Moskau und seine Familien

 

 

Mafia

Moskau und seine Familien

von

Monika Grasl

 

Manche Leute kommen durch Macht und Geld ganz nach oben. Andere werden in die richtigen Familien hineingeboren und wieder andere müssen sich ihre Stellung hart erarbeiten. Für die Generationen nach ihnen, um deren Leben zu einem besseren werden zu lassen.

 

Mondschein Corona – Verlag

Bei uns fühlen sich alle Genres zu Hause.

 

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

 

1. Auflage

Erstauflage Februar 2017

© 2017 für die Ausgabe Mondschein Corona

Verlag, Plochingen

Alle Rechte vorbehalten

Autorin: Monika Grasl

Lektorat/Korrektorat: Edwin Sametz

Grafikdesigner: Finisia Moschiano

Buchgestaltung: Finisia Moschiano

Umschlaggestaltung: Finisia Moschiano

 

ISBN: 978-3-96068-091-8

© Die Rechte des Textes liegen beim

Autor und Verlag

 

Mondschein Corona Verlag

Finisia Moschiano und Michael Kruschina GbR

Teckstraße 26

73207 Plochingen

www.mondschein-corona.de

 

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

 

 

Prolog

 

Sie war so dumm gewesen. Warum hatte sie sich mit ihm eingelassen? Ihr hätte doch klar sein müssen, dass er sie nur benutzte, um allen in ihrer Umgebung zu schaden. Aber vermutlich hatte sie sich erhofft, dass es einmal nur um sie ginge. Nicht um ihren Bruder oder den Namen ihrer Familie. Mit dieser Annahme war sie jedoch falsch gelegen und dies nun zu erkennen, schmerzte beinahe genauso wie die Schläge der letzten Stunden.

Ihre Zunge glitt in die Lücke, die der ausgeschlagene Zahn hinterlassen hatte. Sie hätte sich noch viel heftiger wehren müssen. Wozu waren ihr wohl all die Handgriffe von Mariks Leibwächter beigebracht worden? Damit sie sich überrumpeln ließ wie eine blutige Anfängerin?

In dem Fall zählte wohl nicht mal die Ausrede, dass sie ihren Angreifer gekannt hatte. Ein solches Verhalten von ihm nie erwartet hätte. So sehr konnte man sich in einem Menschen irren. Ihr Vertrauen in die Männerwelt wäre nach dieser Erfahrung nicht mehr das gleiche. Es gebe ihr später jedoch Gelegenheit, sich auf ihren Abschluss zu konzentrieren. Sich ganz in ihr zukünftiges Studium zu vertiefen, wie sie es ihren Eltern versprochen hatte. Sie müsste dazu nur erst von den Drogen wegkommen. Das war sicher nicht schwer. Marik würde ihr helfen.

Doch bevor sie all das in Angriff nehmen konnte, galt es erstmal zu überleben. Sie musste das hier überstehen, um später stark auftreten zu können.

Als sich irgendwo in der Ferne eine Tür zu öffnen begann, zuckte sie zusammen. Sie verband das Geräusch mit dem Leid der letzten Stunden. Oder waren es gar Tage? Ein Zeitgefühl besaß sie hier nicht mehr. Wie lange mochte sie die Qualen zudem noch erdulden können? Wann würde man anfangen, nach ihr zu suchen? Und würde sie überhaupt einer finden?

Zumindest diese Überzeugung machte sich in ihr breit. Marik würde sie finden. Er konnte sie retten. Ihr großer Bruder war doch genau dafür gemacht. Sie aus allen Schwierigkeiten herauszuholen. Also warum tauchte er dann nicht auf? Wo trieb er sich nur rum? Und Colja. Wenn schon nicht Marik, aus welchem Grund ließ sich der Leibwächter nicht blicken?

Die Verzweiflung begann in ihr die Oberhand zu gewinnen. Es wurde nicht besser, als ein Lichtstrahl ihren Körper erfasste. Sie blinzelte heftig, als die Schritte näherkamen.

