Thomas Knellwolf       Die Akte Kachelmann

Thomas Knellwolf

Die Akte Kachelmann

Anatomie eines Skandals

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© 2011 Orell Füssli Verlag AG, Zürich

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Umschlagabbildung: © Keystone / EPA, Roland Wittek

ISBN 978-3-280-03632-7

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Inhalt

Vorwort

Die Nacht von Schwetzingen

Der Tag danach

Jörg und die Kachelmänner

Olympische Spiele

Geheimoperation auf dem Flughafen

Die härteste Sendung

In der Medienhölle

Elf Sekunden

Kanada-Connection

Vorgekocht

Der Eyjafjallajökull-Effekt

In Teufels Küche

Das Messer

Montags

Am Berg

Die grüne Tür

Der Gejagte

Das Wiedersehen

Die Beziehungszeuginnen

Leise rieselt der Schnee

Im Tornado

Zurück in der Vergangenheit

Im Namen des Volkes

Nachwort

Chronologie

Vorwort

Über ein Jahr lang durften oder mussten wir bei der unfreiwilligen Kachelmann-Peepshow zuschauen. Alles begann Ende März 2010, als bekannt wurde, dass der Wettermoderator ein Vergewaltiger sein soll. Von Anfang an bestritt Jörg Kachelmann den Vorwurf. Doch das hielt die Medien nicht davon ab, sein Privatleben zu sezieren. Kaum besser erging es der Frau, die ihn angezeigt hatte, und zahlreichen Personen in beider Umfeld.

Die Zwangshauptdarsteller boten uns eine Tragödie mit vielen komischen Elementen. Der Spannungsbogen war allzu menschlich: Es ging um Liebe, die sich als halbe Liebe entpuppte, um Sex, um männliche Macht, um Unterwerfung, um Mehrfachbeziehungen, ums Verlassenwerden, um Kränkungen und um Rache oder Sühne. Der Fall Kachelmann machte nicht nur Konsumenten von Boulevardblättern, sondern auch solche von seriöseren Zeitungen zu Voyeuren. Halb fasziniert, halb angewidert verfolgten Deutschland und die Schweiz, wie wenig die Persönlichkeitsrechte Jörg Kachelmanns geachtet wurden und wie wenig die Intimsphäre seiner Liebschaften.

Der letzte Akt spielte im Saal 1 des Mannheimer Landgerichts. Er zog sich schier endlos hin: Die Justiz schaffte es nicht, dem Alltagsfall Herr zu werden, den die Medien zum Ausnahmefall gemacht hatten. Die Beteiligten und auch das Rechtssystem waren an allen Ecken und Enden überfordert. Die juristische Auseinandersetzung zog sich unzumutbar lange hin. Sie belastete die Betroffenen zeitlich, finanziell und vor allem psychisch mehr, als es für die Wahrheitsfindung erforderlich gewesen wäre. Erst nach über acht Monaten und nach mehr als vierzig Verhandlungstagen fiel das Urteil.

Es ist kaum vermessen, beim Fall Kachelmann von einem Medien- und einem Justizskandal zu sprechen. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, wurde bislang zu wenig gestellt und nie vertieft beantwortet. «Die Akte Kachelmann» soll dies versuchen. Wir wollen die überlange Peepshow nicht fortsetzen, sondern nacherzählen und analysieren, wie es dazu kam.

Das Buch beruht auf unzähligen – meist vertraulichen – Gesprächen mit Involvierten und auf der Auswertung umfangreicher schriftlicher Quellen. Basis bilden also Informationen, die dem Autor nach gründlicher Recherche zu Verfügung standen. Das Ganze bleibt aber ein Bericht aus subjektiver Sicht und damit eine Bewertung des Schreibenden. Einzelne Begebenheiten mögen sich tatsächlich anders zugetragen haben und Aussagen nicht wortgenau wie dargestellt gemacht worden sein. Äußerungen von Prozessbeteiligten, Zeugen oder sonstigen Personen, die wiedergegeben werden, stellen nicht die Meinung des Autors oder des Verlages dar. Die Namen aller Personen, die im Buch mit abgekürzten Nachnamen versehen sind, wurden geändert. Zum Schutz der Betroffenen wurden auch biografische und andere Angaben geringfügig verändert.

Die Nacht von Schwetzingen

Die Jeans knöpft er sich zu und vielleicht auch das Flanellhemd. Er schlüpft in die geliebten Cowboystiefel, sogar zu Anzügen trägt er diese Schuhe. Der Ein-Meter-Neunzig-Mann huscht am Kaktus vorbei, der fast so groß ist wie er. Er gelangt vom Wohnzimmer mit der holzverkleideten Dachschräge in einen schmalen Flur. Dort schnappt er sich vermutlich seinen Wintermantel, den er auf den Boden hat fallen lassen.

Nichts ahnend war er zwei Stunden zuvor eingetreten – oder waren es eineinhalb oder drei? Nun verlässt er für immer die Dachwohnung im zweiten Stock und bald auch das Städtchen Schwetzingen im Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg. Dazwischen liegen die verhängnisvollsten Stunden des Jörg Kachelmann. Und die verhängnisvollsten von Sonja A., der Moderatorin von Radio Sunshine Live, für die der Schweizer Wetterexperte die Liebe ihres Lebens war. Bis eben noch.

Eineinhalb Monate später wird Jörg Kachelmann das erste und einzige Mal mit den Ermittlern über seinen letzten Besuch im Kleinen Feld reden, einem Wirtschaftswunderwohnviertel, wie es sich in fast jeder westdeutschen Stadt findet. Er, mittlerweile Untersuchungshäftling H 08 1008 100 553, will die Behördenvertreter im Mannheimer Amtsgericht glauben machen, wie harmlos alles verlaufen sei um Mitternacht vom 8. auf den 9. Februar 2010. «Wir haben uns normal, aber emotional verabschiedet», wird Jörg Kachelmann aussagen.

Sonja A., nach seiner Darstellung eine dauerhafte Gelegenheitsgeliebte, immer virtuell und ab und zu sexuell, habe «keine Vertrauensbasis mehr für eine Beziehung» gesehen. Und er habe «nicht gekämpft». Er habe niemanden mit einem Messer bedroht. Und schon gar nicht jemanden vergewaltigt. Das schwört Jörg Kachelmann, «bei allem, was mir heilig ist». Der Amtsrichter, der ihm zuhört, wird ihm kaum ein Wort glauben.

