Anne Estermann

SOLANGE DIE LIEBE UNS FINDET

Roman



Theodor Boder Verlag

Impressum

ebook, April 2017

Erstausgabe

Copyright © 2017 by Theodor Boder Verlag,

CH-4322 Mumpf

Alle Rechte vorbehalten

Covergestaltung: Anne Estermann

Coverfotografie: H. Schwarzeit

ISBN 978-3-905802-42-9

www.boderverlag.ch

Autorin

Anne Estermann wurde 1982 in Deutschland geboren und ist ausgebildete Hörfunkmoderatorin und Paralegal. 2005 ist sie in die Schweiz ausgewandert. Seit Jahren veröffentlicht sie regelmäßig Texte. »Solange die Liebe uns findet« ist ihr Debüt als Roman-autorin. Sie ist verheiratet und lebt mit ihrer Familie in Luzern.

Widmung

Für meinen Vater.

Und für alle Menschen, für welche die Liebe an erster Stelle steht.

Motto

Er wusste nur, dass er nicht wieder so unbeschwert nach Hause zurückkehren würde, wie er einst gegangen war.

1.

Gleichmäßig zogen die Wolken Richtung Stadt und in der Luft lag der unverwechselbare Duft vom Frühling. Schloss man die Augen, so hörte man die Bäume rascheln, roch den sattgrünen Rasen und hörte das Wasser des Emschers rauschen.

Nun war die Jahreszeit herangebrochen, an welchem man die Stadtbewohner wieder häufiger auf den im Frühling viel belebten Straßen zu Gesicht bekam. Einige erzählten, gestikulierten, lachten, unterhielten sich über Gott und die Welt. Ersterer war ein wichtiger Bestandteil der immer größer werdenden Stadt.

»Alfred? Alfred!«

Alfred richtete sich auf.

Fine kam aufgeregt über die kleine Steinbrücke gelaufen, welche stadtauswärts zum Park führte, stolperte fast über ihre eigenen Füße und rannte schließlich den kleinen Damm hinunter. Ganz außer Atem blieb sie vor Alfred stehen und sank neben ihm nieder. Er saß am Flussufer im Gras und schaute sie mit großen Augen an. Kurz entschlossen nahm er ihre Hände und streichelte sie. »Aber was ist denn los, meine liebe Fine? Du bist ja vollkommen außer Atem.«

Fine strich sich einige Strähnen ihrer langen blonden Haare aus dem Gesicht. Ihre gutmütigen, blauen Augen leuchteten und sie trug ein beigefarbenes Kleid mit schwarzen Blumen, welches ihr über die Knie ging. Stets trug sie solche Kleider. Sie war ein liebes, frommes Mädchen.

»Du wirst nicht glauben, was ich heute erfahren habe, Alfred.«

Fine entriss Alfred ihre Hände und umklammerte mit diesen das um den Hals tragende kleine Holzkreuz, welches sie einst von ihrem Vater geschenkt bekommen hatte.

Noch immer nach Luft ringend sah Fine ihren Alfred an, der sie anlächelte und auf ihre Antwort wartete. Fine nahm ihre Hände von ihrer Kette und strich ihr Kleid zurecht, welches ihre schönen Beine im Sitzen verbarg. Nur ihre schwarzen Schuhe blitzten hervor.

Geduldig schaute Alfred seine hübsche Freundin immer noch an und wartete darauf, dass sie ihm die Neuigkeiten preisgeben würde.

»Wir bekommen einen neuen Pater!« Fine setzte einen freudigen Seufzer hinterher und schien in ihrer Freude in sich zu versinken. Alfred zog eine Augenbraue hoch und sein Blick wanderte zum Fluss. Fine bemerkte seine zurückhaltende Reaktion und fuhr fort. »Ich war gerade bei dem Hochehrwürdigen und er hat mir mitgeteilt, dass unsere Gemeinde einen neuen Pater entsandt bekommt. Ist das nicht aufregend, Alfred? Nun musst du aber einmal unbedingt zum Gebet mitkommen.« Fines Augen strahlten, ihre Brust füllte sich mit Luft und mit einem hoffnungsvollen Blick erwartete sie Alfreds Antwort.

