Dieses Buch ist Richard Kedward gewidmet,

der mich alles über die Vergangenheit gelehrt

und so meine Zukunft verändert hat.

*

Außerdem wurde es in Gedenken

an die verschwundenen und ermordeten

Ureinwohnerinnen Kanadas geschrieben.

Ruhet in Kraft.

Teil Eins

September

1

GEBROCHENE NASE

Hwa fragte sich, ob der Tag gekommen war, an dem sie dem erbärmlichen Mistkerl ein für alle Mal den Garaus machen würde. Sie sah auf die Uhr. Eileen war zu spät. Sie pingte sie an. Und wartete. Keine Antwort. Der Klient hatte für eine zusätzliche Sicherheitsstufe bezahlt, bei der sein Bodyguard einen Sicherheitsabstand wahren musste. Diese Stufe war nur vertrauenswürdigen Klienten vorbehalten. Hwas Erfahrung nach konnte sich das als Fehler erweisen. Wenn der Turm ihr Gesicht erkannt hatte, würde Belle de Jour den Klienten anpingen und ihm mitteilen, dass er fertig werden musste, weil sie unterwegs war. Aber die Türme bekamen ihr Gesicht nie zu sehen. Ebenso wenig die Filter der Klienten. Auch aus diesem Grund war sie für die Organisation so wertvoll, weil man sie erst kommen sah, wenn es längst zu spät war.

Sie schaute den Flur entlang, doch da waren nur ein paar Kinder, die auf dem Weg zur Schule waren und sich anrempelten, während sie auf die Fahrstühle warteten. Keine schweren Jungs. Keine Raufbolde. Keine Rigger. Niemand, der ihr Ärger machen würde, wenn sie Eileens Klienten den Kopf wusch. Ideale Bedingungen.

»Belle, mein Termin ist spät dran, stell jetzt den Kontakt her«, sprach sie in ihre Armbanduhr.

Nach einer kurzen Pause kam die Antwort: »Halten Sie uns auf dem Laufenden! Viel Glück!«

Hwa stand auf, überprüfte noch einmal den Flur und klopfte dann an die Tür. Dahinter waren ein Kichern und ein gedämpftes »Hab ich doch gesagt!« zu hören. Hwa verdrehte die Augen. Inzwischen war der Flur so gut wie leer.

»Keine Sorge, Mr Moliter«, sagte sie durch die Tür hindurch. »Es wird Sie niemand sehen.«

Die Tür wurde schnell aufgerissen; er hatte wohl schon auf sie gewartet. Selbst nach all diesen Jahren war er noch immer ein fahler Mann mit einem seltsamen, leicht geöffneten Mund und beinahe farblosen Augen; er sah aus wie ein Fisch. Sein Verhalten glich dem aller kleinen Männer, und dieser Morgen bildete keine Ausnahme.

»Wie können Sie es wagen, meinen Namen hier laut auszusprechen?«, zischte er. »Was ist, wenn die Eltern einer bestimmten Person Sie gehört haben? Was ist …?« Er blinzelte, und sie beobachtete, wie die Filter vor seinen Augen verschwanden. Er sah den Makel. Er erkannte Hwa. Und er verstummte.

Hwa setzte ein Lächeln auf. »Hi, Mr Moliter«, flötete sie in der Tonlage eines süßen, halbkoreanischen Mädchens. »Wie geht es Ihrem Auge?«

Die alte Narbe über seiner rechten Augenbraue zuckte. Er schluckte schwer. Dann fand er zumindest so weit seine Würde wieder, dass er den Bademantel schloss und sich etwas gerader hinstellte. »Gut«, antwortete er. »Keinerlei Beschwerden.«

»Freut mich zu hören. Also konnten die Netzhaut und alles andere wiederhergestellt werden, wie?«

Moliter leckte sich die dünnen, rauen Lippen. Der Mann war strohdumm und außerdem noch hundsgemein. Er warf Hwa einen Seitenblick zu und rief über die Schulter in die Wohnung hinein: »Eileen! Zeit zu gehen!«

Eileen kicherte noch immer. Sie kam aus dem Apartment gehüpft und machte ein schuldbewusstes Gesicht. Auf den ersten Blick sah sie gut aus, ihr wallendes rotes Haar saß perfekt, ihr Eyeliner war gekonnt aufgetragen, sie hatte keine blauen Flecken, ging ganz normal, und in ihren Strümpfen waren keine Laufmaschen zu sehen. Sie drückte Moliter sogar die Hand.

»Ich habe mich prächtig amüsiert«, sagte Eileen.

»Ja. Schön. Wiedersehen.«

»Kanadas Prostituiertengewerkschaft dankt Ihnen für Ihren Auftrag, Mr Moliter.«

Er knallte ihr die Tür vor der Nase zu.

Eileen drehte sich um und wollte etwas sagen, aber Hwa sprach bereits in ihre Uhr. »Belle, mein Termin ist eingetroffen. Ich bringe sie jetzt nach Hause.«

»Gut gemacht«, lautete die Antwort. »Schönen Tag noch!«

»Danke fürs Anklopfen.« Eileen hakte sich mit einem parfümierten Arm bei Hwa unter. »Können wir noch was trinken gehen? Ich würde für einen anständigen Kaffee sterben.«

»Lehrer können sich das gute Zeug nicht leisten, was?«

»Ich habe schon Lehrer mit deutlich besserem Kaffee gevögelt. Ach, ich hatte schon Tutoren mit besserem Geschmack.« Eileen drückte ihren Arm. »Bitte. Können wir einen Zwischenstopp einlegen? Auf meiner Etage gibt es ein gutes Café.«

»Klar.«

Eileen legte den Kopf leicht schief und schloss die Augen. Man konnte ihren Nacken knacken hören. »Ah, das nervt.«

Sie eilten in die Fahrstuhlkabine, und Eileen lehnte sich an die Glaswand. Die gewaltigen Flügel der Windmühle, die sich draußen drehten, warfen kurz ihren Schatten auf sie, doch sofort tauchte sie wieder auf. Das Ganze wiederholte sich, Licht und Schatten wechselten sich ab, während die Flügel den Morgennebel unaufhörlich durchschnitten.

»Anstrengende Nacht gehabt?«, erkundigte sich Eileen.

Hwa zuckte mit den Achseln. »Eigentlich nicht.«

»Die Leute sparen ihr Geld«, stellte Eileen fest. »Schließlich ist ein neuer Sheriff in der Stadt, da wird sich einiges ändern.«

»Das wird sich zeigen.«

Hwa hoffte, dass sie überzeugter klang, als sie wirklich war. Tatsächlich hatte sie nicht die geringste Ahnung, was die Lynch-Familie tun würde, sobald sie New Arcadia in Besitz genommen hatte. Es konnte durchaus passieren, dass eine andere Agentur hergebeten wurde, um den Konkurrenzkampf anzustacheln und die Stundenpreise zu senken, oder dass man alles auf Pauschalvergütung umstellte. Möglicherweise waren sie auch stockkonservativ, feuerten die Agentur und schickten alle Prostituierten wieder zurück in die Massagesalons oder was auch immer sie zu tun vorgaben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Natürlich konnten sie auch einfach die ganze Bohrinsel abschalten und mit ansehen, wie jedes andere Unternehmen in der Stadt den Bach runterging, sobald die Schläger gegangen waren. Lynch war weiterhin nicht börsennotiert und musste daher keine öffentlichen Aussagen hinsichtlich der sexuellen Toleranz des Unternehmens, seiner Beschäftigungsstrategie oder eines anderen Themas, das die gerade erworbene Stadt anging, tätigen. Zumindest nicht, solange sie nicht vorhatten, diese wieder abzustoßen.