«Das war es wohl», will Jörg Kachelmann in der Schwetzinger Nacht ganz zum Schluss gesagt haben. Und Sonja A., so erzählt er, antwortet: «Ja.» Dann sei er – so heißt es im Protokoll über die Vernehmung des Beschuldigten vom 24. März 2010 – «ganz normal runtergelaufen». Draußen sind die Hecken, die Holzzäune und die Reihenhäuser dunkle Schatten.

Wie Dreck, wird Sonja A. aussagen, habe er sie liegenlassen. Nach einem gemeinsamen Jahrzehnt und etwas mehr. «Wenn Du irgendwas erzählst, bringe ich Dich um!» Das sollen seine Abschiedsworte gewesen sein.

«Am Dienstag sind wir überall im Dauerfrostbereich», hat Jörg Kachelmann angekündigt, als er am Samstag davor das «Wetter im Ersten» ansagte. Die Sendung hatte er mit einem sonderbaren, aber für ihn nicht abnormalen Satz begonnen: «Die radikale Minderheit der noch warm temperierten Menschen wird immer radikaler und kleiner.»

Der Mann, der jetzt in die kalte Nacht tritt, beendete seinen letzten Auftritt in der ARD-Wettersendung mit Pathos in der Stimme: «Es ist wichtig, dass Sie jetzt dranbleiben im Ersten. Eine der tollsten und ältesten und traditionellsten Sendungen kommt jetzt: ‹Das Wort zum Sonntag›.»

Nun, ganz früh an diesem Dienstag, dem 9. Februar, liegt auch Schwetzingen, wie vorhergesagt, im Dauerfrostbereich. Doch Jörg Kachelmann, dem Wind- und Wettermann, macht Kälte nichts aus. Er steigt in seinen Volvo S 80 und fährt los. Aber wohin? Bereits zum Frankfurter Flughafen? Von dort will er nach Vancouver fliegen, zu den Olympischen Spielen, allerdings erst am Mittag. Und bis dahin?

Die gestreifte Bettdecke ist voller Blut und anderer Körperflüssigkeiten. Die Flecken werden in der Strafsache Jörg Kachelmann eine zentrale Rolle spielen. Sonja A. liegt da, lange, gelähmt vor Angst. So wird die 37-Jährige den Anfang der verbleibenden Nacht schildern, in der nicht nur ihr Schicksal eine tragische Wende nimmt und jenes von Jörg Kachelmann, sondern auch das Leben unzähliger weiterer Menschen in beider Umfeld, die noch nichts davon ahnen. Nur langsam habe sie in jener Winternacht realisiert, was ihr widerfahren sei: Was der Mann, den sie über alles geliebt habe, ihr eben angetan hat. Irgendwann steht Sonja A. auf.

Doch was genau hat er ihr angetan? Hat Jörg Kachelmann Sonja A. bloß gedemütigt, indem er zugab, dass er sie mit einer anderen Frau betrogen hat? Indem er einräumte, «nicht in jeder Phase meines Lebens monogam gelebt» zu haben? So wird er sich in einem tränenreichen Interview zitieren lassen. Kränkte er sie, indem er über ein Jahrzehnt Liebesbetrug mit zahlreichen Parallelbeziehungen gestand? Oder war es dramatischer und so verbrecherisch, wie Sonja A. es sagt? Hat er sie bedroht, in Todesangst versetzt, sie seelisch und körperlich schwer misshandelt?

Nur zwei kennen die Wahrheit. Die eine Person, der mutmaßliche Täter, sitzt hinterm Steuer in jener Februarnacht. Knapp 70 Kilometer sind es von Schwetzingen zum Frankfurter Flughafen. Tagsüber fährt man eine Dreiviertelstunde, nachts ist man schneller unterwegs. Die zweite Person, welche die Wahrheit kennt, geht auf die Toilette, dann wie ferngesteuert durch die Wohnung. Sie ertappt sich selbst beim Aufräumen. Beim Sortieren der CDs. Alphabetisch. Unter Schock. So schildert Sonja A. die langen Stunden, bis sie Jörg Kachelmann anzeigen wird.

Solche und ähnliche Dinge, Irrationales, machen schwer Misshandelte nicht selten, wissen Fachleute, die viele Vergewaltigungsgeschichten gehört haben. Wahre, falsche, halbrichtige, halberfundene.

Jörg Kachelmann wird dem Haftrichter erzählen, er sei zuerst nach Mörfelden-Walldorf bei Frankfurt gefahren, wo er ein Hotel kannte. «Dort war die Parksituation schlecht», wird er sagen. Deshalb habe er einen anderen Ort zum Übernachten gesucht. Spuren hinterlässt Kachelmann in jenen frühen Morgenstunden nur elektronisch. Irgendwo unterwegs findet er Zeit, um geschäftliche und private E-Mails zu schreiben. Um 2.50 Uhr hilft er aus der Ferne mit, gegen technische Probleme bei meteorologischen Anlagen anzukämpfen. Niemand bei seinem Wetterdienstleister Meteomedia ist überrascht, wenn er zu jeder Tages- und Nachtzeit Nachrichten vom Chef bekommt. Jörg Kachelmann scheint immer online zu sein, wenn er nicht ausnahmsweise einmal schläft.

Jetzt, kurz vor drei Uhr in der Früh, versucht der Nachtaktive, via Internet mit seiner Exfrau in Kanada zu regeln, wann er seine beiden Kinder während der Olympischen Spiele sehen kann. Jörg Kachelmann chattet mit dem Informatikchef seiner Firma. Es läuft nicht rund mit den bald noch wichtigeren Übertragungen der Wetterdaten aus Übersee.

Schreibt hier einer E-Mails am laufenden Meter, der kurz zuvor eine Frau vergewaltigt hat? Oder sind die harmlosen Nachrichten ein Indiz dafür, dass Jörg Kachelmann sich nichts zuschulden kommen lassen hat? Die nächtlichen Botschaften zeigten, so wird die Verteidigung argumentieren, dass der Angeklagte «normal funktionierte».

Sonja A. hat irgendwann mitten in der Nacht den Staubsauger in der Hand. Plötzlich fragt sie sich: Was mache ich hier eigentlich? Alles so Sachen, wird sie sagen, so bescheuertes Zeug. Unten schlafen die Nachbarn. Duschen möchte sie. Doch das, so viel habe sie gewusst, darf sie nicht, wenn sie zur Polizei gehen will. Stattdessen spült sie einen Teil des Geschirrs, von dem Jörg Kachelmann und sie gegessen haben, sie reinigt eine Pfanne.