Sein Blick war jedoch immer noch auf den Fluss gerichtet.

Die Sonne glitzerte in all ihrer Pracht auf das Wasser, und als ob Kristalle aus diesem emporsteigen würden, blendeten sie den jungen Mann, der am Flussufer saß und seine Hände vor den angezogenen Knien faltete.

Endlich fühlte sich Alfred nach langer Zeit wieder einmal gut. Lange war er bettlägerig und musste bittere Medizin schlucken. Von der Krankheit noch etwas geschwächt, war er ein stets fröhlicher, junger Mann, der sich gerne einigen Freuden hingab. In der Schule war er einer der Besten und nur die immer wieder aufkommenden Krankheitsphasen fesselten ihn mit Regelmäßigkeit an das Bett. Noch etwas blass im Gesicht, wollte er sich am Flussufer erholen, um dem morgigen Studium wieder gestärkt entgegen treten zu können.

Alfred blinzelte und schaute seine mit hoffnungsvollen Augen erfüllte Freundin an.

Er lächelte und legte seine Hand an ihre rechte Wange, um diese zu streicheln. »Mein liebes, liebes Finchen. Du bist so ein guter Mensch. Du denkst immer erst an all die anderen Menschen, die es nicht so gut haben wie du und gibst ihnen stets Hoffnung. Ich weiß jedoch nicht, ob ich deiner Bitte Folge leisten kann.«

Fine ergriff Alfreds Hand und hielt diese fest in ihren kleinen, zierlichen Händen gedrückt.

»Ich bitte dich innigst, mein lieber, lieber Alfred. Tue es für mich.«

Ihre Augen strahlten. Sie glitzerten und funkelten fast wie die Sonne im Wasser des kleinen Flusses.

Alfred lächelte, überlegte kurz und gab sich einen inneren Ruck.

»Ich werde kommen, mein Herz.«

Fine umarmte ihn überschwänglich, gab ihm einen zaghaften Kuss auf die Wange und sprang auf. »Ich sehe dich also bald, mein lieber Alfred.«

Sie rannte den kleinen Damm empor, blieb jedoch bei der kleinen Brücke stehen, richtete ihr Kleid und winkte Alfred noch einmal beherzt zu.

Er blieb lächelnd zurück und sah seiner geliebten Fine hinterher, bis sie hinter dem ersten Haus verschwunden war.

Kurzerhand ließ er sich wieder ins Gras zurückfallen, die Arme am Hinterkopf verschränkt.

»Himmel hilf«, murmelte Alfred und sah sich die vorbeiziehenden Wolken an.

Sie ziehen mit einer Behutsamkeit vorbei, als ob sie den Himmel nicht streifen und Spuren hinterlassen wollten.

Sie sehen so unberührt und rein aus, als wollten sie noch etwas erleben. Sie ziehen weiter, lassen sich nicht aufhalten. Ein wenig in kindlicher Neugier reihen sie sich aneinander, lassen einmal los, um doch wieder zueinanderzufinden. Fast so wie mein geliebtes Finchen. Ach, sie hat so eine reine Seele, möchte mich unbedingt an ihrer Seite haben, stetig und überall. Schade, habe ich diese kindliche und fromme Neugier nicht mehr. Ich kenne die Kirche und weiß Gott, sie interessiert mich nicht wirklich.

Alfred schloss die Augen. Sie schmerzten vom grellen Licht und fingen an zu tränen. Er kniff sie immer mehr zu und eine Träne entwich ihm aus dem linken Auge. Er öffnete seine Augen wieder und schaute zum Himmel empor.

Die Wolken kann man nicht hören, nur das Rascheln der Blätter und das Rauschen des Flusses. Und da habe ich mich doch schon eines Besseren belehren lassen und finde das Ausruhen an einem solch schönen Tage viel besser, als in der Kirche zu sein …

Alfreds Ohren begannen zu schmerzen und plötzlich hörte er nichts mehr. Er setzte sich auf, ihm wurde schwarz vor Augen. Sein Körper bebte. Er war noch geschwächt von der Krankheit, er hustete.

