

»Ich gönne es keinem mehr als dir, Hans. Die letzten Jahre waren für euch da oben alles andere als angenehm. Da weht der Wind von allen Seiten gleichzeitig.«

»Bleibt nur ein Problem, und ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll, Manfred.«

»Geht es um deinen Nachfolger?«

»Richtig!«

»Sag nicht, dass sie …«

»Doch, haben sie.«

»Verdammte Scheiße!«

 

***

 

»Es liegen uns glaubhafte Hinweise vor, dass es am gestrigen Tag einige Vorfälle in Ihren Hamburger Kliniken gegeben hat.« Schilling lehnte den angebotenen Stuhl ab und deutete auf Busch, der ebenfalls den Kopf schüttelte. »Was können Sie uns dazu sagen, meine Herren?«

Alexander Pape und Matthias Schäfer hatten nebeneinander auf einer Seite des Schreibtisches Platz genommen. Nach Schillings ersten Worten wechselten die beiden entrüstete Blicke.

»Wie kommen Sie darauf?«, erkundigte sich Pape. »Wie sehen diese angeblich glaubhaften Hinweise denn aus?«

»Und aus welcher Quelle sollen die stammen?«, ergänzte Schäfer mit erstaunter Miene.

»Sagt Ihnen der Name Dirk Timmermann etwas?« Schon Buschs erster Satz ließ die Herren hinter dem Schreibtisch ein wenig zusammenzucken. »Wenn wir richtig informiert sind, dann hat der Mann eines Ihrer Krankenhäuser noch auf seinen eigenen Beinen betreten. Bei seiner Entlassung wird das wohl anders aussehen.«

»Lieber Herr Kommissar«, begann Alexander Pape mit aufgesetztem Lächeln. »Wir schleusen jeden Monat Tausende von Patienten durch unsere Kliniken. Wie kommen Sie darauf, dass wir Ihnen zu einem einzelnen Namen spontan etwas sagen könnten?«

»Es gibt offensichtlich noch zwei weitere Fälle, bei denen wir auf nähere Informationen warten«, antwortete Schilling völlig unbeeindruckt. »Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, aber Ihr … Ihr Versteckspiel wird nicht lange gut gehen, fürchte ich.«

»Versteckspiel?« Alexander Pape sprang regelrecht auf und schlug mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. »Ich frage mich, ob wir diese Unterhaltung vielleicht besser im Beisein unserer Anwälte fortsetzen sollten.«

»Was zweifellos darauf hindeutet, dass Sie etwas zu verbergen haben«, erwiderte dieses Mal Busch routiniert. »Wenn Sie es drauf ankommen lassen wollen, dann besorgen wir uns einen Gerichtsbeschluss und stellen hier morgen früh alles auf den Kopf.«

Erneut wechselten die beiden leitenden Mitarbeiter der Braun-Kliniken Blicke. Dieses Mal wirkten sie jedoch eher besorgt als entrüstet. Am Ende dieser wortlosen Unterhaltung war es wieder Alexander Pape, der den Kommissaren die ausstehende Antwort präsentierte: »Dann lassen wir es drauf ankommen. Guten Tag, meine Herren.«

 

 

7

 

»Im ersten Anlauf haben wir bei der Klinik-Leitung auf Granit gebissen, Cheffe!« Busch und Schilling rollten gerade vom Krankenhaus-Parkplatz und bogen kurz darauf in die Holstenstraße ab. Hier wälzten sich wie üblich Blechlawinen in beide Richtungen. »Ich habe schon mit Frau Timmermann telefoniert, Frank und ich fahren zu ihr rüber.«

»Und was soll ich machen? Sie rufen doch nicht an, um mir einen schönen Feierabend zu wünschen.« Wegner erkannte seine Schweine am Gang. »Raus mit der Sprache, Busch!«

»Wir brauchen weitere Namen, die mit den anderen beiden Pannen im Zusammenhang stehen.«

»… und die soll ich wahrscheinlich aus der Krankenschwester, dieser Frau Dormann rauskitzeln, richtig?«

»Sie sind so schlau, Cheffe! Wenn Sie nicht schon verheiratet wären, dann würde ich glatt …« Detlef Busch hörte nur noch ein statisches Rauschen, was bedeutete, dass Wegner längst aufgelegt hatte.

»Macht er’s?«, erkundigte sich Schilling vom Fahrersitz aus.

»Denke schon … keine Ahnung.«

 

Eine halbe Stunde später erreichten Busch und Schilling die kleine Spielstraße mitten im Herzen von Hamburg-Ottensen.

»Wir müssen bis zum Ende durch, sagt die Navi.« Busch deutete auf den Bildschirm. »Da müsste gleich ein Wendehammer kommen.«

»Zuerst mal muss ich die Bonzenkiste durchlassen«, maulte Schilling zurück. »Die Ärsche meinen auch, ihnen gehört die ganze Straße, nur weil das größere Auto haben.«

Schilling war rechts auf den Bürgersteig ausgewichen. Die schwarze Limousine mit Frankfurter Kennzeichen rollte langsam am Wagen der Kommissare vorbei. Der Fahrer hielt es noch nicht mal für nötig, sich zu bedanken, sondern gab einfach Gas, nachdem er das lästige Hindernis passiert hatte.