Handelt so ein Vergewaltigungsopfer? Kann sein, sagen Experten. Es wäre, erklären sie, wie beim Motorradfahrer, der an der Unfallsstelle seine Maschine poliert, während sein Sozius entstellt im Straßengraben liegt. Welt-, Fremd- und Selbstbild sind aus den Fugen geraten. Bizarre Handlungen drücken maßlosen Schrecken aus. Vielleicht aber ist Sonja A. auch nur schockiert durch den plötzlichen, so schmerzvollen Weggang des Mannes, mit dem sie in ihren Träumen alt werden wollte.

Dieser Mann tritt nun durch die Glasschiebetür in die Lobby des Holiday Inn Express Frankfurt-Airport, dreizehn Kilometer südlich des Flughafens, mitten im Stadtwald. Die Rezeptionistin erkennt den Fernsehpromi nicht, wofür sie sich am vierten Tag des Vergewaltigungsprozesses etwas schämen wird. Aber immerhin erinnert sich die erste Augenzeugin nach der mutmaßlichen Tat noch an einen «sehr angenehmen Besuch». Der Herr habe «freundlich alle Personalien ausgefüllt». Und die Hotelangestellte fügt hinzu: «So würde ich mir die Gäste immer wünschen.» Sie weiß von «Smalltalk, ganz sympathischem Smalltalk» zu berichten. Ob sie eine Verletzung bemerkt habe, will das Landgericht Mannheim wissen. Sie verneint. Im Holiday Inn bezieht Kachelmann das Zimmer 201. Check-in-Zeit ist 3.26 Uhr.

Ob er Verletzungen bei Sonja A. bemerkt habe, wird Jörg Kachelmann eineinhalb Monate später vom Mannheimer Haftrichter gefragt werden. «Sie muss sich diese Verletzungen selber zugebracht haben», wird der Verdächtige aussagen. «Als ich die Wohnung verlassen habe, hatte sie keine.» Auch mehrere Rechtsmediziner werden es für wahrscheinlich halten, dass sich Sonja A. eigenhändig schier unerträgliche Schmerzen am Hals und an den Oberschenkeln zugefügt hat. Und dass sie sich zudem in den einen Arm, in ein Bein und den Bauch schnitt.

Rächt sich Sonja A. an dem Mann, von dem sie seit Wochen oder sogar Monaten ahnt, dass er sie hintergeht? Führt sie einen hinterhältigen Plan aus, den sie vielleicht seit Längerem ausgeheckt hat? Oder beschränken sich die irrationalen, die seltsamen Dinge, die Sonja A. in jener Nacht tut, aufs Aufräumen und Abwaschen? Trägt sie in diesen Nachtstunden einen Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt aus? So benennt die Aussagepsychologie das, wovon die Schwetzinger Radiomoderatorin erzählt. Bei einem klassischen Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt ist ein Gewaltopfer hin- und hergerissen: Soll ich zur Polizei? Muss ich? Was spricht dafür? Was dagegen?

Gepeinigte wägen ab: zwischen möglichen Sanktionen und Reaktionen auf der einen Seite, und dem Wunsch nach Bestrafung des Täters und dem Schutz potenzieller Opfer auf der anderen. Viele gehen nie zur Polizei. Andere wiederum, die nicht misshandelt worden sind, tun es. Sie versuchen, sich in Falschaussagen ähnlich zu äußern wie Vergewaltigte.

In ihrem Kopf habe es gerattert, wird Sonja A. später sagen. Was wird er tun? Sie töten? Kann sie es totschweigen? Kann sie die öffentlichen Reaktionen ertragen? Als Sonja A. einmal im Fernsehen von der Dunkelziffer hörte, so wird sie erzählen, von Frauen, die solche Taten nicht anzeigen, habe sie sich immer gedacht: Mein Gott! Das darf doch nicht sein! Man darf einen Vergewaltiger nicht frei herumlaufen lassen!

Aber nun, in ihrem Elend, habe sie auf einmal all diese Frauen verstanden. Die Scham. Die paradoxe Situation, den Konflikt. Mit der Zeit sei sie zu der Überzeugung gelangt, dass sie so etwas nicht verschweigen dürfe, er dafür büßen müsse und keiner anderen Frau Ähnliches antun dürfe.

Ein stundenlanges Hin und Her sei es gewesen. Dann habe sie sich entschieden, endgültig: Ich gehe zur Polizei. Er darf damit nicht durchkommen. Zuvor will Sonja A. noch mit jenen reden, die ihr am nächsten stehen. Sie zieht sich warm an und geht hinüber ins Nachbarhaus, in dem ihre Eltern wohnen. Es dämmert schon. Vater und Mutter, beide Rentner, schlafen im oberen Stockwerk. Sonja A. setzt sich unten ins Wohnzimmer. Gegen 7.30 Uhr an diesem Dienstag erwacht die Mutter. Die 70-Jährige sieht unten im Haus Licht brennen. Völlig aufgelöst und weinend sitzt ihre Tochter auf der Eckbank. Der ganze Körper zittert. Nicht aufregen, sagt Sonja A., sie müsse zur Polizei. Sie sei vergewaltigt worden. Von Jörg.

Sie schiebt das Tuch, das sie um den Hals trägt, herunter. Sie deutet auf eine Rötung über dem Kehlkopf. Acht Zentimeter lang, zweieinhalb Zentimeter breit, horizontal, wird ein Rechtsmediziner noch am selben Tag notieren. Dort habe der Täter ihr das Messer hingedrückt.

Die Mutter rennt die Treppe hoch und weckt ihren Mann. Es ist etwas Schreckliches passiert, sagt sie zu ihm.

Die Eltern hören sich die Schilderung ihrer Tochter an. Von Flugtickets im Briefkasten. Von der Diskussion darüber mit Jörg. Vom Betrug. Von seinem Geständnis. Wie sie ihn wegschickte und er über sie herfiel.

Jörg, der früher hin und wieder in diesem gastfreundlichen Haus saß, bei netten Gesprächen, über das Wetter, über Unverbindliches. Der gute Herr Kachelmann, der auch den 60. Geburtstag des Vaters in Schwetzingen mitgefeiert hat. In ihm sahen die Eltern einen zwar unkonventionellen, aber festen und geschätzten Partner ihrer Tochter. «Das waren Small-Talk-Treffen», wird Jörg Kachelmann später im Amtsgericht Mannheim sagen, «bei denen man über Tagesdinge, über das Wetter gesprochen hat.» Als sachlichen Menschen wird ihn Vater A. bei der Polizei bezeichnen.

