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Mona Vara

LAURA: VENEZIANISCHES MASKENSPIEL

Erotischer Roman

© 2006/2014 Plaisir d’Amour Verlag, Lautertal

www.plaisirdamourbooks.com

info@plaisirdamourbooks.com

Plaisir d’Amour Verlag

Postfach 11 68

D-64684 Lautertal

© Covergestaltung: Andrea Gunschera (www.magi-digitalis.de)

ISBN Taschenbuch: 978-3-938281-15-4

ISBN eBook: 978-3-86495-099-5

 

Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.

PERSONENVERZEICHNIS

EINWOHLMEINENDER“ FREUND

EIN ÜBERRASCHENDES WIEDERSEHEN

DER CAVALIERE D’AMORE

DIE VERFÜHRUNG

DAS SPIEL GEHT WEITER

EINE LEIDENSCHAFTLICHE AFFÄRE BEGINNT

AUS EINEM SPIEL WIRD ERNST

MISSVERSTÄNDNISSE UND INTRIGEN

MIT DEM LIEBHABER ERTAPPT

EIN GLÜCKLICHES ENDE

NACHWORT

WEITERE ROMANE VON MONA VARA

PERSONENVERZEICHNIS

 

 

Laura Ferrante, geb. Veronese

eine venezianische Adelige

 

Domenico Ferrante

Lauras Ehemann, venezianischer Patrizier

 

Anna

ein Dienstmädchen

 

Marina

Domenicos Schwester

 

Clarissa Ferrante

Domenicos Mutter

 

Patrizio Pompes

Lauras „legaler” Cicisbeo

 

Ottavio Ferrante

Domenicos Vetter und Lauras „illegaler” Cicisbeo

 

Concetta

Lauras Freundin

 

Sofia Bandello

Domenicos Geliebte

 

Nicoletta Martinelli

Domenicos ehemalige Mätresse

EIN „WOHLMEINENDER“ FREUND

 

Domenico erwachte in einer Wolke aus nach Rosen duftendem, langem, hellblondem Haar und nach Liebe duftender weiblicher Haut. Neben ihm, eng an seinen Körper geschmiegt, lag Sofia, seine derzeitige Geliebte. Sie schlief, und er nutzte die wenigen Momente der Ruhe, die sie ihm gönnte, um nach zwei Briefen zu greifen, die auf dem kleinen Tisch neben seinem Bett lagen.

Er drehte sie abwägend hin und her, bevor er sich entschloss, sie zu öffnen. Der eine – sehr umfangreich und aus fünf Bögen bestehend – stammte wieder von seiner Mutter. Ein unerfreulicher Brief, der ihn an seine Pflicht erinnerte. Und es war nicht der erste, auch wenn sie es verstand, mit jedem weiteren Schreiben noch eindringlichere Worte zu finden und größere Überzeugungskraft hineinzulegen. Dieses Mal appellierte sie sogar an sein Gewissen. Sie schrieb, dass es an der Zeit wäre, endlich einen rechtmäßigen Erben in die Welt zu setzen, um die Familie vor dem Aussterben zu bewahren. Sie fand doch tatsächlich mehrere traurige Beispiele – zu denen so bekannte Geschlechter wie ein Zweig der Valieri zählten – in denen dies wegen der Pflichtvergessenheit und Fortpflanzungsunwilligkeit des letzten Erben geschehen sei, und flehte ihn in den letzten fünf Absätzen des Schreibens förmlich an, zurückzukehren und seine Gattin endlich zu einer richtigen Frau und Mutter zu machen!

Domenico schnaubte verächtlich. Als ob er sich nicht alle Mühe gegeben hätte, das zu tun! Aber bei dieser Frau wäre selbst Gott Zeus mit all seinen Verwandlungs- und Verführungskünsten gescheitert!

Dabei war ihm Laura Veronese, die Tochter eines verarmten venezianischen Adeligen, als passende Frau erschienen. Einer seiner Freunde hatte die ersten Kontakte zu ihrer Familie hergestellt, und er selbst hatte ihren Vater aufgesucht und war bald mit ihm einig geworden. Er hatte, um sie kennenzulernen, erst auf das venezianische Festland, die Terraferma, reisen müssen, wo ihr Vater sie seit ihrem fünften Lebensjahr in einem Kloster untergebracht hatte, um nicht mit der Tochter belastet zu sein. Als er dann Laura das erste Mal in dem kahlen Sprechzimmer des Klosters besichtigt hatte, war er überzeugt davon gewesen, dass dieses Mädchen, das mit seinen dreiundzwanzig Jahren nicht gerade in der Blüte seiner Jugend stand, genau die richtigen Eigenschaften mitbrachte, die er sich von einer fügsamen Gattin und Mutter seiner Kinder erwartete. Ein gesundes und gleichzeitig unkompliziertes Geschöpf, ohne allzu große Ansprüche, das gewiss nicht in jene Art von Lebenslust verfallen würde, die einen Ehemann um seine Ehre und sein Vermögen brachte. Zwei Monate später hatte die Hochzeit stattgefunden.

Und da war er zum ersten Mal stutzig geworden.

Denn das Mädchen, anstatt Glück und Freude über diese vorzügliche Verbindung auszustrahlen, hatte stumm und verstockt an der Hochzeitstafel gesessen und ihn kaum angesehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er das noch für Schüchternheit gehalten, aber als er in der darauffolgenden Nacht mit einer gewissen Vorfreude auf diesen durchaus nicht reizlosen Körper in ihr Schlafzimmer gekommen war, hatte er, statt einer gehorsamen und hingebungsvollen Gattin, ein auf einem Sessel zusammengekauertes Häufchen Unglück vorgefunden, das irgendetwas völlig Zusammenhangloses von ewiger Liebe stotterte und nicht daran dachte, ihn ohne diese – ihm offenbar so mangelnde Voraussetzung – auch nur näher als zwei Schritte an sich heranzulassen.

Liebe. Und noch dazu ewige. Er verzog bei dem Gedanken, dass ihm in seiner Jugend ähnlich dumme Flausen im Kopf herum gespukt waren, verächtlich den Mund. Zum Glück war er davon geheilt worden, bevor er sich für alle Zeiten hatte lächerlich machen können, indem er einem hübschen Lärvchen, das ihm Liebesschwüre ins Ohr geflüstert und in Wahrheit nur nach dem „Meistbietenden“ Ausschau gehalten hatte, die Ehe anbot. Er war damals noch jünger gewesen als Laura heute und war erstaunlich schnell über die Enttäuschung hinweggekommen, auch wenn er in Zukunft vorsichtiger geworden war. Und Laura würde ebenfalls irgendwann einsehen, dass diese Art von Liebe nur der Auswuchs heillos romantischer Geister war und sonst nichts.

