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Mona Vara

Selina: Liebesnächte in Florenz

Erotischer Roman

© 2004/2014 Plaisir d’Amour Verlag, Lautertal

www.plaisirdamourbooks.com

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Plaisir d’Amour Verlag

Postfach 11 68

D-64684 Lautertal

© Covergestaltung: Andrea Gunschera (www.magi-digitalis.de)

ISBN: 978-3-938281-01-7

ISBN eBook: 978-3-86495-098-8

 

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

 

Dramatis personae

Ankunft in Florenz

Alessandro di Barenza

Bei den Medici

Stadtrundgang

Die richtige Braut

Das Fest

Das Landhaus

In Fiesole

Die Entführung

Ein Mordplan

Hochzeit

Mona Vara

Dramatis personae

Selina Santini bzw. Selina de Valière

 

Francoise Ferrand

ihre Freundin

 

Bene Santini

ihr Großvater

 

Giovanni

ihr Onkel

 

Fiorina

dessen zweite Frau

 

Alessandro di Barenza

Selinas zugedachter Ehemann

 

Francesco Averti

Alessandros Freund

 

Luciano

Alessandros Diener

 

Riccardo

ein Vetter von Fiorina und Verehrer von Selina

Florenz um 1480

 

 

Ankunft in Florenz

 

„Das geht niemals gut!“, jammerte Francoise und zerknüllte verzweifelt ein feines Tuch in der Hand. „Niemals! Ich weiß wirklich nicht, weshalb ich mich darauf eingelassen habe, Selina. Ich hätte niemals nachgeben sollen! Die Idee ist verwerflich! Sie werden uns sofort durchschauen!“

„Aber nein“, wiederholte Selina nun schon zum hundertsten Mal. Sie liebte Francoise, ihre Gesellschafterin und Vertraute, wie eine Schwester, aber in diesem Moment hätte sie sich eine charakterlich stärkere Begleiterin gewünscht. „Wie sollen sie uns durchschauen, Francoise? Sieh doch, meine Liebe, ich habe es dir schon so oft erklärt: Mein Großvater kennt mich so wenig wie der Rest der Familie meiner Mutter. Sie haben mich noch nie gesehen – abgesehen von einem Bild, das Mutter vor fast zehn Jahren nach Florenz geschickt hat. Damals war ich fünfzehn – wie soll man da noch eine Ähnlichkeit erkennen? Und außerdem“, sie musterte ihre Freundin mit kritischem Blick, „finde ich, siehst du diesem Bild ohnehin viel ähnlicher. Du hast fast meine Haarfarbe, ungefähr die gleichen dunkelbraunen Augen, und wir sind gleich groß. Deine Nase ist hübscher als meine und dein Mund etwas zierlicher, aber auf diese Kleinigkeiten wird niemand achten.“ Es gab auch noch andere Ungleichheiten zwischen Selina und Francoise, aber auf die mochte sie im Moment nicht eingehen. Da war zum Beispiel Francoises Haar, das in der Sonne golden leuchtete, während ihres ein gleichmäßiges Haselnussbraun aufwies. Und dann noch gewisse Unterschiede in der Figur. Selina streifte die zarte Erscheinung ihrer Freundin mit einem wehmütigen Blick. Sie selbst war zwar ebenfalls schlank, was daher kam, dass sie ihre Tage lieber zu Pferd oder auf der Jagd verbrachte als im Zimmer, aber sie hatte es oft bedauert, dass sie so weit vom Schönheitsideal entfernt war, das kleine runde Brüste als Merkmal der Vollkommenheit bezeichnete. Ebenso wie einen kleinen Mund. Selinas Mund war zu breit und zu voll, ihre Hüften dagegen nicht breit genug und ihre Hände ein wenig zu groß. Nein, sie war bei Weitem nicht so schön anzusehen wie Francoise, aber keiner dort in Florenz würde den Unterschied bemerken. Wie sollte der Großvater auch auf die Idee kommen, dass seine Enkelin nicht als diejenige auftrat, die sie war? Er würde gewiss keinen Verdacht schöpfen. Und vor allem konnte sie sich in Ruhe in der Stadt aufhalten, ohne von diesem unerwünschten ...

„Frag mich noch einmal“, unterbrach Francoise ihre Gedanken.

„Also gut. Wie heißt du?“

„Ich bin Selina Giovanna Arabelle de Valière“, leierte ihre Freundin herunter.

„Gut. Und wer sind deine Eltern?“

„Mein Vater war der Comte de Valière, er starb als ich zwölf Jahre alt war. Meine Mutter war Giovanna Santini, die Tochter von Bene Santini, dem florentinischen Kaufmann ... oh Gott“, jammerte Francoise, „ich bin sicher, wenn ich dort ankomme, werde ich alles vergessen haben!“

„Du wirst nichts vergessen“, erwiderte Selina freundlich. „Wenn du nämlich einen Fehler machst, und wir entdeckt werden, dann schneide ich dir die Ohren ab.“

Francoise sah ihre Freundin zuerst entsetzt an, dann kicherte sie.