Doch nun, um 8.11 Uhr, wählt der pensionierte Berufsschullehrer die 110. «Ich gebe Ihnen», sagt er nur, «gleich meine Tochter.»

Es wird ganz still im Saal 1 des Landgerichts Mannheim, als ein halbes Jahr später eine Aufnahme der Funkleitzentrale der Heidelberger Polizei vorgespielt wird. Jörg Kachelmann in seinem grauen Anzug senkt den Blick. Eine zittrige Frauenstimme ist zu hören.

«Guten Tag. Mein Name ist Sonja A.»

Der Polizist am Notruftelefon: «Guten Morgen.»

«Ich bin heute Nacht vergewaltigt worden und ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll.»

«Von wem?»

«Von …», Sonja A. zögert, «… von meinem Freund.»

«Ok, ich will da gar nicht am Telefon großartig nachfragen.»

Jörg Kachelmann verharrt in einer Art Gebetsstellung, als das Band abgespielt wird. Er verschränkt die Hände vor dem Mund und lehnt sich mit den Ellbogen auf den Tisch, zeigt keine Regung.

Hat er gerade gehört, wie sein Opfer eine der schwersten Straftaten anzeigt, die ein Opfer selbst anzeigen kann? Oder bilden die Worte den Auftakt zum bekanntesten Rufmord in der Justizgeschichte der Bundesrepublik?

Die Stimme von Sonja A. sagt: «Ich geh jetzt rüber in meine Wohnung.»

Darauf der Polizist: «Wären Sie da allein oder wäre ihr Freund auch noch da?»

«Nee, der ist weg. Definitiv.»

«Kurze Frage noch: Wie geht es Ihnen?»

«Es geht, ok …»

«… So rein körperlich momentan?»

«Ok. Alles klar.»

Der Tag danach

Sonja A. ist zu durcheinander, um allein zur Kripo zu gehen. Ihre Mutter fährt sie. Kaum eine halbe Stunde nach dem Notruf treffen die beiden Frauen in der Schwetzinger Polizeidienststelle ein. Sie haben eine Tüte dabei mit einem dunkelbraunen Strickkleid und einem weißen Slip. Das sollen die Kleidungsstücke sein, welche die 37-Jährige vor und während der Vergewaltigung getragen hat. Die beiden Frauen sind aufgelöst. «Es ist eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens», sagt die Mutter noch auf dem Flur, «es ist furchtbar.»

Eine Kriminalhauptkommissarin nimmt sich der Tochter an. Sie war die erste Frau bei der Schwetzinger Kripo, sie hat mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung mit, wie sie es nennt, «Sittlichkeitsdelikten». Mutter A. muss draußen vor der Bürotür warten.

Zum Auftakt der «Festlegevernehmung» – so der Polizeijargon – erkundigt sich die Beamtin, wer der Mann sei, der sie vergewaltigt habe. Sonja A. stockt. Die Antwort ist ihr sichtlich unangenehm. Dann antwortet sie: «Jörg Kachelmann.» Ob sie den aus dem Fernsehen meine? Es kommt ein Ja. Auf die Vernehmungsbeamtin wirkt es erleichtert, irgendwie.

Dann erzählt Sonja A., sie sei seit elf Jahren mit Jörg Kachelmann liiert. Er besuche sie sporadisch, wenn er in der Nähe zu tun habe oder auf der Durchreise sei. Gestern sei er vorbeigekommen, weil er heute von Frankfurt nach Vancouver fliege.

Der wartenden Mutter bringt eine jüngere Kripobeamtin ein Glas Wasser. Die ältere Dame schwatzt zusammenhanglos. Vom langjährigen Freund ihrer Tochter, Jörg, Jörg Kachelmann, in dem sie sich so getäuscht hätten. So wird es Karen M., diese jüngere Kripobeamtin, am fünften Prozesstag wiedergeben.

Drinnen erzählt Sonja A. von der schlimmsten Nacht ihres Lebens: Kachelmann sei spät gekommen, gegen 23 Uhr. Sie hätten gegessen, gestritten, weil sie am Nachmittag im Briefkasten ein Kuvert gefunden habe. Darin lagen zwei Kopien von Flugscheinen und ein Begleitschreiben, alles anonym. «Er schläft mit ihr!», habe darauf gestanden und sonst nur die Adresse von Sonja A. Das eine Ticket war auf Jörg Kachelmann ausgestellt, das andere auf einen ihr unbekannten Frauennamen.

Damit habe sie ihn konfrontiert. Jörg Kachelmann, so ihre Version, stritt ab, die Frau zu kennen. Doch dann gab er zu, dass da mal was war. Dass er untreu sei. Sie habe ihn gebeten, ihre Wohnung sofort zu verlassen. Statt zu gehen, habe er sie zurechtgewiesen. Du hast mir nicht zu sagen, wann ich gehen soll. Du entscheidest nicht, wann es vorbei ist. So erzählt sie es. Dann, plötzlich, sei Jörg Kachelmann in die Küche verschwunden. Sie, perplex, hinterher. Er habe sich ein Messer gegriffen, es ihr an den Hals gehalten, sie an den Haaren gezerrt. Sie flehte ihn an, so sagt sie, ihr nichts anzutun.

Während Sonja A. auf der Schwetzinger Polizeidienststelle ihre Beschuldigung erhebt, verfasst ihr vermeintlicher Peiniger in Hotelzimmer 201 geschäftliche und private E-Mails. Ob alles o.k. sei, hat eine Managerin seiner Meteomedia elektronisch nachgefragt. Müde, antwortet Jörg Kachelmann. Fünf, höchstens sechs Stunden hat er zwischen dem Einchecken im Holiday Inn und der ersten E-Mail schlafen können.

Wenn es so war, wie Sonja A. es schildert, kann Jörg Kachelmann kaum Ruhe gefunden haben. «Halt die Klappe», soll er zu ihr gesagt haben, als er ihr das Messer an die Kehle drückte und sie ins Schlafzimmer schob, «oder du bist tot». Mehr als ein halbes Dutzend Mal schildert Sonja A. im Strafverfahren, wie er sie dann vergewaltigt habe. Doch das erste Mal ist besonders bedeutungsvoll für die Wahrheitsfindung, da sollte die Erinnerung frisch sein. Ganz ruhig sei er gewesen, überhaupt nicht hysterisch, erzählt sie sieben, acht Stunden, nachdem er sie verlassen hat. Sie habe gefürchtet, dass er sie umbringt. Aus Todesangst habe sie nicht geschrien. Es hat sich angefühlt, sagt sie noch, wie eine Ewigkeit.