„Na, wie gefällt es dir hier? Es ist nicht so vornehm wie deine gewohnte Umgebung, aber es lässt sich aushalten, oder, meine Schönheit?“

Bei dem Kosenamen stieg ihr die Galle hoch. Warum genau hatte sie sich noch mal mit ihm eingelassen? Wegen seines Geldes? Wegen der Drogen? Oder war es alleine dem Umstand geschuldet, dass sie ein Abenteuer gesucht hatte? Letzteres kam der Wahrheit wohl am nächsten. Die Jungen in ihrem Alter hatten ihr nicht das geben können, was sie sich erwartet hatte. Weder die Zuneigung noch die Anerkennung. Für die Burschen war sie nicht mehr als das unerreichbare Mädchen. Eine Person, mit der man sich nicht einließ. Die Wahrscheinlichkeit hinterher in der Moskwa zu enden, erschien den meisten einfach zu groß. Und sie hatte sich irgendwann damit abgefunden, dass Liebe von jungen Männern nicht zu vergleichen war mit jener von älteren.

Sie gab einen undeutlichen Laut von sich. Ob er bei dem Klang lächelte? Als sie sich heute auf der Straße begegnet waren, war es der Fall gewesen. Da hatte sie auch nicht erwartet, Stunden später an einem solchen Ort zu enden.

Gerne hätte sie gefragt, wie lange sie bereits hier war. Doch jedes Wort wurde durch das Klebeband auf ihrem Mund verhindert. Es dämpfte zudem ihre Schreie. Wobei sie bezweifelte, dass irgendwer etwas davon mitbekam.

Dem Geruch nach zu urteilen befand sie sich in einer stillgelegten Fabrik. Und falls das nicht der Fall war, musste es sich um einen Keller handeln. So oder so bekam keiner etwas von ihrem Leid mit. Aber das war auch nicht vorgesehen. Wahrscheinlich war nicht mal geplant, dass sie am Leben blieb. Und das alleine trieb ihr beinahe die Tränen in die Augen. Doch sie würde vor ihm nicht zusammenbrechen. Diese Macht über sich wollte sie dem Mann keinesfalls zugestehen.

Sie stieß ein leises Wimmern aus, als die Hand durch ihr Haar fuhr. Noch deutlich konnte sie sich an die letzte Berührung damit erinnern. Liebevoll war die Geste zuerst ausgefallen, bevor er ihr in den Bauch geboxt hatte. Selbst ihre Nase stand schief. Gebrochen, und das Blut hatte sich süßlich einen Weg von ihrer Kehle in den Magen gesucht.

„Nicht doch, meine Schönheit, du musst keine Angst haben. Schon bald darfst du nach Hause. Das verspreche ich dir.“

Sie glaubte es. Zwar bezahlte die angesehenste Familie Moskaus nie Lösegeld, andererseits es ging hierbei doch um sie. Um die geliebte Tochter und nicht irgendeinen dahergelaufenen Mitarbeiter. Ihr Papa würde sich dazu herablassen. Und falls nicht, gab es noch immer Marik, der auf ihn einwirken konnte. Warum machte sie sich dann Sorgen? Weil die Wahrheit eine andere war? Sollte es doch so sein. Für sie galten derlei Gesetze innerhalb der Familie nicht. Ihr würde man helfen. Für sie würde jeder die Prinzipien über den Haufen werfen.

„Schon sehr bald wirst du deine Familie wiedersehen“, wisperte ihr Entführer.

In der gleichen Sekunde trat er zurück. Er gab damit den Blick auf die Tür frei. Drei Silhouetten konnte sie darin ausmachen. Ganz leise drang die vertraute Stimme an ihre Ohren, die meinte: „Kümmert euch um sie. Ihr Vater soll sie später erkennen können, also haltet euch bei ihrem Gesicht zurück.“

Tränen sammelten sich endgültig in ihren braunen Augen. Das Schluchzen wurde durch das Klebeband gedämpft. Sie ahnte, was die Bemerkung bedeutete. Doch sie würde alles über sich ergehen lassen, nur um endlich nach Hause zu dürfen. Darum schloss sie die Lider und begann zu beten. Still bat sie Gott um seinen Beistand, als die Tür ins Schloss fiel und die Männer sich auf sie zubewegten.

Kapitel 1

 

Das Kopfsteinpflaster gab ein leises Klacken von sich, als seine eleganten Schuhe sich darüber hinwegbewegten. Nicht mehr lange und der Schnee würde die Geräusche verschlucken. So wie jeder, der sich dem Stadtzentrum näherte – ohne hierher zu gehören – irgendwann verschwand.

Vladimir Kuschkin kam dem Stadtzentrum von Moskau jedenfalls nur selten so nahe. Wenn er nicht gerade zur Universität musste, mied er die Gegend. Bei Weitem weniger gefiel ihm der Umstand, dass seine Schwester sich ausgerechnet hier mit ihm treffen wollte. Am Ufer der Moskwa. An diesem 15. November 1990.