„Lach nicht, ich meine es ernst“, sagte Selina finster, musste dann jedoch selbst kichern. Sie wollte es vor Francoise nicht zugeben, aber sie war ebenfalls aufgeregt. So sehr sogar, dass sie fast wünschte, die Fahrt durch die liebliche Landschaft der Toskana wäre noch lange nicht zu Ende. Dabei waren sie jedoch, wie ihnen der von hier stammende Kutscher versichert hatte, schon bald am Ziel. Ihr Großvater hatte ihn gesandt, zusammen mit einigen bewaffneten Knechten, die über die Reise seiner Enkelin wachen sollten. Sie hatten sich diesseits der Alpen getroffen, und Selina hatte ihre eigenen Begleiter zurück nach Burgund geschickt. Zu diesem Zeitpunkt hatten die beiden jungen Frauen bereits die Rollen getauscht gehabt.

„Vielleicht ist er gar nicht so unangenehm wie du denkst“, sagte Francoise plötzlich. Sie sprach ebenso wie ihre Freundin in ihrem heimatlichen Dialekt, damit die florentinischen Begleiter sie nicht verstehen konnten.

„Wer?“

„Nun, dieser Mann mit dem dein Großvater dich verheiraten will! Möglicherweise, wenn du ihn näher kennenlernst ...“

„Es genügt mir schon, was ich von ihm weiß“, erwiderte Selina abfällig. Sie zog den Brief des Großvaters aus ihrer Kleidertasche, öffnete ihn und hielt ihn Francoise hin. Er war beidseitig mit einer kleinen, fast zierlichen Handschrift beschrieben, und kaum ein Fleckchen war frei geblieben. Der Großvater – oder sein Schreiber – war sogar so weit gegangen, noch um den Rand herum zu schreiben. Ein ziemlich sparsamer Mann, fand Selina. „Hier“, sagte sie zu Francoise, „du hast es ja selbst gelesen: Ein verarmter Adeliger, den mein Großvater mit seinem Geld kaufen will, um mit seiner Hilfe Beziehungen zu knüpfen, die ihm jetzt noch verschlossen sind.“ Bene Santini hatte mit der Herstellung von Wollstoffen ein Vermögen verdient, es jedoch trotz seines Geldes offenbar nicht geschafft, in die Kreise der alteingesessenen Florentiner Patrizierfamilien Eingang zu finden.

„Das steht so aber nicht da“, wandte Francoise ein.

„Natürlich nicht!“, rief Selina ungeduldig aus. Manchmal war Francoise doch wirklich zu einfältig! „Aber selbst, wenn er es anders darstellt – ich weiß, dass es so ist. Außerdem habe ich gehört, wie sich die beiden Knechte unterhielten, die er geschickt hat. Meine geplante Heirat mit einem mittellosen Lebemann ist schon Stadtgespräch in Florenz!“

„Aber was wir vorhaben, ist gewiss Unrecht“, versuchte die wohlerzogene Francoise einen letzten, schüchternen Versuch, um ihre Freundin von dem tollkühnen Plan abzuhalten. „Es ist unsere Bestimmung, Ehefrau und Mutter zu sein und einem Mann anzugehören, der uns beschützt.“

„Ich bin über fünfundzwanzig Jahre alt und schon lange kein dummes Gänschen mehr, sondern eine erwachsene Frau, die einen nicht unbeträchtlichen Besitz verwaltet“, antwortete Selina fest. „Mein Vater war kein armer Mann – und obwohl nach seinem Tod das meiste seiner Familie zugefallen ist, da Mama nochmals geheiratet hat, habe ich genug geerbt, um auch ohne Gatten mit allen Annehmlichkeiten auf dem Landgut zu leben und mein eigener Herr zu sein. Eher würde ich ins Kloster gehen als zu heiraten! Das tun viele adelige unverheiratete Damen, die sich einen Tyrannen im Haus ersparen wollen.“

Francoise warf ihrer Freundin einen schrägen Blick zu. Es stimmte schon, dass es viele adelige Fräuleins gab, die das Leben im Kloster einer Ehe mit einem ungeliebten Mann vorzogen, aber für Selina kam ein solcher Schritt niemals in Frage. Alleine schon die Vorstellung, ihre ebenso lebenslustige wie eigensinnige Freundin könnte sich in die Bescheidenheit eines demütigen Klosterlebens einfügen, war absurd.

„Wolltest du nicht noch einmal alles wiederholen?“

„Ja.“ Francoise seufzte. „Meine Mutter starb vor sechs Jahren, dann lebte ich gemeinsam mit meinem Stiefvater auf unserem Besitz. Er wurde jedoch vor drei Jahren getötet, und ich wohne seitdem mit einer Tante und meiner Gesellschafterin“, sie deutete dabei mit einem unglücklichen Lächeln auf Selina, „alleine. Und nun hat mein Großvater mir geschrieben, dass ich nach Florenz kommen soll.“

„Und einen adeligen Nichtsnutz heiraten“, ergänzte Selina grimmig.