»Versicherung oder Anwälte, würde ich sagen.« Busch garnierte seine Vermutung mit einem Lachen. »Oder vielleicht beides: Versicherungs-Anwälte.« Jetzt deutete er mit dem Finger aus dem Fenster. »Das ist es, das Endreihenhaus. Halt an!«

 

Fünf Minuten später saßen die Kommissare in einem penibel aufgeräumten Wohnzimmer. Frau Timmermann war gleich zu Beginn der Unterhaltung in die Küche entschwunden, um Kaffee zu kochen. Busch und Schilling bewunderten derweil ein Aquarium.

»Die meisten sind Zwerg-Welse«, informierte Manuela Timmermann die Männer und stellte das Tablett auf dem Wohnzimmertisch ab.

»Haben Sie Kinder?«, erkundigte sich Busch und ließ seine Blicke durch das Wohnzimmer kreisen, um auf eventuelle Bilder oder sonstige Dinge zu stoßen, die auf Nachwuchs hindeuteten.

»Das ist der Ersatz.« Frau Timmermann deutete erneut auf das Aquarium. »Wir haben es einige Jahre lang versucht, aber es hat leider nicht geklappt.« Jetzt verfinsterte sich ihre Miene zusehends. »Wer weiß, ob es nicht vielleicht auch besser so war – gerade nach dem heutigen Tag.«

»Was ist passiert?« Dieses Mal war es Schilling, der die Frau mit dieser kurzen, offenen Frage zum Reden bringen wollte.

»Es hat anscheinend Komplikationen gegeben.« Die Frau sprach leise. Ihre Stimme wirkte brüchig. »Am Ende mussten sie meinem Mann beide Beine abnehmen.«

Busch war aufgesprungen und reichte Frau Timmermann ein Taschentuch, das die mit dankbarem Lächeln entgegennahm.

»Wir hatten noch so viel vor, und jetzt das. Ich weiß gar nicht, wie …«

»Lassen Sie sich Zeit!« Auch Schilling war aufgestanden und ging auf eine Glastür zu, hinter der eine winzige Terrasse lag. Auf seinem Weg passierte er ein Telefonschränkchen und blieb wie angewurzelt davor stehen. Kurz darauf hielt er eine Visitenkarte empor, die er dort gefunden hatte. »Anwälte«, stellte der Oberkommissar nüchtern fest und nickte Busch zu, der diesen Hinweis längst verstanden hatte.

»Was hat man Ihnen versprochen, Frau Timmermann?« Schilling machte eine kurze Pause. »Hat man Sie eingeschüchtert, Ihnen Angst gemacht?«

Die Frau schniefte ein letztes Mal und versuchte danach möglichst ernst und bestimmt auszusehen. »Komplikationen!« Dieses Wort schickte sie voraus und hoffte vermutlich, dass es bereits alles erklären würde. Da die Kommissare jedoch relativ unbeeindruckt wirken, legte sie nach: »Was soll ich denn Ihrer Meinung nach tun? Das Krankenhaus verklagen und mich auf einen jahrelangen Rechtsstreit einlassen, bis zuletzt auch das Haus unter den Hammer kommt?« Manuela Timmermann umklammerte ihren Kaffeebecher, bis ihre Knöchel sich weiß verfärbten. »Die Anwälte haben gesagt, dass ihr Angebot nur heute gilt«, presste sie mühevoll heraus. »Ab morgen müsste ich mir jeden einzelnen Euro erstreiten. Sagen Sie mir bitte, was Sie getan hätten.«

Auf diese letzte Frage wusste weder Busch noch Schilling eine Antwort zu geben. Als die Kommissare sich kurz darauf an der Tür von Manuela Timmermann verabschiedeten, lieferte ihnen die Frau noch eine letzte Rechtfertigung: »Es reicht für ein paar Monate und einen vernünftigen Rollstuhl, bis wir wissen, wie es überhaupt weitergehen soll.«

 

»Ich könnte kotzen!« Busch fasste das in Worte, was Schillings Gesicht bereits ausdrückte, seitdem die Männer wieder in ihrem Auto saßen. »Wenn wir nicht jemanden finden, der plaudert, dann schaffen es diese feinen Anzugträger tatsächlich, die Sache unter den Teppich zu kehren.«

»Wir können nur hoffen, dass Wegner etwas aus Frau Dormann herausbekommt.« Schilling bog nach rechts ab und fuhr viel zu schnell auf eine rote Ampel zu. Jetzt legte er fluchend eine Vollbremsung hin. »Mit den mageren Hinweisen lacht uns der Richter aus, wenn wir einen Durchsuchungsbeschluss beantragen.«

»Wir müssen herausfinden, was in den anderen Kliniken passiert ist und uns die Angehörigen vorknöpfen.« Busch donnerte mit der Faust auf das Armaturenbrett. »Ich will diesem Pape zeigen, dass er mit seinen Märchen nicht durchkommt.«

»Also ihm den Arsch aufreißen.«

»Oder so!«