Der Schneefall ging unaufhörlich auf ihn nieder, als er den vereinbarten Platz erreichte. Anastasia war noch nicht da. Es mutete seltsam an, zumal seine Schwester stets pünktlich auftauchte. Meistens sogar um eine halbe Stunde früher. Dennoch sah er sich vergeblich nach allen Seiten um. Hatte man ihn gar in eine Falle gelockt? Allerdings war der Anruf doch von Anastasia gekommen. Warum sollte sie ihn aus dem Weg schaffen wollen? Sie waren Geschwister. Und seit dem Tod der geliebten Mama – vor über einem Jahr – sogar noch enger miteinander verbunden, als man glauben mochte.

Was, wenn irgendwer seine Schwester entführt hatte? Wenn sie von jemandem zu dem Anruf gezwungen worden war? Darüber hatten sie sich noch nie unterhalten. Es wäre ratsam in seinen Augen. Besonders seit die Familie in Moskau kein allzu großes Ansehen mehr genoss.

Demnach wäre er kaum der Erste, der mit Blick auf den Kreml starb. Viele Familien hatten in letzter Zeit Angehörige verloren. Besonders innerhalb der Organisation. Warum also stand er jetzt noch hier rum? Er sollte am besten auf dem Absatz kehrtmachen. Doch alleine der Anblick des Bauwerkes in der Ferne fesselte ihn.

„Was starrst du an?“, hörte er die vertraute Stimme in seinem Rücken.

Erschrocken wirbelte er herum. Zeitgleich stieß er erleichtert den Atem aus. Anastasia musterte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen. Das blondbraune Haar fiel ihr in wenigen Locken über die Schultern. Vladimir fühlte sich unter den stechenden braunen Augen ausgeliefert. Aber das kam nicht zum ersten Mal vor. Und bei Fremden neigte Anastasia dazu, Jascha mit sich zu schleppen. Was für einen Außenstehenden auch keine Erleichterung darstellte. Der Leibwächter trug dann stets eine finstere Miene. Doch da der Mann nirgends zu sehen war, konnte Valdimir davon ausgehen, dass es bei dem Treffen um etwas sehr Privates gehen musste.

„Ich … gar nichts“, gab er schließlich zurück.

Anastasia trat zu ihm heran. Sie lehnte sich gegen einen Pfeiler, wobei sie leise pfiff. Es erschien Vladimir eine seltsame Geste. Seine Schwester strahlte heute eine besondere Zufriedenheit mit dem Leben aus. Was sonderbar anmutete. Anastasia war selten mit sich im Einklang. Erst recht nicht seit dem Tod von Mama. Der Tag hatte sie alle verändert. Allen voran Papa, doch keiner wollte dies wahrhaben, und so verschloss man die Augen vor der Realität. Der Tatsache, dass die Familie innerhalb von Moskau mittlerweile zum Abschaum der Stadt gehörte. Und das alles wegen eines einzigen Fehlers.

„Hast du heute mit Papa gesprochen?“, fragte Anastasia unverhofft nach.

Vladimir schüttelte den Kopf. „Ich wollte zwar, aber das Studium …“

„Es ist nicht leicht, was?“

Er kratzte sich unter dem Kinn. Der leichte Bartwuchs juckte, doch Valdimir konnte sich nicht dazu durchringen die lästigen Stoppel zu entfernen. Zumal seine neue Freundin davon begeistert war. Blieb nur die Frage wie lange.

„Nein“, erwiderte er mit einiger Verspätung. „Nicht wenn du den Namen Kuschkin trägst. Jeder glaubt, ich könnte seine Probleme lösen und …“

„Macht dir einer Schwierigkeiten?“

Ihm lief ein Schauer über den Rücken. Anastasia hörte sich genauso an wie Papa. Am ersten Tag seines Jurastudiums hatte der ihn genau das Gleiche gefragt. Und so wie vor einem halben Jahr wusste Vladimir auch jetzt keine vernünftige Antwort. Das wurde deutlich, als Anastasia schnaubte.