Domenico war an diesem Abend jedenfalls nichts anderes übrig geblieben, als die Hochzeitsnacht zu verschieben und darauf zu warten, dass seine Frau Vernunft annahm. Er war erstaunt gewesen, dass es offenbar niemand der Mühe Wert befunden hatte, sie auf ihre Rolle und Pflichten als Gattin eines Patriziers vorzubereiten, und hatte sich in der Folge um einen ruhigen, kameradschaftlichen, fast ein wenig väterlichen Ton bei ihr bemüht. Er hatte versucht, ihr klarzumachen, wie das Leben im Kreise der venezianischen Adeligen wirklich aussah, und nach einigen Tagen geduldigen Zuredens war es ihm gelungen, endlich die Ehe zu vollziehen. Er hatte ihr, als es vorbei gewesen war, freundlich die Wange getätschelt und war in sein eigenes Bett gekrochen, unendlich erleichtert, seine Pflicht erfüllt zu haben. Bald darauf war er nach Paris abgereist in der Hoffnung, seine verzweifelten Bemühungen wären von Erfolg gekrönt gewesen.

Was aber offenbar nicht der Fall war.

Er warf die Briefbögen ärgerlich zurück auf das Tischchen. Damit würde er sich später beschäftigen. Natürlich musste er über kurz oder lang nach Venedig heimkehren, um in diesem unerfreulichen Ehebett seiner Pflicht Genüge zu tun und seine Mutter zu beruhigen, aber noch wollte er seine reizende Geliebte und Paris gleichermaßen genießen.

Er nahm den anderen, stark nach Parfüm duftenden Brief zur Hand. Sein Diener hatte ihn überbracht, bevor Sofia lebhaft und überwältigend in sein Schlafzimmer gestürmt war, um ihn für einige Stunden alles andere vergessen zu lassen. Er brach das Wachssiegel auf, faltete den Bogen auseinander und las.

Da hatte doch tatsächlich ein „wohlmeinender Freund“ – seiner Meinung nach roch dieser Brief im wahrsten Sinn des Wortes nach seiner ehemaligen venezianischen Geliebten Nicoletta – es für nötig befunden, ihn über den zweifelhaften Lebenswandel seiner Frau aufzuklären und zu behaupten, dass Laura seine Ehre als Patrizier beschmutze und sich nicht nur einen, sondern ein ganzes Heer von cicisbei hielte.

Domenico schüttelte stirnrunzelnd den Kopf. Ein ganzes Heer gleich? Das wäre um einige zuviel. Für einen klugen Ehemann war ein cicisbeo natürlich eine recht wünschenswerte Einrichtung, handelte es sich doch lediglich um einen oftmals von ihm selbst ausgesuchten und bezahlten Begleiter, der seine Frau an seiner Statt zu Bällen und anderen akzeptablen Vergnügungen begleitete und ihm so die Freiheit verschaffte, ungestört seinen eigenen Geschäften nachgehen zu können. War der Ehemann jedoch unvorsichtig genug, nicht selbst seine Wahl zu treffen, so bestand meist die Gefahr, dass Draufgänger und Glücksritter ihre Chance witterten und die abenteuerlustige Ehegattin nicht nur ins Theater, sondern bis ins Bett begleiteten. Er selbst hatte in seiner Jugend so manche verheiratete Dame in dieser Hinsicht nicht nur mit seiner Begleitung sondern auch weitergehenden Aufmerksamkeiten versorgt und wusste darüber besser Bescheid als so mancher andere. Aus diesem Grund hatte er eine Woche nach der Hochzeit und zwei Wochen bevor er gelangweilt nach Paris abgereist war, selbst Sorge für einen passenden Begleiter getragen. Er hatte Patrizio Pompes gewählt, einen seiner betagteren Verwandten, der am Spieltisch so viel verloren hatte, dass er jetzt für Geld die Schwiegertochter seiner Base ausführte. Patrizio war zwar in seiner Jugend ein Abenteurer gewesen, aber diese schönen Zeiten waren schon lange vorbei, und er würde ganz gewiss nicht auf die Idee kommen, seine Dienste bei Domenicos Frau zu weit zu treiben.

Seine Geliebte bewegte sich. Die kostbare Seidendecke rutschte ein wenig hinunter und gab den Blick auf eine äußerst wohlgeformte Brust frei, deren dunkelrote Spitze Domenicos Aufmerksamkeit erregte. Sofia schlug die Augen auf, tastete mit einem reizenden Lächeln zu ihm herüber und griff nach seiner Hand, um sie auf eben diese Brust zu ziehen. „Schon wach, Monsieur?“

Domenico spielte gedankenlos mit ihrer immer härter werdenden Brustspitze, während er den Brief ein zweites Mal las. Zuerst hatte er ihn nicht beachten wollen, da es ihm bis zu diesem Moment gleichgültig gewesen war, was Laura tat – solange seine Ehre nicht in den Schmutz gezogen wurde, indem seine Frau ihn zum Hahnrei machte. Nun erinnerte er sich jedoch deutlich an diese lächerlich romantische Seite seiner Gattin, die gewiss schnell geneigt war, einem Verführer nachzugeben, nur weil er ihr die Sterne vom Himmel und endlose Liebe versprach.

Seine Geliebte fuhr mit dem Zeigefinger die steile Falte zwischen seinen Augenbrauen nach, die sich in den letzten Minuten vertieft hatte. „Schlechte Nachrichten, mon amour?“ Sie stammte ebenso wie er aus Venedig, liebte es jedoch – selbst wenn sie alleine waren – ihre Sätze mit französischen Worten zu würzen.