Langsam quälte er sich auf, die Welt drehte sich. Er setzte seinen rechten Fuß dem kleinen Damm entgegen, um nicht abzurutschen. Die Kirchenglocke erklang und es war Zeit für ihn, sich auf den Heimweg zu machen.

So erklomm er mit vorsichtigen Schritten den Damm und schlenderte den kleinen Kiesweg über die Brücke. Dort, wo schon Fine zuvor entlang gegangen war.

Meine Fine, dachte er, meine gute, liebe und fromme Fine. Trostlos wäre mein Leben ohne dich. Immer kümmerst du dich um mich, wie um deine Mitmenschen. Deine Schönheit ist wahrlich von innen heraus.

Alfred musste zufrieden lächeln, als er seinen Weg durch die kleine Stadt fortführte. Vorbei an all den Häusern mit ihrem Treiben drinnen wie draußen.

»Hey Alfred!« Hans rief ihm nach und rannte mit seinen Freunden auf Alfred zu. Hans, Ewald und Franz kannten Alfred seit der ersten Klasse. Sie hatten schon viel zusammen durchgemacht. Vor allem aber Unsinn. Ständig heckten sie Streiche aus, aber hatten stets Glück, nie erwischt zu werden. Oder zumindest selten.

»Wo warst du denn?«, fragten die Jungs hastig durcheinander. »Ich hatte zu tun.« Alfred setzte seinen Weg fort. »Mann Alfred. Seit du Fine hast, bist du ganz schön brav geworden.«

Alfred schaute auf die Straße und antwortete nicht.

Schon während der Einschulung hatten die Vier nur Flausen im Kopf. Neckten die Hoftiere der Nachbarn, bis diese ausbüchsten, und hatten Freude daran zu sehen, wie der Bauer seine Hühner und Ziegen wieder einfangen musste. Ließen das Werkzeug des Schuhmachers verschwinden oder klauten auch mal Süßigkeiten aus der Konfiserie, wenn einer der Jungs die Verkäuferin abgelenkt hatte.

Den für die Jungs besten Streich aber hatten sie erst kürzlich ihrem Lehrer, Herrn Reichhardt, angetan.

»Der hat jetzt Löcher im Mantel«, lachte Franz. Er war der kleinste von den Buben und hatte viele Sommersprossen im Gesicht. Immer hatte er eine Latzhose an und ein freches Grinsen auf dem Gesicht. Hans und Alfred waren die Anführer. Immer hatten sie ein Machtwort den Anderen voraus und immer einen guten Streich im Kopf. Ewald war der typische Mitläufer. Ruhig und zum richtigen Zeitpunkt mitlachend und mitmachend.

»Hey Alfred. Hast du gehört? Der Reichhardt hat jetzt Löcher im Mantel«, rief Hans Alfred hinterher und konnte fast nicht mehr sprechen, weil er lachen musste. »Wir haben im Klassenzimmer abgewartet, bis er diesen abgelegt hat und Franz hat dann mit einer Schere diese reingebohrt, während wir den Alten abgelenkt haben. Das war ein Spaß. Die ganze Klasse hat es mitbekommen und wurde ständig vom Alten ermahnt.« Die Jungs lachten. »Du hättest sein Gesicht sehen müssen, wie der Alte geschaut hat. Er war sichtlich erzürnt, aber wusste nicht wirklich warum.« Die Jungs lachten immer lauter und stupsten sich gegenseitig an.

Alfred setzte seinen Weg jedoch fort. Ohne zurück zu blicken und auf die Jungs zu hören, schritt er voraus. Beide Hände hielt er auf dem Rücken verschränkt. Die Jungs blieben sodann zurück und lachten und neckten sich weiter. Nur Hans rief Alfred noch einmal nach. Doch Alfred hörte immer noch nicht und hatte in diesem Moment wirklich kein Ohr für seine Freunde.