„Rede mit mir, Vladimir. Ich kann dir helfen.“

„Nein, danke. Papa hat sich da auch rausgehalten. Also mach das Gleiche. Ich brauche keine Hilfe. Falls du es vergessen hast, Anastasia, ich bin nicht derjenige, der ständig in Schwierigkeiten steckt. Das ist Renja.“

Eine traurige Wahrheit. Der Jüngste von ihnen brachte es ständig fertig, ins Visier der Polizei zu geraten. Dabei sollte Renja später einmal die Geschäfte führen. Er war die Hoffnung von Papa. Nun, besser ausgedrückt, er war es gewesen. Basko Kuschkin war vor sechs Monaten zu der Erkenntnis gekommen, dass er von dem Burschen höchstens eines bekäme: Uneheliche Kinder am laufenden Band. Nur keine Hilfe, was die Festigung der Familie in Moskaus Stadtzentrum betraf. Genau das war es nämlich, was Basko seit Jahrzehnten versuchte: Die Familie aus Schtscherbinka hinein in das Leben der Stadt zu bekommen. Doch dieser Traum war mit Mamas Tod in weite Ferne gerückt. Basko hatte sein Ziel aus den Augen verloren. Er verschanzte sich in der Wohnung und ließ Besucher vor der Tür stehen. Damit machte sich der Mann bei den Organisationen keine Freunde. Ganz abgesehen von den Leuten im Viertel. Sie verlangten nach Hilfe, doch dieser Ruf wurde einfach nicht gehört. Jedenfalls nicht von Basko.

„Er muss wieder einen Lebenssinn finden“, meinte Anastasia in dem Moment.

„Wart noch ein paar Monate, dann kann Renja ihm garantiert einen Bastard vor die Nase setzen. Vielleicht bringt der Papa zum Lächeln.“

„Wahrscheinlicher ist, dass er Renja endgültig aus der Familie schmeißt.“

Unrecht hatte seine Schwester in der Hinsicht nicht. Doch Renja war wohl kaum der Grund, warum sie sich um einundzwanzig Uhr am Ufer der Moskwa trafen.

„Und warum sind wir jetzt hier?“, fragte er nach und wechselte zugleich das Thema.

Anastasia lächelte sachte, ehe sie erwiderte: „Siehst du den Kreml? Er ist das Sinnbild dafür, dass wir es schaffen können, das hat Papa immer gesagt. Erinnerst du dich?“

Vladimir zuckte mit den Schultern. Ab einem bestimmten Punkt hatte er derlei Worten keine Beachtung mehr geschenkt. Dementsprechend fiel seine Reaktion aus.

„Und?“

„In einem Jahr, Vladimir. In einem Jahr habe ich uns so weit, dass wir dort leben. Dass wir mit den Großen mitmischen. Nicht mehr irgendwelche kleinen Dinge drehen. Für irgendwen die Schläger spielen. Wir werden es sein, die andere für uns arbeiten lassen. In einem Jahr.“

„Was macht dich da so sicher? Papa hat das auch jedes Jahr erzählt. Und wo sind wir heute? Der Großteil der Familie wohnt noch immer in heruntergekommenen Wohnungen, die viel zu klein sind. Außerdem wird es sich für uns nie ändern. Wir sind die Kuschkin. Seit Papas Leute den letzten Auftrag in den Sand gesetzt haben, will keiner mehr etwas mit uns zu tun haben, Anastasia. Du kannst dir die Sache noch so oft versuchen schönzureden. Es wird dadurch nicht besser. Das dort“, Vladimir zeigte zum Kreml hinüber, „ist ein Traum, dem wir hinterherjagen und der sich niemals erfüllen wird. Für keinen von uns.“

„Doch“, kam es zuversichtlich von Anastasia. „Für dich. Du bist es, den ich an diesem Ort sehe. Dir steht die Welt offen, Vladimir. Allerdings nur wenn du bereit bist, später alles Nötige dafür zu leisten.“

„Und das wäre?“

„Mach erstmal den Abschluss und dann – wenn du es geschafft hast – kannst du einen Platz bei Nicolai Ogrischma ergattern.“

„Bist du verrückt? Der trachtet uns nach dem Leben!“

„Lass mich doch mal ausreden“, erwiderte Anastasia ruhig. „Natürlich ist das der Fall. Glaubst du, das hätte ich vergessen? Du wirst dich für diese Zeit eben von der Familie lösen müssen. Allerdings zahlt es sich hinterher aus. Er kann dich in ein Amt am Gericht hieven. Und von dort aus unterstützt du die Familie.“

„In einem Jahr, ja? Bist du wahnsinnig?“

„Nein. Außerdem bezog sich das mit dem Jahr nicht auf dich, sondern auf mich. Ich werde meinen Weg finden. Unabhängig von dir. Du bist geringfügig darin eingeweiht. Gerade genug, damit du für Nicolai interessant bist. Bloß nicht so viel, damit du meine Pläne verraten könntest.“

Wie beruhigend das doch anmutete! Seine Schwester wollte ihn zwar nicht in Gefahr wissen, brachte ihn jedoch mit ihrer Aussage genau in diese Situation. Anastasia war bereits als Kind von Widersprüchen geprägt gewesen.