Sie versuchte sich an einem Lächeln. »Hey, wenn wir umziehen müssen, dann musst du wenigstens nicht mehr mit diesem fischgesichtigen Mistkerl schlafen.«

Eileen verdrehte die Augen. »Großer Gott, Hwa, so schlimm ist er nun auch wieder nicht.«

Die meisten anderen Leute, die mit ihnen in der Fahrstuhlkabine standen, taten so, als könnten sie sie nicht hören. Auf der nächsten Etage stieg eine Mutter mit ihren Kindern aus. Jetzt war nur noch ein Rigger übrig. Er starrte Eileen direkt an und blinzelte nur, als sie ihr Kleid zurechtrückte. Hwa beobachtete, wie er das Ganze dreimal machte, bevor sie Eileens Etage erreicht hatten.

»Drück den Halteknopf.«

Eileen kam der Aufforderung nach und blieb zwischen den offenen Türen stehen. »Was ist denn los?«

»Der Kerl hier ist ein Problem.« Hwa rammte ihre Finger in die Speicheldrüsen unter dem fettigen Kinn des Riggers. Er schlug nach ihr, verfehlte sie jedoch deutlich. Vermutlich konnte er sie nur verschwommen erkennen. »Er hat dich angestarrt, und das gefällt mir nicht.«

»Fick dich«, konnte der Rigger gerade so hervorpressen.

»Nein, fick du dich, du Wichser. Sie hat dir nicht erlaubt, diese Bilder zu machen. Eileen, schick Belle sein Gesicht.«

Eileen nickte. »Schon erledigt.«

Hwa drückte dem Kerl die Kehle so fest zu, dass sie seinen Adamsapfel zwischen den Fingern hielt. »Gut. Jetzt wissen wir, wie du aussiehst. Solltest du je einen Termin machen und dich bei einer unserer Arbeiterinnen danebenbenehmen, rasiere ich dir die Eier mit einem Käsehobel.«

Er spuckte ihr ins Gesicht, aber Hwa ließ ihn dennoch los. Sie scheuchte Eileen aus der Kabine. Als sich die Türen schlossen, sahen sie einander einen Moment lang an. Eileen lachte als Erste, dann fiel Hwa mit ein. Nachdem Eileen Hwa das Gesicht abgewischt hatte, hakte sie sich erneut bei ihr unter. »Du bist wohl heiß auf eine Prügelei, was?«

»Das bin ich immer, wenn ich dieses Arschloch sehe.« Hwa dehnte ihre Finger. »Moliter, meine ich.«

»Dir ist schon klar, dass du wieder zur Schule gehen könntest? Ich habe ihn gefragt.«

Hwa blieb mitten auf dem Fahrstuhlvorplatz stehen. »Was?«

»Ich rede von Moliter. Ich habe gefragt. Ich wollte von ihm wissen, ob du wieder zur Schule gehen und den Abschluss machen kannst. Mir ist klar, dass es ein paar Jahre her ist, aber er hat gesagt, du …«

»Ihr habt über mich gesprochen? Während des Termins?«

»Na ja, nicht während wir es getan haben … Aber danach.«

Hwas Handgelenk zog sich zusammen. Als sie auf ihre Uhr sah, stellte sie fest, dass die Nachricht eine hohe Priorität hatte. Sie kam vom Privataccount ihrer Gewerkschaftsvertreterin, und Hwa hatte sofort dort zu erscheinen.

»Wir haben keine Zeit für einen Kaffee«, erklärte sie.

*

Auch unter all dem Vogelkot und den Salzablagerungen war die Architektur der Andockplattform noch immer beeindruckend: riesige Bögen, die von den Zukunftsvisionen eines anderen Investors übrig geblieben waren, geradlinig, weiß und minimalistisch. Inzwischen waren sie allerdings schmutzig grau, so wie fast alles andere auf der Bohrinsel. Die Menschen standen in langen Schlangen auf den Laufstegen an, die zu der Plattform führten. Die meisten waren jung und hatten den einheitlichen Körperbau, der der vom Staat finanzierten genetischen Anpassung entsprach. Nichts Ausgefallenes, nur das von Ottawa letztendlich garantierte Minimum. Hwa vermutete, dass sie alle erst vor Kurzem eingestellt worden waren und sich jetzt darüber ärgerten, dass die Stadt verkauft worden war und sie einer unsicheren Zukunft entgegensahen. Sie machten den Anschein, als wären sie die ganze Nacht aufgeblieben. Eine dünne Fettschicht überzog die Stirn jedes Einzelnen, und sie ließen ihre Tropfer herumgehen.

»Willst du was abhaben?«, fragte eine von ihnen, ein sehr blasses Mädchen mit kahlem Kopf und einem riesigen Mandala, das ihren glänzenden Schädel überzog. Es glühte und pulsierte mit jedem Herzschlag und war dabei kaum zu erkennen. Diese Biolumineszenz-Tattoos wirkten bei Weißen einfach nicht; der Kontrast war einfach nicht groß genug.

»Nein danke.«

»Gehst du zur Übergabe?«

»Das hatte ich nicht vor.« Hwa sah dem Mädchen gespannt in die Augen, aber da war kein nervös zuckender Blick zu erkennen. Anscheinend konnte sie Hwas wahres Gesicht nicht sehen. Ihre Freunde allerdings schon. Sie starrten Hwa immer wieder kurz an und wandten den Blick dann ab, als müssten sie sich vergewissern, dass der Makel wirklich da und nicht nur eine Täuschung war. Das ergab Sinn. Das kahlköpfige Mädchen war tätowiert und gefiel sich mit Augmentierungen offenbar besser.

»Ich glaube einfach nicht, dass Lynch die beste Lösung für diese Gemeinschaft ist«, sagte das Mädchen. »Dir ist doch klar, dass sie hier alles umwerfen werden. Sie werden die ganze Stadt auseinanderreißen und als Schrott verkaufen. So haben sie es auch mit jeder anderen Bohrinsel gemacht, die sie gekauft haben.«

»Das kann schon sein.« Hwa beugte sich über das Geländer. Die Sonne brannte an diesem Morgen zu Septemberbeginn noch sehr heiß auf sie herab. Sie sehnte sich nach dem Winter, da ihre langen Ärmel dann nicht mehr auffielen.

»Sorgst du dich deswegen denn nicht?«

»Sie hätten diese Bohrinsel nicht gekauft, wenn sie sich davon nichts versprechen würden.« Hwa schaute zu, wie die Magnetschwebebahn über ihnen ankam. Sie stammte ebenfalls aus der Zukunftsvision eines anderen Menschen: einer mit glattem Fiberglas, in der jede Maschine an einen Delfin erinnerte. »Ich fange an, mir Sorgen zu machen, wenn sie irgendetwas ankündigen.«

»Aber wir haben die Chance, sie hier und jetzt zu beeinflussen!«, beharrte das Mädchen. Sie starrte Hwa an und blinzelte wütend. Dann blinzelte sie noch einmal. Viermal insgesamt, danach folgte immer dieser ernste Blick.