„Du hättest auch einfach antworten können, dass du lieber bei deiner Tante bleibst“, wandte Francoise ein. „Es war nicht notwendig, die Einladung anzunehmen und diese Maskerade zu betreiben.“

Selina zuckte mit den Schultern. „Es ist doch nicht für immer, Francoise. Ich habe gewiss nicht vor, den Rest meines Lebens in Florenz zu verbringen. Wir bleiben einige Wochen dort, sehen uns alles an, lassen uns von den Florentinern bewundern, und dann reisen wir wieder heim. Aber ich wollte doch so gerne in den Süden! Etwas von der Welt sehen! Und welche bessere Gelegenheit könnte sich da noch bieten? Florenz! Stell dir vor, meine Liebe, dort gibt es gewiss keine kalten Winterstürme, keine feuchten Mauern. All diese Kirchen, von denen ich in den Reiseberichten gelesen habe und von denen gesprochen wurde! Die Kunstwerke, die geschaffen wurden! Kannst du dich nicht erinnern, was der alte Père Albert erzählt hat über die wunderbaren Fresken in den Kirchen von Florenz? Er hat dort fast zwei Monate in einem Kloster gelebt, dessen Mönche ebenfalls malten.“

„Alle Mönche?“, fragte Francoise mit großen Augen.

„Nun, zumindest einer von ihnen“, schränkte Selina ein. „Dessen bin ich mir aber ganz sicher. Auch wenn ich denke, dass er schon gestorben ist. Aber Père Albert hat dort in diesem Kloster gewohnt, bevor er nach Rom weitergezogen ist.“

„In Rom lebt der Papst“, sagte Francoise leise, die Kunstwerken weniger Reize abzugewinnen vermochte als dem Gedanken, einmal den Vertreter Christi auf Erden zu sehen. „Ach, ich wollte, wir führen nach Rom.“

„Dir war die Reise hierher ja schon zu anstrengend“, hielt ihr Selina vor, die sich noch gut erinnern konnte, wie Francoise bei der Überquerung der Berge gejammert hatte. Obwohl Selina am liebsten sofort nach Erhalt des Briefes von ihrem Großvater aufgebrochen wäre, hatten sie den Winter noch abwarten müssen und sich dann im Frühjahr auf den Weg gemacht. Dennoch lag im Gebirge noch Schnee. Die Pferde hatten sich zum Teil mühsam durchgekämpft und Francoise, die es vorzog in einer Sänfte zu reisen, hatte ebenfalls auf ein ruhiges, aber kräftiges Tier umsteigen müssen. Selina, die ohnehin lieber im Sattel unterwegs war als in einer schaukelnden Sänfte, war den größten Teil der Strecke geritten und hatte erst diesseits der Alpen in dem vom Großvater gesandten Reisewagen Platz genommen. Es war ein eher ungemütliches Gefährt mit einem halbrunden Holzaufbau, der mit einer Plane überspannt war und gegen Sonne und Regen schützen sollte. An beiden Seiten befanden sich Holzbänke. Wann immer es das Wetter zuließ, zogen sie die Plane seitlich hoch und hatten auf diese Art einen guten Blick auf die vorbeiziehende Landschaft. Die Wege hier waren offenbar viel befahren, denn der Wagen rollte ohne allzu hartes Rumpeln dahin.

Sie schwiegen eine Weile, während Selina auf die anmutigen Hügel der Toskana hinausblickte. Dunkle Zypressen stachen sich vom saftigen Grün ab, in der Ferne sah man Schafe weiden, und von Zeit zu Zeit kam der kleine Trupp an einigen Hirtinnen vorbei, die im Schatten eines Baumes lagerten und ein Schwätzchen hielten. Je weiter sie nach Süden fuhren, desto milder wurde die Luft, und nun, da die Jahreszeit schon bald auf den Frühsommer zuging, wurde es Selina in dem warmen Reisekleid ein wenig zu heiß.

„Man sagt, die Florentinerinnen tragen tiefausgeschnittene Kleider“, sagte Francoise plötzlich, „und sind überhaupt sehr elegant und auffallend gekleidet.“

„Das sagt man von den Burgunderinnen auch“, erwiderte Selina lächelnd. „Es heißt, die Damen Frankreichs nehmen sich immer ein Beispiel an Burgund, und ich weiß, dass meine Mutter als eine der bestangezogenen Frauen gegolten hat.“

„Es muss dich schwer getroffen haben, als du nach deinen lieben Eltern auch noch deinen Stiefvater verloren hast“, sagte Francoise mitfühlend. „Ein Glück, dass deine Tante zu dir zog. Es wäre unmöglich für eine unverheiratete junge Frau gewesen, alleine zu leben.“

„Ja.“ Selina sah zum Fenster hinaus, während ihre Gedanken in die Vergangenheit zurückglitten. Zu Louis, dem Gatten ihrer Mutter, der nach deren Tod Selinas Geliebter geworden war. „Louis Dumonteuil war ein schöner Mann“, sagte sie endlich. „Schön und leidenschaftlich. Meine Mutter hat ihn sehr geliebt.“

„Und er?“

„Er sie ebenfalls. Er war sehr unglücklich als sie starb.“ Louis war jünger gewesen als ihre Mutter, aber das hatte die beiden nicht gestört. Ihre Mutter war so reizend gewesen. Voller Lebenslust und Temperament. Wenn sie nicht während der Jagd vom Pferd gestürzt wäre ...