Der angebliche Vergewaltiger im Holiday Inn chattet mit der PR-Beraterin Herta C. aus dem appenzellischen Weissbad. Was Sonja A. nicht weiß: Mit der Parallelpartnerin teilt der Beschuldigte am Fuß des Ostschweizer Alpsteingebirges bereits seit dem Frühling 2008 ein Chalet. Die Hauskatze blutet an diesem Morgen aus dem Maul. Kachelmann und die Frau im Appenzellerland tauschen sich über mögliche Ursachen des Leidens aus. Sie vermutet, das Tierchen habe auf etwas gebissen. Vielleicht sei es auch ein Milchzahn, der wackelt, mutmaßt er.

Solche elektronische Korrespondenz ist privat, selbst wenn ein Beteiligter der prominenteste Wettermoderator im deutschen Sprachraum ist. Doch später, im Mannheimer Vergewaltigungsprozess, werden die Chatauszüge zu entlastenden Beweismitteln, denn nicht das kleinste Detail in den E-Mail-Auszügen deutet darauf hin, dass Jörg Kachelmann wenige Stunden zuvor eine Frau brutal misshandelt haben könnte.

Die Vernehmung von Sonja A. wird bereits nach einer Dreiviertelstunde abgebrochen. Die Polizistin, die sie befragte, hat nicht das Gefühl, dass an der Darstellung der brutalen Tat etwas nicht stimmen könnte. Allerdings erweckt sie in der Mannheimer Hauptverhandlung nicht den Eindruck, als würde sie Aussagen von angeblichen oder tatsächlichen Opfern von Sexualdelikten allzu sehr hinterfragen.

«Fix und fertig», so sagt die Kriminalhauptkommissarin vor Gericht aus, erschien ihr Sonja A. an diesem Morgen. Die Möglichkeit, dass dem so sein könnte, weil sie gerade eine folgenschwere Falschbezichtigung begeht, spielt bei der Schwetzinger Polizei keine Rolle. Wenigstens nicht in diesem frühen Stadium der Ermittlungen. Dem mutmaßlichen Opfer, in den Polizeiprotokollen «Geschädigte» genannt, wird geglaubt. Das Hinterfragen hat Zeit. Zuallererst gilt es, Spuren zu sichern. Sofortmaßnahmen zu ergreifen. Eine eventuelle Flucht des möglichen Täters zu verhindern.

Kurz vor zehn Uhr findet sich Sonja A. auf dem Rücksitz eines Schwetzinger Polizeiautos wieder. Die junge Polizistin Karen M., die fährt, wirft einen Kontrollblick in den Rückspiegel. Sie sieht hinter sich eine fahle Frau. Es ist niemandem nach Reden zumute. Nach wenigen Minuten hält der Wagen vor der Heidelberger Frauenklinik. In der Notfallambulanz untersucht eine Assistenzärztin Sonja A. Den Intimbereich, den Hals und die Verletzungen an den sportlichen Beinen, die das mutmaßliche Opfer soeben entdeckt hat. Oder eben erst entdeckt haben will?

Die Untersuchung nach Vergewaltigungsanzeigen ist standardisiert: Blut wird entnommen und eine Urinprobe gehört dazu. «Am Hals, am linken Unterschenkel und am linken Unterarm zeigen sich rötliche Striemen», hält die Medizinerin in ihrem Bericht fest, den sie vor Gericht erläutern wird. «An beiden Oberschenkel-Innenseiten zeigen sich handtellergroße rötlich-bläuliche Hämatome. Die Patientin äußert Schmerzen in dem Bereich.» Auf die Gynäkologin wirkte Sonja A. sehr ruhig, gefasst. Sie weint nicht.

Um 10.32 Uhr checkt Jörg Kachelmann aus dem Holiday Inn Express Frankfurt-Airport aus. Er, der so gern flirtet, scherzt noch mit der Rezeptionistin, weil er nicht richtig im Computersystem der Hotelkette eingebucht ist. Dann müsse er ja auch nicht bezahlen, witzelt er. Die Rechnung über 85 Euro begleicht er dann doch mit der Kreditkarte.

Die Assistenzärztin in der Heidelberger Frauenklinik hat in ihren wenigen Berufsjahren etwa zehn Frauen untersucht, die sagten, sie seien vergewaltigt worden. Unterschiedlichste Verletzungen hat sie gesehen. Darunter, einmal, ähnliche Hämatome wie bei Sonja A. «Sie können entstehen», wird die Gynäkologin erklären, «wenn die Beine auseinandergedrückt werden.»

Um 11.01 Uhr parkt Jörg Kachelmann im Parkhaus des Terminal 1 des Frankfurter Flughafens. Etwas schief steht der Wagen auf Stellplatz Nummer 29, eineinhalb Monate lang.

Jörg Kachelmann telefoniert kurz mit einer früheren Partnerin, die nach dem 14. Prozesstag viel Aufsehen erregen wird: Jana B., eine Försterin aus Norddeutschland, früher deutsche Meisterin im Luftgitarrespielen, besetzte als Umweltaktivistin mächtige Bäume an einer Allee bei Berlin. Unterstützung bei der erfolgreichen Rettungsaktion erhielt sie auch von Jörg Kachelmann, mit dem sie eine lose intime Beziehung unterhalten hat. Der Zufall will es, dass sie ihn just an diesem Februarmorgen kontaktiert.

Erst ein halbes Jahr später, nach der Freilassung ihres Exgeliebten und nach langem Ringen mit sich selbst, wird sich die Försterin bei den Mannheimer Ermittlern melden. Sie wird von einem Telefongespräch berichten, das sie am 9. Februar mit Jörg Kachelmann geführt hat und das sie verstört habe.

Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge wird der Aussage dieser Zeugin höchste Priorität beimessen. Persönlich reist der Anklagevertreter im August 2010 durch halb Deutschland, um 29-Jährige zu befragen. Bei allen weiteren Zeuginnen und Zeugen hat es ausgereicht, wenn Polizisten die ersten Vernehmungen durchführten.

Auf der Polizeidienststelle in Lüneburg hat Jana B. Oltrogge dann so viel zu erzählen, dass für die Vernehmung ein Arbeitstag nicht ausreicht: Als Studentin habe sie Jörg Kachelmann vor vier Jahren kennengelernt. Die Beziehung, die daraus entstanden sei, schildert sie als unkonventionell, nicht sehr verbindlich, sporadisch intensiv, mit unregelmäßigen Treffen. Sie berichtet auch von Kontroversen, Unterwerfungsritualen und Übergriffen. All das bewegt sich im legalen Rahmen. Jedenfalls wird es den angereisten Mannheimer Staatsanwalt nicht dazu veranlassen, die Anklage auszuweiten.