»Sie hat keine Augen«, klärte einer ihrer Freunde das Mädchen auf. Er zuckte zusammen, als er Hwa ansah. »Du musst ihr etwas … Reales zeigen.«

»Was? Wirklich? Das kann nicht sein.« Das Mädchen schloss fest die Augen, wartete eine Sekunde und öffnete sie wieder. Dabei klappte ihr die Kinnlade herunter. Sie schlug sich eine Hand vor den Mund. Nun hatte sie Hwas wahres Gesicht ohne die Anstandsfilter gesehen und konnte nicht anders, als sie anzustarren. »Oh«, murmelte sie schließlich.

Nun wusste sie, dass Hwa arm war. Sie wusste, dass der Test, der Sunny vor dem Baby, das sie erwartete, gewarnt hätte, entweder ignoriert oder nicht beendet worden war. Sie wusste, dass Sunny den Embryo nicht in die CRISPR-Lade geworfen hatte, um zu sehen, was daraus wurde. Aber sie wusste nicht, dass sie Hwas Gesicht nur sehen konnte, weil Sunny das neue Zwölfwochenlimit der Provinz überschritten hatte und Hwa deshalb behalten musste. Dass Sunny immer wieder davon gesprochen hatte, sie wegzugeben, bis die junge Frau in der Adoptionsabteilung der Agentur es ihr endlich ausgeredet hatte. Weil niemand Hwa nehmen würde. Nicht unverändert. Nicht mit einem solchen Gesicht. Nicht mit dem Sturge-Weber-Syndrom, das zu Blindheit, Anfällen und wer weiß was noch führen konnte. Nicht, wenn sie sich woanders ein besseres Baby kaufen konnten, eines, das vorverändert und perfekt war. Daher solle Sunny doch einfach versuchen, eine gute Mutter zu sein. Schließlich liebe sie ja auch ihren kleinen Jungen, den sie mit in diese Stadt gebracht hatte, in diesen Turm aus Flammen und Gift, der auf einem toten Meer schwamm. Bei Hwa müsse sie sich eben nur mehr anstrengen. Sich wirklich Mühe geben. Dann würde sich die Liebe schon einstellen. Irgendwann. Vielleicht.

»Tut es …?«

»Nein«, antwortete Hwa. »Es tut nicht weh.«

*

Nail wartete bereits am Fuß von Turm drei vor dem Fahrstuhl auf sie.

»Morgen«, sagte sie, während er sie zu dem Privatfahrstuhl führte, mit dem sie nach unten ins Hauptquartier der Gewerkschaft gelangen konnten. Nail antwortete nicht. Er hatte seine Stimme Mistress Séverine geschenkt und sprach nur, wenn es ihm erlaubt worden war. Man brauchte eine Weile, bis man sich daran gewöhnt hatte. Die ersten paar Begegnungen waren sehr merkwürdig gewesen, aber inzwischen sah ihn Hwa einfach als guten Zuhörer an.

Nail musste den Kopf einziehen, als sie den Fahrstuhl betraten. Während sie nach unten fuhren, wurde es immer kälter. Hwa wandte den Blick konsequent von den Zahlen ab, die über der Tür angezeigt wurden, da sie nur ungern an die ganzen Wassermassen dachte, die sich jetzt über ihnen befanden. Endlich hielt die Kabine an, und das rote Licht in der Decke wurde grellgrün.

Sofort drehte Nail die Kurbel an der Tür. Als diese aufging, drang der Geruch von Karamell und Sattelseife herein. Sie betraten einen runden Raum, der fast komplett von Glaswänden umgeben war, die einzige Ausnahme bildete die Tür in ihrem Rücken. Der Raum befand sich vollständig unter Wasser. Durch das Glas ließ sich das schwarze Wasser des Atlantiks und das, was immer darin hauste, deutlich erkennen. Im Moment war dort ein Mann im Taucheranzug zu sehen, der angekettet in einem Haikäfig stand.

»Oh, gut, Hwa.« Mistress Séverine erhob sich. Sie trug ein weißes Seidenkleid, das glänzte und sich bauschte, als sie quer durch den Raum ging, um Hwa die Hand zu schütteln. Ihr Griff war so felsenfest wie eh und je. Hwa konnte auch durch die Lederhandschuhe die Kraft in Séverines Händen spüren.

»Ma’am.«

»Bitte setzen Sie sich. Nail, bring bitte noch ein weiteres Gedeck. Sie essen doch mit, oder nicht?«

Nail verschwand in einem anderen Raum, bevor Hwa protestieren konnte. Beinahe hätte sie ihm hinterhergerufen, dass er sich ihretwegen keine Mühe machen solle, aber die Küchentür fiel schon hinter ihm ins Schloss, daher schluckte sie ihre Worte wieder herunter.

»Setzen Sie sich doch, Hwa. Und ignorieren Sie den Mann im Käfig. Eines seiner Neuralimplantate hatte während seines dritten Einsatzes eine Fehlfunktion. Er hat mich gebeten, ihm dabei zu helfen, erneut Furcht zu empfinden. Deshalb müssen wir ihn auch ignorieren.«

Hwa setzte sich auf ein niedriges weißes Sofa. Mistress Séverine nahm erneut in ihrem Klubsessel Platz, der etwas höher war. Es war Hwa bewusst, dass die Sitzmöbel so ausgewählt worden waren, dass sich die Klienten wie Bittsteller fühlten, aber für das Alltagsgeschäft war es nicht gerade förderlich. Sie beugte sich vor.

»Setzen Sie sich aufrecht hin, Hwa.«

Sie kam der Aufforderung sofort nach. »Ja, Ma’am.«

»Und streichen Sie sich das Haar aus dem Gesicht. Ich sehe die Menschen gern an, mit denen ich rede.«

Hwa versuchte, sich den linken Teil ihres Haars hinter das Ohr zu schieben. Als sie Séverine in die Augen schaute, lächelte die ältere Frau. »So ist es schon besser.« Sie blickte zur Küchentür hinüber, durch die Nail und Rusty mit einem silbernen Teeservice und einem Berg an Gerichten auf verschiedenen Tellern herauskamen. Die Männer stellten alles schweigend ab, standen dann da und starrten Séverine an.

»Rusty, bitte erzähle Hwa etwas über ihr Frühstück.«

Rusty war das genaue Gegenteil von Nail: Er war klein und nicht groß wie der andere Mann, redselig und nicht etwa schweigsam und hellblond anstatt dunkelhaarig. Während er die einzelnen Speisen und Getränke beschrieb, deutete er darauf. »Guten Morgen. Zum Frühstück gibt es Earl-Grey-Tee, gedämpfte Eiercreme mit Räucherlachs, Blätterteig mit Bratapfelfüllung und Ziegenmilchjoghurt gekrönt mit Blaubeer-Verbenenkompott.«

Séverine zog sich langsam die Handschuhe aus. »Vielen Dank, Rusty. Ihr beide dürft jetzt gehen. Ich läute, wenn wir hier fertig sind.«

Die beiden Männer verbeugten sich und zogen sich zurück. Hwa griff nach der Teekanne, aber Séverine wedelte mit der Hand. »Ich schenke uns ein. Sie können damit anfangen, sich etwas aufzutun. Die Servierzange liegt gleich da vorn.«

Das Porzellan, das Séverine bevorzugte, war so dünn, dass Hwa schon glaubte, beinahe hindurchsehen zu können. Beim Anblick ihrer schmutzigen Finger zuckte sie zusammen. Rasch nahm sie sich etwas von allem und wartete darauf, dass Séverine den Tee eingegossen hatte. Danach verharrte sie weiter, während sich ihre Gastgeberin den Teller füllte, die Serviette ausrollte und sich das Besteck zurechtlegte. Nachdenklich wog Séverine den Löffel in der Hand, als wäre er eine Waffe.