„Wie man’s nimmt. Da schreibt mir jemand, dass Laura sich zu sehr mit anderen Männern beschäftigt.“

Sofia gähnte. „Laura? Heißt so nicht deine Frau? Na und? Lass sie doch! Was kümmert es dich, was dieses langweilige Geschöpf tut!“ Sie schob die Decke zur Seite und begann seine darunter zum Vorschein kommende Haut zu küssen, immer tiefer hinunter, bis Domenico wieder jenes angenehme Prickeln verspürte, das etwas heftigere Gefühle einläutete. „Ich fand sie vom ersten Blick an ziemlich hässlich“, sagte sie beiläufig. „Ich habe zwar versucht, mich mit ihr abzugeben, aber sie war außerdem noch dumm.“

Domenico rieb sich nachdenklich das Kinn. Vor seinem geistigen Auge tauchte ein hübsch gerundeter Körper auf und warme braune Augen. Laura war vielleicht nicht gerade eine betörende Schönheit, aber auch nicht unscheinbar. „Nein“, sagte er aus dem Gedanken heraus, „sie ist nicht hässlich und bestimmt nicht dumm. Sie ist nur nicht gebildet. In dem Kloster, in dem sie aufgewachsen ist, hat man wenig Wert darauf gelegt, einer Frau mehr als die Grundbegriffe von Bildung beizubringen.“

Sie konnte zwar lesen und schreiben, beschränkte sich jedoch offenbar – den wenigen Worten nach zu urteilen, die er ihr hatte entlocken können – auf einfachste Lektüre. Das hatte ihn jedoch nicht gestört. Er hatte vor allem eine bequeme Gattin haben wollen, die selbst nicht zuviel nachdachte, sondern sich völlig natürlich seiner überlegenen Meinung fügte.

Sofia lachte spöttisch. „Aber sie ist langweilig. Ich werde nie verstehen, wie du sie mir vorziehen konntest!“

„Weil sie eine angemessene Partie ist, meine Schönste“, erwiderte Domenico geduldig.

„Angemessen! Bin ich das etwa nicht?“

Er betrachtete sie eingehend. Ihre leuchtenden blauen Augen, das blonde Haar, das sich auf den Schultern und ihrem Brustansatz ringelte, der Busen, der jetzt empört wogte, als sie sich auf die Hände stützte, um ihn besser ansehen zu können.

„Du vielleicht, aber deine Familie ist es nicht. Deine Mutter ist zwar mit Carlo, dem Mann meiner Schwester verwandt, aber dein Vater stammt aus bürgerlichen Kreisen.“ Er streichelte über ihren Hals bis hinab zu ihren Brüsten, spielte damit, hob sie an, knetete sie genussvoll. „Eine Ehe mit dir hätte mir der Große Rat nie verziehen. Meine Familie ist nicht einflussreich genug, um eine Mesalliance zu überstehen. Ich wäre vermutlich in Ungnade gefallen und hätte mich auf mein Landgut zurückziehen müssen.“ „Und außerdem ist es vernünftiger, eine bequeme Ehefrau zu haben“, fügte er für sich hinzu, hütete sich jedoch, diesen Gedanken laut auszusprechen. Eine Geliebte konnte man verlassen, wenn sie Schwierigkeiten machte, oder man genug von ihr hatte. Eine Ehefrau loszuwerden war weitaus problematischer.

Aber tatsächlich spielten vor allem materielle Überlegungen eine Rolle. Er hatte ein überdurchschnittlich gutes Einkommen – zwar bei weitem nicht genug, um ihn für wichtige Posten zu qualifizieren, die, um sie ausfüllen zu können, mit hohen Kosten verbunden waren, aber diese Art von Berufung hatte ihn ohnedies niemals gereizt. Trotzdem hätte er sich eine nicht standesgemäße Frau niemals leisten können, weil er damit diejenigen Vorteile einbüßen würde, die er aufgrund seiner untadeligen Herkunft besaß. Laura besaß zwar kein Vermögen, ihre Eltern waren arm, aber sie stammte aus einer alteingesessenen Patrizierfamilie.

Der Brief fiel ihm wieder ein, und er runzelte die Stirn. So völlig komplikationslos war Laura aber offenbar doch nicht, was an diesen lächerlichen romantischen Vorstellungen liegen mochte. Und gerade zur Karnevalszeit war es wohl angeraten, selbst auf die unauffälligste Frau ein Auge zu haben, die unter dem Schutz von Masken und Verkleidungen auf Ideen kommen könnte, die er gewiss nicht goutieren würde.

„Domenico!“ Die gereizte Stimme seiner anspruchsvollen Geliebten riss ihn aus seinen Betrachtungen. „Du bist ja mit deinen Gedanken vollkommen fern von mir! Wie demütigend! Ich bemühe mich um dich, will dich mit den Freuden meiner Lippen und meiner Zunge beschenken! Und was machst du? Starrst zur Decke und liegst im Gegensatz zu deinem petit monsieur da wie ein Toter!“

Domenico sah an sich herab. Sein Glied hatte sich unter Sofias Bemühungen tatsächlich schon aufgerichtet. Um sie zu besänftigen – er hatte jetzt wahrlich keine Lust, einen ihrer lästigen, in der Gesellschaft derzeit so verbreiteten Anfälle – vapeurs - zu ertragen, zog er sie zu sich empor.

„Aber meine Schönste. So errege dich doch nicht. Ich weiß zum Beispiel auch einen viel besseren Ort, wo mein petit monsieur untergebracht sein möchte. Einen ganz besonders hübschen, heißen und verlockenden Ort sogar.“

Er ließ seine Hand an ihrem Körper hinunterwandern, bis sie mitten in diesem hübschen, heißen, verlockenden Ort angekommen war. Als er mit seinen Fingerspitzen ihre rote Perle suchte, vergaß Sofia ihren Ärger über ihn, öffnete die Beine bereitwillig etwas mehr und schmiegte sich an ihn, wand sich mit jeder Berührung, stöhnte lustvoll. Er beschäftigte sich gründlich mit der außergewöhnlich großen, vor Erregung geschwollenen Klitoris, die bei Sofia so deutlich sichtbar war, viel mehr als bei anderen Frauen. Etwas, das ihn bei ihr am meisten faszinierte. Und auch ihre oft rasenden Reaktionen, wenn er sie dort berührte, streichelte, zärtlich kniff. Er hielt sich lange damit auf, so lange, bis er die ersten Anzeichen eines Orgasmus an ihr feststellen konnte. Das war zu früh. Er wollte noch ein wenig mit ihr spielen, sie weiter aufheizen, bis sie vor unerfüllter Lust ganz weich, anschmiegsam, nachgiebig wurde, zu betteln begann. Er mochte diese Art an ihr. Nicoletta, seine venezianische Geliebte – die Briefschreiberin – war in dieser Hinsicht viel fordernder gewesen.

Sofia seufzte anklagend auf, als er sich aus ihrer Scham zurückzog und mit seinen Fingern eine feuchte Spur über ihren Bauch bis hin zu ihren Brüsten zog.