„Und Renja? Was ist mit ihm?“

Anastasia zuckte mit den Schultern. „Er wird sich beweisen müssen. Jeder wird dazu gezwungen sein. Bei unseren eigenen Leuten angefangen. Und bevor du mir jetzt erklärst, dass dir das nicht gefällt, lass dir gesagt sein, dass ich keineswegs die gleichen Fehler begehe wie Papa. Wer aussteigen will kann das gerne machen. Nur nicht heute. Nicht jetzt. Ich benötige alle Männer hinter mir, wenn ich uns nach oben bringen will. Und besonders wenn ich gegen Nicolai vorgehe.“

Vladimir behielt seine Bedenken für sich. Anastasia hatte längst den Entschluss gefasst, die Familie in das Stadtzentrum von Moskau zu bringen. Was sollte er da noch diskutieren? Er nickte und stieß den Atem aus. In kleinen Wolken hing dieser in der Luft. Die Temperatur bewegte sich irgendwo um die Minus fünfzehn Grad Celsius. Stünde er noch länger hier rum, konnte er die Vorlesung morgen vergessen. Ein Umstand, der wohl auch Anastasia bewusst wurde.

„Geh’ nach Hause, Vladimir. Ich rufe dich in ein paar Tagen an und dann reden wir noch mal.“

„Von mir aus. Solange wir uns nicht wieder mitten in der Nacht treffen müssen. Wir könnten die Unterhaltung ja auch in deinem Haus führen.“

Anastasia lächelte gequält. Den Grund ahnte Vladimir. Die beiden Hunde seiner Schwester konnten ihn auf den Tod nicht ausstehen. Und er war zudem kein Freund von solchen Tieren. Also war der Gedanke völlig unerheblich. Das Haus seiner Schwester bekäme er erst dann zu sehen, wenn sie keine Haustiere mehr hätte.

„Wir sehen uns, Vladimir. Mach’s gut.“

Sie schlug ihm auf die Schulter, bevor ihre Hand durch sein braunes Haar fuhr und es wie üblich in Unordnung brachte. Mit einem Lächeln schob er die Finger fort und wandte sich ab. Anastasia würde noch eine gute Stunde hier am Ufer ausharren. Sich den historischen Stadtkern ansehen und von einer besseren Zukunft träumen. Soweit kannte er seine Schwester. Bereits als Kinder war dies häufig der Fall gewesen. Im Alter änderten sich gewisse Dinge einfach nicht. Und mit ihren neunundzwanzig Jahren war Anastasia die Einzige in der Familie, die sich noch immer erhoffte, dass es für die Generationen nach ihnen besser wurde. Aber dazu müsste wohl erstmal einer den Ausstieg aus der Organisation finden. Und wie unwahrscheinlich das war, ahnte selbst Vladimir, als er sich auf den Heimweg in den Stadtteil Filjowski Park machte.

 

Zur gleichen Zeit betrat Nicolai Ogrischma den Nachtclub im Stadtteil Golowinski. Den nassen Mantel drückte er einer der Kellnerinnen in die Hand, wandte sich dem vorbeikommenden Türsteher zu und hielt diesen fest.

„Heute keine Frauen im Club. Die Kerle sollen sich mit den hiesigen Damen beschäftigen.“

„Ja, Boss.“

Der stämmige Mann mit dem Eierkopf verschwand in Richtung Tür. Nicolai begab sich ebenfalls an die Arbeit. Seine stapelte sich jedoch im Büro und bestand aus Bewerbungen von Frauen, sowie Unterlagen zur Bestechung wichtiger Leute. Immerhin führte sich ein Nachtclub nicht von alleine. Man musste schon die passenden Gestalten schmieren, um seinem Geschäftsfeld in Ruhe nachkommen zu können. Angefangen bei der Alkohollizenz und aufgehört bei Reportern, welche die leidige Angewohnheit hatten, über Stunden hinweg vor seinem Lokal herumzustehen. Derartiges vergraulte ihm jedoch die Gäste.