Lars-Torben Oltrogge protokolliert, wie Jörg Kachelmann auf die Zeugin gewirkt habe. So komplett aufgelöst, sagt die Försterin, habe sie ihn noch nie erlebt. Sie befürchtet wegen des kurzen Gesprächs Schlimmstes. Ist seiner Mutter etwas zugestoßen? Seinen Kindern? Das habe sie sich gefragt an jenem 9. Februar.

Der Schwetzinger Kripo-Ermittlungsleiter Horst D. greift zum Telefonhörer. Der Kriminalhauptkommissar informiert Oberstaatsanwalt Oskar Gattner im nahen Mannheim, dass der Tatverdächtige nach Kanada fliegen will, um fürs Fernsehen über das olympische Wetter zu berichten. Laufen lassen oder verhaften? Das ist die Frage. Die Staatsanwaltschaft muss entscheiden. Sie steht unter Zeitdruck.

Nach dem Gespräch, das sie so bewegt habe, kurz vor Mittag, erhält die Försterin aus Norddeutschland eine SMS. Ihm gehe es nicht gut, hat Kachelmann getippt, aber er habe sich, wie versprochen, nochmals melden wollen. Schreibt hier ein Vergewaltiger? Würde ein Sexualstraftäter eine solche SMS verfassen, die in einem Verfahren gegen ihn verwendet werden kann? Geht es Jörg Kachelmann aus einem anderen Grund schlecht? Die Kurzmitteilung jedenfalls wird ein Indiz in der Strafsache Jörg Kachelmann werden. Doch wie ist sie zu deuten? Gerichtspsychiater Hartmut Pleines, der den Angeklagten begutachten wird, wird eine Erklärung liefern: Die «Entlarvung», wohl von Kachelmanns Mehrfachleben, habe «alle Auffälligkeiten» hervorgerufen.

Sonja A. gibt eine Speichelprobe ab. Wieder und wieder fragt sie, ob er schon festgenommen worden sei. Die Beamtinnen aus Schwetzingen, die sie begleiten, wissen es nicht.

Nach 12.20 Uhr drückt Sonja A. dem Leiter der Rechtsmedizin der Universitätsklinik Heidelberg, Professor Rainer Mattern, einen Stift an den Hals. Sie soll simulieren, was ihr widerfahren ist.

Jörg Kachelmann passiert die Passkontrolle. Er wird nicht festgenommen. Durch hastige Abklärungen hat die Staatsanwaltschaft Mannheim zwar erfahren, dass der Schweizer Staatsangehörige in Deutschland keinen festen Wohnsitz hat. Trotzdem hat sie entschieden: Nicht herantreten! Sie lässt Jörg Kachelmann fliegen. «Wir hatten», wird Oberstaatsanwalt Gattner später erklären, «seinerzeit Bedenken hinsichtlich eines dringenden Tatverdachts.» Ihm liegen noch keine Bewertungen der medizinischen Befunde vor und noch keine Spurenauswertung vom angeblichen Tatort. Die Staatsanwaltschaft verfügt erst über eine Abschrift der 45-minütigen «Geschädigten-Befragung» der Anzeigeerstatterin. Die Angaben darin findet sie dürftig. Die Beweislage ist dünn. Bei erfahrenen Kriminalisten schrillen die Alarmglocken, wenn sie von Vergewaltigungen nach Beziehungsstreitigkeiten hören. Wer länger im Dienst ist, hat schon zu viele Falschbeschuldigungen gehört. Gerade bei Prominenten sind Ermittler besonders vorsichtig, denn sie wissen, dass eine öffentliche Karriere schnell ruiniert ist, wenn ein solcher Vorwurf ruchbar wird. Bei Jörg Kachelmann wird dies sechs Wochen später der Fall sein.

Als der Wettermann seinen Flieger besteigt, wirkt er «lässig». So wird sein Sitznachbar aus der Businessclass sagen. In den weiten Jeans, im Hemd und im Mantel, wie ihn Cowboys trügen, habe Jörg Kachelmann ausgesehen «wie ein Kanadier».

Die medizinischen Untersuchungen sind abgeschlossen. Der Dienstwagen der Kripo Schwetzingen bringt Sonja A. zurück auf die Wache.

Der Airbus mit Jörg Kachelmann auf Fensterplatz 7K fliegt nonstop nach Vancouver, British Columbia, Kanada. Flugdauer: 10 Stunden 35 Minuten.

«Schlimmer als übernächtigt» habe Sonja A. auf der Rückfahrt ausgesehen, wird die Polizistin Karen M. am fünften Prozesstag aussagen, «sie war richtig fertig.»

Jörg Kachelmann schläft während des Fluges die meiste Zeit, «99,5 Prozent», laut seinem Sitznachbarn.

Sonja A. erfährt von der Polizei, dass er nicht festgenommen wurde. Ist er überhaupt geflogen? Kommt er heimlich zurück? Irgendwie über Umwege? Steht er plötzlich vor der Tür? Sonja A. fühlt sich ohnmächtig, sagt sie.

Doch die Treppen zu ihrer Dachwohnung im Schwetzinger Nordwesten steigen zwei andere Männer und eine Frau hinauf. Bevor sie eintreten, schlüpfen sie in weiße Schutzanzüge und ziehen sich Plastikhandschuhe über. Die Kollegen von der Schwetzinger Kripo haben ihnen den Wohnungsschlüssel von Sonja A. gegeben und den Auftrag, alles auf Spuren einer Vergewaltigung abzusuchen. Vermutlich würden sie auf dem Boden ein Messer finden. Zu sichern sei auch ein Brief in einem Karton unter der Stereoanlage.

Die beiden Kriminaltechniker und die Praktikantin betreten die Wohnung. Das Team rückt pro Jahr mehr als ein Dutzend Mal nach Vergewaltigungsanzeigen aus. Doch der Einsatz im Kleinen Feld ist für sie – wegen des prominenten Beschuldigten – alles andere als Routine. «Wir haben uns allergrößte Mühe gegeben», wird der Kriminaloberkommissar, der den Einsatz leitet, ein halbes Jahr später gegenüber der 5. Großen Kammer des Landgerichts Mannheim beteuern, «wie bei einem Tötungsdelikt.»