„Nicht aufhören ...“

„Ein bisschen musst du noch warten, meine Schönste. Erst, bis ich es dir erlaube.“ Er kostete gerne seine Macht über seine Geliebten aus. Nicht auf anderen Gebieten, dazu waren sie ihm im Grunde zu gleichgültig. Im täglichen Leben – bei seinen eigenen Entscheidungen – ignorierte er sie oder ihre Wünsche einfach, wenn es ihm nicht gerade opportun erschien so zu tun, als würde er nachgeben. Aber im Bett machte es ihm Spaß, sie zu unterwerfen, sie warten zu lassen, sie mit Zärtlichkeiten zu quälen, bis sie vor Lust und Verlangen schrien, bevor er sich herabließ, ihr Begehren zu stillen. Auch dieses Mal ließ er sich Zeit, rollte Sofia im Bett herum, berührte sie hier, streichelte dort, an allen Punkten, an denen sie, wie er schon herausgefunden hatte, empfindlich war. Ihr Gesicht und ihr Hals waren gerötet, sie wand sich unter seinen Händen und Lippen, bevor er endlich genug hatte von dem Spiel, und auch seine eigene Lust ein Maß erreicht hatte, das er nicht mehr ertragen wollte. Er drückte ihre Knie bis zu ihren Schultern, bis sie ganz zusammengerollt dalag und ihre nasse Scham frei und offen vor ihm war. Ein letztes Saugen noch an dieser faszinierenden großen Perle, ein Lecken, ein Hineinbohren in die zuckende Öffnung, was sie aufschreien ließ, und dann endlich glitt er über sie, drang mit einem kräftigen Stoß tief in sie hinein.

Sofia umschlang mit ihren Beinen seinen Körper, zog ihn näher zu sich, während sie ihre Finger in die Bettvorhänge hinter sich krallte. Sie war überraschend gelenkig und wendig, es gefiel ihm, wie sie sich nach seinen Wünschen wand und bog. Er zog sich wieder aus ihr zurück, stieß von neuem zu. Ein weiteres Mal, immer heftiger, schneller. Schon spürte er das Zusammenziehen ihrer inneren Wände, die ihn pressten. Er hielt sie fest, als sie sich aufbäumte, keuchte, stöhnte. Auch seine eigene Erregung erreichte den Höhepunkt und in letzter Minute zog er sein Glied aus ihr heraus, um seinen Samen auf ihrem Schenkel zu ergießen.

Sofia streckte sich behaglich und atmete tief und zufrieden ein. „War das nicht besser als alles, was du mit deinem Klostermädchen erleben könntest?“ Ihre Augen waren halb geschlossen, beobachteten ihn jedoch ganz genau.

Domenico rollte sich auf den Rücken, um wieder zum rotsamtenen Baldachin des Bettes emporzustarren. Die Idee, sein braves Frauchen könnte während seiner Abwesenheit und im Schutz der Karnevalsmaskierung auf abwegige Gedanken kommen, ließ ihn nicht mehr los. Sofia schüttelte ihn. „Was ist denn nur mit dir?!“

Langsam wandte sich sein Blick ihr zu. „Ich werde nach Venedig reisen“, sagte er dann endlich. „Ich muss dort nach dem Rechten sehen.“

Als er das sagte, hatte er nicht die geringste Ahnung, welche völlig unerwarteten Auswirkungen diese Reise für sein zukünftiges Leben haben sollte.

 

Die Frau, die der Gegenstand von Domenicos intensiven, wenn schon nicht zärtlichen, Überlegungen war, saß zur gleichen Zeit, in der Domenico in Paris in die Kutsche stieg, um in Venedig „nach dem Rechten zu sehen“, nur mit ihrem Mieder und einem Spitzenunterrock bekleidet vor dem Spiegel ihrer Ankleidekommode und betrachtete sich kritisch. Ihre vollen Brüste, die sich an das enge Mieder schmiegten, ihren Hals, ihre weiße Haut, die allerdings auf den Wangen ein wenig zu rosig war. Aber dieser Mangel ließ sich ja gottlob mit etwas Puder beheben. Puder und dann Rouge darüber, wie es die Mode war. Natürlich rosige Wangen waren gewöhnlich, aber Rouge trug die ganze feine Welt, Herren und Damen gleichermaßen.

Ihr Haar war braun. Zu braun, ihrer Meinung nach. Auch wenn sie sich sehr verändert hatte, so trennten sie immer noch Welten von den schönsten Frauen dieser Stadt, die mit ihren blonden Haaren und ihren grazilen Taillen nur dazu geschaffen zu sein schienen, ihr ihre eigene Unscheinbarkeit vor Augen zu führen. Sie seufzte. Kein Wunder, dass ihr Ehemann sein Vergnügen lieber bei seinen Mätressen suchte.

Wie immer schweiften ihre Gedanken nur allzu leicht zu ihrem abwesenden Gatten ab, und Laura wickelte sich nachdenklich eine Locke um den Finger. Sie erinnerte sich gut daran, wie sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, damals, im Besucherzimmer des Klosters. Größer als die meisten anderen Männer, dunkelhaarig, mit einem gut geschnittenen Gesicht, das von einem grauen Augenpaar beherrscht wurde. Etwas einschüchternd und mit einer natürlichen Autorität, die alle anderen neben ihm unwichtig erscheinen ließ. Ihre Hände und Knie hatten zu zittern begonnen, als sie ihn angesehen hatte, und sie hatte es fast nicht glauben können, dass dieser selbstsichere, gutaussehende Mann sie haben wollte. Er war nur einige Minuten geblieben, hatte damals nicht viel gesprochen, sie nichts gefragt und wenn, hatte sie nichts darauf zu erwidern gewusst, vor Scheu, Verlegenheit und sprachlosem Glück. Sie war auf der Stelle in ihn verliebt gewesen, in diesen venezianischen Patrizier Domenico Ferrante, der direkt ihren Träumen entstiegen zu sein schien, um sie aus diesem Kloster zu retten und in eine wunderschöne Zukunft zu entführen. In eine Zukunft voller Liebe und Zärtlichkeit. Sie war von Freude erfüllt gewesen, als ihr Vater sie abgeholt und nach Venedig gebracht hatte, wo die Hochzeit stattfinden sollte. Venedig! Jene märchenhafte Stadt, wo das ganze Jahr über Karneval war, wo sie eintauchen konnte in die Welt der Masken, der Spiele, der Musik und der Bälle! Und wo ein liebender Bräutigam auf sie wartete.

Die vernichtende Wirklichkeit hatte sie einen Tag vor der Hochzeit eingeholt – und zwar in Gestalt dieser schönen Frau, dieser Nicoletta Martinelli, von der ihr jemand, der es offenbar genau wusste, zugeflüstert hatte, dass sie Domenicos Mätresse und seine große und einzige Liebe sei.