»Ich habe heute Arbeit für Sie, Hwa.« Der Löffel glitt in die Eiercreme und am Rand des Auflaufförmchens entlang, um eine dampfende gelbe Masse mit rosafarbenen Flecken preiszugeben. »Rusty und Nail werden zur Übergabe gehen, und ich möchte, dass Sie sie begleiten.«

Hwa schluckte den Löffel Joghurt, den sie sich in den Mund gesteckt hatte, herunter. Sie war noch nie auf der neuen Plattform gewesen. Nachdem die alte Bohrinsel explodiert war, hatte die Stadt abgestimmt und beschlossen, eine neue zu bauen. Das war eine kostspielige Angelegenheit und auch der Grund dafür, warum sich alle anderen Unternehmen zurückgezogen hatten und Lynch die Stadt so preiswert hatte erwerben können. Die Überreste der alten Plattform ragten windschief aus dem Wasser wie ein Veteran, der Passanten anklagend mit seinem Stumpf zuwinkte. Wann immer ihr Zug darüber hinwegfuhr, sah sie lieber gar nicht hin. Wenn die Toten einen dabei erwischten, wie man sie anstarrte, schauten sie möglicherweise noch zurück.

»Mir ist bewusst, dass das schwer für Sie ist.«

»Es ist nicht schwer.« Hwa tauchte ihren Löffel etwas zu schwungvoll in die schmackhafte Eiercreme, die daraufhin ein wenig überquoll.

»Und bei diesem Job müssen Sie die Jungs aus der Ferne eskortieren und sich so unauffällig wie möglich verhalten.«

Hwa runzelte die Stirn. »Augenblick mal.« Sie beugte sich vor, wobei ihr die vorherige Kritik an ihrer Sitzhaltung völlig egal war. »Sie wollen, dass ich spioniere …«

»Ach, seien Sie still. Ich bitte Sie nicht darum, etwas Ungehöriges zu tun. Folgen Sie ihnen einfach, und sorgen Sie dafür, dass ihnen nichts passiert, so, wie Sie es bei jedem anderen Job auch tun.« Séverine sah Hwa über den Rand ihrer Teetasse hinweg an. »Diese Stadt verändert sich, Hwa. Meine Jungs möchten mit ansehen, wie es passiert, aber ich habe schon mehr als genug Katastrophen miterleben müssen.«

*

Die neue Plattform bot eine gute Sicht auf die anderen Türme und deren Windmühlen. Da war ihr Turm, Turm eins, der älteste und heruntergekommenste, dessen verschmutzte Kapselfenster in dichten Intervallen hervorragten; dann Turm zwei mit den Glaskugeln und Gewächshäusern, die wie Flusssteine übereinandergestapelt waren; Turm drei, der aus Biobeton und heilenden Polymeren bestand, der glänzend schwarze und mit Solarfarbe gestrichene Turm vier sowie Turm fünf, der so weit draußen im Meer stand, dass man ihn leicht vergessen konnte. Er war anhand eines Algorithmus erbaut worden, und seine Jalousien bewegten sich ständig, wie bei einem Vogel, der gegen die Kälte das Gefieder aufbauschte. Das bedeutete, dass man gelegentlich geblendet wurde, wenn der Zug daran vorbeifuhr oder wenn sich ein Wassertaxi dem Fuß näherte. Hwas ehemaliger Stadtgeschichtelehrer hatte ihr erklärt, dass die Designer die Türme entsprechend ihrer jeweiligen Inspiration benannt hätten: Metabolist, Viridian, Synth, Bentham und Emergent. Es hatte sogar einmal eine besondere Testfrage gegeben, in der dieses Wissen abgefragt wurde. Mr Ballard hatte ihr eine freundliche Notiz mit einem Smiley hinterlassen, weil sie richtig geantwortet hatte. Bis heute war sie dieses lästige und unnötige Wissen nicht mehr losgeworden.

Sie beobachtete Rusty und Nail, die sich unter die Menschenmenge gemischt hatten. Rusty schirmte sich immer wieder die Augen ab. Nail stand stoisch da, kniff die Lider gegen das Sonnenlicht zusammen und wirkte gelassen. Offensichtlich hatte er sich daran erinnert, dass er seine Augen einschalten musste.

Vom Himmel war das dumpfe Dröhnen eines Hubschraubers zu hören, der sich der Plattform näherte. Er trug das Logo der Lynchs. Wie eine Einheit drängte sich die Menge näher an die Bühne heran. Rusty und Nail mussten mit nach vorn gedrängt worden sein, da Hwa sie am Rand der Menge nicht mehr erkennen konnte.

Dann fingen die Explosionen an.

Es begann mit einem hohen Pfeifen. Gefolgt von einem Knall. Möglicherweise ein Feuerwerkskörper. Stinkender grüner Rauch erhob sich. Einige Menschen fielen zu Boden. Andere rannten weg. Jemand lief an Hwa vorbei und rempelte sie an, sodass sie stürzte. Sofort rollte sie sich ab, hockte sich hin und schrie: »Rusty!«

Vielleicht waren Rusty und Nail ebenfalls hingefallen. Sie konnte aufgrund der vielen Beine und des grünen Rauchs kaum etwas erkennen. Der Rauch schien immer dichter zu werden und sich auszubreiten, als wäre genau das beabsichtigt. Einige Personen standen genau unter der Mitte der Wolke und bewegten die Hände, um den Rauch zu formen, wobei sie aussahen wie alte Menschen beim Tai-Chi. Dann war es also gar kein Rauch, sondern Nanonebel. Hwa zog den Reißverschluss ihrer Jacke zu, sodass ihr der Kragen bis über den Mund reichte. Im Nebel erkannte sie das pulsierende Leuchten eines Mandala-Tattoos.

Die Jugendlichen von der Plattform; sie waren dafür verantwortlich. Aus der Hocke heraus sah Hwa, wie sie einen Schwarm Fliegen aufsteigen ließen, die Worte auf den Nebel projizierten: HOLT EUCH EURE STADT ZURÜCK. LYNCHT DIE LYNCHS.

»Um Himmels willen«, murmelte Hwa. »Was für eine leichte Beute. Rusty! Rusty, kannst du mich hören?«

Sie stand auf. Möglicherweise waren die beiden weggelaufen. Sie konnte nur hoffen, dass sie weggelaufen waren. Sehr weit weg. Schon jetzt waren Sirenen zu hören. NAPS-Untertassen flogen tief durch den Himmel. Was sollte sie Séverine sagen? Sie musste eine höhere Position erreichen und die beiden finden. Durch den Schleier aus grünem Dunst erhaschte sie einen Blick auf die in Warngelb gestrichene Treppe, von der sie wusste, dass sie weiter nach oben zur Raffinerie führte.

Hwa rannte los.

Dabei bewegte sie sich so, als würde sie weglaufen, hielt sich am Rand der Menge, senkte den Kopf und duckte sich hinter einem Mülleimer, als die erste Welle an NAPS-Offizieren in Kampfmontur auf der Plattform auftauchte. Sobald sie an ihr vorbeigegangen waren, huschte sie zum Tor am Fuß der Treppe. Es war nur mit einem verrosteten Schild und einer korrodierten Kette versperrt. Hwa trat das Tor auf und lief weiter.