Wenigstens bevorzugten die Männer, die sein Lokal aufsuchten, Diskretion. Kein Politiker wollte sich am nächsten Tag auf der Titelseite aller Moskauer Zeitungen wiederfinden. Und erst recht war Nicolai nichts daran gelegen, dass in seinem Etablissement Unruhe wegen zwielichtigen Kerlen aufkam. Was von eifersüchtigen Liebhabern der hier arbeitenden Frauen bis zu Mitarbeitern aus anderen Familien reichte. Letztere stellten stets eine Gefahr da. Es war schwer einzuschätzen, ob sie es mit ihrer Gegenwart dann auf ihn abgesehen hatten oder auf einen anderen. Aber dafür beschäftigte Nicolai auch zuverlässige Türsteher. An deren geschultem Auge kam keiner vorbei.

Das schrille Läuten des Telefons riss ihn aus seinen Überlegungen. Er griff nach dem Hörer, sagte jedoch kein Wort. Nie meldete er sich persönlich. Seit die Kuschkins den letzten Auftrag versaut hatten war sein Leben ohnehin nichts mehr wert. Irgendwer trachtete ihm danach. Und selbst seine eigenen Leute waren unfähig die Person auszumachen. Dementsprechend wartete er darauf, dass der Anrufer sich zu erkennen gab.

„Nicolai, ich bin es, Iwan. Wir haben hier einige Schwierigkeiten.“

„Was für welche, Bruder?“, fragte er nach.

„Ich glaube, wir haben den Dreckskerl, der dich umbringen wollte. Du weißt schon, den die Kuschkins nicht aufgespürt haben.“

„Schön für dich“, gab Nicolai gelangweilt zurück.

Innerlich vollführte er einen Kopfstand vor Freude. Endlich konnte er beruhigt weiterleben. Noch dazu hatte Iwan etwas vollbracht, das den Kuschkins unmöglich gewesen war. Bei der nächsten Gelegenheit würde er Anastasia genau das unter die Nase reiben. Allerdings verunsicherte ihn bei all der Freude die angespannte Stimme seines Bruders.

„Und warum rufst du mich jetzt an?“, hakte er deshalb nach.

„Na ja, der Bastard behauptet, er gehört zu einer neuen Organisation. Einer Familie namens Ivankov. Die sollen aus dem südöstlichen Verwaltungsbezirk kommen. Und sie wollen deinen Platz.“

„Ivankov?“, sinnierte Nicolai. „Etwa Alexej Ivankov?“

Er hatte von dem Mann bereits gehört. In einigen Zeitungen wurde sein Name mit Drogengeschäften in Verbindung gebracht. Ob es stimmte, blieb freilich dahingestellt. Zu bezweifeln war es wohl kaum. In dem Punkt logen die internen Nachrichten der Organisationen nicht. Nicolai bekam dennoch keine Antwort. Dafür hörte er seinen Bruder rufen und in der nächsten Sekunde ein lautes Klatschen. Das Geräusch kannte er. Der arme Hund wurde vermutlich in einem Wasserbottich ertränkt. Wobei Nicolai hoffte, dass Iwan daran dachte, dass Tote nicht reden konnten.

„Iwan, wenn er dir ersäuft, sagt er gar nichts mehr“, meinte er darum in den Hörer.

Bei seinem Bruder musste man immer sichergehen. Antwort bekam er dennoch keine. Darum starrte er auf die Bewerbungsunterlagen. Das Bild einer Rothaarigen fiel ihm ins Auge. Er legte es augenblicklich zur Seite. Nicht hübsch genug für seinen Club. Hier arbeiteten nur die besten Mädchen im Alter von fünfundzwanzig. Alles was darüber hinausging brauchte schon einen beachtlichen Kundenstock, um von ihm gehalten zu werden. Wozu ohnehin nur eine einzige Frau bei ihm zählte. Sophie. Der Traum aller Männer, die in sein Lokal kamen.

„Ja, Alexej Ivankov“, kam es plötzlich aus der Leitung. „Was denkt sich das Arschloch? Der kann doch nicht hierher kommen und unseren Bezirk haben wollen! Den mach ich kalt. Der wird sich …“

„Beruhig’ dich, Iwan. Ich lebe noch und es ist wohl zu bezweifeln, dass Alexej es erneut versuchen wird. Zweimal hintereinander ist der nicht so dumm. Schick seinen Mann zurück. Du weißt am besten, wie.“

Damit legte er auf. Er brauchte sich nicht anzuhören, wie sein Bruder den Bastard erschoss und hinterher in seine Einzelteile zerlegte. Iwan war in dem Punkt verrückt. In seiner Fleischerei wurden nicht nur Schweine geschlachtet. Wenigstens konnte man Iwan ein hohes Maß an Sauberkeit zugutehalten. Schließlich musste das normale Fleischergeschäft ja nebenbei weiterlaufen.