Laura war aus allen Wolken gefallen, und es hätte nicht einmal mehr der boshaften Einflüsterungen und Bemerkungen bedurft, um ihr den Unterschied zwischen der schönen Mätresse und sich selbst klar zu machen und zu begreifen, welche Rolle ihr in der zukünftigen Ehe zugedacht war. Es war für beide Teile nur ein Geschäft. Domenico hatte sich eine einwandfreie Ehefrau gekauft, die nichts kannte außer einem strengen Klosterleben, und ihr Vater hatte seine untadelige Tochter gegen ein kleines Gut auf der Terraferma eingetauscht. Er und ihre Mutter hatten Venedig gerne den Rücken gekehrt, in dem sie wie viele bedürftige Adelige der besten und ältesten Familien im Bezirk San Barnaba lebten. In einem Haus, das sich im Besitz der Republik befand, das diese um ein geringes Entgelt an ihre verarmten Patrizier vermietete. Alles, was diese Barnabotti, wie man sie im Volk nannte, noch von den anderen Armen unterschied, war der Zugang zum Großen Rat und die adelige Herkunft.

Ihr Vater hatte jedoch andere Pläne gehabt, als den Rest seines Lebens in Armut zu verbringen. Da er Laura keine Mitgift in die Ehe mitgeben konnte, die es den Töchtern der Adeligen ermöglichte, einen Ehemann zu finden, hatte er sie nicht in eines der von sehr lebenslustigen Nonnen und Fräuleins bevölkerten Klöster in Venedig gesteckt, sondern in ein strenges Institut, in dem tatsächlich noch unter den Klosterfrauen und deren Schützlingen Ehrbarkeit und Ordnung herrschte. Die Untadeligkeit seiner einzigen überlebenden Tochter – sein Sohn war mit fünfzehn Jahren bei einem der oft derben Karnevalsspiele ums Leben gekommen, und seine zweite Tochter im zarten Alter am Fieber gestorben – war für ihn die einzige Möglichkeit, durch eine günstige Heirat seine Lebensumstände zu verbessern. Wie günstig, das hatte ihn selbst überrascht.

Ihre Eltern waren ohne Trauer einen Tag nach der Hochzeit abgereist, und Domenico war seiner frischvermählten Gattin sehr schnell überdrüssig geworden. Er hatte sie freundlich, aber herablassend behandelt, ihr klargemacht, was er sich von seiner Gattin erwartete, und hatte schließlich die Stadt ebenfalls verlassen, um anderswo sein Vergnügen zu suchen. So hatte sich Laura ihre Ehe zwar nicht vorgestellt gehabt, aber diese reizvolle und bunte Stadt hatte ihr dabei geholfen, über die Enttäuschung hinwegzukommen, und sie hatte sich schnell eingelebt.

Und sie hatte sich verändert! Aus dem schüchternen Klosterzögling war eine Frau geworden, der viele Männer den Hof machten. Ja, sie hatte Erfolge gehabt und sie war stolz darauf! Doch trotz der vielen Bälle, die sie besuchte, der Bekannten, der Männer, die sie umschmeichelten, fühlte sie sich manches Mal sehr einsam. Wunderbar musste es sein, einen Gemahl zu haben, der einen liebte, für den man der Mittelpunkt der Welt war, die einzige Schönheit in einer Stadt voller Schönheiten. Aber das war ihr wohl nicht vergönnt, auch wenn sie in der Hochzeitsnacht versucht hatte, Domenico klarzumachen, dass sie Liebe wollte und bereit war, diese Liebe im Übermaß zu erwidern. Aber er hatte sich nur abgewandt, irgendetwas von kindischer Romantik gemurmelt, war gegangen und hatte sie tagelang kaum mehr beachtet.

In ihren Träumen allerdings war er nicht gegangen, sondern geblieben und hatte ihr all jene Dinge gesagt, die sie sich in ihrer ‚kindischen Romantik’ tatsächlich ersehnte.

Sie sah sich selbst im Spiegel zu, wie ihre Hände über ihren Körper glitten, über ihre Hüften, ihren Bauch, hinauf bis zu ihren Brüsten. Sie strich zart darüber, ertastete unter dem Stoff die zufriedenen weichen Spitzen, die sich unter ihren kreisenden Berührungen langsam erhoben, härter wurden, während sie sich vorstellte, es wäre ein liebender Gatte, der sie so liebkoste. Domenico hatte so wunderbar schlanke und doch kräftige Hände. Der Gedanke ließ ihren Körper wärmer werden. Ein Gefühl, das sie schon kannte, weil sie es in ihren Träumen – alleine in ihrem Bett – immer wieder nachgespielt und ausgekostet hatte.

Sie seufzte. Vom Beginn seiner Werbung an war ihr von ihren Eltern eingeschärft worden, dass sie dankbar sein sollte, weil die Wahl dieses wohlhabenden Mannes auf sie gefallen war, obwohl sie weder Schönheit noch Geld in die Ehe mitbrachte, sondern nur ihre unzweifelhafte Tugend und ihre untadelige Abstammung. Niemals sollte sie sich in das Liebesleben ihres Gatten einmischen, sondern ihm eine treue Gattin und fürsorgliche Mutter seiner Kinder sein und demütig hinnehmen, dass er, wie die meisten Männer, eine Mätresse hatte. Sie war damals verlegen und entsetzt gewesen, aber wie sie inzwischen begriffen hatte, wurde eheliche Liebe lediglich von dieser oberflächlichen Gesellschaft verspottet, und nicht nur jeder Mann, der etwas auf sich hielt, hatte eine oder sogar mehrere Geliebte, sondern auch die Frauen hatten ihre Liebhaber.

Sie musste sich nichts vormachen. Wenn ihr Mann überhaupt jemals wieder zurückkam, dann wohl nur aus Pflichtgefühl und seiner Mutter zuliebe, die sich, wie Laura wusste, nach einem Enkel sehnte und Domenico in ihren Briefen zur Heimkehr mahnte. Sie selbst hatte ihm nie geschrieben und nie einen Brief von ihm erhalten, aber der Gedanke, er könnte eines Tages zurückkommen, ließ sie zittern. Wie oft hatte sie es sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn Domenico eines Tages zur Tür hereinkäme, sie erblickte, starr vor Verwunderung über diese Veränderung und zerknirscht zugleich. Die Vorstellung, er könnte sich endlich in seine eigene Frau verlieben, war bestechend. Aber was würde sie wirklich erhalten? Einen gleichgültigen Ehemann, der jedes Mal, wenn er sie umarmte, dabei an seine Geliebte – oder Geliebten – dachte?