Auf den untersten Stufen sah sie nichts als Rauch. Er stieg jetzt höher, und sie erklomm den nächsten Treppenabsatz. Von dort aus konnte sie den Rand der Menge erkennen. Die NAPS kesselten sie gerade ein. Schon jetzt drängten sie sich dicht an dicht. Sie hielt Ausschau nach Rustys Haaren neben Nails großem Körper, konnte die beiden aber nicht entdecken. Daher rannte sie weiter.

Vom dritten Treppenabsatz aus sah sie den Mann mit dem Gewehr.

Er befand sich auf den Raffinerielaufstegen hoch über dem Platz. Während Hwa ihn beobachtete, blieb er stehen und überprüfte sein Gewehr. Er legte es an. Blickte durch den Sucher. Es war illegal, auf der Plattform eine Waffe zu tragen; seit dem Untergang der alten Bohrinsel gab es Gesetze gegen Projektile, Sprengstoffe und alle möglichen anderen Dinge, die eine Feuersäule erzeugen und eine Gruppe Schläger wie Tabakblätter in Rauch aufgehen lassen konnten. Nicht, dass das in diesem furchtbaren, langen Augenblick von Bedeutung gewesen wäre. Wichtig war nur, dass er in die Menge schießen konnte. Für Hwa zählte allein ihr Versprechen, die beiden Männer zu beschützen, die sich irgendwo da unten befinden mussten.

Das Geräusch des Hubschraubers wurde immer lauter. Er kam näher. Zu wem gehörte der Schütze? Zu den Polizisten oder den Aufständischen? Würde er auf die Lynchs schießen oder in die Menge? Möglicherweise hatte er sich die Augen verbessern lassen. Sehr wahrscheinlich sogar. Bestimmt konnte er besser sehen als sie und war schneller. Das Einzige, was für sie sprach, war das Überraschungsmoment.

Sie spürte, wie die Luft gegen ihr Brustbein hämmerte, als der Hubschrauber über ihr in der Luft schwebte; nicht bereit, zu landen. Ihr fiel das Schlucken schwer. Hinter einen Tragbalken geduckt sah sie zu, wie der Mann das Gewehr auf das Geländer stützte. Sein Blick war unablässig auf den Hubschrauber gerichtet. Er klappte eine Schulterstütze aus. Sie schätzte die Länge des Laufstegs ab. Der Weg war viereinhalb Meter lang und einen Meter breit, und am Treppenabsatz gab es eine knapp eineinhalb Quadratmeter große, freie Fläche. Sie würde daher Drei- oder Vierfachtritte gegen den Kopf landen müssen. Auf dem Stahlgitter fanden die Füße nur schlecht Halt. Der Mann war ungefähr einen Meter achtzig groß, und sie würde springen müssen, um seinen Kopf zu treffen.

Ja, das war zumindest eine Möglichkeit, ihn zu überrumpeln.

Als er in die Tasche griff, stürmte sie los. Doch er musste es gespürt oder ihre Schritte auf dem Stahl gehört haben, denn er blickte auf. Blaue Augen, hellrotes Haar, tiefe Falten, offener Mund. Er umklammerte das Gewehr und richtete es auf Hwa, und das war die Gelegenheit, die sie brauchte. Sie schlug gegen die Mündung der Waffe und drückte sie gleichzeitig nach unten und zur Seite, um sich dann umzudrehen, als wollte sie weglaufen. Dabei krümmte sie sich, zog das rechte Knie an die Brust und drehte den linken Fuß, um damit zuzutreten. Ihr Körper wurde zu einem Pendel. Direkt bevor ihre Ferse gegen die Nase des Mannes prallte, begegneten sich ihre Blicke. Er sah merkwürdigerweise verletzt aus, als wäre er verwirrt ob dieser plötzlichen Gewalttätigkeit und ihrer Brutalität. Dann war er wirklich und wahrhaftig verletzt und blutete überall.

»Scheiße!«

Hwa griff nach der Waffe. Er ließ nicht los. Offenbar war er gut ausgebildet worden, da er seine gebrochene Nase einfach ignorierte. Blind und blutend legte er die Hände über Kreuz auf das Gewehr und schlug ihr damit ins Gesicht. Sie musste einen Satz nach hinten machen. Er hob ruckartig den Kopf und schien auf ihre Schritte auf dem Stahlboden zu lauschen. Hwa zerrte die Waffe dennoch zu sich, doch er hielt sie beharrlich fest.

»Ich will dir nicht wehtun«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Das wirst du auch nicht«, erwiderte Hwa und duckte sich unter dem Gewehr durch, um ihr rechtes Bein hinter sein linkes zu stellen und sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen seine Oberschenkel zu stemmen. Er taumelte nach hinten, und dann war sie auch schon auf ihm, verschränkte die Fußknöchel in seinem Rücken und presste die Beine fest zusammen. Sie konnte hören, wie er die Luft ausstieß.

»Großer Gott«, zischte er.

»Gib auf.« Sie starrte ihm in die Augen und zog die Waffe immer weiter an sich. Er hob die Schultern an. Ihre Arme zitterten, aber das taten seine auch. Sie rangen um das Gewehr. Hwa atmete schwer durch die Zähne. »Lass los.«

Er ließ die Hände sinken. Auf einmal schien Hwa federleicht geworden zu sein. Sie sprang auf, ragte über ihm auf und drückte die seltsam groß und klobig wirkende Waffe gegen ihre Brust. Hwa bemerkte, wie der Mann über ihre Schulter schaute. Sie drehte sich um. Über ihnen schwebte vor dem diesigen blauen Himmel eine dünne silberfarbene Scheibe. Eine fliegende Untertasse. Während sie sie anstarrte, flackerte ein Laserpunkt auf ihrer Haut auf.

Hinter ihr brüllte der Mann: »Nein, warten Sie, nicht …«

Dann kam der Schmerz.

2

GEBROCHENER ARM

So etwas wie diese Arrestzelle hatte Hwa noch nie gesehen. Es war ein kleiner Raum. Hwa konnte gar nicht abschätzen, wie klein er wirklich war, weil die Ecken komischerweise immer am Rand ihres Blickfelds verschwammen. Also befand sie sich in Turm fünf. In Fünf gab es diesen ganzen Schnickschnack. Zumindest fand man dort die meiste programmierbare Materie in ganz Neufundland und Labrador. Also war sie bei den Lynchs. Nicht beim NAPS. Diese Leute verloren keine Zeit und übernahmen sofort die Kontrolle.

Vorsichtig stand Hwa auf. Man hatte ihr die Hand- und Fußgelenke gefesselt. Sie kniete sich hin und setzte sich dann auf den Hintern. Der Boden fühlte sich merkwürdig warm an und beinahe wie Haut. Je länger sie auf einer Stelle saß, desto mehr passte er sich an ihre Körperform an. Sie hob die Beine parallel zur Brust und schaukelte vor und zurück, bis sie sich auf die Schulterblätter fallen lassen und die Beine und den Rumpf in die Luft recken konnte. Langsam zog sie die Beine durch die Fesseln an ihren Handgelenken. Jetzt hatte sie die Hände wenigstens vor sich und konnte sie benutzen.

Vor ihr öffnete sich ein Spalt in der Wand. Es war der Mann von der Plattform. Und er hatte ein großes Messer in der Hand.

»Bereit für Runde zwei?«, fragte Hwa.