„Wir werden Florenz in wenigen Minuten erreichen, Signorina Selina“, rief der Kutscher über die Schulter zurück. „Wenn Ihr links hinausblickt, dann könnt Ihr es jeden Moment sehen!“

Die beiden jungen Frauen beugten sich gleichzeitig hinüber. Der Reisewagen rollte über eine Kuppe, und dann gab die Landschaft den Blick auf Florenz frei. „Oh!“, machten beide beeindruckt. Die Stadt lag im Sonnenschein, kleine Wölkchen zogen über den leuchtendblauen Himmel, und die umliegende grüne, nur von Ölbäumen, Zypressen und Landhäusern unterbrochene Hügellandschaft bot den schönsten Rahmen für die von einer Wehrmauer umgebene Stadt, die von einer weit über die Dächer ragenden Kuppel beherrscht wurde.

Il duomo.“ Der Kutscher wies mit der Peitsche stolz auf die Kuppel.

„Und wo lebt der Großvater von Signorina Selina?“

„Auf der anderen Seite des Arno“, erwiderte der Mann. „Im Quartier von Santo Spirito bei den anderen lanaioli, den angesehenen Mitgliedern der Wolltuchzunft.“ Er lenkte die Pferde ein wenig nach rechts, und schließlich rollten sie durch ein imposantes Stadttor. Die Wächter schienen die Männer zu kennen, denn sie grüßten lachend und glotzten dann neugierig auf den Wagen, auf dem Selina den Kopf unter der Plane hervorgestreckt hatte.

Gar kein Zweifel, dachte sie mit einer Mischung aus Ärger und Belustigung, die burgundische Verwandte ist kein Geheimnis mehr in Florenz.

 

***

 

Als der Wagen in einer engen Straße hielt, öffnete sich eine Haustür, und eine junge Frau lief heraus, gefolgt von zwei Kindern, die vor Selina und Francoise stehen blieben und sie mit offenen Mündern anstarrten. Die junge Frau – nein, fast noch ein Mädchen mit blondem Haar und einem lieblichen Gesicht – sah von einer zur anderen. „Selina?“

Selina gab ihrer Freundin einen liebevollen Stoß, der diese zwei Schritte vorstolpern ließ. Das Mädchen sah Francoise prüfend an, dann umarmte es sie und küsste sie auf die Wange. „Sei uns willkommen, Base. Ich bin Fiorina, die zweite Frau deines Oheims, dem Bruder deiner verstorbenen Mutter. Ach, ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr wir uns schon gefreut haben, dich hier zu haben! Wie schön für dich, aus dem kalten Norden in unser freundliches Land zu kommen. Signor Bene wartet schon mit Ungeduld auf dich.“ Sie deutete auf die Kinder. „Dieses sind meine Kinder, das Jüngste liegt noch bei der Amme.“ Sie nannte die Namen, die bei Selina wie auch bei der vor Verlegenheit und Angst bleichen Francoise ungehört verhallten, und sah dann fragend auf Selina.

„Meine ... meine Gesellschafterin“, hauchte Francoise mit letzter Kraft. „F ... Francoise Ferrand.“

„Seid auch Ihr uns gegrüßt, Signorina Francoise“, sagte Fiorina mit einem freundlichen Lächeln. „Aber so komm doch herein, Selina!“, rief sie lebhaft, als die beiden Neuankömmlinge neben dem Wagen stehen blieben. „Die Knechte werden sich um dein Gepäck und das deiner Begleiterin kümmern.“ Es hatte sich bereits eine kleine Menschenmenge um sie gebildet, und Fiorina nickte und winkte den Leuten zu, bevor sie Francoises Arm nahm und sie ins Haus führte. „Ihr müsst die Neugier der Leute verzeihen“, erklärte sie freundlich, „aber es hat sich schon in der ganzen Straße herumgesprochen, dass wir Besuch erwarten, und nun möchte euch natürlich jeder sehen.“

Selina trat hinter ihnen ins Haus und fand sich in einer düsteren Vorhalle wieder, deren kleine, mit Eisenstäben bewehrte Fenster durch die Enge der Straße kaum genug Licht hereinließen. Links und rechts öffneten sich Türen in andere Räume, und auf der gegenüberliegenden Seite führte ein zweiflügeliges Tor wieder ins Freie. Fiorina trat hindurch, und Selina sah zu ihrer Überraschung einen erstaunlich großen, hübsch gestalteten Innenhof mit Blumentöpfen, einem kleinen Kräutergarten, steinernen Bänken und einem Hündchen, das schwanzwedelnd auf sie zulief. Der Hof wurde auf der einen Seite von einer Loggia begrenzt, an deren Ende eine Treppe hinauf in die oberen Stockwerke führte.