Und wenn er nie mehr kam? Laura presste die Lippen aufeinander und warf ihrem Spiegelbild einen entschlossenen Blick zu. Dann würde sie ihm keine Träne mehr nachweinen, sondern nehmen, was sie an Liebe bekommen konnte. Dann war es an der Zeit, dem eindringlichen und leidenschaftlichen Werben von Domenicos Vetter Ottavio nachzugeben, ihren treuen Anbeter endlich zu erhören und ein Liebesabenteuer zu beginnen. Sogar Marina, Domenicos Schwester, die allgemein als Ausbund an ehelicher Tugend galt, hatte einen heimlichen Liebhaber. Und weshalb sollte ausgerechnet sie, die verschmähte Ehefrau, auf ein bisschen Glück verzichten? Sie hatte es satt, einsam zu sein. Satt, ihre Nächte in einem kalten Bett zu verbringen. Und vor allem hatte sie es satt, von einem Ehemann zu träumen, der sie gar nicht wollte.

Sie sah sich selbst zu, wie ihr Mund lächelte, während ihre Augen ernst und ein wenig traurig blieben. Ein bisschen Glück, die Liebe eines Mannes der sie begehrte, war das zuviel verlangt? Ihre Hände wanderten von ihren Brüsten, deren Spitzen sich durch den Baumwollstoff des Mieders drängten, wie von selbst über ihren Leib hinab. Sie lächelte verlegen, als sie sich dabei beobachtete, wie sie den Spitzenunterrock mit der linken Hand immer weiter hochzog, ihre Waden hinauf, bis das Knie freilag, und dann noch ein wenig weiter, sodass sie mit der rechten Hand darunter schlüpfen konnte. Als ihre Finger in ihre warme Spalte glitten, schloss sie die Augen. Es war eines, es hier am späten Nachmittag vor ihrem Spiegel, auf der weich gepolsterten Bank, zu tun, und ein anderes, sich dabei zu beobachten. Allein die Vorstellung, dass ein Mann sie hier berührte, hatte diese Feuchtigkeit austreten lassen, diesen heißen Saft, der ihre Scham benetzte, sie glatt und rutschig machte und ihre Finger bequem tiefer gleiten ließ. Sie stöhnte leicht auf, als sie diesen wunderbaren Punkt gefunden hatte, dessen Berührung so wohl tat, weil er seine prickelnden Strahlen in ihren ganzen Körper verteilte.

Domenico hatte sie dort gestreichelt, als er die Hochzeitsnacht mit ihr verbracht hatte. Sie schüttelte unwillkürlich den Kopf bei dieser Erinnerung. Sie hatte ihm nicht gestattet, ihr mit Spitzen besetztes züchtiges Nachthemd abzustreifen, aus Angst, er könnte sie mit seiner Geliebten vergleichen. Wie gedemütigt, wie unglücklich hatte sie sich bei diesem Gedanken gefühlt! Und dann war sie erschrocken gewesen, als er zwischen ihren Beinen in sie eingedrungen war, und sie den Schmerz der ersten Vereinigung gespürt hatte. Wie gerne hätte sie sich damals an ihn geklammert, ein bisschen geweint, sich trösten lassen wie ein kleines Kind, ihn um Liebe und Zärtlichkeit angebettelt. Aber sie war nur mit geschlossenen Augen da gelegen, um ihn nicht ansehen zu müssen, und hatte versucht, nicht daran zu denken, wie lächerlich sie ihm erscheinen musste im Gegensatz zu seiner schönen und erfahrenen Geliebten.

Aber jetzt konnte sie sich ja ihren Träumen hingeben. Sich vorstellen, dass Domenico neben ihr saß, sie mit einem Arm fest umfangen hielt und mit der anderen Hand all ihre weiblichen Geheimnisse erkundete. Sie seufzte wieder. Erregend war das ... Sie begann, mit dem Finger diesen perlenförmigen Punkt zu umrunden. Zuerst ganz langsam und dann immer schneller, bewegte den Finger hin und her, rieb fester und fester. Sie warf den Kopf zurück, genoss dieses aufsteigende wilde Gefühl, das ihren Körper ergriff, sich zwischen ihren Beinen verdichtete, um fast unerträglich zu werden. So unerträglich, dass sie beim ersten Mal, als sie es ausprobiert hatte, tatsächlich den Finger weggezogen hatte – um dann allerdings schnell wieder hinzugreifen.

Ihre Scham pulsierte, sie fühlte ihr Herz im ganzen Körper schlagen, und dann war sie da – die Befreiung. Diese Erschütterung, die die aufgestaute Spannung löste. Sie erlöste.

Sie ließ ihre Hände sinken, ihr Unterrock rutschte wieder züchtig über ihr Knie hinab. Sie atmete schwerer, und als sie die Augen öffnete, erblickte sie im Spiegel ihr gerötetes Gesicht. Sekundenlang starrte sie es an wie eine Fremde.

Der Traum war wieder vorbei. Ihr erträumter Geliebter war fort. Und sie war alleine.

 

 

 

EIN ÜBERRASCHENDES WIEDERSEHEN

 

Es war kaum eine Stunde nach seiner Ankunft in Venedig vergangen, als Domenico auch schon aus seiner Gondel sprang und die wenigen Stufen hinaufstieg, die zum breiten, mit Fackeln und bunten Lampions beleuchteten Eingang des Palazzos der Familie Pisani führten. Bereits in der Eingangshalle schlug ihm schon Musik, das Stimmengewirr und der typische Lärm gut gelaunter Menschen entgegen, die fröhlich feierten, sich dem Austausch der allerneuesten Gerüchte und heimlichem Liebesgeflüster hingaben. Venedig war nicht anders als Paris. Hier wie dort herrschte diese Gesellschaft mit all ihren Intrigen, ihrem dummen Geschwätz und ihren hohlen Köpfen, aber es war ihm damals, vor einem Jahr, ganz angenehm gewesen, die Einladung eines Freundes anzunehmen und nach Paris zu reisen. Dort war er wenigstens nicht an die Traditionen und einengenden Gesetze seiner Heimat gebunden und konnte leben, wie es ihm gefiel – ohne Rücksicht auf seine Familie und seinen Ruf nehmen zu müssen.

Er drückte dem Diener in der Halle seinen schwarzen Umhang und seinen Dreispitz in die Hand, stieg die breite Treppe hinauf und blieb nun in der Tür zum Ballsaal stehen, um seine Blicke über die Anwesenden schweifen zu lassen. Alle, wie auch er selbst, waren maskiert, trugen Perücken und zum Teil lächerlich aufgeputzte Kleidung.