»Was? Oh.« Er blickte auf das Messer hinab. Es sah in seiner Hand irgendwie unpassend aus. Er hatte sich gewaschen und umgezogen und stand nun in einem blauen Lynch-Poloshirt und Kakihose vor ihr. Das Messer zitterte ein wenig in seiner rechten Hand, bis er es fester umklammerte. »Strecken Sie bitte die Hände aus.«

Hwa kam der Aufforderung nach, und er schnitt ihre Fesseln mit einer schnellen Bewegung durch. Er hatte also Erfahrung. Als er zu ihren Füßen kniete, blickte er kurz misstrauisch zu ihr auf. Ihr wurde bewusst, dass er Angst hatte, sie könnte ihn erneut treten. Sie stellte sich gerader hin und wandte den Blick ab. Er durchtrennte auch ihre Fußfesseln, steckte das Messer wieder in die Scheide und ließ es in seiner Gesäßtasche verschwinden, als er sich aufrichtete.

»Das tut mir sehr leid. Wie fühlen Sie sich?«

Sie bewegte die Lippen. Ihr Mund war fast schon schmerzhaft trocken. Das musste eine Art Spiel sein. Real kam es ihr jedenfalls nicht vor. Er war viel zu nett zu ihr. Dann fiel ihr ihr Text wieder ein: »Mein Name ist Go Jung-hwa, und ich möchte mit meiner Gewerkschaftsvertreterin Séverine Japrisot sprechen, USWC 314. Ich werde keine Fragen beantworten, bevor sie mir keinen Anwalt zur Seite gestellt hat. Und ich möchte, dass mich ein Arzt untersucht. Ich neige zu Anfällen, die unter anderem von Schmerzlasern – oder was auch immer das da in der Untertasse war – ausgelöst werden können.«

»Aber …« Seine Augen zuckten mehrmals hin und her, als würde er die Schlüsselworte ihrer Unterhaltung nachschlagen. »Die Untertasse hätte Ihr Stimplantat oder Ihre Indizierung …«

»Ich habe kein Stimplantat und keine Indizierung. Absolut nichts Derartiges. Ich nehme Medikamente, keine Maschinen. Das wird von meiner Krankenversicherung abgedeckt.« Sie deutete auf sich. »All das hier ist vollkommen organisch.«

»Organisch?« Er sah sie durchdringend an. »Vollkommen?«

»Reden wir jetzt von meiner Spirale oder meiner Ernährung?«

Zu ihrer Befriedigung errötete er bis unter die Haarspitzen. Anscheinend war dieser Teil von ihm auch noch organisch. »Weder noch«, murmelte er und reichte ihr die Hand. »Daniel Síofra. Ich arbeite bei Lynch.«

Hwa deutete auf das Logo auf seinem Poloshirt. »Was Sie nicht sagen.«

Er schnaubte. »Und ich werde keine Anzeige erstatten.«

Da er ihr weiterhin die Hand hinhielt, dehnte sie die Finger und schüttelte sie dann. Er hatte einen guten Handschlag. Rechtshänder. Lange Finger. Die Haut zu glatt für die Kraft, von der sie wusste, dass sie dahintersteckte. Sie sah, wie seine Augen größer wurden und sein Lächeln breiter wurde, als sie fester zudrückte.

»Sie geben wohl nie auf, was?«, fragte er leise.

Sie lockerte ihren Griff und entzog ihm ihre Hand. Eigentlich hatten sie sich schon viel zu lange unterhalten. »Dann kann ich gehen?«

»Wollen Sie sich nicht dafür entschuldigen, dass Sie mir die Nase gebrochen haben?«

Jetzt wurde es aber lächerlich. Hwa kniff die Augen zusammen. Seine Nase war gerade, seine Augen waren klar, und darunter zeichneten sich keine lilafarbenen Flecken ab. »Ihre Nase sieht doch gut aus. Sie haben sie richten lassen. Und absaugen. Oder …« Sie sah ihm in die Augen. Er starrte ihre Haut nicht an. Auch nicht ihre linke Gesichtshälfte. Ebenso wenig versuchte er, es zu vermeiden, diese Stelle anzusehen. Also hatte er Filter. Wie das kahlköpfige Mädchen auf der Plattform. Hwa fragte sich jetzt doch, wo genau sie eigentlich war, beschloss dann aber, dass sie es lieber gar nicht wissen wollte. »Sie besitzen programmierbares Gewebe.«

Er blinzelte. »Etwas in der Art.«

Verbesserte Menschen waren immer so zugeknöpft, was ihre Augmentationen anging. Als ob das irgendjemanden wirklich interessieren würde. Als ob man dadurch, dass man erfuhr, was sie verbessert hatten, irgendwelche Rückschlüsse auf ihre Mängel ziehen könnte.

»Wie haben Sie das gemacht?«, wollte er wissen.

»Wie ich Sie getreten habe? Mit den Füßen.«

»Sie haben mich überrascht. Ich habe Sie nicht einmal kommen sehen.« Er legte den Kopf schief und tippte sich an die Schläfe. »Aus irgendeinem Grund ist Ihr Gesicht nicht auf der Kamera zu erkennen. Da ist nur ein verschwommener Fleck.«

Das liegt daran, dass mein Gesicht ein von Natur aus verwirrendes Muster darstellt, wollte Hwa erst sagen, sah dann jedoch davon ab. Sollte er doch an die Vision ihres Gesichts glauben, die seine Augen ihm vorgaukelten. Sollte er doch von dem Katarakt an Daten vor seinen Augen völlig geblendet werden.

»Ach, Entschuldigung. Kein Wunder, dass Ihnen nicht nach Reden zumute ist.« Er holte eine Flasche aus einer seiner Hosentaschen. »Sie haben so viel geschrien, dass Sie bestimmt einen trockenen Hals haben.«

Hwa nahm die Flasche, schraubte sie auf und schnüffelte daran.

»Es ist nur Wasser«, sagte er. »Versprochen.«

Hwa trank einen Schluck. Es war offenbar wirklich nur Wasser, und es tat so gut. »Ich habe geschrien?«

»Der Schmerzstrahl. Sie sind einfach erstarrt und …« Er schluckte schwer. »Ich wollte nicht, dass sie das tun. Nur, damit Sie es wissen. Ich mag so was nicht.«

»Aber Sie haben kein Problem damit, ein Gewehr auf eine ganze Menschenmenge zu richten.«

Er seufzte. »Das war kein Gewehr, sondern ein Langstreckenmikrofon. Wir haben noch keinen Zugriff auf alle Netzwerke in der Stadt. Ich habe den Sucher benutzt, um die Person zu finden, die ich gerade belauscht habe. Es ist Ihnen vermutlich nicht aufgefallen bei all Ihren Karate …«

»Taekwondo.«

»Taekwondo?«

»Karate ist japanisch. Ich bin Koreanerin. Halbkoreanerin.«

»Und offensichtlich sehr stolz darauf«, bemerkte er und zog die Augenbrauen hoch.

»Ich werde Karate lernen, wenn sich die Kaiserin für die Trostfrauen entschuldigt.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Wie dem auch sei. Waffen sind Blödsinn.«

»Es war ein Querschläger, der die Kettenreaktion ausgelöst und letzten Endes die alte Bohrinsel in die Luft gejagt hat, richtig?«

Hwa nickte.