Nicolai erinnerte sich gerne daran, wie sein Papa als Fleischhauer die erste Organisation im Stadtteil Golowinski gegründet hatte. In dem Lokal hatte er seine Kindheit verbracht. Sogar seine Ausbildung zum Fleischer hatte er unter Papa absolviert, genauso wie Iwan. Aus der Gegend von Golowinski war die Familie Ogrischma zudem nie herausgekommen. Das stand auch gar nicht zur Debatte. Man befand sich nahe genug am historischen Stadtzentrum und doch weit genug entfernt, um der obersten aller Familien nicht in die Quere zu kommen. Den Kaschinskis.

Mit denen legte sich keiner an. Sie bekleideten die höchsten Ämter innerhalb der Regierung und der Industrie. Manche munkelten, dass die Gelder für die Stadt von den Kaschinskis geliefert wurden. Falls die Familie tatsächlich in Geldwäsche verwickelt war, sprach keiner offen darüber. Die einzelnen Geschäftszweige aller Organisationen drangen nie nach außen. Damit besaßen sie gegenüber den anderen einen Stellenwert, der nicht zu überbieten war.

So wie bei Nicolais Familie. Die Ogrischmas waren schon immer für das Schmieren der Polizei zuständig gewesen. Die Kuschkins hatten für zuverlässige Auftragsmörder und Schläger gestanden. Zumindest solange Baskos Frau gelebt hatte. Seit deren Tod hatte der Alte die Zügel schleifen lassen. Es war also nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Kuschkins sich auflösten. Dann gebe es um eine Familie weniger in Moskau. Ob man es als Schaden bewerten konnte, blieb freilich offen. Nicolai behielt in dem Punkt seine Meinung für sich.

Was die Ivankovs betraf, konnte er sich schlecht eine Meinung bilden. Zu wenig war über die Organisation bekannt. Sie machten ihre Geschäfte mit Menschenhandel und Drogen. Beides Dinge, auf die Nicolai getrost verzichten konnte. Und außerdem hatte er noch genug anderes – weit Wichtigeres – zu erledigen.

Es klopfte, als er nach einer weiteren Bewerbung griff. Der Türsteher erschien auf der Schwelle. Scheinbar wartete er auf eine Aufforderung, doch Nicolai starrte ihn lediglich an. Irgendeinen Grund musste dessen Auftauchen haben.

Als nach einer Minute noch immer keine Erklärung folgte, fragte er mürrisch: „Was?“

„Der Polizeichef ist hier. Soll ich ihn reinlassen?“

Alarmiert sprang Nicolai hoch. Hatte er ein mögliches Treffen mit Lavrenti Moschin gar vergessen? Er sah sicherheitshalber auf den Kalender. Doch da stand der Polizeichef nicht drauf. Was sollte das dann?

„Ist er alleine?“

„Ja. Ich habe jedenfalls sonst keinen gesehen.“

Das mochte nichts heißen. Gelegentlich gab es trotz Bestechungsgeldern unangekündigte Durchsuchungen. Dennoch konnte Nicolai diese gerade heute nicht gebrauchen. Der Verteidigungsminister hatte sich angemeldet. Und der würde in knapp einer halben Stunde auftauchen.

„Bring ihn rauf. Schnell“, befahl er und holte den guten Wodka aus dem Schrank.

Er hatte kaum die Gläser gefüllt, als Polizeichef Moschin eintrat. Der schmächtigen Gestalt hätte man wohl jede Tätigkeit zugetraut, nur nicht die eines Befehlshabers. Moschin betrat den Raum tatsächlich alleine. Der Türsteher war nirgends auszumachen. Wahrscheinlich ging er seiner eigentlichen Tätigkeit nach. Zudem schätzte Nicolai die Gegenwart des Mannes bei derlei Gesprächen ohnehin nicht. Was auch verhandelt wurde, die Belegschaft brauchte es nicht zu erfahren. Solange es nicht ihre Arbeitsweise maßgeblich beeinflusste.