Er lächelte einer stark geschminkten Frau zu, die ihm eine unzweideutige Aufforderung zuflüsterte, verneigte sich vor ihr, küsste die Hand und ging dann weiter, froh, dem aufdringlichen Geruch ihres Parfüms und ihrem Gesicht, das alleine schon durch Puder, Rouge und den schwarz nachgezogenen Augenbrauen wie eine Maske wirkte, entronnen zu sein. Er drängte sich durch das Treiben und schaffte es, sich vor einigen kichernden Masken in eine Türnische zu retten, von wo aus er, halb verdeckt von einem schweren dunkelroten Samtvorhang, den Saal überblicken konnte.

Von Laura war weit und breit nichts zu sehen. Unter anderen Umständen hätte er es nicht so eilig gehabt, seine Frau wiederzutreffen, aber in diesem Fall war es vielleicht nicht unklug, sich im Schutz der Maske ein Bild von ihrem Benehmen zu machen - solange sie noch arglos war und nicht ahnte, dass ihr Gatte sie beobachtete. So konnte er gleich feststellen, inwieweit der Brief der Wahrheit entsprach. Es konnte trotz der Maskeraden nicht schwierig sein, Laura zu erkennen. Das schüchterne Ding hielt sich gewiss immer ganz in der Nähe seiner Schwester auf.

Durch die spaltbreit geöffnete Tür hinter ihm waren Stimmen zu hören. Zuerst wollte er gleichgültig darüber hinweggehen, aber dann erkannte er an der näselnden Aussprache seinen Vetter Ottavio und horchte genauer hin. Wenn er sich nicht täuschte, dann lag hinter dieser Tür einer der kleinen Salons, die die Gastgeber besonderen Gästen, die sich nach intimer Zwei- oder Mehrsamkeit sehnten, zur Verfügung stellten. Er selbst hatte schon einige sehr anregende Stunden mit zwei venezianischen Schönheiten dort drinnen verbracht, und sein Vetter Ottavio hatte offenbar auch die Gunst der Stunde und einer Schönen zu nutzen gewusst und sich zurückgezogen.

Jetzt hörte er wieder die Frauenstimme – sehr weich – auch wenn ihre Besitzerin aufgebracht zu sein schien, denn es drangen einige erregte Worte zu ihm hindurch. War die Dame etwa widerspenstig? War sie wütend auf Ottavio? Oder war das eben ihre Art des Liebesspiels, bevor sie sich von ihm verführen ließ? Er wurde neugierig. Eine Frau, die ein Liebesspiel mit so lebhaften Worten begann, konnte ihn auch interessieren. Er achtete darauf, dass er vom Vorhang verdeckt wurde und niemand im Saal ihn bemerken konnte, und öffnete die Tür etwas mehr. Er hatte Glück. Die beiden hielten sich in der Mitte des Zimmers auf. Ottavio, in der lächerlichen Verkleidung eines Satyrs, stand schräg mit dem Gesicht zur Tür, war jedoch so in den Anblick der Frau vor ihm vertieft, dass er nicht herübersah.

Von der Frau sah Domenico nur einen Teil des Profils. Aber das allein versprach schon genug. Er betrachtete sie mit Kennerblick. Eine wogende Brust. Eine schmale, eng geschnürte Taille, die durch den Reifrock noch betont wurde. Im Gegensatz zu den meisten anderen balancierte sie keine pompöse Karnevalsperücke auf dem Kopf. Das gepuderte, volle Haar war lediglich hochgesteckt, und einige neckische Locken fielen auf weiße, hübsch rundliche Schultern. Ein dunkelgrünes, mit goldenen Blumen besticktes Kleid schmiegte sich am Oberkörper an wie eine zweite Haut. Domenico konnte nur ahnen, welche Reize der vom Rock verdeckte Teil ihres Körpers noch bot, aber er hatte wenig Mühe, sich einen runden festen Hintern vorzustellen, üppige weiße Schenkel, zwischen denen man mollig weich lag, zierliche Füßchen. Sein Vetter hatte wahrlich eine gute Hand für seine Geliebten.

Aber offenbar war sie nicht mit ihm einer Meinung. Sie schüttelte den Kopf, redete jetzt hastig, unterdrückt. Wo hatte er diese Stimme nur schon gehört? War das etwa Enrico Marnellis schöne Geliebte, von der – wie man den Briefen seiner Schwester, die ihn immer mit den neuesten Gerüchten aus Venedig versorgte, entnehmen konnte – die ganze Stadt sprach? Oder gar Pietro Morsinis junge Gattin? Domenico hatte diese Schönheit vor seiner Heirat kennengelernt und tatsächlich einige Tage lang mit dem Gedanken gespielt, die Bekanntschaft zu vertiefen.

Er sah schärfer hin. Das Gesicht war durch eine Maske verdeckt, die allerdings einen vollen, sinnlichen Mund freiließ. Das Kleid war so tief ausgeschnitten, dass das Dekolleté der Mode entsprechend nicht nur einen sehr offenherzigen Blick auf ihre Brüste erlaubte, sondern sogar noch die dunklen Brustwarzen – durch hauchzarte Spitzen mehr enthüllt als verdeckt – erahnen ließ. Nicht, dass er es schätzen würde, wenn seine eigene Gattin sich so schamlos den Blicken darbot, aber bei anderen Frauen gefiel ihm diese Art von Aussicht und Ansicht durchaus, und diese hier war besonders anziehend. Eine äußerst schöne Frau. Sehr anmutig in ihren Bewegungen. Sein Blick saugte sich an den üppigen Brüsten fest, bis sie sich umwandte und er zurückzuckte, um nicht gesehen zu werden. Sie wollte offenbar den Raum verlassen, aber Ottavio hielt sie zurück.

„Ihr habt keinen Grund, einem gleichgültigen Gatten wie ihm die Treue zu halten ...“

Jetzt wusste er, wer sie war! Es musste Eleora Moncenigo sein, die junge, vor Leben und Lust sprühende Gattin eines alternden Senators. Seine zweite oder gar dritte Frau. Er hatte zusätzlich mit ihr beachtliche Reichtümer erworben, denen er – Domenico bedachte das mit einem Grinsen – aufgrund seines Alters vermutlich auch mehr abzugewinnen vermochte als dem Körper einer jungen Frau.