„Der Großvater ist oben, in der sala“, erklärte Fiorina mit sichtlichem Stolz in der Stimme und Selina, die in einer großen Burganlage aufgewachsen war, fragte sich, was ihrer jungen Tante so außergewöhnlich an einem Saal erscheinen mochte. Sie ging hinter Francoise, die ihr einen panischen Blick zuwarf, die Treppe hinauf und gelangte endlich in einen großen Raum, der außer mehreren kunstvoll geschnitzten Stühlen, einem ebensolchen Tisch und einer Truhe leer war. Der Boden war wie ein Schachbrett mit kostbaren weißen und schwarzen Kacheln ausgelegt, und an den Wänden hingen Teppiche. Am anderen Ende des Raumes saß in einem schweren Lehnstuhl ein alter Mann, dessen schütteres weißes Haar bis auf seine Schultern fiel. Er blickte den beiden Neuankömmlingen aus scharfen Augen entgegen, als Fiorina sie zu ihm hinführte.

„Signor Bene, endlich ist unsere Verwandte angekommen.“ Sie schob die widerstrebende Francoise etwas näher zu dem alten Mann, der sie prüfend betrachtete.

„Du siehst genauso aus wie auf dem Bild“, sagte er statt einer Begrüßung. „Nur hübscher.“ Das letztere sagte er mit sichtlicher Befriedigung. „Ich bin angenehm von dir überrascht, Selina. Ich hatte schon befürchtet, du hättest die derben Züge der Nordländer geerbt.“

Francoise, deren Italienisch sich auf einige wenige Sätze beschränkte, die Selina ihr auf der wochenlangen Reise beigebracht hatte, lächelte nur unsicher.

Selina trat vor. „Verzeiht, Signor Bene, aber Selina spricht nur wenig Italienisch, sie hat mich als ihre Gesellschafterin mitgebracht, weil ich durch eine Amme von Kindheit an mit dieser Sprache vertraut bin.“ Dies war die einzige schwache Stelle an ihrer kleinen Komödie, wie Selina ihren Rollentausch nannte, aber sie hoffte, dass sie überzeugend genug wirkte.

„Eine Magd bist du? Eine Bedienstete meiner Enkelin?“

Selina merkte, wie eine ärgerliche Röte in ihre Wangen stieg. Ihr gefiel weder die Art, in der der Großvater seine falsche Enkelin begrüßt hatte, noch die Weise, in der er mit ihr sprach. „Eine Gesellschaftsdame, Signore. Es ist bei adeligen Damen in unserer Heimat so üblich, Mädchen aus guter Familie ins Haus zu nehmen.“ Sie hatte diese Worte absichtlich so gewählt, um bei dem alten Mann nicht den Eindruck zu vermitteln, er hätte es bei ihr mit einer niedrigen Bediensteten zu tun. Allein schon der hochmütige Blick, mit dem er sie ansah, sagte ihr, dass diese Entscheidung gut gewesen war.

Santini wandte sich wieder Francoise zu. „Du bist einen Tag zu spät gekommen. Dein zukünftiger Mann hat gestern die Stadt verlassen, um anderswo seine Vergnügungen zu suchen. Es ist nicht abzusehen, wann er wieder zurückkehrt, bis dahin wirst du dich aber hoffentlich schon eingelebt haben und unsere Sprache besser beherrschen.“ Er musterte sie von oben bis unten. „Du bist zwar hübsch genug, um ohne Worte zu gefallen, und den meisten Männern sind plappernde Frauen ohnehin ein Gräuel, aber ich möchte Barenza auch keine Braut präsentieren, die stumm ist wie ein Fisch.“ Er winkte herrisch mit der Hand. „Und nun geht! Fiorina!“

Die junge Frau hatte in der Tür gewartet und lief nun herbei. „Si, messere?“

„Zeig den beiden ihre Kammer und führ sie im Haus herum. Zum Abendessen bringst du sie wieder herunter, damit sie auch die andere Familie kennenlernen.“

Als Selina neben der erschütterten Francoise und Fiorina die schmale Steintreppe hochstieg, beglückwünschte sie sich heimlich zu ihrer Idee, die Rollen mit ihrer Freundin getauscht zu haben. Dieser alte Mann schien es für selbstverständlich zu erachten, seine Enkelin, die er nicht einmal kannte, an einen Mann zu verkaufen, der seinen ausschweifenden Lebenswandel mit dieser Heirat finanzieren wollte. Die Tatsache, dass dieser in einer anderen Stadt seinen Vergnügungen nachging, kam ihr äußerst gelegen. Auf diese Weise konnte sie sich in Ruhe Florenz ansehen, von dem ihr Père Albert in den glühendsten Farben erzählt hatte. Sie hatte ja schließlich nicht vor, sich hier an einen Mann binden zu lassen, der sie nicht nur als lästiges Anhängsel zu ihrer Mitgift betrachtete, sondern nach herrschendem Recht auch noch Herr über ihr gesamtes Vermögen und sie selbst wurde.

Fiorina führte sie in eine Kammer, in der ein breites Bett stand, das von reichgeschnitzten, mit Decken belegten Betttruhen umgeben war. Ferner ein länglicher Tisch mit einer Vase darauf und zwei Stühle, am Boden lag ein weicher Teppich, und die Wände waren mit hübschen Mustern bemalt, bei denen sich Blumen mit geometrischen Formen abwechselten. Das Fenster zeigte auf den kleinen Innenhof, es war mit schweren Läden verschließbar, hatte jedoch Flügel mit kleinen, in Blei gefassten Glasscheiben.