Als erstes nimmt das Trio vom Spurensicherungs-Dezernat 43 der Kripo Heidelberg den mutmaßlichen Tatort in Augenschein. «Nichts war zerdeppert», erzählt der Einsatzleiter am dritten Prozesstag, «nichts durcheinander.» Die Wohnung der «Geschädigten», so heißt es im «Spurensicherungsbericht», mache einen schlichten, jedoch sehr ordentlichen Eindruck.

Die Bettwäsche, so fällt den Forensikern im Schlafzimmer auf, ist glattgezogen. Auf der oberen von zwei Decken finden sich «von bloßem Auge sichtbare sekret- und blutverdächtige Antragungen».

Neben dem Bett, unter einem Kleiderständer, auf einem Teppich liegt ein Tomatenmesser, Marke Tramontina, schwarzer Kunststoffgriff, Klingenlänge acht Zentimeter, feine Sägezahnung. Ist das Blut da vorne am Metall? Oder ist es Rost?

Das Messer fehlt in einem Set in der Küche. Es ist das zweitkleinste von sechs. Die Kriminaltechniker fotografieren es, dann heben sie es auf, öffnen einen eingeschweißten speziellen Messertransportkarton. Darin fixieren sie die angebliche Tatwaffe mit sterilem Kabelbinder.

Während die Spurensicherer mit einer Kamera Übersichtsaufnahmen machen, läuft bei der Kripo die zweite Vernehmung von Sonja A. Ja, sagt die Befragte, sie habe das Tatmesser angefasst, aber nur kurz. Und woher stammen die Hämatome an ihren Oberschenkeln? Er habe wohl auf ihr gekniet. Aber das habe sie vor Angst gar nicht richtig mitbekommen. In ihrer Angst habe sie vieles nicht mitbekommen.

Am Kühlschrank in der Wohnung entdeckt die sogenannte «Tatortgruppe» eine Autogrammkarte Jörg Kachelmanns und darunter ein gemeinsames Foto des TV-Moderators mit der Radiomoderatorin. Die beiden sitzen auf dem Sofa in ihrer kleinen Wohnung. Auf dem Bild schmiegt sich Sonja A. an Jörg Kachelmann. Er hat die Arme verschränkt und lächelt freundlich, abgeklärt. Er wirkt wie ein Promi, der mit einem Fan abgelichtet wird. Sie erscheint vertrauter.

Das Foto am Kühlschrank ist das einzige offensichtliche Zeichen dafür, dass Jörg Kachelmann zumindest einmal in seinem Leben diese Wohnung betreten hat. Ansonsten fällt den Forensikern – außer der Flugticketkopie, die auf seinen Namen lautet – nichts auf, was auf ihn hindeutet. Keine Zahnbürste, keine Kleidungsstücke, kein Deodorant. Nichts. Nach elf Jahren. Nichts außer einer Menge DNA-Spuren.

Das Erbgut des Schweizer Gastes müssen die Heidelberger Spezialisten erst noch sicherstellen. Drei Stunden lang nehmen sie Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Bad unter die Lupe. Zuerst kümmern sie sich um Blut und Sekret auf der glattgestrichenen Bettwäsche. Die Spuren scheinen dem Kriminaloberkommissar «frisch angetragen». Das meint er, weil die Bettdecke so aussieht, «als ob man sie gewaschen haben will». So wird er vor Gericht als sachverständiger Zeuge aussagen. Der renommierte Rechtsmediziner Bernd Brinkmann, Gutachter der Verteidigung, runzelt die Stirn, als er diese Aussage hört. Im Lehrbuch für Forensiker steht nirgendwo, dass sich das Alter von eingetrockneten Spuren so bestimmen lässt.

Auf der Schwetzinger Polizei werden Finger- und Handflächenabdrücke genommen. Sonja A. werden Fingernägel geschnitten, unter denen sich vielleicht Hautreste Kachelmanns finden, das volle Programm. Es gibt keine Spuren eines möglichen Täters.

In der kleinen Dachwohnung durchsuchen die Kriminaltechniker den Mülleimer in der Küche. Zuoberst im Abfall stellen sie einen Tampon sicher. Den Faden trennen sie mit einem sterilen Skalpell ab und bewahren ihn gesondert auf. Auch den Tampon sichern sie. Vor jedem Schritt ziehen sie neue sterile Handschuhe über.

Auf der einen Seite der Spüle steht gebrauchtes, auf der anderen sauberes Geschirr. Zwei Personen, so scheint es, haben Nudeln mit roter Sauce gegessen und Weißwein getrunken. Kurz bevor er Sonja A. kennenlernte, elf Jahre ist es her, hatte Jörg Kachelmann einer Fernsehzeitschrift sein Lieblingsessen und -getränk verraten: «Pasta aller Art» und «Mineralwasser, Weißwein und als Kaffeeersatz Coca-Cola light». Ein Topf steht da mit Resten eines Mix aus Nudeln. Im Kühlschrank finden die Kriminaltechniker eine Flasche Pinot Grigio, zu drei Vierteln voll. Sie nehmen alles mit, um es zu untersuchen.

Im Bad, neben dem Waschbecken hängt ein blaues Handtuch, an dem Blut klebt. Am von Sonja A. beschriebenen Ort im Wohnzimmer findet die Spurensicherung ein Kuvert mit Kopien der «Receipts On Behalf Of Lufthansa», ausgestellt auf Jörg Kachelmann und eine Lena G. Im Umschlag liegt zudem ein weißes Blatt Papier, darauf ein einziger Satz: «Er schläft mit ihr!» Das anonyme Schreiben ist mit einem Computer erstellt worden.

Sonja A. wirkt sehr aufgewühlt, so steht es im Protokoll der zweiten Vernehmung, und sichtlich geschockt von dem Ereignis der Nacht zuvor. Sie weint. Die Kriminalhauptkommissarin mit den drei Jahrzehnten Erfahrung mit «Sittlichkeitsdelikten» verfasst nach der Vernehmung folgenreiche Sätze. «Nach hiesigem Empfinden», schreibt sie, «machte Frau A. einen glaubwürdigen Eindruck. Sie war sichtlich enttäuscht von dem Verhalten des Beschuldigten, zumal sie ihn bereits elf Jahre kennt und mit ihm liiert ist.»