„Polizeichef Moschin, schön Sie zu sehen. Ich …“

„Sparen Sie sich das, Ogrischma. Ich bin nicht hier, um mit Ihnen einen Plausch wegen der Prostituierten vor der Tür zu halten. Es geht um Wichtigeres.“

Nicolai nahm einen Schluck aus dem Glas und bedeutete dem Mann sich zu setzen. Wenn der so anfing, hieß das stets Ärger. Zumal Moschin sich nicht setzte. Ein noch schlechteres Zeichen. Stand gar eine Razzia bevor? Gerade heute? Falls ja, müsste er mehr als das Übliche an den Mann bezahlen, damit dies nicht der Fall war.

„Also?“, fragte Nicolai mürrisch nach.

„Sie wissen, dass Marik Kaschinskis Schwester seit gestern Nacht verschwunden ist?“

Die Information war ihm neu. Darum schüttelte er ungläubig den Kopf. Wer nahm sich die Frechheit heraus und entführte eine der Kaschinski-Schwestern? Welcher Idiot erlaubte es sich überhaupt gegen die Familie vorzugehen? Luca – genauso wie Marik – würden den Betreffenden voraussichtlich eigenhändig die Haut von den Knochen schälen. Besonders weil jeder wusste, dass kein Lösegeld von den Kaschinskis zu erwarten war. Die bezahlten aus Prinzip nicht. Ansonsten würde wohl jede Woche irgendwer entführt werden.

„Sie war in Ihrem Club, Ogrischma.“

Ihm entglitten die Gesichtszüge, als er fauchte: „Was?! Glauben die Kaschinskis, ich habe was damit zu schaffen?“

Moschin zuckte mit den Schultern. „Stehen Sie in Handschellen vor mir? Nein, also beruhigen Sie sich.“

„Ich soll mich beruhigen? Hat man Ihnen das Hirn zu Brei geschlagen? Mein Leben ist einen verdammten Dreck wert, wenn sich herumspricht, ich wäre an der Entführung einer Kaschinski beteiligt!“

„Sind Sie es?“

Nicolai schnalzte mit der Zunge und nahm einen hastigen Schluck aus dem Glas, bevor er den Kopf schüttelte. „Natürlich nicht. Ich führe einen seriösen Nachtclub. Welche Schwester wurde überhaupt entführt?“

„Anna.“

„Die war wohl kaum hier. Meine Gäste sind alle über achtzehn. Und jeder meiner Türsteher kennt Anna Kaschinski. Sie hat bereits versucht in einige Clubs für Ältere hineinzukommen. Wäre sie hier gewesen hätte ich davon erfahren und sie nach Hause geschickt.“

„Dann hat sie ihren Vater wohl belogen.“

Nicolai erstaunte es nicht. Anna Kaschinski hatte schon immer die Angewohnheit gehabt, ihr Umfeld an der Nase herumzuführen. Doch mit wem hatte sie sich getroffen? Es musste sich um jemanden handeln, mit dem ihr Vater nicht einverstanden gewesen war. Sonst hätte sie wohl kaum erzählt, dass sie ausgerechnet in Nicolais Nachtclub wollte.

„Sie hatte keinen Freund, oder?“, fragte Moschin in dem Moment.

„Was fragen Sie das mich? Ich war es ganz sicher nicht. Aber ich kann mich umhören, wenn es der Polizei zu viel Arbeit ist.“

Den süffisanten Tonfall konnte er nicht aus seiner Stimme streichen. Moschin reagierte darauf wie erwartet. Reserviert wie immer, doch in den grünen Augen war der Funke von Missbilligung zu erkennen.

„Sonst noch etwas, das Sie mir mitteilen wollen, Moschin?“

„Nein. Doch halten Sie die Augen offen, Ogrischma. Ich bin keinesfalls gewillt, in den nächsten Tagen hier aufzutauchen und Sie doch abführen zu müssen. Wenigstens kann Marik Kaschinski noch immer annehmen, dass seine Schwester die Wahrheit gesagt hat.“

„Mag sein. Allerdings noch führt Marik die Familie nicht. Luca macht das und wenn einer den Befehl dazu geben kann, dann er. Das wissen Sie, Moschin.“

Mit der Erklärung öffnete Nicolai eine Schublade und holte eintausend Rubel hervor. Er schob sie über den Tisch, bevor er nach einem weiteren Schreiben langte. Dabei verfolgte er, wie Moschin das Geld eiligst einsteckte. Man verstand sich also. Solange Luca Kaschinski nicht persönlich den Befehl zu seiner Verhaftung gab, konnte sich sein Sohn auf den Kopf stellen. Und wenn Gott gnädig war, würde der alte Kaschinski noch lange genug leben.