Die Bediensteten hatten das Gepäck bereits heraufgebracht, und Fiorina lächelte Francoise freundlich an, als diese zögernd mitten im Raum stehen blieb. „Ich hoffe, das Zimmer gefällt dir. Ich habe selbst dafür gesorgt, dass es frisch gereinigt wurde und ihr die besten Laken und Decken erhaltet, die wir im Haus haben. Ihr sollt euch bei uns wohl fühlen. Das ist ebenfalls der Wunsch von Signor Santini, auch wenn dir die Begrüßung vielleicht ein bisschen herb vorkam. Er ist ein sehr strenger Mann und zeigt niemals Freude.“

Francoise nickte nur.

„Es wird sicherlich eine große Enttäuschung für dich sein, liebe Base, dass Alessandro di Barenza abgereist ist“, fuhr Fiorina fort. Sie sprach ganz langsam und deutlich, damit Francoise sie auch verstehen konnte. „Aber er bleibt selten lange in Florenz.“

„Ach, ja?“ Da Francoise keine Anstalten machte, das Gespräch fortzusetzen, sondern ihr nur einen hilflosen Blick zuwarf, gab ihr Selina einen kleinen Schubs. Sie wollte noch mehr über diesen Mann wissen, der sich für Geld verkaufte. Das war natürlich nicht unüblich – in ihrer Heimat kam so etwas ebenfalls fast ständig vor, aber da wurden gewisse Spielregeln eingehalten, um die zarteren Gefühle der Beteiligten zu schonen. In diesem Fall jedoch tat der Großvater nichts dazu, um zu verhehlen, dass es sich um ein reines Geschäft handelte. „Reist Barenza viel?“, fragte Francoise mühsam.

Fiorina war von der kargen Reaktion ihrer falschen Nichte enttäuscht gewesen, sprach jetzt jedoch sofort weiter. Offenbar war Alessandro di Barenza ein Thema, das ihr am Herzen lag. „Oh ja“, erwiderte sie lebhaft. „Er ist sehr viel unterwegs, kommt nur alle paar Wochen in die Stadt, um seine Freunde zu besuchen und seine Mutter, die etwas außerhalb, in Fiesole, lebt. Er ist überall sehr beliebt und ein guter Freund des Magnifico.“

„Magnifico?“, fragte Selina, weil Francoise sichtlich Mühe hatte, das Gehörte richtig zu verstehen.

„Lorenzo di Medici, der über Florenz herrscht“, erwiderte Fiorina freundlich. „Man nennt ihn allgemein den ‚Magnifico’, weil er so prächtig zu leben versteht und die schönen Künste fördert.“

„Und Alessandro Barenza ist mit ihm befreundet?“, fragte Selina weiter.

„Aber ja! Man sagt, die beiden kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Dann jedoch schloss sich Alessandro dem Soldatenverband eines Condottiere, eines Feldherren, an und war viele Jahre fort. Man dachte schon, er sei ums Leben gekommen, aber vor etwa einem Jahr kam er wieder in die Stadt.“ Fiorina war glücklich, in der Gesellschafterin ihrer Verwandten jemanden gefunden zu haben, der ihre Sprache verstand und ihr Interesse teilte.

Selina betrachtete sie aufmerksam. Fiorina war tatsächlich noch sehr jung, vermutlich kaum so alt wie sie, ihr Oheim jedoch nur ein Jahr jünger als ihre verstorbene Mutter. Vermutlich hatte er sich dieses halbe Kind gekauft. So wie sein Vater nun einen Mann für seine Enkelin kaufen wollte.

„Ach, halb Florenz beneidet Eure Herrin um diesen schmucken Bräutigam!“, sprach die junge Frau weiter.

„Das hat sich wohl schon herumgesprochen?“

„Aber gewiss doch! Schon seit der Vater den Brief an Selina gesandt hat. So etwas bleibt in einer Stadt wie Florenz nicht lange verborgen. Man kann weder vor den Bediensteten noch vor den Nachbarn etwas geheim halten. Und dann wurde es ja auch ausführlich in der Familie besprochen wie alle wichtigen Dinge.“ Sie kam etwas näher und beugte sich vertraulich zu Selina. „Seit der Vater meines Mannes herausgefunden hat, dass Alessandro große Summen beim Würfelspiel verloren hat – mehr, als sich ein Mann leisten kann, dessen Einkommen so gering ist wie das Alessandros – hatte er diesen Plan. Mein Vetter Andrea, der im Kreis von Alessandro verkehrt, hat dann die ersten Beziehungen zwischen ihm und uns hergestellt. Ich weiß nicht, was zwischen ihnen besprochen wurde, aber Alberto, mein jüngerer Bruder, war damals zu Besuch. Und er hat durch das Fenster gesehen, dass Alessandro nur den Kopf geschüttelt und gelacht hat, bis mein Schwiegervater ihm Selinas Bild gezeigt hat. Der Graf hat es eine Weile betrachtet und ist dann wieder gegangen – mit dem Bild!“ Sie warf einen raschen Blick auf Francoise, die sich mit zusammengekrampften Händen auf eine der Betttruhen gesetzt hatte. „Dabei war dieses Bildnis nicht besonders schmeichelhaft. Ganz im Gegenteil, denn ich finde meine Base bei Weitem hübscher. Auch fehlte dem Bild die Sanftmut, die sie in ihren Augen hat, und die einer jungen Frau wohl ansteht. Der Maler hat sie viel zu ... keck dargestellt.“