Doch was ist «hiesiges Empfinden» bei einer möglichen Vergewaltigung? Das will die Verteidigung in der Hauptverhandlung von der Ermittlerin wissen. Ihr «persönliches Empfinden» sei gemeint, wird die Schwetzinger Polizistin antworten. Kriterien, nach denen sie die Glaubwürdigkeit einer Anzeigeerstatterin beurteilt, kann sie nicht nennen, auch nicht auf mehrmalige Nachfrage der Verteidigung.

Im Wohnzimmer von Sonja A. fällt den Spurensicherern nichts Besonderes auf. Das bunte Ecksofa schauen sie sich kurz an, aber mit bloßem Auge entdecken sie nichts, was Sie genauer unter die Lupe nehmen müssten. So unterbleibt ein Ermittlungsschritt, der Jörg Kachelmann vielleicht hätte entlasten können. Vorerst. Wochen später, nach seiner Festnahme, wird er nachgeholt.

Das Spurensicherungs-Dezernat 43 aus Heidelberg hat seine Arbeit in Schwetzingen getan, die Kriminaltechniker ziehen ihre sterilen Arbeitsanzüge aus, bringen den Wohnungsschlüssel ins Nachbarhaus. Die Schwetzinger Kollegen haben Sonja A. um 16 Uhr zu ihren Eltern gefahren. Die Kriminaltechniker erklären der Radiomoderatorin, was sie mitnehmen: die Bettwäsche, das Handtuch mit dem Blut, den gesamten Müll samt Tampon, die Flugticket-Kopien mit dem Begleitbrief ohne Absender, zwei Teller mit Tomatenspuren, das Besteck, die Weingläser, einen benutzten Saucenlöffel, den angebrochenen Pinot Grigio. Das Messer liegt in der sterilen Kiste, festgebunden mit ebenso sterilem Faden. Dieser Schritt verhindert, vielleicht entscheidend, einen «Spurenverlust».

Es wird schon dunkel, als Sonja A. die Stufen zu ihrer Wohnung hinaufgeht. Ganz schlimm sei das gewesen, wird sie Mitte August einem Gutachter erzählen, dem sie Rede und Antwort stehen muss. Eigentlich habe sie sofort wieder raus wollen. Doch dann habe sie gedacht: Ich muss bleiben. Er darf mir nicht noch mein Zuhause wegnehmen. Er hat mir schon alles genommen.

Jörg und die Kachelmänner

«Mit Jörg Kachelmann hat die ARD nicht einen», so kündigt der Sender an, «sondern den Wetterexperten im Olympiateam. Der Schweizer prägte die Form der Wettervorhersage im deutschen Fernsehen.»

Doch das Erste verheimlicht etwas, als es auf seiner Homepage seine Moderatorenmannschaft für Vancouver 2010 vorstellt. Die Fernsehanstalt verschweigt, was unter anderen Voraussetzungen prominent vermeldet würde: Ihr Wetterexperte kennt sich hervorragend aus mit der Witterung an der kanadischen Westküste. Vielleicht so gut wie in Lörrach in Südbaden, wo Jörg Andreas Kachelmann am 15. Juni 1958 geboren wurde. Oder wie in Schaffhausen, wo er aufgewachsen ist, wo er als Teenager in Schrebergärten und anderswo seine ersten Wetterstationen aufgestellt hat und wo er als junger Erwachsener eingebürgert worden ist. Für das einzige Kind einer Ostpreußin und eines Franken werden die Winterspiele in Kanada Heimspiele sein.

Doch das bleibt geheim. Niemand darf wissen, dass Jörg Kachelmann aus jahrelanger Erfahrung spricht, als er am 10. Februar 2010, am Tag zwei nach der fatalen Nacht von Schwetzingen, twittert: «In Vancouver selbst ist Schnee eh selten.»

Kaum jemand hat erfahren, dass der populärste Wettermoderator bereits im Juli 2003 nach Kanada ausgewandert ist. Im Landesinnern der Provinz British Columbia, am idyllischen Bridge Lake, hat er sich in einer Ranch ein TV-Studio eingerichtet mit Kameras, Satellitenanlage, Green Screen. Die geballte Technik erlaubt es ihm, jahrelang in der ARD aufzutreten, ohne dass jemand merkt, dass er Tausende Kilometer entfernt ist. Zwar verbringt Kachelmann nach wie vor einen guten Teil seiner Zeit in der alten Heimat. Aber hauptsächlich prägt er die Form der Wettervorhersage in deutschen Wohnzimmern von jenseits des Atlantiks. Doch diesseits soll niemand davon Wind bekommen. Zu viele Zuschauer könnten sich hintergangen fühlen, wenn sie erfahren würden, dass ihr Jörg Kachelmann ihnen ihr heimisches Wetter vor einer grünen Leinwand im kanadischen Seenland erklärt.

Jörg Kachelmann hütet aber noch ganz andere Geheimnisse. Geheimnisse, von denen nicht nur die Millionen Zuschauer nichts wissen dürfen. Auch aus dem kleinen Kreis der sonst Eingeweihten innerhalb der ARD und bei seinem Wetterdienstleister Meteomedia erfahren einige lange nicht, dass er nicht allein in die nordamerikanische Wildnis gezogen ist, sondern mit einer Kleinfamilie, seiner Kleinfamilie. In die Neue Welt begleitet haben ihn eine Wirtschaftsprüferin aus der Schweiz und ein kleiner Junge.

Doch nun werden die Geheimnisse eines nach dem anderen publik werden und für Jörg Kachelmann zu einem schier unüberwindbaren Problem: Menschen aus dem nächsten Umfeld des Wettermoderators werden sich hintergangen fühlen und dem Beschuldigten, den sie gut zu kennen glaubten, auf einmal vieles zutrauen. Einige werden innerhalb kürzester Zeit von vermeintlichen Entlastungs- zu Belastungszeugen.

Wer den Fall Kachelmann verstehen will, muss das Vorleben und die Wahrnehmung der Hauptperson in den Grundzügen kennen.

Männer hatten oft einen netten, lässigen, beredeten, kumpelhaften Kachelmann kennengelernt. Frauen erlebten den Wettermann als aufmerksam, zuvorkommend, oft flirtend. Mehrere von ihnen, die ihm ganz nahe kamen, beschrieben ihn als liebe- und respektvoll, als feingeistig und -fühlig. Doch nach der Verhaftung werden viele die Schattenseiten betonen, vielleicht überbetonen, die sie mit der Zeit auch bemerkt hätten. Sie werden von Abgründen erzählen, die sich mit den vielen TV-Jahren und mit der Popularität aufgetan hätten. Der zotige Witz sei deftiger und deftiger geworden. Aus dem schrägen, von jeher schwarzen Humor und der