Widerwillig drehte sie sich zu Ottavio zurück. „Es geht nicht um ihn! Das habe ich Euch schon gesagt!“

„... einem Gatten, der Eure Schönheit nicht einmal zu würdigen weiß!“

„Schweigt! Und lasst mich jetzt alleine. Ich bitte Euch! Ihr ...“, sie fächerte sich nervös Luft zu, „... Ihr habt mich so aufgewühlt, dass ich kaum weiß, wie ich wieder unter all die Leute treten soll. Bitte verlasst mich jetzt.“

„Euer Gatte ist Eurer nicht würdig!“

„Ich weiß. Aber ... ich flehe Euch an ... besucht mich morgen, dann werde ich Euch meine Entscheidung wissen lassen. Bitte drängt mich jetzt nicht weiter ...“

Ottavio beugte sich über die schlanke Gestalt. „Einen Kuss nur, dann will ich gehen. Einen einzigen Kuss nur ...“ Er hielt seine Schöne fest. Sie wehrte sich ein wenig, hielt dann jedoch still.

So hatte er es also tatsächlich geschafft. Domenico brachte seinem Vetter wenig Wertschätzung entgegen, aber er musste ihm zugestehen, dass er es verstand, eine Frau zu umgarnen. Aber andererseits war es offensichtlich, dass diese hier schon längst bereit war, ihren Mann zu hintergehen und sich Ottavio als Liebhaber zu nehmen, auch wenn sie sich jetzt noch zierte.

Sein Vetter schien sich Muße nehmen zu wollen für diesen Kuss, und dadurch hatte Domenico Gelegenheit, unbemerkt die Nische zu verlassen und sich wieder unter die Leute zu mischen. Dieses kleine Intermezzo war zwar unterhaltsam gewesen, aber nun war es Zeit, nach Laura Ausschau zu halten.

Da! Er nickte zufrieden. Da war Marina, seine Schwester. In Maske, aber unverkennbar mit dem riesigen Fächer, ohne den sie schon seit Jahren keinen Ball besuchte, weil er ihr, wie sie sagte, Glück und Erfolg bei den Männern bringe. Er suchte mit den Augen die maskierte Gestalt neben Marina, die neben seiner hochgewachsenen, eleganten Schwester unbeholfen wirkte. Das musste Laura sein. „Armes Ding“, dachte Domenico unwillkürlich, der auf den ersten Blick erkannte, dass Laura jene erotische Anmut fehlte, die den meisten Venezianerinnen eigen war. Und dabei auch noch ein Kleid trug, wie es ungünstiger nicht sein konnte. Unfassbar, dass seine Mutter – ebenso wie seine Schwester eine führende Persönlichkeit in Sachen Mode und Kleiderfragen – ausgerechnet seine Frau in diesem Aufzug in Gesellschaft gehen ließ. Er musterte mit steigender Abscheu die geschmacklose Farbe des Kleides, die Spitzenbesätze, die vielen Rüschen, die nicht gerade kleidsam wirkten und dann auch noch an den falschen Stellen angebracht waren. Dazu trug sie eine bunt bemalte Maske sowie eine lächerlich hohe Perücke, in der allerlei Kleinkram wie Früchte und Blumen und – er konnte seinen Augen kaum trauen – sogar etwas wie ein Vogelnest eingearbeitet war, sodass sie Mühe hatte, den Turm auf ihrem Kopf zu balancieren.

„Den Weg hierher hätte ich mir also doch sparen können“, dachte er mit einer Mischung aus Erleichterung und sogar Mitleid, als er seine unattraktive Frau von der Ferne betrachtete. Es gab zwar immer wieder Männer, die schon um der Jagdlust willen in fremden Revieren wilderten, aber auf dieses Reh würde wohl nicht so schnell jemand aufmerksam werden.

Er wartete, bis sein kleines Frauchen von einem Tänzer aufgefordert worden war, und er in Ruhe einige Worte mit seiner Schwester wechseln konnte.

„Sie ist sehr modebewusst“, verteidigte Marina ihre Schwägerin, als er nach der Begrüßung eine Bemerkung über das Kleid seiner Frau fallen ließ, dessen einziger Vorteil seiner unausgesprochenen Meinung nach darin bestand, dass es ziemlich hoch geschlossen war.

„Trotzdem solltest du sie vielleicht in einem ... nun, etwas weniger romantischen Kleid auf Bälle begleiten“, sagte er mit unverkennbarer Ironie, während er die lästige Maske aus seinem Gesicht schob. „Die Rüschen …“

„Was hast du an ihrem Kleid auszusetzen?“, unterbrach ihn Marina erstaunt, ohne sich lange zu wundern, dass Domenico seine Frau in all dem Treiben überhaupt schon entdeckt hatte. Sie selbst hatte Laura seit Längerem nicht mehr gesehen, und sie vermutete, dass sie sich mit einem Verehrer zurückgezogen hatte. Nicht, dass sie es ihr nicht vergönnte, es war ihrer Meinung nach sogar schon höchste Zeit für ihre Schwägerin, ein wenig Sittsamkeit abzulegen. Aber dass Domenico ausgerechnet an diesem Abend auftauchte, war äußerst unliebsam.

„Es ist sehr elegant, sehr hübsch. Findest du es etwas zu gewagt?“ Sie sah an ihrem eigenen Dekolleté hinab. „Es ist nicht viel weiter ausgeschnitten als mein eigenes, nur ein ganz klein wenig – du weißt ja, wie engstirnig Carlo oft sein kann – aber niemand kann mir wohl einen Vorwurf machen, dass ich nicht dem guten Ton entsprechend gekleidet wäre!“

„Nein, nein.“ Domenico winkte ab. Das Thema begann ihn bereits zu langweilen, und er bereute schon, überhaupt eine Bemerkung gemacht zu haben. „Ich hatte auch keine Beschwerde. Es war lediglich ein kleiner Hinweis. Es ist nicht nötig, dass sie sich lächerlich macht.“ Nicht, dass er gewollt hätte, dass sein unscheinbares Frauchen so auffallend gekleidet war wie Ottavios Schönheit in ihrem grünen Kleid, aber wenn Laura zu lächerlich auftrat, warf dies kein gutes Licht auf ihren Ehemann.

„Ach, ja?“, fragte Marina mit hochgezogenen Augenbrauen. Sie musterte ihren Bruder mit offensichtlicher Abscheu. Sie vermied zwar sonst eine Auseinandersetzung, in der ihr Bruder es meist schaffte, sie mit wenigen sarkastischen Worten dastehen zu lassen wie ein dummes Ding, aber hier, im vollen Ballsaal – in ihrer Welt – fühlte sie sich sicher. Außerdem liebte sie ihre Schwägerin von Herzen und war immer und jederzeit bereit, zu ihrer Verteidigung einzutreten.

„Und du denkst, dass Laura oder ich es nötig hätten, ausgerechnet von dir kleine Hinweise entgegenzunehmen? Von einem Mann, der sich erwiesenermaßen nichts aus zumindest angemessener Kleidung macht? Der hier – auf diesem Ball –“