Nachdem Fiorina gegangen war, setzte sich Selina neben Francoise auf das Bett, tätschelte ihr beruhigend die Hand und dachte über das Gehörte nach. Der ihr zugedachte Ehemann hatte nach der Erzählung von Fiorina nicht gewonnen, sondern noch verloren. „Schmucker Bräutigam“ hatte ihn ihre junge Tante genannt. Nun, Selina kannte diese eitlen Gecken zur Genüge, die aufgeputzt wie die Pfauen umherstolzierten und sich von allen bewundern ließen. Meinethalben kann er einige Monate fort bleiben, dachte sie zufrieden, während sie einem kleinen gefiederten Sänger lauschte, der in einem Käfig saß, den jemand aus einem Fenster auf der anderen Seite des Hofes gehängt hatte. Je länger er seinen Vergnügungen nachgeht, desto mehr Zeit habe ich, alle die Herrlichkeiten zu genießen, die diese Stadt zu bieten vermag.

 

***

 

Selina und ihre Freundin brauchten nicht lange, um sich einzuleben. Im Haus war es niemals langweilig, und selbst wenn Selina und Francoise sich in ihr Schlafzimmer zurückzogen, um dem Trubel zu entgehen, gab es immer noch genügend Besucher - allerdings nur Frauen und Kinder - die bis zu ihnen vordrangen, sie anstaunten, ausfragten und die Schönheit der vermeintlichen Enkelin bewunderten.

Obwohl die Santinis so reich waren, dass sie ein großes Haus, fast schon einen Palast bewohnten, schien es Selina, die in einem herrschaftlichen Gutshof wohnte, dass es zwar etwas klein geraten, aber auch durchaus gemütlich und heimelig war. Es hatte in allen Schlafräumen und dem Repräsentationsraum, der sala, Kamine. Auf Bänken und Stühlen lagen hübsche Decken, und auf den Tischen standen schön verzierte Vasen mit bunten Blumensträußen. Ihr und Francoises Zimmer erreichte man über die Steintreppe, die an der Hofseite des Hauses alle Etagen und Räume verband.

Die engere Familie bestand aus dem Großvater, dessen Sohn Giovanni, Fiorina, seiner zweiten Frau, und seinen drei Kindern – sowie seinem Sohn aus erster Ehe, der im Gegensatz zu seinem Vater rank und schlank gewachsen war, und dem bereits ein leichter Flaum auf der Oberlippe wuchs. Dann gab es noch reichlich Cousinen und Cousins, die im Haus ein- und ausgingen. Ferner waren da Freunde, Geschäftspartner und eine große Anzahl Nachbarn, die laufend zu Gast waren und das Haus zu einem lebhaften Treffpunkt machten. Selina hatte Mühe, sich ihre Namen zu merken, sah jedoch zu ihrer Zufriedenheit, wie freundlich und zuvorkommend sie alle zu Bene Santinis Enkelin waren.

Zudem gehörten zum Haushalt noch die engeren Gehilfen des Großvaters, Diener und Dienerinnen, und zu Selinas größter Verblüffung auch eine Sklavin, die Santini als Kind gekauft hatte, und die im Haushalt groß geworden war. Sklaverei war in ihrer Heimat unbekannt, auch wenn sich die bäuerliche Bevölkerung in großer Abhängigkeit von den Grundherren befand. Hier, in der Umgebung von Florenz war die Leibeigenschaft jedoch schon vor fast einhundert Jahren aufgehoben worden, und dennoch hielten sich die meisten Familien Sklaven. Allerdings war deren Los, wie sie feststellte, nicht immer so schlecht, wie es den Anschein hatte. Auch wenn sie es als entwürdigend fand, dass ein Mensch im Eigentum eines anderen stand, so genossen diese Leute oft die gleiche äußere Freiheit wie die anderen Diener, selbst wenn sie keinen anderen Lohn außer Unterkunft und Essen erhielten.

Weitaus schlimmer als sie waren nach Selinas Meinung die Arbeiter dran, knapp fünfzig Leute, die jeden Morgen durch Glockenschläge vom Aufseher zur Arbeit gerufen wurden und dann eng zusammengedrängt in den stickigen Arbeitsräumen saßen. Arme Teufel waren das, die auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt gekommen waren, um nun tagaus tagein immer dieselbe Arbeit zu verrichten. Sie kratzten aus der verschmutzten Wolle einzelne Strähnen heraus und gaben diese an die Spinner weiter. Die Arbeiter sortierten, wuschen, klopften, spulten und pressten – und das alles nur für einen Hungerlohn und unter der ständigen Aufsicht des Aufsehers, der früher sogar das Recht besessen hatte, grobe Vergehen durch das Abschlagen von Händen und Füßen zu bestrafen.