»Kennen Sie jemanden, der bei der Explosion umgekommen ist?«

Sie sah ihn an und sorgte dafür, dass er ihre Augen, wenn auch nicht ihr wahres Gesicht sehen konnte. Das war das Angenehme am Zorn. Er schaffte es, noch den letzten Rest von Peinlichkeit auszumerzen. »Dies ist eine kleine Stadt, Mr Síofra. Hier kennt jeder jeden.«

Sie setzte die Flasche an die Lippen, bevor er etwas erwidern konnte, ließ jedoch noch einen Rest Wasser darin. Er bedeutete ihr, alles auszutrinken. Nun verkörperte er wieder die Version von sich, als die er sich ihr vorgestellt hatte. »Sie sind die Eskorte der Escort-Girls?«

Hwa schüttelte den Kopf. »Nur eine von vielen.«

»Ist das ein guter Job?«

»Es gibt eine Pension. Flexible Arbeitszeiten. Die Leute sind nett.«

»Nette Leute, die keine Maschinen finanzieren, mit denen sich Ihre Lebensqualität verbessern ließe.«

»Das wird bei den nächsten Gehaltsverhandlungen auf den Tisch kommen. Ich habe bereits mit meiner Vertreterin darüber gesprochen.« Hwa versuchte, es nicht wie eine Verteidigung klingen zu lassen. Eigentlich ging ihn das alles auch überhaupt nichts an. Er wollte nur die übliche multinationale Leier darüber abspulen, wie viel besser es ihm als Drohne eines Unternehmens ging.

»Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, sich was Besseres zu suchen? Vielleicht einen Job bei Lynch? Ich arbeite in unserer Abteilung für urbane Taktiken.«

»Was zum Geier ist denn das?«

»Ich verändere die Stimmung in den Städten.«

Hwa schenkte ihm den Blick, mit dem sie auch Klienten bedachte, die sich weigerten, ihre Überstunden zu bezahlen.

»Dabei wird das urbane Engineering im Alltag um eine gewisse Sensibilität erweitert. Die Lichtverhältnisse in einem Gebäude werden verändert, damit die Einwohner besser schlafen. In der Raffinerie wird schnellere Musik gespielt, um so die Produktion zu steigern.« Er machte während des Redens einige Gesten, und Hwa begriff, dass dies Teil seiner Arbeit war und dass er Städte orchestrierte wie ein Dirigent. »Ich habe ein Händchen dafür. Ein ganz besonderes Einfühlungsvermögen. Zumindest hat man mir das so gesagt.«

Hwa musterte die zerschnittenen Gelfesseln auf dem Boden. Sie stieß eine davon mit dem Fuß an und kickte sie sich dann in die Hände. Als sie die Enden zwischen den Fingern drehte, zuckten sie wie Köder am Ende eines Angelhakens. »Fangen Sie jedes Vorstellungsgespräch an, indem Sie Ihr Gegenüber in Handschellen legen? Denn wenn Sie nicht genug Leute haben, könnte das an Ihren Manieren liegen.«

»Sie besitzen Fähigkeiten, die wir suchen«, erwiderte er ungerührt. »Sie haben mich überrascht, und das ist nicht gerade einfach. So etwas ist mir schon seit mehreren Jahren nicht mehr passiert.«

Hwa grinste. »Es gibt jede Menge starker Leute in der Stadt. Sie brauchen nicht wirklich mich.«

»Ich brauche Sie nicht, aber ich will Sie.« Er stopfte die Hände in die Hosentaschen. »Und ich bin bereit, dafür zu bezahlen. Ein ansehnliches Sümmchen.«

Ein Lachen kam Hwa über die Lippen, bevor sie es verhindern konnte. Vielleicht war das eine Nachwirkung des Schmerzstrahls, der ihren Nerven übel mitgespielt hatte. Ein ansehnliches Sümmchen. Du liebe Güte. Männer klangen doch immer gleich, wenn sie versuchten, eine Frau zu kaufen.

»Tut mir leid.« Sie riss sich zusammen. »Das ist ein sehr freundliches Angebot, aber meine Antwort lautet Nein. Mir gefällt der Job, den ich habe.«

Er klappte den Mund auf, als wollte er etwas erwidern. Dann zuckte sein Kopf zur Seite, er runzelte die Stirn und nickte. »Hm. Hmm. Ich werde es ihr ausrichten.« Er sah Hwa erneut an. »Jemand kommt, um Sie abzuholen. Sie sagt, sie sei Ihre Mutter.«

Hwa zuckte zusammen. »Können Sie mich nicht doch verhaften?«

*

Sunny stand im Lichtschein des grünen Ausgang-Schilds. Sie trug ein ärmelloses rotes Kleid und einen schwarzen Schal aus intelligenter Seide, der sich über ihrem blonden Haar drapierte, je nachdem, wie sie den Kopf drehte. Für jeden, der Augen hatte, mit denen er das erkennen konnte, würde Sunnys Profil zusammen mit ihren Kontaktdaten und ihren relevanten Referenzen zu erkennen sein. Darunter waren Informationen wie die, dass sie sich noch immer an alle Schritte aus ihren früheren Programmen erinnerte, dass sie perfektes Koreanisch in perfekter Babysprache beherrschte, dass sie einen »großer Bruder« nannte und gegen den Arm knuffte, wenn man sie ein wenig neckte, und dass man bei ihren Blowjobs Sterne sah. Hwa wusste das alles, weil Sunny sie damals, als sie noch zur Schule gegangen war, gebeten hatte, den Text Korrektur zu lesen.

Síofra trat neben sie. »Ist das Ihre Mutter?«

Natürlich konnte er Sunnys Profil ebenfalls sehen. Hwa war ein klein wenig pikiert. Nicht, weil Sunny diesen Job hatte. In der Hinsicht gab es nichts, dessen sie sich schämen musste. Sunny verdiente damit mehr Geld, als sie es je mit dem Singen oder Tanzen getan hatte. Aber das Profil an sich, die alten Songs, der Schmollmund und die überwältigende pinkfarbene Woge an Niedlichkeit, die momentan Síofras Sichtfeld überschwemmte, das war ihr verdammt peinlich.

»Das ist sie.«

Síofra sagte nichts. Jetzt starrte er Hwa an. Vermutlich verglich er die beiden Frauen miteinander. Ihre Mutter mit der Wespentaille, den zarten Gliedmaßen sowie der perfekten Haut und das tittenlose Wesen in der schwarzen Laufhose und dem Harnisch. Er konnte ihr Gesicht nicht sehen, alles andere aber schon: die Leere um sie herum, den Mangel an Anzeigen, das fehlende Profil, die nicht angezeigten Verbindungen und den nicht vorhandenen Status.

Sunny sagte fröhlich und mit strahlendem Lächeln auf Koreanisch: »Hwa-jeon! Beeil dich. Deinetwegen komme ich noch zu spät!«

»Ich muss los.« Hwa drückte Síofra die Flasche in die Hand. »Danke für das Wasser.«

Síofra nickte. »Kein Problem.« Er musterte Sunny von oben bis unten und sah dann wieder Hwa an. »Begleitet sie Sie zum Arzt, damit er Sie untersuchen kann?«

Beinahe hätte Hwa gelacht. Fremde waren manchmal wirklich seltsam. »Ja. Genau. Wir gehen zu meinem Arzt.«

Dann trat Hwa auf ihre Mutter zu. Sunny öffnete die Arme, umfing Hwa sanft und drückte sie an sich, aber nicht zu eng, als hätte Hwa eine ansteckende Krankheit.