Selina hatte auch daheim Armut gesehen und noch mehr, als sie auf ihrer Reise durch dreckige Städte und Dörfer gekommen war. Aber auf ihrem eigenen Land und Besitz sorgte sie dafür, dass alle ihre Bauern und Pächter genügend zu essen und anständige Kleidung hatten. Das war nichts, was sie von ihrem Vater gelernt hatte, einem Feudalherrn, der sich keine Gedanken um seine Leute gemacht hatte, und ebenso wenig von ihrer Mutter – sondern von ihrer Amme, die das einsame Kind oft zu ihrer eigenen Familie mitgenommen hatte, in der es unter ihrer Aufsicht mit den Dorfkindern hatte spielen dürfen.

Sie lernte in Florenz vieles kennen, das ihr bisher fremd gewesen war. Der Unterschied zwischen den fortschrittlichen Ideen, dem Wiederaufleben längst vergessenen Gedankenguts, den modernen Gebäuden, die der Antike nachempfunden wurden, und der patriarchalischen, engstirnigen Welt, die daneben fast unverrückbar herrschte, faszinierte sie. Sie hatte daheim sehr zurückgezogen gelebt, und ihre einzigen Vergnügungen waren die Jagd gewesen und Bücher, in denen sie in der kalten Jahreszeit, wenn nur wenige Besucher ins Gut gekommen waren, gelesen hatte. Sie hatte jedoch stets darauf geachtet, ein offenes Haus für Reisende zu haben, vor allem für umherziehende Mönche, die ihr noch weitere kostbare, handgeschriebene Bücher mitbrachten oder Erzählungen aus den Landen, die sie besuchten, und denen sie mit Begeisterung gelauscht hatte. Nur der Wunsch, selbst zu reisen und all diese Orte sehen zu können, hatte sie dazu getrieben, diese Komödie zu spielen.

Am Abend versammelte sich die Familie meist in der sala, speiste gemeinsam, besprach die Ereignisse des Tages, die Männer diskutierten wichtige Vorhaben und geschäftliche Belange, und dann saßen alle zusammen, bis es Zeit war, sich zur Ruhe zu begeben. Ihre Tante und Francoise arbeiteten an Nähsachen, sie selbst mühte sich gelegentlich ebenfalls mit einem Stückchen Stoff oder einer Stickerei ab. Die beiden Männer und der älteste Sohn spielten Schach, und manchmal las Fiorina, die eine angenehme Stimme hatte, aus einem Buch vor – meist die Bibel, die der alte Patriarch neben seinen Geschäftsbüchern als lehrreichste Lektüre betrachtete.

Selina mochte dieses abendliche Zusammensitzen sehr gerne. Sie hatte lange mit Francoise und ihrer Tante alleine gelebt, nur von Dienstboten umgeben. Hier jedoch war die Zuneigung zwischen den vielen, auch nicht im Haus lebenden Familienmitgliedern fühlbar, und sie erstreckte sich nicht nur auf Francoise, sondern sogar auf deren Gesellschafterin, die vielleicht nicht gerade gleichgestellt war, aber doch respektiert und geschätzt wurde.

Ihre dienende Position verschaffte Selina Freiheiten, die eine Enkelin des Bene Santini nicht gehabt hätte. Im Gegensatz zu Francoise konnte sie sich frei bewegen und ungestört in der Stadt herumlaufen, meistens in Begleitung eines der halben Kinder, die sich als Dienerinnen verdingt hatten, oder mit einem der Bauernmädchen, die froh waren, der Arbeit im Haus für einige Stunden zu entkommen. Ihre arme Freundin hatte es da wesentlich schwerer. Es war undenkbar für ein unverheiratetes Mädchen aus gutem Haus, alleine auf die Straße zu gehen, und in ihrem Fall wachte der Großvater mit besonderer Strenge darüber, dass sie nichts tat, was sie kompromittieren und den heißersehnten Bräutigam veranlassen könnte, sich eine Frau unter den anderen reichen Familien zu suchen, die – wie Fiorina ihr heimlich zugeflüstert hatte – sich ebenfalls sehr bemühten, ihn für sich zu gewinnen.

Francoise und Selina wichen zwar dem alten Santini so gut wie möglich aus, mochten den Rest der Familie jedoch sehr gerne. Wie es üblich war, hatte der Großvater die Gewalt über die ganze Familie und deren Güter und regierte wie ein kleiner König über seinen Sohn, seine Schwiegertochter und die Enkelkinder. Das entsprach ganz dem Recht und der hier herrschenden Sitte, und es war auch in ihrer Heimat so üblich, dass Frauen und Kinder sich dem Willen des Vaters zu fügen hatten. Selina jedoch, die es gewohnt war, ihre eigene Herrin zu sein und frei schalten und walten zu können, empfand diesen Zustand als beklemmend. Niemals, so schwor sie sich, würde sie es einem Mann durch sein eheliches Recht erlauben, über sie und ihren Besitz zu verfügen.