»Du warst so tapfer!«, sagte Sunny laut und mit säuseldem Tonfall auf Englisch.

Schon scheuchte sie ihre Tochter durch den Gang. Dabei lächelte Sunny immer weiter und umklammerte Hwas Arm, bis sie den Fahrstuhl erreicht hatten.

Erst in der Kabine ließ sie Hwas Ellenbogen los. Dafür gab sie Hwa eine heftige Backpfeife. Dann schlug sie ihr gleich noch einmal ins Gesicht, und das so fest, dass Hwas Kopf gegen die Kabinenwand knallte.

»Du bescheuertes Mischlingsbalg. Was hast du dir nur dabei gedacht? Glaube bloß nicht, du könntest heute Abend nach Hause kommen!«

*

Sie hätte auf Eileens Couch schlafen sollen. Oder vielleicht auf der von Mistress Séverine. Oder sogar in ihrer eigenen Wohnung auf der Verdammtenetage in Turm eins. Aber sie hatte eine Anfrage für einen Job in ihren Nachrichten vorgefunden, noch dazu unter der Hand, und sie bot dem Klienten einen Nachlass, wenn sie die Nacht bei ihm verbringen durfte. Sie ging mit dem Preis sogar noch weiter runter, wenn er ihr auch das Abendessen und Frühstück ausgab, womit er ebenfalls einverstanden war. Die einzige Bedingung war, dass sie weg sein musste, bevor seine Eltern von ihrer Schicht nach Hause kamen.

»Warte mal! Halt! Wird das wehtun?«

Hwas Faust verharrte wenige Zentimeter von Wades Nase entfernt. Einen Augenblick lang sah sie wieder das Kind vor sich, an das sie sich aus der dritten Klasse erinnerte, den Jungen, der sie traurig angesehen hatte, wenn sich die anderen Kinder über ihr Gesicht, ihren Namen oder ihre schlechten Englischkenntnisse lustig gemacht hatten. Damals hatte er auch schon niedlich ausgesehen. Im Verlauf von zweiundzwanzig Jahren war er immer attraktiver geworden, und jetzt besaß er strahlend blaue Augen, blondes, immerzu zerzaustes Haar, breite, muskulöse Schultern sowie einen Körper, der an ein umgekehrtes Dreieck erinnerte und auf zwei kräftigen Schwimmerbeinen stand. Außerdem gute, klare Haut, die auf genau die richtige Weise braun wurde, und Grübchen, wenn er lächelte. Damals, in der Schule, hatten fast alle anderen Mädchen für ihn geschwärmt, sogar die, die eigentlich gar nicht dieselben Jungen mochten wie die anderen.

Heute bat er sie darum, ihm die Nase zu brechen.

»Was genau wird denn gemacht?«, hatte sie gefragt, nachdem sie einen Kaffee getrunken hatten.

»Meine Bauchmuskeln.« Er hatte sein Hemd hochgezogen und es ihr gezeigt. »Siehst du die Linie da in der Mitte? Das ist gut, aber der Doc sagt, er kann mir die Seiten ausgeprägter modellieren. Eine Sehneninschrift, wie er es genannt hat. Und hier unten«, er deutete auf die Linie an der Stelle, an der sein Oberschenkel an seinen Torso grenzte, »das ist das Leistenband. Das will er ebenfalls definieren. Damit es besser hervortritt. Dann kann ich meine Jeans tiefer tragen.«

Hwa hatte überlegt, ob sie ihm ihren Bauch zeigen sollte, auf dem sich die Narben einiger netter Stichwunden abzeichneten, aber dann hätte er den Makel gesehen, und den wollte doch niemand zu Gesicht bekommen. Außerdem bezweifelte sie, dass er es ihr nachmachen wollte.

»Bio oder Nano?«, erkundigte sie sich.

»Ich bin mir nicht sicher«, antwortete Wade. »Er hat mich um eine Fettprobe gebeten, weil es keine Standardprozedur ist. Darum kostet das Ganze auch so viel.«

»Wie hoch ist denn die Abogebühr? Für die Wartung, meine ich.«

Er zuckte mit den Achseln. »Er will einen Prozentsatz von dem, was immer ich danach verdiene.«

»Und du bekommst Rabatt, wenn du noch etwas anderes verändern lässt?«

»Für drei OPs.« Wade griff in seinen Mund und nahm einen Zahn heraus. »Siehst du? Ich brauche noch eine. Etwas, das besser passt. Als dieses Ding hier hergestellt wurde, war ich vielleicht elf.«

Hwa nickte. »Warum die Bauchmuskeln?«

Wade errötete. Die Röte zeichnete sich zuerst an seinen Ohren ab und wanderte dann über sein Gesicht, als hätte sie sich auf den Weg gemacht, um ihn zu beschämen. »Das Öl wird immer knapper. Die meisten sind schon gegangen. All die anderen Firmen, meine ich. Darum haben sie die Bohrinsel auch verkauft. Es gibt keine Jobs mehr. Ich will von hier weg, solange es noch geht.«

»Will das nicht jeder?«

»Ja, schon, aber …« Er schürzte die Lippen. »Ich will auf die Universität gehen.«

Hwa zuckte zusammen. »Das klingt teuer.«

»Das ist es auch. Und meine Eltern werden mir das niemals bezahlen. Ich habe sie schon gefragt, und sie haben geradeheraus Nein gesagt. Ihrer Meinung nach ist es Verschwendung, solange hier noch irgendwie Geld zu verdienen ist. Also muss ich mir einen Job suchen. Doch damit ich das kann, muss ich erst ein paar Verbesserungen vornehmen lassen.« Seine Röte war nur noch dunkler geworden. »Ich habe das Angebot bekommen, als Model zu arbeiten«, gestand er. »Online.«

Nur mit Mühe gelang es Hwa, nicht die Augenbrauen hochzuziehen und ihn entgeistert anzustarren. »Weiß deine Familie davon?«

Er zuckte erneut mit den Achseln und blickte zu Boden. »Man muss Geld investieren, um Geld zu verdienen, schätze ich.«

Tja, zumindest in der Beziehung hatte er recht. Er würde sich wahrscheinlich für jemanden ausziehen müssen, aber wenn er damit genug Geld verdienen konnte, um von diesem schwimmenden Irrenhaus wegzukommen, dann war das gar nicht mal so schlimm. Außerdem würde er wie ein knallharter Kerl aussehen, wenn der Doc mit ihm fertig war. Dann würde ihn niemand mehr schlagen, es sei denn, er bezahlte Wade für dieses Privileg.

»Okay«, meinte Hwa.

»Super!« Wade tupfte sich die Mundwinkel mit einer Serviette ab. Er lockerte seine Schultern, sprang auf den Zehenspitzen auf und ab und klatschte in die Hände. »Dann mal los.«

Hwa zog den rechten Arm nach hinten. Sie drehte das Becken, um anständig Kraft in den Schlag zu legen. Ein Hieb würde ausreichen. Als sie gerade herumwirbeln wollte, riss Wade die Hände hoch. Aus diesem Grund verharrte ihre Faust jetzt vor seinen glänzenden Lippen, und die Anspannung kroch durch ihren Arm, während sie wie erstarrt dastand.

»Ja. Es wird wehtun. Es wird sogar höllisch wehtun.«

Er runzelte die Stirn. »Du musst nicht gleich gemein werden. Mann. Warum bist du immer so fies?«